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 Wiktor Jerofejew

Ein freudiges Kribbeln durchfährt jeden Hypertextliebhaber, der die Internetseite von Wiktor Jerofejew besucht, ungeachtet der abschreckenden Warnungen, die auf der Eingangsseite platziert sind. Die scheinbar ernst gemeinten Zugangsbeschränkungen für Menschen mit hohem Blutdruck und Minderjährige setzen voraus, dass der Leser sich für ein 'gesundes', erwachsenes und verantwortungsvolles Individuum hält, das fähig ist, "die Kunst um der Kunst willen" zu tolerieren. Das ungeheuerliche Geräusch der Zahnräder einer Zeit- oder auch Textproduktionsmaschine treiben den Gast zur Wahl einer der Türen an, die in den Text dieser  Babylonischen Bibliothek hineinführen.

Mit einem Klick auf die Jahreszahlen der Zahnräder kann in der Bibliografie von Jerofejew geblättert werden. Das Besondere an der Seite: Der Text erscheint nur auf einem postkartenähnlichen Feld in der Mitte des Bildschirms. Zu seiner Linken befinden sich Abbildungen, zur Rechten bruchstückhafte Zitate und Fragmente. Der Text ist zerteilt, die Auszüge scheinen gemäß einer gewissen Logik auf dem Bildschirm zu erscheinen, aber das Gefühl eines begrenzten, abgeschlossenen Texts kommt nicht zustande, wodurch Zweifel an der möglichen Existenz eines solchen aufkommen. Eine stichwortartige Verlinkung und die auch dem Besucher gewährte Möglichkeit, Kommentare in die Babylonische Bibliothek einzufügen, verflechten den Text in origineller Art und Weise.

Dem von der globalen Hypertextualität ermüdeten Leser werden Bücher im  Gutenberg-Format angeboten: Eine Buchhandlung präsentiert Ausgaben in russischer, deutscher, englischer und französischer Sprache, wobei davon die russischen die "preisgünstigsten" sind. Es werden auch T-Shirts mit Zitaten aus dem Werk Jerofejews feilgeboten. Da die Volltexte bereits in virtuellen Bibliotheken zugänglich seien, hält man es jedoch schon rein technisch für eine Redundanz, diese Seite auch noch mit ihnen zu belasten. Zur Entschädigung werden die  Handlungsabläufe der Romane und Erzählungen kurz beschrieben.  Kritik ist in Form einer kurzen Aussage erlaubt.

Der Autor scheint alle im Forum gestellten Fragen selbst zu beantworten: von den  privaten bis hin zu den verfluchten ontologischen. Besonders gut gelingt ihm dies  online bei den virtuellen Konferenzen, die jedoch leider nur selten stattfinden. Leeres Gerede und Plaudern aber verbietet der Gastgeber sowohl Kritikern als auch zufälligen Besuchern des  Forums. Stattdessen pflegt und plädiert er für das Blühen aller  Blumen des Bösen der russischen Literatur und präsentiert eine gleichnamige Anthologie. Was die Autoren der einen oder anderen Zeitschrift der Welt (z.B. "Die Zeit") dazu schreiben, findet sich in einer eigens dafür eingerichteten  Rubrik. Eine  Biografie in Zitatform wird mit Fotos illustriert. Die Anzahl der Fotografien und Bilder zur Linken der dreiteiligen Seiten-Ansicht ist bemerkenswert. Ihre Auswahl beweist, dass der Gastgeber nicht die Absicht hat, "dem öffentlichen Geschmack eine Ohrfeige zu erteilen", zumindest nicht in visueller Hinsicht. Ganz im Gegenteil pflegt er einen schönen "Blumengarten" im Internet.

E.B.

Stand Juni 2003, freie Analyse ohne Leitfaden