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Familienforschung für Familienpolitik

Ott

Prof. Dr. Notburga Ott

Familie hat jeder – wir alle haben unsere ersten und damit prägenden Erfahrungen in der Familie gemacht. Deshalb sind wir alle Experten für Familie und wissen, was gut an und für Familie ist und was nicht. Mit solchen Verallgemeinerungen von persönlichen Erfahrungen wird jeder Familienforscher immer wieder konfrontiert. Wissenschaft hat es da nicht leicht. Familienforschung ist damit exemplarisch für die Probleme, aber auch die Notwendigkeit von Gesellschaftswissenschaften. Der Wissenschaftler muss diese Alltagstheorien überwinden – zunächst bei sich selbst, um systematische Zusammenhänge erkennen zu können, und dann beim Adressaten, sollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Gesellschaft fruchtbar gemacht werden.

Dies gilt auch für einen der wichtigsten Transferbereiche der Gesellschaftswissenschaften, die Politikberatung. „Kinder bekommen die Leute sowieso“ wird Konrad Adenauer zugeschrieben, womit er angeblich eine Kinderkomponente im Rentensys-tem verhindert haben soll. Und „Gedöns“ wurde noch vor wenigen Jahren die Diskussion um Familie und Familienpolitik von Kanzler Schröder genannt.

Angesichts der mittlerweile drängenden Probleme der Alterung der Gesellschaft hat Familienpolitik allerdings plötzlich Hochkonjunktur. Rationale Politik hätte jedoch manche Fehler vermeiden können. Nicht nur, dass diese Probleme bereits in den 80er Jahren von der Wissenschaft vorausgesagt wurden, Familienforschung hatte auch die Ursachen diagnostiziert. Trotz regelmäßiger Familienberichte und wissenschaftlicher Beiräte wurden diese Erkenntnisse jedoch lange nicht zur Kenntnis genommen.

Seit die Probleme, z.B. in der Alterssicherung, nicht mehr zu übersehen sind, ist jedoch der wissenschaftliche Rat gefragt. Sowohl auf Bundesebene als auch auf Seiten der Länder und Kommunen wurden weitere Beratungsinstitutionen geschaffen, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen. Denn angesichts der Wirkungslosigkeit der Vielzahl von familienpolitischen Instrumenten herrscht große Ratlosigkeit vor. 145 familienpolitische Instrumente zählt das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen auf, wozu sowohl monetäre Leistungen wie Kindergeld, arbeitsmarktbezogene Leistungen wie Elternzeit als auch Infrastrukturmaßnahmen wie Kinderbetreuungsangebote zählen. Trotzdem sinken die Geburten weiter. Politik kann mit diesen Maßnahmen lediglich Rahmenbedingungen setzen, innerhalb derer die Menschen entscheiden. Sie setzt damit Anreize, die von den Bürgern aufgegriffen werden oder nicht. Die familienpolitischen Handlungsfelder beeinflussen dabei vor allem die Ressourcen der Eltern, aber auch – vor allem durch die institutionellen Angebote – direkt die Humanvermögensbildung der Kinder. Auf dieser Basis werden in den Familien die Entscheidungen über Fertilität, Erwerbsarbeit, Ausbildung der Kinder, Freizeitgestaltung, d.h. die Gestaltung des Familienlebens getroffen. Ob diese im Sinne der politisch gesetzten Ziele ausfallen, hängt einerseits von den Wünschen und Interessen der Bürger ab, aber auch davon, ob die eingesetzten Instrumente die richtigen Anreize setzen. So werden Maßnahmen, die den Ausstieg aus dem Erwerbsleben erleichtern sollen (wie z.B. das Ehegattensplitting im Steuersystem) ihr Ziel verfehlen, wenn Menschen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wünschen, aber keine Kinderbetreuungsmöglichkeiten finden.

Der zielgerichtete Einsatz familienpolitischer Instrumente erfordert daher die Kenntnis und Berücksichtigung aller Wirkungszusammenhänge. Diese werden von der Familienforschung untersucht. Um die Wirkungszusammenhänge umfassend analysieren zu können, muss sie interdisziplinär ausgerichtet sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben sich die Familienforscher der verschiedenen Disziplinen an der Ruhr-Universität im Interdisziplinären Zentrum für Familienforschung (ICFR) zu regelmäßigem Austausch und gemeinsamen Forschungsarbeiten zusammen geschlossen.

Der Politik können damit nicht nur partielle – z.B. ökonomische oder entwicklungspsychologische – Einsichten verfügbar gemacht werden, sondern vor allem auch Erkenntnisse über die Wechselwirkungen und Analysen der intendierten und nicht intendierten Wirkungen von familienpolitischen Maßnahmen. Diese sind Voraussetzung für eine rationale zielgerichtete Familienpolitik. Forscher der Ruhr-Universität sind in diesem Sinne an verschiedenen Stellen der Politikberatung beteiligt. Zwei Professoren (Werding und Ott) sind Mitglieder im Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, einem ebenfalls interdisziplinär besetzten Gremium, das sich in Stellungnahmen zur aktuellen Familienpolitik äußert (z.B. zum Ausbau der Kindertagesbetreuung für Unter-Drei-Jährige), aber auch Grundlagenthemen behandelt, wie z.B. die Frage, was „Gerechtigkeit für Familien“ bedeutet. Für die kommunale Familienpolitik, die für die örtliche Infrastruktur wie Kindertagesstätten, Elternbildungseinrichtungen und Pflegedienste zuständig ist und die verschiedenen Akteure, insbesondere auch die Wirtschaft, für eine aktive Gestaltung familienfreundlicher Rahmenbedingungen gewinnen muss, sind Informationsportale, wie sie Prof. Strohmeier

am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung ZEFIR (http://www.ruhr-uni-bochum.de/zefir/) entwickelt, von unschätzbarer Bedeutung. Die Entwicklung der Kindertagesstätte KiTag des AKAFÖ (http://www.akafoe.de/kinderbetreuung/) zum Familienzentrum wurde von der Entwicklungspsychologie der Ruhr-Universität (Prof. Schölmerich) begleitet.

Aber auch die Politik der Universität profitiert von der Familienforschung. Dass sich die Ruhr-Universität sehr früh als familiengerechte Hochschule (http://www.ruhr-uni-bochum.de/familiengerecht/) hat zertifizieren lassen, ist neben den vielen engagierten Mitarbeitern auch der Familienforschung zu verdanken, die geholfen hat, ein systematisches Konzept zu entwickeln. Auch dass eine Dual Career-Politik keine anstößige Vetternwirtschaft ist, sondern konkrete Familienpolitik vor Ort, hat die Ruhr-Universität als erste deutsche Hochschule erkannt. Das hilft nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Universität: nur wer seinen Mitarbeitern gute Entfaltungsmöglichkeiten bietet und sie bei der Balance von Berufs- und Privatleben unterstützt, wird die besten an sich binden können und die Motivation und Kreativität steigern. Familienfreundlichkeit, Familienpolitik vor Ort ist eines der wichtigsten Instrumente dazu.

Prof. Dr. Notburga Ott ist Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und hat den Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Wirtschaft, Fakultät für Sozialwissenschaft, an der Ruhr-Universität Bochum inne.