Zerrbilder einer Ehe
Narzissmus-Forscher erfassen den zunehmend einseitigen Blick auf die Partnerschaft
In Gesellschaft sind sie gern gesehene Gäste. Denn betreten sie das öffentliche Parkett, ist ein gelungener Abend meist gesichert. Schwungvoll spielen Narzissten ihre Stärken aus: sie sind unterhaltend, witzig, sparen auch nicht mit Komplimenten. Ihr perfekter Auftritt überzeugt – nicht selten gerade die Frauen. Dabei könnte, was die charmante Bekanntschaft verspricht, als späterer Partner kaum halten.

Abb.1: Narzissmus in der Partnerschaft:
in den Medien vielfach vorgelebt. Hier Jonathan Rhys Meyers und Scarlett Johansson in dem
Kinofilm Match Point.
Narzissten brauchen ihr Publikum, an den Menschen sind sie aber wenig interessiert. Sie nutzen jeden Auftritt, um den eigenen Selbstwert zu erhöhen. „Narzissmus breitet sich aus wie eine Epidemie“, stellt der Bochumer Psychologe Prof. Dr. Hans-Werner Bierhoff fest und verweist auf die Medien, wo es von Narzissten nur so wimmelt. Doch nicht nur Schauspieler oder Politiker „spielen“ es uns vor, einen Narzissten zu treffen, ist auch im täglichen Leben nicht schwer. Kinder werden heute in einer narzisstischen Gesellschaft sozialisiert. Aktuelle Untersuchungen stellen das heraus: So ergab eine Studie unter Studierenden in den USA von 1986 bis 2006 kontinuierlich steigende Durchschnittswerte für Narzissmus, wobei schon 1986 jeder siebente Studierende erhöhte Werte erreichte.
Dabei geht es hier nicht um pathologischen Narzissmus, der sich in einer sog. narzisstischen Persönlichkeitsstörung ausprägt. Der klinisch unauffällige „normale“ Narzissmus bzw. die narzisstische Persönlichkeit steht seit einigen Jahren im Blickpunkt vor allem von persönlichkeits- und sozialpsychologischer Forschung.
Narzissmus ist keine genetische Disposition, und doch durchläuft jedes Kind während seiner natürlichen Entwicklung auch eine narzisstische Phase. Wenn sich daraus aber anstelle einer „gesunden“ Selbstdarstellung ein aggressives Imponiergehabe entwickelt, spiegelt das auch die gesellschaftlichen Verhältnisse wider, etwa eine zunehmende Tendenz zur Individualisierung. Das wirkt bis in die Familien hinein. „Welche Eltern glauben heute noch ein ‚ganz normales Kind‘ zu haben?“, betont Prof. Bierhoff, „gerade Eltern der oberen Mittelschicht sind von „ihrem besonderen Kind“ meist so überzeugt, dass diesem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst grandios zu finden.
Im Berufsleben spielt Narzissmus eine große Rolle. Narzisstische Chefs sind in der Regel durchsetzungsstark und leistungsorientiert, haben aber Schwierigkeiten kooperativ zu arbeiten. Denn Erfolge reklamieren sie zu sehr für sich und schieben Misserfolge gern den Mitarbeitern zu. „Während dieses Feld recht gut erforscht ist und es unter dem Stichwort „Coaching“ Lösungen bei personellen Konflikten gibt, weiß man über den Narzissmus und seine Bedeutung in der Partnerschaft noch recht wenig“, so Bierhoff.
Interessante Einblicke in narzisstische Beziehungen geben jetzt drei aktuelle Studien der Bochumer Sozialpsychologen (s. Info 1). Dabei steht die Beurteilung der eigenen Attraktivität und der des Partners, etwa die Wahrnehmung der äußeren Erscheinung, im Mittelpunkt. Aber auch Statusfragen, wie Bildung und Einkommen, oder die Bewertung der eigenen Anziehungskraft sowie der des Partners wurden einbezogen. Es geht darum, wie der eigene Beitrag zur Partnerschaft eingeschätzt wird und welche Ansprüche an den Partner bzw. die Partnerin sich daraus ergeben.

Abb. 2: Individuelle Ausprägung des Narzissmus – die Häufigkeitsverteilung zeigt deutlich erhöhte Narzissmus-Werte (rechts) bei etwa einem Fünftel der befragten Studierenden.
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In die erste Studie bezogen die Forscher rund 250 Studierende im Alter von durchschnittlich 25 Jahren ein. Alle lebten im Schnitt bereits 42 Monate in einer festen Beziehung bzw. verheiratet, teils im eigenen Haushalt. Mithilfe des sog. Narzisstischen Persönlichkeitsinventars (NPI) erfassten die Forscher zunächst die individuelle Ausprägung des Narzissmus. Dabei handelt es sich um Fragen der Art „Sind Sie schon einmal zu spät gekommen, um einen großen Auftritt zu haben?“, denen jeweils zu oder nicht zugestimmt werden konnte. Die sich daraus ergebende Antwortspanne von 0 bis 1 wurde für einen Mittelwert über alle Befragten von 0 transformiert. Dementsprechend ergab sich -0,42 als niedrigster real auftretender Wert. Er repräsentiert eine Person, die 2 von 40 Fragen im Sinne des Narzissmus bejahte und damit extrem wenig narzisstisch antwortete. Der höchste Wert von 0,50 steht für den „narzisstischen Spitzenreiter“: eine Person, die alle Fragen tendenziell narzisstisch beantwortete. Etwa ein Fünftel der befragten Studierenden zeigte deutlich erhöhte Werte (s. Abb. 2).
Im weiteren Verlauf der Befragung ging es dann um die Einschätzung der eigenen Attraktivität und der des Partners bzw. der Partnerin. So wurde etwa die äußere Erscheinung nach einem Neun-Punkte-System bewertet: Von 1 bis 4 konnten die Befragten wählen zwischen „Ich sehe sehr viel besser/viel besser/etwas besser/wenig besser aus als mein Partner“. Der Wert 5 stand für „gleiche Augenhöhe“, in diesem Fall sahen die Befragten keinen Unterscheid in der Bewertung der äußeren Erscheinung, während der Partner zwischen 6 bis 9 als wenig besser/etwas besser/viel besser/sehr viel besser aussehend eingeschätzt wurde. Es zeigte sich, dass die eigene Attraktivität und damit zugleich die eigenen Beiträge zur Partnerschaft umso mehr überschätzt werden, je narzisstischer die befragte Person war (s. Abb. 3). Diese verzerrte Selbstwahrnehmung von Narzissten führt letztlich dazu, dass sie die Leistung des Partners geringer einschätzen als die eigene und daher kaum würdigen. Im Prinzip können Partnerinnen bzw. Partner von Narzissten tun was sie wollen, wenn das Problem unreflektiert bleibt, übt die narzisstische Person in der Beziehung ständig Druck auf ihren Partner aus. Das kann im Extremfall zu Tendenzen von Ausbeutung in der Partnerschaft führen.

Abb. 3: Mit zunehmendem Narzissmus nimmt auch die Überschätzung der eigenen Beiträge zur
Partnerschaft zu.
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In einer weiteren Studie mit rund achtzig Studierenden setzte das Team um Prof. Bierhoff neben dem NPI auch eine Skala zur Erfassung des natürlichen Selbstwertgefühls ein. Diese weit verbreitete Methode dient dazu, das gesunde Selbstbewusstsein zu erfassen und es somit als möglichen Einflussfaktor auszuklammern. Die Studie zeigte deutlich, dass die Überschätzung der eigenen Leistungen auf den Narzissmus zurückzuführen war und nicht auf das natürliche Selbstwertgefühl.
Schließlich kamen in der dritten Studie auch die Eltern von Studierenden zum Zuge: Rund 50 Elternpaare, die durchschnittlich 51 Jahre alt und 26 Jahre verheiratet waren, nahmen daran teil. Bei dieser Gruppe fielen die Antworten weniger narzisstisch aus als bei den Studierenden. Auch hier war der Narzissmus mit einer höheren Einschätzung der eigenen Beiträge verbunden, während bei der Partnerin bzw. beim Partner kein Zusammenhang zwischen Narzissmus und der Einschätzung der eigenen Beiträge bestand. Kurz gesagt: Wie die Beiträge bewertet werden, hängt auch hier nur vom eigenen Narzissmus ab. Interessant ist, dass die höhere Einschätzung der eigenen Beiträge eines Elternteils mit einer niedrigeren Selbsteinschätzung beim anderen Elternteil verbunden war. Diese in der Tendenz komplementären Urteile führten letztlich zu einer übereinstimmenden Bewertung durch die Partner.
Das Virus des Narzissmus hat zunehmend auch die Partnerschaften „infiziert“. Was empfiehlt der Psychologe, wenn die charmante Bekanntschaft der Abendgesellschaft doch der spätere Partner wurde? „Sich mit seiner Partnerschaft beschäftigen, miteinander sprechen, gegenseitige Sichtweisen austauschen und das Vergangene Revue passieren lassen“, lautet Hans-Werner Bierhoffs Antwort und, „gerade Männer möchten häufig nicht über ihre Partnerschaft reden und wehren dies sogar aktiv ab.“
Männer gelten zwar als das narzisstische Geschlecht, aber die aktuellen Bochumer Studien zeigen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Den Narzissmus-Boom der letzten Jahre führen die Experten auch darauf zurück, dass sich Frauen in ihrem Narzissmus kontinuierlich an den der Männer angleichen.
Die Bochumer Narzissmus-Forscher jedenfalls werden die Partnerschaften weiterhin im Auge behalten. Sie interessiert zum Beispiel, ob die verzerrte Selbstwahrnehmung nur auf bestimmte Aspekte der Partnerschaft gerichtet ist, oder ob sie alle Bereiche der Beziehung betrifft.
bk
Info 1
Mehr über Narzissmus
Die dem Beitrag zugrunde liegenden Studien der Bochumer Sozialpsychologen erscheinen im European Psychologist (2010, im Druck). Einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Narzissmus-Forschung, verbunden mit praktischen Fallbeispielen, gibt das Buch „Narzissmus – die Wiederkehr“ von Hans-Werner Bierhoff und Michael Jürgen Herner, Verlag Hans Huber, 2009.
Info 2
Narzissmus: Mythos und Historie
Der Mythos des Narziss hat dem Narzissmus, auch als Selbstverliebtheit bezeichnet, seinen Namen gegeben. Narziss, ein 16jähriger Jüngling, entzog sich aus Stolz der Liebe der Nymphe Echo. Darauf traf ihn ihr rächender Fluch: Narziss musste fortan sein eigenes Spiegelbild in jedem Wasser lieben, das sich ihm gleichfalls immer entzog.
Narzissmus reicht von der Antike bis in die Postmoderne. Während das Narziss-Thema in der Antike positiv bewertet wurde, verschwand es weitgehend mit dem Niedergang des Römischen Reiches und trat erst wieder in der Spätphase der Kreuzzüge auf. Ende des neunzehnten Jahrhundert nahm die Psychologie ihre Begriffsanleihe auf, indem sie Narzissmus als Neigung beschreibt, den eigenen Körper wie ein Sexualobjekt zu behandeln bzw. darunter im weiteren Sinne die Tendenz zur Selbstbewunderung versteht. Im zwanzigsten Jahrhundert entwickelte sich das Verständnis des Narzissmus durch die Klinische Psychologie und Diagnostik weiter. Dabei spielten die Persönlichkeitsforschung und die Sozialpsychologie eine zentrale Rolle. Die Unterscheidung zweier Formen des Narzissmus beeinflusst die aktuelle Narzissmus-Forschung: der offene, arrogante und selbstsichere und der verdeckte nach außen hin unsichere und ängstliche, Phantasien von Großartigkeit entwickelnde Narzissmus.

