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Site-Portraits | ||||||||||
Dni.ru – Elektronische Volkszeitung mit Herz für den Boulevard
Der Hang zum Skandalösen, der die Site in ihrer konzeptionellen wie visuellen Gestaltung prägt, erklärt vielleicht auch die besondere Zusammensetzung des Publikums, das – wie im Mission Statement von Dni.ru nicht ohne Stolz angemerkt wird – zu fast zwei Dritteln aus "heimischen“, also in Russland selbst lebenden UserInnen besteht. Thematische Ausrichtung Die Kombination von Politik und Unterhaltung prägt die thematische Ausrichtung der Ressource, deren Rubrizierung mit "Politik“, "Wirtschaft“, "Versicherung“, "Show-Business“, "Kultur“ und "Sport“ durchaus ungewöhnlich ist. Insbesondere die enge Nachbarschaft des Versicherungssektors mit dem Entertainment scheint gewöhnungsbedürftig, spiegelt jedoch programmatisch die Ausrichtung des e-Journals wider, das "so nah am Volke“ sein will wie nur möglich und eine im positiven Sinn verstandene "Massenkultur“ vertritt. In diesem Sinne spielen in den Zeiten der Post-Perestroika sowohl das Bedürfnis nach privater Absicherung als auch nach kollektiver Unterhaltung eine zentrale Rolle. Die angebotenen Informationen umfassen etwa je zur Hälfte Kurzberichte zu aktuellen Themen und Interviews, sogenannte "Exklusiv-Materialien“. Auch in dieser Ausrichtung des Informationsangebots unterscheidet sich Dni.ru von anderen russischen Online-Ressourcen wie Gazeta.ru oder Polit.ru, die einen stärkeren Schwerpunkt auf den Nachrichtensektor legen. Klar formuliert die Redaktion denn auch ihr Ziel, mehr "Stars“ – aus Politik, Publizistik und Pop-Kultur – an die Ressource zu binden. Eine englischsprachige Version der Zeitung existiert nicht. Urheberschaft und Autorschaft In der seiteneigenen Projektdarstellung werden Die Ressource finanziert sich unter anderem durch Reklame, und auch in diesem Bereich hegt man keine Scheu vor einem gewissen Boulevard-Charakter, der durch die bunten und oft stark animierten Werbe-Banner entsteht. Neben Formen der klassischen Internet-Reklame über Banner bietet Dni.ru Links zu Internet-Läden an, die Luxus-Konsumgüter wie Spirituosen oder Maßanzügen vertreiben. Nach Aussagen des Producers Rykow trägt sich die Ressource mittlerweile selbst und wirft sogar Profit ab. Zum Copyright gibt es erstaunlicherweise keine Angaben. Dni.ru selbst übernehmen gerne – jeweils mit Genehmigung – Auszüge aus den Publikationen anderer russischer Medien und verlinken auch intensiv auf andere Netz-Ressourcen. Zwar wird an einigen Stellen auf eine "Exklusivität“ der Inhalte – insbesondere der Interviews – verwiesen. Im Großen und Ganzen wird jedoch eine großzügige Informationspolitik betrieben, die darauf schließen lässt, das nicht der einzelne Text, sondern die Konzeption der Ressource im Ganzen ihren Wert besitzt. Informationsdesign und Funktionalität Dni.ru tragen dem Anliegen, ein Organ der "Massenkultur“ zu sein, auch vom Informationsdesign her Rechnung, das gleichzeitig schlicht und poppig ist. Die Rubrizierung ist einfach und gestaltet sich ausschließlich nach Themen. Innerhalb der einzelnen Texte werden nur sehr spärlich Links gesetzt, es handelt sich in der Regel also kaum um Hypertexte im eigentlichen Sinne. Zentral für die visuelle Gestaltung der Site sind Photos – und zwar in der Regel Porträts der interviewten oder porträtierten Personen. Damit wird die Ausrichtung der Ressource auf die Stars und Sternchen adäquat visualisiert.
Der Ausschnitt aus einem Screenshot vom Dezember 2004 verdeutlicht die Parallel-Setzung von Politik und Show-Business, deren Rubriken direkt nebeneinander stehen. Die Überschriften der Exklusiv-Materialien scheinen sich gegenseitig zu kommentieren: "Janukowitsch ist ein Phänomen Pawlowskis“ – "Wer hat Pugatschowas Profil geschaffen?“. Der ukrainische Präsidentschaftskandidat und die russische Popsängerin sind in gleichem Maße "Produkt“ einer Kultur-Industrie. Politische und Pop-Karriere werden gleich gestellt und visuell wie verbal auf einer Ebene abgebildet. Sprachlich pflegt die Ressource generell einen wenig offiziellen, bisweilen flapsig gehaltenen Stil. Einen Internet-spezifischen Service wie Newsletter oder Archiv bietet die Site den LeserInnen nicht an. Lediglich eine Volltextsuche ist möglich. Interaktivität Interaktivität spielt in der Ressource eine eher oberflächliche Rolle. Zwar fordert die Redaktion zum Einsenden von Leser-Briefen auf, jedoch werden diese in der Regel ausschließlich gebündelt und zu einzelnen Themen angeboten, allerdings unter dem programmatischen Titel "Vox populi“. Andere Formen interaktiver Kommunikation, beispielsweise Forumsdiskussionen oder Chat, werden nicht angeboten. Zu einzelnen Themen, beispielsweise den Wahlen in der Ukraine 2004, werden Mini-Umfragen durchgeführt, deren Ergebnisse als Stimmungsbild sofort eingesehen werden können. Die einzelnen AutorInnen sind – mit Ausnahme des Chef-Redakteurs Kononenko – nicht per E-mail zu erreichen. Netzwerkbildung Im Vergleich zur Interaktivität spielt die Netzwerkbildung eine
größere Rolle. Auf der Site von Dni.ru werden zahlreiche
Links auf Texte anderer russischer Netz-Ressourcen gesetzt. Dni.ru selbst
wiederum bedienen sich – unter Beachtung der jeweiligen Copyright-Regelungen
– gerne an "fremden“ Informationsangeboten, insbesondere
finden sich Hyperlinks auf Texte der Fazit Dni.ru haben sich im russischen Internet-Medien-Sektor in einer einzigartigen
Nische etabliert, indem sie Information mit Unterhaltung verbinden.
Politik wird zur Show, und Show zur Politik. Wie bei vielen der russischen
Online-Projekten ist die gewählte Ausrichtung so wie ihr Erfolg
in einem hohen Maße von den Personen abhängig, die diese
Ressource betreiben. Im Falle von Dni.ru ist dies die Kultfigur Maksym
Kononenko. Kononenko weist als Programmierer, Schriftsteller und Journalist
das ideale Profil des Netz-Intellektuellen auf, der sich gerne über
die Regeln der Etiquette hinwegsetzt und keine Angst hat vor dem Boulevard
oder dem Skandal als Genre der Politik sowie des Entertainment. Das
Polit-Serial Von der Funktionalität her weist das e-Journal Dni.ru erstaunlich
wenig Netz-Spezifika auf. Weder werden die Möglichkeiten der Interaktivität
intensiv genutzt, noch weisen die einzelnen Beiträge eine im eigentlichen
Sinne hypertextuelle Strukturierung auf. Von ihrer Philosophie her,
die Kritik mit Ironie und einem künstlerischen Verhältnis
zum "neutralen“ Wert der Information verbindet, passt das
e-Journal jedoch perfekt in die aktuelle russische Netz-Medienlandschaft. Henrike Schmidt Stand 16.12.04
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