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 Boris Akunin

Die offizielle Seite des großen Mystifikators und beliebten Schriftstellers Boris Akunin existiert vollständig nur im Tandem mit der inoffiziellen Seite, die etwas früher (15.06.2000) gegründet wurde und dem Helden der Detektiv-Romanserie Erast Fandorin gewidmet ist. Die auf einander verweisenden Links verbinden die prachtvoll stilisierte und elegante offizielle Seite, die vom derzeit bekanntesten russischen Webdesigner Artjemi Lebedjew gestaltet wurde, mit der  Fan-Seite von Alexandra Antonenko (Aliks). Stellt erstere einen wichtigen Bestandteil des Gesamtkunstwerks Akunin dar, erscheint letztere informativer, da sie das Phänomen dieses fabelhaften Erfolgs sowie das Verhältnis von Autor und literarischem Geschöpf in seinem ganzen Spektrum zu beleuchten versucht.

In Sorge um den Weltruhm des Meisters bietet Aliks die Möglichkeit der automatischen Übersetzung der Seite in drei Fremdsprachen: Deutsch (!), Englisch und Französisch. Glücklicherweise ist der deutsche Leser auf diesen - zweifelhaften, weil fehlerhaften - Service nicht mehr angewiesen, liegen doch einige der Romane Akunins bereits in deutscher Übersetzung vor. Liebevoll entlarvt die Hausherrin den sich hinter seinem Pseudonym verbergenden Autor Georgi Tschschartischwili und veröffentlicht eine kurzgefasste Biographie sowie eine umfassendere Bibliographie, die neben den Romanen selbst Texte wie "Märchen für Idioten", "Der Schriftsteller und der Selbstmord", Übersetzungen aus dem Japanischen, Kritiken, Rezensionen von Theateraufführungen, Verfilmungen und Radiosendungen umfasst. Auf dieser Seite konzentrieren sich alle Informationen, die mit dem Namen des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers in Zusammenhang gebracht werden können: Aktivitäten und Werke der Akuninisten (Kritik, Poesie, Zeichnungen), Fotos, Erinnerungen, Fakten und Dokumente der Epoche, - eben all das, was die Welt des Erast Fandorin so schön bunt macht. Es findet sich sogar eine - im Aufbau befindliche - Enzyklopädie der Romane, in der die Handlungen und Figurenkonstellationen klassifiziert werden. Die sich anschliessenden Untersuchungen über mögliche Prototypen der literarischen Figuren, Stammtexte der Details, Aufzählungen der Allusionen spiegeln das literarische und außerliterarische Leben der Welt Akunins / Fandorins wider.

Die Seite ist offen, benutzerfreundlich und interaktiv. Forum, Gästebuch und Abstimmungen erfreuen sich reger Teilnahme. Die Linkliste mit allen Web-Seiten, auf denen der Name Akunin erwähnt wird, ist nicht lang, aber gewissenhaft erstellt.

Die offizielle Seite - eine Visitenkarte im Internet, so Aliks - ist hingegen eher hermetisch und in sich geschlossen, steht also ganz im Dienste der Mystifikation: Der Leser findet hier zwar auch alle Romantexte Akunins, aber keine Werke von Tschchartischwili. Dank des kreativen Vermögens von Artjemi Lebedjew fühlt sich der Internetsurfer wie in einem Reliquarium des 19. Jahrhunderts, in dem alte Stadtpläne Moskaus, Nachschlagewerke von Meteo- und Astrozeichen und frenologische Atlanten verstauben. Die von historisch-literarischen Beschreibungen des Moskaus des 19. Jahrhunderts eingerahmte Seite zieren auch zahlreiche alte Stempelabdrucke sowie ein stilisiertes Porträt von Tschschartischwili à la Tschechow. Auf der Grundlage der Romantexte werden schliesslich einige interaktive Spiele angeboten. In einem von der geheimnisvollen Lady Ester durchgeführten Test kann sich jeder die passendende Rolle in der Welt Fandorins zuweisen lassen.

E.B.

Stand Juni 2003, freie Analyse ohne Leitfaden