Mikrosystemtechnik im Kugelschreiber
Vernetzte Serviceagentur soll Senioren im Alltag unterstützen
Die meisten Menschen wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Dazu bedarf es im Alter allerdings an vielen Stellen Hilfe – nicht immer kann diese von der Familie geleistet werden. Einen alternativen Ansatz bietet das Projekt „Service4home“ an der Ruhr-Universität. Ziel ist der Aufbau einer digital vernetzten Serviceagentur, die die Bewohner einer Bochumer Siedlung bei kleinen und großen Hürden des Alltags unterstützen soll. Dabei setzt man auf moderne Technik und ehrenamtliches Engagement.

Abb. 1: Digitaler Wunschzettel: Mit Hilfe des digitalen Stifts wird die gewünschte Dienstleistung auf einem Bestellformular angekreuzt.
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Es ist das Los des Alters: Körperliche Beschwerden erschweren alltägliche Aufgaben wie das Einkaufen, den Hausputz oder den Arztbesuch – und verhindern zudem soziale Kontakte, besonders bei allein lebenden Senioren. „Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger, an bestimmten Prozessen des Lebens teilzunehmen“, erklärt Catherine Ley. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, Arbeit- und Wirtschaft der Ruhr-Universität beschäftigt sich die Soziologin mit den Auswirkungen des demographischen Wandels. „In den nächsten Jahrzehnten wird es altersbedingt immer mehr hilfs- und pflegebedürftige Menschen geben, vor allem im Ruhrgebiet. Deshalb gilt es, entsprechende Versorgungsstrukturen zu schaffen, die weitgehend unabhängig von der individuellen finanziellen Situation sind.“ Einen Ansatz, der hilfsbedürftigen Menschen einen möglichst langen Verbleib in den eigenen vier Wänden ermöglichen soll, bietet das Projekt „Service4home“. Seit Oktober 2008 arbeiten unter Federführung des Lehrstuhls für Informations- und Technikmanagement (IMTM) sieben Projektpartner gemeinsam an der Konzeption einer digital vernetzten Serviceagentur (s. Info). Diese soll den Bewohnern einer Bochumer Siedlung in einer zwölfmonatigen Pilotphase verschiedene Dienstleistungen im häuslichen Bereich günstig und bequem zugänglich machen. Die Anfragen – beispielsweise zum Einkaufen – werden digital übertragen, zentral gesammelt und dann koordiniert umgesetzt. Das Besondere: Die teilnehmenden Mieter können ihre Aufträge mit Hilfe eines speziellen Stifts auf einem Papierformular zuhause oder in einem Seniorencafe ankreuzen, der Rest funktioniert dank Mikrosystemtechnik automatisch.

Abb. 2: Betreuung durch moderne Technik: Der digitale Stift erfasst das unsichtbare Muster im Bestellformular, eine Sendeeinheit übermittelt die Daten an die Serviceagentur.
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„Bei der Bestellung benutzt man im Prinzip einen normalen Kugelschreiber, der geringfügig dicker ist als handelsübliche Kulis“, erklärt Ingolf Rascher vom IMO-Institut zur Modernisierung von Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen. „Allerdings kann unser Stift natürlich deutlich mehr als nur schreiben. Er kann sehen.“ Denn: Neben der Miene des Kugelschreibers ist eine kleine batteriebetriebene Kamera eingebaut, die das Geschriebene aufzeichnet. Damit jede Schrift korrekt entziffert werden kann, kommt zusätzlich ein spezielles Papierformular zum Einsatz, in das – für das menschliche Auge unsichtbar – ein Muster aus mehreren Millionen kleiner Punkte eingelassen ist (s. Abb. 2). Stellt man den Stift nach dem Schreiben wieder in sein Aufladegerät, werden die Daten per Mobilfunkverbindung automatisch an die Zentrale übermittelt und dort verarbeitet. Auch eine direkte Übertragung mittels einer mobilen Übertragungseinheit ist möglich. „Anders als bei früheren Ansätzen der Betreuung zuhause, zum Beispiel über einen speziellen Decoder am Fernsehgerät, handelt es sich um eine passive Übertragung. Auch wenn viele Dinge im Alter schwerer werden, schreiben können die meisten Senioren unabhängig von ihrer körperlichen Gesundheit sehr lange“, sagt Ingolf Rascher. Um Datenmissbrauch und unrechtmäßige Nutzung der Agentur zu verhindern, funktioniert der Datentransfer allerdings erst dann, wenn mit Hilfe des Kulis ein Strichcode zur Identifizierung eingelesen wurde, der jedem Nutzer auf einer Plastikkarte ausgehängt wird.
Bewährt hat sich das Stiftsystem bereits in der Gesundheitsüberwachung, zum Beispiel bei Diabetes-Patienten, die ihre Blutzuckerwerte mit Hilfe des Stifts und eines eigens dafür entwickelten Formulars Tag für Tag an den Arzt übermitteln. „Die Technik an sich ist etabliert“, so der Sozialwissenschaftler und Gesundheitsökonom. „Jetzt kommt es darauf an, auch ältere Menschen für das System zu begeis-tern und es auf ihre Anforderungen einzustellen.“ Anfang 2009 führten die Bochumer Soziologen um Catherine Ley deshalb eine Erhebung in 120 der 1200 Haushalte der Projektsiedlung im Bochumer Stadtteil Grumme durch, um zu ergründen, wie die Bewohner der Stifttechnologie gegenüber stehen. Dabei zeigte sich, dass die Technik durchaus ankommt: Knapp zwei Drittel der Befragten können sich vorstellen, Dienstleistungsaufträge mit Hilfe des Mikrosystemkulis aufzugeben (s. Abb. 3). „Natürlich nimmt die Bereitschaft dazu ab, je älter die Leute sind“, räumt Catherine Ley ein. „Vermutlich liegt das an einer größer werdenden Distanz gegenüber moderner Technik in den älteren Generationen. Wir sind aber sicher, auch sehr betagte Senioren überzeugen zu können, wenn wir in einer ausführlichen Einführung zeigen, wie einfach das geht.“ Zudem fragten die Soziologen ab, welche Typen der Dienstleistungen erwünscht sind (s. Abb. 4) und wie viel der Service kosten darf. „Dabei hat sich eine finanzielle Obergrenze ergeben. Die Menschen wären bereit, maximal 40 bis 50 Euro monatlich für einen umfangreichen Service auszugeben.“ Ein Limit, das die Forscher für die Zukunft berücksichtigen müssen. Denn bis zum Projektende im August 2011 soll ein stabiles Geschäftsmodell entwickelt werden, das von der Bochumer Wohnungsgesellschaft VBW und der Diakonie Ruhr in Zusammenarbeit mit den bis dahin etablierten Dienstleistern weitergeführt werden soll.

Abb. 3: Rund zwei Drittel der Senioren würden die Stifttechnologie nutzen – das ergab eine Befragung in der Projektsiedlung. Allerdings nimmt die Akzeptanz mit höherem Alter ab.
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Bis dahin gibt es für die Projektpartner allerdings noch einige Hürden zu nehmen, zum Beispiel in der Zusammenstellung und Abwicklung der Serviceleistungen (s. Abb. 5). Damit diese automatisch erfasst werden können, entwickelt der Lehrstuhl für Informations- und Technikmanagement (IMTM) am Institut für Arbeitswissenschaft der RUB ein standardisiertes Bestellformular für jede Dienstleistung – Vordrucke, die möglichst einfach und selbsterklärend aufgebaut sein müssen, gleichzeitig aber eine Fülle von Dienstleistungsvarianten umfassen sollen. Ge-plant sind bisher ein Einkaufsservice, ein Begleitservice für Arzt- oder Amtsbesuche, ein Reparaturservice, Beratungsleistungen zu den Themen Gesundheit und Pflege sowie verschiedene Angebote in Freizeit, Kultur und Sport. „Die Konzeption eines Formulars ist komplizierter, als man vielleicht im ersten Moment denkt. Für alle Dienstleistungen gibt es etliche Varianten, die die Formulare abdecken müssen“, erklärt der Koordinator von „Service4home“ und IMTM-Ingenieur Dr. Rainer Skrotzki. „Einkaufen kann man natürlich in vielen verschiedenen Geschäften, manche Senioren wollen am Einkauf teilnehmen, andere wünschen sich einen einfachen Bringservice.“ Ein Gebrauchstauglichkeitstest kurz vor Beginn der zwölfmonatigen Pilotphase der Serviceagentur soll zeigen, ob die bis dahin ausgearbeiteten Formulare ihren Zweck erfüllen. Sind die Aufträge erst einmal in der Zentrale angelangt, kommt es darauf an, dass sie möglichst effizient umgesetzt werden. Dazu erarbeitet der IMTM-Lehrstuhl in Zusammenarbeit mit den Projektpartnern optimierte Prozessabläufe. „Beim Beispiel Einkauf wird der Dienstleister dann nicht jeden Mieter einzeln beliefern, was teuer wäre, sondern gebündelt und koordiniert alle Nutzer, die Waren aus dem gleichen Geschäft bestellt haben“, so Rainer Skrotzki.

Abb.4: Fünf der meist gewünschten Dienstleistungen werden in einer Pilotphase von „Service4home“ erprobt – darunter besonders beliebt mit 24,4 Prozent der Einkaufsservice.
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Auch in der externen Koordination gibt es bis zum Start der Serviceagentur noch einiges zu tun. So muss das Projektteam Dienstleister – zum Beispiel Einzelhändler oder Kulturveranstalter – finden, die auch ohne Projektförderung finanzierbar sind und gleichzeitig flexibel genug auf die Serviceagentur eingehen können. Zudem fußt das Konzept von „Service4home“ auf
einer Kombination aus gewerblichen Anbietern und ehrenamtlichen Unterstützern. Auch diese gilt es, in ausreichender Zahl zu finden und zu koordinieren. „Natürlich ist das ein gewisses Risiko, denn so hängt der Erfolg des Projekts auch ein stückweit davon ab, ob wir genug Helfer überzeugen können“, erklärt Catherine Ley. Gleichzeitig sehen alle Projektpartner in diesem Ansatz aber auch Potential. „Über gegenseitige Unterstützung kann es zu einer Revitalisierung und damit zu einer Wohlfühlkultur in altersgemischten Wohnquartieren kommen, von der letztendlich alle Bewohner profitieren würden“, so Catherine Ley. „Wenn alle Prozesse optimal ablaufen und ineinander greifen, können wir zeigen, dass „Service4home“ eine sinnvolle Ergänzung der Altersbetreuung ist, von der zukünftig viele Menschen profitieren können.“
Eike Strunk
Info
Service4home: In den eigenen vier Wänden bestens versorgt
Das Projekt Service4home wurde im September 2008 gestartet, bis August 2011 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Forschungsvorhaben mit rund einer Millionen Euro. Die sieben Projektpartner erarbeiten gemeinsam ein Dienstleistungsmodell und eine Serviceagentur, die unter Einsatz von Mikrosystemtechnik die von älteren Menschen nachgefragten Unterstützungsleistungen bündelt und die Arbeit der einzelnen Anbieter koordiniert.
Projektpartner an Ruhr-Universität
- Lehrstuhl für Informations- und Technikmanagement (Prof. Dr. Thomas Herrmann): Projektkoordinierung, Modellierung der Dienstleistungsprozesse, technische Unterstützung und benutzerfreundliche Anwendung
- Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft (Prof. Dr. Rolf Heinze): Expertise demographischer Wandel, Ersterhebung, Soziologische Fragestellungen
Externe Projektpartner
- Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der Ruhr Universität Bochum (InWIS): Expertise der Wohnungssituation, Stadt- und Regionalentwicklung, Entwicklung des Geschäftsmodells
- IMO Institut zur Modernisierung von Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen GmbH: Stifttechnologie, technische Unterstützung, Konzeptberatung-und Anpassung
- Diakonie Ruhr: Personal der Serviceagentur, Betreuung der ehrenamtlichen Helfer, Projektweiterführung gemeinsam mit der VBW
- VBW Bauen und Wohnen GmbH: Mieterkontakte, Betreiber der Serviceagentur, Personal der Serviceagentur, Projektweiterführung gemeinsam mit der Diakonie, Multiplikator in der Immobilienwirtschaft
- Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Technische Universität München/ ISS Hamburg: Externe Beratung und Evaluation
Dienstleistungen:
- Einkaufsservice
- Begleitservice zu Ärzten, Ämtern etc.
- Reparaturservice
- Beratungsleistungen zu den Themen Gesundheit und Pflege
- Begleitung zu Freizeit, Kultur und Sport

