Die Seiten der Toten können lebendiger
wirken als die der Lebenden. Davon zeugt eine Internetseite, die einer
der bedeutendsten Dichterinnen des beginnenden 20. Jahrhunderts, Marina
Zwetajewa, gewidmet ist. Den Initiatoren
des nicht-kommerziellen Projekts Die
Welt der Marina Zwetajewa. Das kulturelle Erbe des Silbernen Zeitalters,
die dieses Projekt schon seit mehr als drei Jahren gewissenhaft und
erfolgreich vorantreiben, ist es gelungen, das Bild der gesamten Epoche
von 1880 bis 1930 nachzuzeichen. Ein Großteil der Materialien wird zum
ersten Mal im Internet zugänglich gemacht. Darüber hinaus werden viele
weitere Internet-Quellen
und sonstige hilfreiche Informationen angeführt. Die in Tabellenform
gestaltete Seite ist mit einem eigenen Suchsystem ausgerüstet, das angesichts
des Umfangs des Angebots tatsächlich nützlich sein kann. Informationen
können hier chronologisch oder alphabetisch sowie nach dem Einzelwortprinzip
gesucht werden.
Auf dieser Seite findet man garantiert alles über die Dichterin:
Poesie, Prosa,
Briefwechsel, Fotos, eine Bibliographie
und die Adressen aller Zwetajewa-Museen.
Zu den "Exponaten" selbst gehören auch wissenschaftliche Kritik
und bescheidenere Werke ihrer Verehrer.
Ein seit mehreren Jahren existierender Zwetajewa-Club
arbeitet dank der Seite jetzt auch in elektronischer Form und dokumentiert
dies mit einigen Videoaufzeichnungen.
Bemerkenswert ist die Gewissenhaftigkeit, mit der möglichst viele Informationen
auch über die Familie
Zwetajewa gesammelt und dargestellt werden. Jedes der Familienmitglieder
erscheint als ein außergewöhnlicher Repräsentant seiner Zeit.
Diese Epoche, die in der russischen Literatur und Kunst unter dem Titel
des "Silbernen Zeitalters" zusammengefasst wird, war besonders
reich an kulturellen Erscheinungen und schillernden Persönlichkeiten,
sowohl in der russischen als auch in der europäischen Szene. Die Seite
unternimmt den Versuch, einen Gesamtaufriß dieser Zeit zu präsentieren.
Eine Skizze
der Epoche in Erinnerungen von Zeitgenossen, enzyklopädisch gehaltene
Auskünfte über die damaligen Theater und Cafes, Verlage und Zeitschriften,
Literatur und Malerei aller künstlerischen Strömungen spiegeln den Geist
der Jahrhundertwende präzise und zugleich atmosphärisch getreu wider.
Man erfährt Grundlegendes über die "silbernen" Schriftsteller.
Namen wie Rainer Maria Rilke und Rudolf Steiner werden hier nicht überraschen.
Unter der Rubrik Personalien
kann man die meisten der Biografien und viele Bibliografien vorfinden.
Wörterbücher
der poetischen Sprache dieser Epoche befinden sich noch in der Entwicklungsphase.
Die Neuigkeiten
der Seite lassen keinen Zweifel an der Lebendigkeit der Welt Marina
Zwetajewas bestehen. Die mehr als 25 Links zeigen, wie intensiv das
Onlineleben
sein kann. Ebenso wie das Offlineleben,
dessen Spektrum an Theater-Aufführungen und Ausstellungen allseitig
beleuchtet wird.
AB-STAND, weit ab: Werste, Meilen...
Ab-getrennt, aus-gesetzt, zwei zu teilen:
Dass jeder stille hält
An seinem Ende der Welt.
(Aus dem Russischen von Elke
Erb)
schrieb Marina Zwetajewa im Jahre 1925
an Boris Pasternak. Leiden die Zwetajewa-Leser in der Epoche des WWW
auch unter der unüberwindlichen Entfernung? Vom regen und positiven
Feedback der Besucher und Zwetajewa-Verehrer kann man sich im Gästebuch
der Seite überzeugen, im Forum
die Bekanntschaft Gleichgesinnter machen - und hört dem vielstimmigen
Lied der Poetin
schon nicht mehr alleine zu ...
E.B.
Stand Juni 2003, freie
Analyse ohne Leitfaden

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