Site-Portraits
Allgemeines
A-Z
Kategorien (im Aufbau)

  Boboschki und Marzaner oder Notizen des aufgeklärten Lesersl

Diese Site mit dem rätselhaften Namen präsentiert literarische Texte – Prosa und Poesie – russischer AutorInnen vorrangig aus der sibirischen Stadt Brjansk. Ziel des Projekt ist es, den AutorInnen der Region "die zweifelhaften virtuellen Pfade“ des weltweiten Netzes zu eröffnen. Ein Unterfangen, das sich laut Aussage des Initiators weniger als zweifelhaft, denn als durchaus erfolgreich erwiesen hat. Denn Texte gleich einer ganzen Reihe der hier vertretenen AutorInnen sind mittlerweile in verschiedenen Buch-Ausgaben erschienen. Neben den AutorInnen der Stadt Brjansk und Sibiriens wird auch Texten "nicht-heimischer“ AutorInnen – von Jaroslawl bis San Francisco - sowie Übersetzungen, vorzugsweise aus dem Englischen, jeweils eine eigene Rubrik gewidmet. Darüber hinaus gibt es noch eine Rubrik mit Interviews; vorgestellt werden hier vor allem ÜbersetzerInnen, die sich im russischen Internet engagieren.


Der Stil der Site ist humorvoll und verspielt, wie ja bereits der Titel deutlich macht, dessen Rätsel im Mission-Statement aufgelöst wird. Bei den "Marzanern“ handelt es sich um spezielle Druckerzeichen, mit deren Hilfe die Leerstellen im Text ausgewiesen werden. Auch die "Boboschki“ sind eine spielerische Abwandlung eines Spezialterminus aus der Polygraphie. Die Untertitelung des Projekts als "Notizen des aufgeklärten Lesers“, ein beliebtes Stereotyp der russischen Literaturkritik, weist auf die doppelte Funktion der Site hin, die neben literarischen Originaltexten auch Rezensionen des Projekt-Initiators zu Literatur, Musik und Film umfasst.

Format

Das Projekt existiert seit 1998, mit einer "apathischen Phase“ in den Jahren von 2001-2003. Sein Initiator tritt, obwohl redaktionell ganz offensichtlich allein Herr im Haus, lediglich unter seinem Pseudonym sir_yoga beziehungsweise als der bereits im Titel erwähnte "aufgeklärte Leser“ in Erscheinung. Anhand des leicht zu entschlüsselnden Pseudonyms, das eine lautsprachliche Transkription des russischen Eigennamens Sergej darstellt, lässt sich der Schriftsteller und Übersetzer Sergei Anisimow als Betreiber der Site "identifizieren“. Anisimow ist selbst einer der porträtierten Autoren, er ist auf der Site vor allen Dingen mit kurzen Prosa-Texten vertreten. Der Publikation selbst ist diese Information jedoch nicht zu entnehmen.

Der Initiator bezeichnet sein Projekt als "philologisches Hooligantum“. Die literaturwissenschaftliche Ausrichtung wird nicht zuletzt in der Reminiszenz an die Polygraphie deutlich. Die Texte der AutorInnen sind von der formalen Präsentation her gut lesbar, jedoch nicht kommentiert. Einige der AutorInnen werden mit kurzen biographischen Angaben vorgestellt. Das Design der Site ist schlicht und ansprechend. Als Logo auf der Startsite dient das Porträt eines älteren Mannes mit einer Schreibfeder in der Hand, der über einen Setzkasten gebeugt ist. Auch hier findet sich also wieder die Anspielung auf die Kunst des Buchdrucks. Auf anderen Seiten finden sich Abbildungen von Ölgemälden des Brjansker Künstlers Arkadi Urbanowski, die sich durch einen symbolistisch-romantischen Stil auszeichnen.

Die (Selbst)Charakterisierung als "literarischer Hooligan“ dürfte sich angesichts des neutralen Designs und humorvollen Stils am ehesten auf die Literatur-, Musik- und Filmkritiken beziehen. Diese stellen in ihrer Mehrheit aus dem Englischen übersetzte zeitgenössische Literatur sowie Musik und Filme vor, die in der russischen Provinz möglicherweise noch über ein gewisses Protestpotenzial verfügen. Vielleicht klingt hier auch eine Abgrenzung von der traditionellen akademischen Literaturwissenschaft an.

Interaktivität und Networking

Interaktivität und Kommunikation spielen eine eher geringe Rolle. Der Initiator der Site nimmt Vorschläge und Fragen per E-mail entgegen. Einen direkten Kontakt zu den vorgestellten AutorInnen gibt es nicht. Die Möglichkeit eines Kommentars oder einer Diskussion in Gästebuch oder Forum ist gleichfalls nicht vorgesehen. Der Initiator führt unter seinem Pseudonym aber ein Live Journal, das jedoch nur in einem losen Zusammenhang mit der Site selbst steht. Die Site ist Teil des Webrings "Literosfera“, weist darüber hinaus aber keine weiteren Links auf andere oder verwandte Projekte auf. Über die Interviewpartner, durchgehend ÜbersetzerInnen, die mit verschiedenen anderen Netzprojekten verbunden sind, lässt sich jedoch eine informelle Einbettung in Netzliteraturkreise konstatieren.

Fazit

Bei den Boboschki und Marzanern handelt es sich um ein Autorenprojekt, das ohne erkennbare Anbindung an akademische oder kommerzielle Einrichtungen existiert. Das Ziel der Propagierung von Autoren aus der Region Brjansk wird erreicht, allerdings nur im russischsprachigen Raum des Internet. Obwohl die Ressource einen deutlichen Schwerpunkt im Bereich der Übersetzung aufweist, gibt es keine englischsprachige Darstellung und keine Übersetzungen ins Englische. Die Site weist einen deutlichen regionalen Bezug auf, der jedoch nicht über inhaltliche, thematische oder bildliche Stereotype hergestellt wird. Das Internet dient im Wesentlichen als ein weiteres Transportmittel, ein zusätzlicher Verbreitungskanal für Literatur, und weniger als ein neuer oder anders gearteter Raum für literarische Experimente. Buch(druck) und Internet(Literatur) stehen als gleichberechtigt nebeneinander. Eine spezifische Netz-Ideologie, die eine Umgehung von Hierarchien oder eine verstärkte Vernetzung und Demokratisierung des Literaturbetriebs ins Auge fasst, lässt sich nicht beobachten.

Exkurs / Kontext

Interessant ist die Beobachtung, dass sich über die Rezensionen aus den Bereichen der Literatur, der Musik und des Films sowie in der Kooperation mit "nicht-heimischen“ AutorInnen eine Ausrichtung weniger auf die inner-russischen Metropolen Moskau und Petersburg als vielmehr auf die amerikanische (Exil)Kultur manifestiert. Darüber hinaus wird bei einem Blick auf die Interviews, in denen sich der Initiator auch zu seinen eigenen Zielen und Kontexten äußert, die Einbindung in die Traditionen der "Kontr-Kultura“, der Gegenkultur der russisch-sowjetischen Rockmusik deutlich. Diese verfügte gerade in Sibirien über starke Wurzeln.

H.S.

Stand Sommer 2004