Dmitri Lipskerow hat, mit Hilfe des
Design-Studios Artikul.ru, eine "Zufluchtsstätte für Lektüre- ,
Lob- , Kritik-, und Besprechungsgierige" im Internet eingerichtet.
Hier werden alle Feinschmecker zur Degustation eingeladen. Der populäre
und mit einem Roman pro Jahr äußerst produktive, selbstbewusste, wohlhabende
Schriftsteller und Restaurant-Inhaber (oder andersrum?) eröffnet dem
Leser gleich zwei Eingänge zu seiner Internetseite: den Haupteingang
und die Hintertreppe
- für diejenigen, die mit der bezaubernden Fassade
schon vertraut sind.
Vor der Fassade entsteigen einer Schreibmaschine
Buchstabenkolonnen, die in losen Kombinationen vor einem idyllischen
Hintergrund ins Schweben geraten.Vor den Augen des Besuchers erscheinen
Bruchstücke von Sätzen in unendlicher Folge, die ihn drängen, mit dem
Finger die Tastatur der Schreibmaschine zu berühren und sich selbst
in den Textfluss einzuschreiben. Diese Verbildlichung des literarischen
Schaffensprozesses deutet bereits spielerisch auf die Textoption Psychedelische
Literatur hin. Laut deren erster Passage war die verbotene Frucht
der Menschheit der Apfel der logischen Erkenntnis.
Hinter der träumerisch anmutenden Fassade
wird merkwürdigerweise recht offensiv auch nichtgeistige Nahrung angeboten:
ins Auge sticht zunächst das Banner eines Moskauer Restaurants! Das
Interieur offeriert dem Gourmet auch visuelle
Vorspeisen: professionelle Fotos von Lipskerow. Die diversen Warte-
und Ladezeiten geben dem Gast die Möglichkeit, sich mit der besonderen
Sprache der Seite vertraut zu machen: "kritikizmy", "tschat-chana",
"drugoJO", "piktschers", "toska ob'jawlenij","muwis",
"tschtiwo".
Der Chatroom
ist einer orientalischen Teetrinkhalle nachempfunden, mit einer gewissen
Vereinfachung der Regeln: es wird gebeten niemanden zu beschimpfen.
Anonym wird hier kein Zugang gewährt. Kritik jedoch wird gewissenhaft
unter der ironischen Rubrik Kritikizmy
gesammelt. Jedes Thema, jeder Gedanke darf schließlich auch am schwarzen
Brett der Seite geäußert werden, das in einem schwer zu übersetzenden
Wortspiel als "Tafel der Sehnsucht" beschrieben wird. So wird
auch der bisweilen tatsächlich schwermütige Charakter der in Internetkreisen
weit verbreiteten "Aussagesucht" akzeptiert und berücksichtigt.
DrugoJo enthält Links
zu Seiten von Schriftstellerkollegen wie Pelewin und Exler,
zum Verlag "Eskimo", zu Internet-Buchhandlungen und virtuellen
Bibliotheken oder Wettbewerben. Die Videodatei
eines Theaterstücks steht den Besuchern auch zur Verfügung. Die Hauptgerichte
im Volltext werden aber etwas kalt serviert: Die aktuellsten, frischgebackenen
Romane findet man unter Tschtiwo
nicht.
Direkt an den (Geistes)Restaurantchef und Chefkoch Dmitri Lipskerow
gerichtete Fragen
werden niemandem verwehrt. Lipskerow selbst ist bemüht, Arbeit und Genuss,
Literatur- und Kochkunst nicht voneinander zu trennen. Zu diesem glanzvollen
und außergewöhnlich köstlichen Nahrungsstoff für die Seele - guten Appetit!
E.B.
Stand Juni 2003, freie
Analyse ohne Leitfaden

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