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Site-Portraits | ||||||||||
Nomen est omen: Kennzeichen von Gazeta.ru als Internet-"Zeitung“
ist eine Mischung aus Nachrichten, Analysen und Kommentaren. Dabei zeichnet
sich die Ressource durch eine hohe Operationalität der angebotenen
Informationen aus. Das Design der Site wie das Format der Nachrichten
und Analysen ist auf die Spezifik des Mediums wie des Publikums, das
der Chef-Redakteur Wladislaw Borodulin als „gemäßigt-liberal“
bezeichnet, genau ausgelegt (vgl. Die Site gibt sich vom Design und vom Sprachstil her bewusst neutral und formuliert ihre journalistische Aufgabe und ihr Kredo nicht in einem gesonderten Mission Statement. Im Impressum finden sich lediglich allgemeine Angaben zur Redaktion, die mit Chefredakteur, Redakteurskollektiv und Kommentatoren traditionell aufgebaut ist. In Kontrast zu dieser demonstrativen "Neutralität“ der Ressource steht die bereits erwähnte Tatsache, dass diese von ihrer Entstehung her und bis heute hartnäckig mit dem Namen der Firma Öl-Firma Jukos und ihres zur Zeit inhaftierten Chefs Michail Chodorkowski assoziiert wird. Sämtliche Inhalte der Site inklusive des Abonnements von Nachrichten
sowie der Nutzung des Archivs sind kostenlos. Gazeta.ru ist populärer
als die digitalisierten Varianten der traditionellen russischen Print-
oder elektronischen Medien und liegt damit im Trend der Entwicklung
des RuNet, das sich insbesondere in Krisen-Zeiten wie der jüngsten
Terror-Anschläge in Russland als alternative Informationsquelle
etabliert hat. Rund die Hälfte der Leserschaft von Gazeta.ru lebt
allerdings Thematische Ausrichtung Der thematische Schwerpunkt der Ressource liegt im Bereich von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, während Wissenschaft, Bildung und Kultur eher eine zweitrangige Bedeutung zukommt. Diese Ausrichtung spiegelt sich in der Rubrizierung, die sich in "Politik“, "Wirtschaft“, "Finanzen“, "Gesellschaft“, "Kultur“, "Sport“ und "Automobil“ aufteilt, wider. Jeder dieser neun thematischen Unterpunkte gliedert sich wiederum in Nachrichten, Analysen und Kommentar auf. Darüber hinaus werden Themenschwerpunkte beispielsweise zu den Wahlen in den Vereinigten Staaten oder in der Ukraine angeboten. Vom Format der angebotenen Informationen handelt es sich circa zu je
einem Drittel um Nachrichten, Analysen und Kommentare. Erwähnenswert
ist darüber hinaus die Rubrik mit Online-Interviews, die über
einen Zeitraum von mehreren Jahren kontinuierlich mit Politikern, Managern
und Wissenschaftlern geführt wurden. Den Auftakt zu diesen Online-Interviews
bildete im Jahr 2001 ein mittlerweile berühmtes Gazeta.ru enthält darüber hinaus eine Reihe weiterer eigenständiger
Rubriken wie "Immobilien“, "Technik“, "Freizeit“,
aber auch "Bildung“, die als Reklame-Beilagen gelten und
kommerzielle Inhalte anbieten. Gazeta.ru verfügt über eine
Urheberschaft und Autorschaft Im Impressum wird als Herausgeber die GmbH "Gazeta.ru“ genannt und das Redaktionskollegium im Einzelnen aufgeführt. Es umfasst neben dem Chefredakteur Borodulin, der ehemals für das renommierte Verlagshaus "Kommersant“ tätig war, circa 30 Redakteure und Korrespondenten. Die Redaktion ist klar nach hierarchischen Prinzipien aufgebaut. Ihr Sitz ist in Moskau. Zentral für das Format von Gazeta.ru ist die Zusammenarbeit mit
namhaften russischen JournalistInnen, die in der Regel als Kommentatoren
in eigenen Kolumnen in Erscheinung treten. Zu diesen journalistischen
Zugpferden gehören beispielsweise Georgi Bowt, ehemals "Izwestija“
oder aber die populären Korrespondenten des Verlagshauses "Kommersant“
Waleri Panjuschkin und Natalja Geworkjan, die aus Paris berichtet. Mit
von der Partie sind jedoch auch so bekannte "Netzgrößen“
wie Über die Finanzierung der Ressource werden keine Angaben gemacht. Die Zeitung finanziert sich jedoch offensichtlich in weiten Teilen über Reklame, die angesichts der beworbenen Produkte wie Automobile und Elektrotechnik nicht zuletzt die ausländische Leserschaft im Blick hat. Die im mindesten "historische“ Verbindung von Gazeta.ru zur Stiftung für effektive Politik sowie die finanzielle Unterstützung durch Jukos werden auf der Site nicht erwähnt. Informationsdesign und Funktionalität
Karikatur von Wadim Misjuk als Illustration eines Die Navigation der Site spiegelt ihr Format wider, ist übersichtlich
und auf allen Ebenen der Website gleich gehalten. Das Logo der Site
besteht aus dem schlichten Namenszug und hat sich als Erkennungsmerkmal
etabliert. Das Informationsdesign ist in abgestuften Blautönen
bewusst neutral gehalten, Werbung wird – obwohl quantitativ durchaus
bemerkenswert - dezent in das Gesamtbild integriert. Bilder und Illustrationen
werden sparsam und zumeist zu rein illustrativen Zwecken genutzt. Karikaturen
des Haus-Illustrators Misjuk sind in einer eigenen Rubrik zusammengefasst.
Von der formalen Gestaltung und vom Sprach-Duktus her pflegt die Ressource
einen bewusst neutralen und gehobenen Stil. Sprachexperimente werden
im Gegensatz zu vergleichbaren Ressourcen wie Interaktivität Interaktivität spielt in der Ressource eine untergeordnete Rolle. Zwar besteht die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit der Redaktion, die sich jedoch auf einen anonymen E-Mail Kontakt beschränkt. Darüber hinaus gehende interaktive Kommunikationsangebote wie Forum oder Chat sind auf der Site zwar ausgewiesen, funktionierten zum Zeitpunkt der Analyse jedoch nicht. Leserbriefe werden gezielt zu ausgewählten Artikeln von hohem Interesse - wie beispielsweise den Wahlen in der Ukraine 2004 - publik gemacht. Die LeserInnen der Ressource sind somit auf der Site selten präsent. Die interaktiven Möglichkeiten des Internet werden damit weniger für die Kommunikation mit der Leserschaft genutzt, als vielmehr auf der Ebene des Contents, der Gestaltung der Inhalte, wie dies beispielsweise in den Online-Interviews geschieht. Netzwerkbildung Vergleichbar der Interaktivität spielt auch Netzwerkbildung eine geringe Rolle. Es wird – außer über Reklame-Banner - nicht auf andere On- oder Offline-Medien verlinkt. Auch werden keine Kooperationen mit gesellschaftlichen, wissenschaftlichen oder soziologischen Instituten gepflegt. Gazeta.ru kooperiert auf professioneller Ebene mit den etablierten Nachrichten-Agenturen wie Reuters, Inter-Fax oder Ria.Nowosti. Fazit Gazeta.ru verkörpert den zur Zeit erfolgreichsten Typus des Genres (russische) Internet-Zeitung: sie kombiniert die Funktion eines Nachrichten-Portals mit Analyse und Kommentar, verleiht sich über die renommierten AutorInnen eine individuelles "menschliches“ Gesicht und bietet ihre Inhalte kostenlos an. Die Freiheiten, die das Medium Internet in Russland für die Berichterstattung (noch) gewährt, werden für eine gegenüber der offiziellen Politik kritische Berichterstattung genutzt. Doch auch die "Doppelfinanzierung“ über Reklame sowie über sogenanntes "politisches Geld“ kann als charakteristisch für diesen Sektor der russischen Netzmedien gelten, obwohl beziehungsweise gerade weil die Bindung an den "gefallenen Oligarchen“ Michail Chodorkowski eher verschleiert wird. Paradoxerweise liegt der Erfolg von Gazeta.ru als Internet-Medium in gewisser Weise in der "Netzferne“ der Ressource: Die Besonderheiten des Internet werden insbesondere mit Blick auf die Operationalität der Informationen genutzt, dem frühen Duktus des Internet als einem Medium mit flachen Hierarchien und starker Interaktivität wird hingegen keine Rechnung getragen. Das WWW erlaubt es der Ressource jedoch auch, eine weltweit aktive Leserschaft zu gewinnen. Gut 50 % der LeserInnen von Gazeta.ru leben nicht in Russland selbst. Nicht desto trotz versteht und benennt sich die Zeitung als eine explizit "russische“ bzw. "russländische“ [rossijskoje].
Stand 09.12.04 |
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