|
Den Grundstein zum Bau seiner virtuellen Stadt legte
der Moskauer Klub Cyberpunk.ru bereits im Jahre 1998. Das Projekt,
dessen Initiatoren sich nicht nur via Internet zu Studienreisen in die
Vereinigten Staaten begeben, widmet sich der Utopie eines "bewohnbaren"
Cyberspace. Der Begriff des Cyberspace - und davon abgeleitet auch des
Cyberpunk - geht auf den 1983 von William Gibson verfassten Roman Newromancer
zurück. In diesem Roman allerdings ist der Cyberspace ein gleichermaßen
faszinierender wie bedrohlicher Ort, und die Flucht des Helden Case
vor der irdischen Realität und aus dem Gefängnis seines Körpers führt
ihn in eine nicht weniger unwirtliche virtuelle Welt.
Science-Fiction-Literatur erfreut
sich in Russland besonders großer Popularität. Die Entwicklung dieses
Genres im Land selbst ist allerdings eigene Wege gegangen. Neben dem
Einfluss avantgardistischer Ideen stellt dabei vor allem der weltgeschichtliche
Einschnitt der Revolution von 1917 einen wichtigen Faktor dar. Es war
in gewisser Weise die Stunde Null angebrochen und Schriftsteller so
unterschiedlichen Profils wie Michail Bulgakow oder Aleksei Tolstoj
nutzten die phantastische Literatur, um das Vergangene zu reflektieren
und über die "neuen" Möglichkeiten der Zukunft zu sinnieren.
Mit dem Inkrafttreten der Fünfjahrespläne gegen Ende der zwanziger Jahre
wurde jedoch verstärkt die Darstellung des Fortschritts in Gesellschaft,
Wissenschaft und Technik in der Literatur gefordert. Auch hier erwies
sich das Genre der phantastischen Literatur als besonders geeignet.
Es bildete sich die Form der Nautschnaja Fantastika - der wissenschaftlichen
Phantastik - heraus, die als eigenes literarisches Genre anerkannt wurde.
Zu den bekanntesten Vertretern des Genres gehören die Brüder
Strugatzki, die auch im heutigen Cyberspace über eine große Fangemeinde
verfügen
In der Tradition der Science-Fiction ist auch der Cyberpunk,
der die Figur des anarchischen Helden und Einzelkämpfers gegen die korrumpierte
Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt, in Russland äußerst populär
geworden, zum Beispiel mit den Werken des Erfolgsautors Sergei
Lukjanenko. Doch wie ist die virtuelle Stadt von Cyberpunk.ru
nun gebaut? Auf der Startseite sind unter der Rubrik Häuser
die zukünftigen Einwohner aufgelistet. Die Informationen, die diese
dem Besucher anbieten, erstrecken sich von Heavy-Metall-Fanseiten über
virtuellen Zen-Buddhismus bis hin zu Grafik- und Hypertextexperimenten,
Werbe- und Designprojekten. Viele der Seiten befinden sich allerdings
noch im Aufbau. Unter Migration
werden die Formalitäten zur Aufnahme von Neulbügern in die Stadt erledigt
- auch der Cyberspace ist nicht grenzenlos.
Nach dem Betreten des Eingangs
eröffnet sich dem Besucher die an New York erinnernde Skyline der Stadt.
Ihm leuchtet der Gruß "Welcome to the free City" entgegen.
Per Mausklick gelangt man auf die Straße
der Begründer [Ulitza osnowatelej], eine Benennung, die durchaus
an sozialistische Zeiten erinnert. In dieser menschenleeren, von Wolkenkratzern
beschatteten, schmutzig-nass im Neonlicht glänzenden Gasse bieten sich
dem virtuellen Spaziergänger drei Wege.
- in die Bibliothek, in der man Artikel zum Thema Cyberpunk findet,
einen Blick auf die Inhaltsangaben populärer Bücher und das Design
ihrer Umschläge werfen kann. Neben einer Auswahl von Prosatexten
kann man Bücher zum Cyberpunk und anderen Themen herunterladen.
Hier sind u.a. Schirftseller wie Orwell und Pelewin vertreten. In
einer Galerie werden Phantasiezeichnungen von Robotern und mystischen
Wesen ausgestellt, fast alle von einem Zeichner stammend, der sich
auch auf dem Gebiet relativ fleischlicher Bilder versucht hat. Die
Flucht aus dem "Kerker des Körpers" scheint eine nur flüchtige
Erscheinung gewesen zu sein.
- in die
Cyberhall,
in der man sich mit den Themen Film und Musik befasst. Auf dem Bildschirm
erscheint eine Art Steuerelement, eine virtuelle Verlängerung des
Körpers, mit der man Zugriff auf Inhaltsangaben von Filmen, Bildern,
Videoclips und Sounddateien hat. Der Musikinteressierte kann zwischen
Liedern und Texten von Interpreten wie u.a. David Bowie oder Mummi
Troll wählen.
- in Richtung
Zentrum,
das schon nicht mehr ganz so unwirtlich wirkt wie die eingangs beschriebene
Gasse. Von dort aus gelangt man in den zentralen
Sektor, die Downtown
mit TV-Zentrum
und Backstreet.
Hier fällt das Angebot jedoch recht mager aus. Der zentrale Sektor
bietet nur eine Cyber-Erotik-Ausstellung. Die Nachrichten der Fernsehzentrale
sind seit dem Jahr 2000 nicht mehr aktualisiert worden nicht. Auch
die Backstreet bietet nur die Option Antihero,
die erstaunlicherweise Lyrisches zu den Stichworten Schnee, Musik,
Träume, Licht und Asche beinhaltet.
Die auf der Eingangsseite erwähnten Häuser und Projekte
der Cybercitybewohner sind bis jetzt in der Stadt selbst nicht zu finden.
In ihrer graphischen und thematischen Umsetzung erinnert die Seite im
Ganzen an die heutige urbane - oft wenig bewohnbare - Realität. Von
der an sich originellen Idee, eine virtuelle Stadt zu errichten, ist
Cyberpunk.ru gegenwärtig noch weit entfernt.
M.P.
Stand Juni 2003, freie Analyse ohne Leitfaden

|