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Literatur mit Wjatscheslaw Kurizyn ist beheimatet
auf dem Server des Moskauer Galeristen Marat Gelman und stellt eine
der populärsten und dabei umstrittensten literarischen Publikationen
des russischsprachigen Internet dar. Hier wird gemäß dem postmodernen
Slogan vom "close the gap" die Vermählung von hoher und niederer
Kultur gefeiert, in der bewußt subjektiv-bewertenden Intonation, die
sich unter den russischen Internet-Kritikern so großer Beliebtheit erfreut.
Da spielt es dann auch keine große Rolle, dass Kurizyn selbst sich auf
der Höhe seines Erfolges aus dem Staub gemacht hat und den aktiven Betrieb
der Seite im September des Jahres 2002 eingestellt hat. Als "Denkmal"
der Vergänglichkeit des Internetbetriebs bleibt die immer noch höchst
nützliche Ressource im Netz "hängen", gelegentlich erweitert
und aktualisiert durch eine vom Meister selbst eingesetzte Getreue.
Und so soll auch die folgende Darstellung der Kurizynschen Literaturseite
nicht aktualisiert werden, sondern als Momentaufnahme aus dem Frühjahr
2002 den Charakter und Funktion dieser bis heute prägenden "Institution"
beleuchten:
Neben "Neuigkeiten" aus dem kulturellen Internetbetrieb,
die der Herausgeber der Seite in feuilletonistischem Stil wöchentlich
präsentiert, werden Texte vor allem neuerer Autoren der "russischen
Postmoderne" wie Wladimir Sorokins Himmelblauer Speck [Goluboe
salo] oder Wiktor Pelewins Generation P [Pokolenie P] vorgestellt. Zu
diesen Büchern mit Kultcharakter sowie zu spektakulären Neuerscheinungen
wie den Romanen Boris Akunins [Pseudonym] oder dem skandalumwitterten,
dem Leben Moskauer Junkies gewidmeten Roman von Boris Schirjanow Im
Sturzflug [Nizschij pilotazh] werden Rezensionssammlungen angeboten.
Kurizyn, der sich als einer der führenden Theoretiker der russischen
literarischen Postmoderne etabliert hat (vgl. sein gleichfalls on-line
vorliegendes Buch zu diesem Thema Kniga
russkogo postmodernizma), greift in spielerischer Manier eines der
im Internet populärsten "Genres" auf und verfremdet es zu
seinen Zwecken: das Rating. Seine Top 100 der russischen zeitgenössischen
Literatur umfasst Schriftsteller aller Stilrichtungen, von unbekannten
Dichtern der experimentellen Poesie wie Dmitri Awaliani bis hin zu der
auch in Deutschland bekannten und viel gelesenen Kriminalautorin Aleksandra
Marinina.
Der bewußt subjektive und eklektizistische Stil dieser
Text- und Autorenkompilationen bewegt sich so spielerisch wie perfekt
im theoretischen Raum der Postmoderne. Davon überzeugt nicht zuletzt
eines der neuesten Projekte Kurizyns mit dem Titel "Goluboe salo
II" [Himmelblauer Speck II], eine Reminiszenz an die jüngste Publikation
des Erfolgsautors Wladimir Sorokin. Dessen zitativer Stil, der mit Versatzstücken
russischer Literatur vom Realismus bis zum Sozialistischen Realismus
spielt, wird hier aufgegriffen und interaktiv gestaltet. Jeder Leser
oder Besucher der Seite ist aufgefordert, seine Parodie eines russischen
literarischen Klassikers zu Papier zu bringen. Resultat sind Stilisierungen
russischer Beststeller von Tschernyschewski und Tschechow bis hin zu
Wladimir Sorokin selbst. Nicht von ungefähr ist eines der wichtigsten
Schlagworte der literarischen Postmoderne das Pastiche als einer besonders
stark stilisierten Form der Nachahmung.
In Ergänzung zu seinen Projekten bietet Kurizyn einer
Reihe befreundeter Autoren und Kritiker die Möglichkeit, in eigenen
Rubriken weitere Einblicke in das Innenleben des russischsprachigen
literarischen Internet zu vermitteln. Unter dem rätselhaften Pseudonym
des Max Frei werden Überblicke
über Ereignisse und Skandale des russischsprachigen Internet vorgestellt.
Obszöne und pornographische Lexik werden als stilistisches Element in
dieser Rubrik mit besonderer Vorliebe gepflegt. Für den Aussenstehenden
sind diese feuilletonistischen Ergüsse nicht immer leicht nachzuvollziehen,
handelt es sich doch in vielen Fällen um Internet-Interna. Der Prosaschriftsteller
und Internet-Autor Jarkewitsch veröffentlicht gleichfalls unter der
Ägide Kurizyns eine freitägliche Kolumne [ Jarkewitsch
an Freitagen], die von Stil und Inhalt her den Über- und Ausblicken
Max Freis vergleichbar sind - und damit nichts für empfindliche Gemüter.
Nicht nach Inhalten, sondern nach Genres ausgerichtet sind hingegen
die Rubriken Linor Goraliks "Das
neue seltsame Wort" [nowoe strannoe slowo] und "Art-Manifeste"
[ Art-manifest]
von Wl. Teretin.
Die heute in Israel lebende Literaturkritikerin Linor
Goralik beschäftigt sich mit poetischen Spielformen wie dem Anagramm,
dem Palindrom, Akrostichon etcetera, die im Internet in einem ganz neuen
Gewand daherkommen. Goraliks Kommentare sind insofern von besonderem
Interesse, als diese literarischen Kuriosa den ausgeprägten Spieltrieb
des neuen Mediums befriedigen und in ihrer computergenerierten Natur
an die mittelalterlichen Träume einer Literaturmaschine, einer Interaktion
von Maschine und Mensch, anknüpfen.Wl. Teretin konzentriert sich in
seiner Rubrik auf ein anderes literarisches Genre, das im Internet vielfältige
Verbreitung findet und gleichfalls in einer altehrwürdigen literaturhistorischen
Tradition steht: das Manifest. Die Entstehung des Internet hat einen
ungeahnten Schub an gesellschaftlichen wie literarischen Visionen zur
Folge gehabt, von der Idee einer All-Einheit der Menschheit
im globalen Netz bis hin zum Schlagwort von der Post-Gutenberg-Ära,
die sich im künstlerisch-provokativen Manifest ihren Ausdruck suchen.
Die programmatische Forderung nach Abschaffung des Gutenbergschen Typographen,
die emphatische Ausrufung einer neuen literarischen Form des Cyberpunk
oder einer "Anti-Grammatik" des Internet-Slangs geben auf
so amüsante wie vielfältige Art Aufschluss über die aktuellen Entwicklungstendenzen
im russischsprachigen Internet. Kritisch anzumerken ist, dass sich unter
den hier vorgestellten Manifesten auch ein Pamphlet "Das Manifest
der neuen Magier" [Manifest nowych magow] des bekannten Nationalisten
und rechten Ideologen Aleksandr Dugin findet, den Teretin als einen
der "interessantesten" Internet-Schriftsteller betitelt. Dies
stimmt auch insofern bedenklich, als Marat Gelman, auf dessen Server
sich die Rezensionen Teretins befinden, selbst einen Link zur Internetseite
"Arctogeia" Dugins aufweist. Zu den von Gelman beschworenen
demokratisierenden und völkerverbindenden Aspekten des Internet will
dies nicht so recht passen.
Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten: Zeitgenössische
Literatur mit Slawa Kurizyn ist die Kultseite des russischsprachigen
Internets. Graphisch besonders aufwendig gestaltet ist sie von ihrer
Konzeption her gleichfalls so eigenwillig wie originell. Sie bietet
dem Besucher einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen
im russischsprachigen literarischen Internet, über Neuerscheinungen,
Kultiges, Skandale etcetera. Den literaturtheoretischen Vorlieben des
"Hausherrn" entsprechend spiegeln Texte, Präsentation und
Literaturkritik die Postulate der Postmoderne wider: Simulakrum, Pastiche,
Eklektizismus, Spiel und Ritual.
H.S.
Stand Juni 2003, freie Analyse
ohne Leitfaden

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