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Iosif Brodski lebt schon lange nicht
mehr. Er ist aber auch noch nicht lange tot. Brodski gehört weder dem
Goldenen noch dem Silbernen und am wenigstem dem elektronischen Zeitalter
der russischen Literatur an. Er ist noch zu Lebzeiten zum Klassiker
geworden und wird auch nach seinem Tod noch von vielen verehrt und geschätzt.
All dies wirkt sich verheerend auf das Leben seiner Werke im Netz aus:
denn die Vielzahl der Leser fordert möglichst viele Text, die Verlage
hingegen fordern ein möglichst striktes Copyright. Aus diesem Grunde
sind die meisten der Iosif Brodski gewidmeten Seiten leider unvollständig
und die Leser finden auf einigen Seiten nur noch die Register der Gedichte.
Wer dennoch auf den Spuren Brodskis durch
das russischsprachige Internet surfen will, der benutzt am besten folgende,
nur auf den ersten Blick bescheiden aussehende Seite
als Ausgangspunkt. Ein Bestandteil ihrer poetischen Elemente ist die
Stimme Brodskis selbst. Die Audio- und Videodateien machen aus der Seite
ein Museum, in dem die Exponate selber sprechen und zu dessen Erkundung
kein Museumsführer mehr nötig ist. Wer dennoch Hilfestellung bei der
Suche nach dem richtigen Text benötigt, der schaut am besten im Forum
oder im Gästebuch nach Rat
Eine andere Webpräsentation
gibt sich ambitionierter und hat es sich zur Aufgabe gemacht, nach Möglichkeit
alle Werke Brodskis zu präsentieren, die jemals auf Russisch erschienen
sind: 590 Gedichte, 75 Übersetzungen, 50 Prosatexte. Wegen des Copyright-Problems
fehlen jetzt jedoch leider die Texte. Einige Interviews und wissenschaftliche
Arbeiten, dem Dichter gewidmete Werke sowie Briefe und Fotos ergeben
trotzdem eine große Kollektion. Und auch die Kommentare bleiben ungeachtet
der Abwesenheit der Originale prachtvoll. Da die Seite Englisch als
zweite Sprache und Links zu anderen Seiten mit Brodski-Texten aufweist,
verdient sie die Aufmerksamkeit aller Pilger auf dem gesamten WWW. Gleiches
gilt für eine weitere Seite mit gesammelten
Werken Brodskis, die auch für weiterführende Streifzüge genutzt
werden kann.
Ein umfassendes Porträt der Literatur der 1960-er Jahre ist jedoch auf
keiner dieser Seiten zu finden. Eine solche Darstellung der kulturhistorischen
Hintergründe sowie die ausgezeichnete Bibliografie "Russische Dichter
über Brodski" präsentiert die folgende
Webressource. Daneben gibt es auch eine Phonothek mit Liedern, die
zu Texten Brodskis komponiert wurden. Die Welt des Dichters, Bildhauers
und Denkers zeigt sich farbig, klangvoll und beweglich, soweit dies
die Multimedialität des Internet erlaubt. Das Ziel der vielen ihm gewidmeten
Seiten ist es denn wohl auch nicht, ein - wenn auch mobiles - Denkmal
zu errichten, sondern ein Bild der Persönlichkeit zu zeichnen, die ganz
ernsthaft postulierte:
[...] der zuverlässigste Schutz
vor dem Bösen
liegt in der kompromisslosen Abgrenzung der Persönlichkeit,
in der Originalität des Denkens,
in seiner Paradoxalität und - wenn man so will - in seiner Exzentrik.
Bietet das Internet nicht eine vielversprechende
Möglichkeit für solch eine "Position der geistigen Offensive"?
E.B.
Stand Juni 2003, freie
Analyse ohne Leitfaden

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