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Nicht alle atmen die gleiche Luft

Wie Sozialstatus und Umweltbelastung zusammenhängen

Bei allen sozialen Unterschieden scheint doch eines klar: Wir atmen alle die gleiche Luft. Das stimmt aber nicht, zeigte eine Studie von Bochumer und Essener Umweltmedizinern und Epidemiologen. Sie stützt die These, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus Umweltbelas-tungen stärker ausgesetzt sind als Kinder aus Familien mit hohem Sozialstatus.

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Abb. 1: Der Großhochofen Schwelgern 1 von ThyssenKruppSteel am 20.7.2003. Im Vordergrund findet das Stadionfest im Schwelgernstadion statt.
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Grundlage für dieses Ergebnis war die sog. Hot-Spot-Studie, die Umweltmediziner um Prof. Dr. Michael Wilhelm (Abteilung für Hygiene, Sozial- u. Umweltmedizin der RUB) im Auftrag des Ministeriums für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MUNLV) durchführten. Sie pickten sich im Jahr 2000 drei Standorte in NRW heraus, in denen wegen der Nähe zu Emittenten Grenzwerte für Luftschadstoffe überschritten wurden (Hot Spot Situation): Den Dortmunder Stadtteil Hörde in direkter Nachbarschaft zum 2001 stillgelegten Stahlwerk „Phoenix-Ost“ der ehemaligen Krupp-Hoesch AG, den Stadtteil Bruckhausen im Duisburger Norden mit einem Industriekomplex der Thyssen-Krupp Stahl AG und den Duisburger Süden, Standort der Metallhütte Duisburg. Zum Vergleich diente die Stadt Borken im Münsterland. Hier fehlt die Schwerindustrie völlig.

Messungen der Luftverschmutzung zeigten, dass sich die Verunreinigungen nicht, wie man annehmen könnte, schnell und gleichmäßig im Stadtteil verteilen (Abb. 2). „In ein und demselben Stadtviertel kann man sowohl in hoch belasteten Gebieten wohnen als auch in Gebieten, in denen nur eine Hintergrundbelastung messbar ist“, verdeutlicht Prof. Wilhelm. „Personen, die näher an Werken wohnen, sind natürlich auch stärker belastet.“ Allein im Stadtteil Bruckhausen in Duisburg Nord lag die Konzentration von Staub in der Luft zwischen weniger als 50 Mikrogramm und bis 100 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zwischen diesen Extremwerten lagen mitunter nur wenige Hundert Meter.

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Abb. 2: Wohnorte der untersuchten Kinder im Duisburger Stadtgebiet. In Rotschattierungen markiert sind die Bereiche mit erhöhter Luftverschmutzung, gemessen als Staubpartikel pro Kubikmeter Luft (total suspended particulate matter, TSP).
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Wie wirkt sich diese Belastung auf die dort lebenden Menschen aus? Um diese Frage zu klären, untersuchten die Forscher insgesamt 968 Vorschulkinder aus den ausgewählten Stadtvierteln und Borken. Befragungen der Eltern, Allergietests, Lungenfunktionstests, Blut- und Urinuntersuchungen fanden im Rahmen der Einschulungsuntersuchung der Kinder im Jahr 2000 statt. Die Studie ergab je nach standortspezifischer Belastungssituation erhöhte Belastung bei Kindern mit Blei, Nickel und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), bei Müttern mit PAK, Cadmium und Nickel. Allergien und Atemwegserkrankungen waren bei Kindern aus den Hot Spots im Durchschnitt häufiger als bei den Borkener Kindern.

Doch wovon hängt es ab, ob ein Kind aus einem industriell geprägten Stadtteil stärker oder weniger stark belastet ist? Seit langem ist bekannt, dass der Gesundheitszustand von Menschen mit geringem Sozialstatus durchschnittlich schlechter ist als der von Menschen mit höherem Sozialstatus. Die Gründe sind unklar: Sind es die Lebensgewohnheiten oder könnte es sein, dass schlechter gestellte Menschen auch Umweltbelastungen stärker ausgesetzt sind als andere? In einer separaten Auswertung gingen die Forscher ins Detail: PD Dr. Barbara Hoffmann vom Universitätsklinikum Essen analysierte die umfangreichen Daten mit Blick auf den Sozialstatus.

Die entsprechenden Angaben zum Sozialstatus der Familie der untersuchten Kinder waren im Zuge der Schuleingangsuntersuchung abgefragt worden. Die Wohnadressen der Familien waren bekannt. Es gab jeweils Angaben zur Dauer der Schulausbildung der Eltern, zu Ausbildung und Arbeitslosigkeit in der Familie, zu Migrationshintergrund, Armut und zu den Wohnverhältnissen. Ungünstige Wohnverhältnisse wurden dann angenommen, wenn der befragte Elternteil angegeben hatte, dass sich die Wohnung in weniger als zehn Metern Entfernung zu einer viel befahrenen Straße befindet und/oder feucht ist. Barbara Hoffmann musste die vorhandenen Daten also passend zu ihrer Fragestellung in Beziehung setzen.

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Abb. 3: Kinder aus Familien mit geringem Sozialstatus sind mehr Umweltbelastungen ausgesetzt als andere. Hier beispielsweise der Zusammenhang zwischen Bildungsstand der Eltern und Staubbelastung in der Luft (TSP), Tabakrauch zu Hause und ungünstigen Wohnverhältnissen nahe einer viel befahrenen Straße bzw. in feuchter Wohnung.
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„Mit Ausnahme des Geschlechts standen alle Indikatoren für den Sozialstatus miteinander in Beziehung“, stellte Dr. Hoffmann als erstes fest. Mit abnehmender Schulzeit und sinkendem Bildungsstand stiegen die Häufigkeiten von Arbeitslosigkeit und Armut. Zum Beispiel waren unter den Eltern ohne Berufsausbildung 45,7 Prozent arbeitslos, unter denen mit Universitätsabschluss nur 12 Prozent. Knapp 64 Prozent der Familien, die in Armut leben, waren von Arbeitslosigkeit betroffen.

Und es zeigte sich tatsächlich auch: Kinder aus Familien, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstand haben, arbeitslos oder arm sind, sind häufiger einer starken Luftverschmutzung ausgesetzt als andere und leben öfter in ungünstigen Wohnverhältnissen (Abb. 3). „Es ist ganz einfach“, sagt Prof. Wilhelm: „Wer es sich leisten kann, zieht aus den Gegenden mit starker Luftverschmutzung in direkter Nachbarschaft zum Werk weg. Die, die es sich nicht leisten können, sind die, die zurückbleiben.“ Hinzu kommt, dass Kinder mit niedrigem Sozialstatus zu Hause häufiger Tabakrauch ausgesetzt sind als andere.

Nicht nur die Umweltbelastung, auch der Gesundheitszustand der Kinder war in den verschiedenen sozialen Gruppen unterschiedlich. Zwar ließ sich bei der Häufigkeit allergischer Sensibilisierung – gemessen mittels Blutest – kein eindeutiger Zusammenhang mit dem Sozialstatus feststellen. Mit sinkendem Sozialstatus ging aber ein gesteigerte Häufigkeit von Auffälligkeiten im Lungenfunktionstest einher (Abb. 4). „Diese Auffälligkeiten deuten noch nicht auf eine Erkrankung hin“, erläutert Dr. Barbara Hoffmann. „Wir haben es zum Beispiel als auffällig gewertet, wenn das Kind eine geringere Menge Luft einatmen konnte, was auf ein verringertes Lungenwachstum hindeuten kann. Oder auch, wenn das Kind weniger als der Durchschnitt ausatmen konnte, ein möglicher Hinweis auf eine Verengung der Atemwege.“ Die Befragungen der Eltern nach Allergien und Atemwegserkrankungen ihrer Kinder lieferten verglichen mit den Blut- und Lungenfunktionstests ein umgekehrtes Ergebnis. Hier waren Kinder aus Familien mit geringerem Sozialstatus seltener betroffen als andere.

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Abb. 4: Zusammenhang der Auswirkungen von Umweltgiften auf Kinder mit dem Sozialstatus der Familie
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„Für dieses Ergebnis fehlt uns eine zufriedenstellende Erklärung“, sagt Prof. Wilhelm. Verschiedene Gründe könnten eine Rolle spielen. „Der sog. Hygienehypothese zufolge neigt besonders zu Allergien, wer in den ersten Lebensjahren in sehr sauberer Umgebung aufgewachsen ist.“, erklärt Prof. Wilhelm. Der Kontakt mit anderen Menschen wie auch Infektionen in der frühen Kindheit scheinen einen schützenden Effekt vor Allergien zu haben. Kinder aus Familien mit geringerem Sozialstatus sind hier im Vorteil; sie haben zum Beispiel häufiger Geschwister. Auch andere Risikofaktoren für Allergien finden sich in der Gruppe mit niedrigem Sozialstatus seltener. So waren die Kinder von Immigranten in der Studie – ein Migrationshintergrund ging häufig mit niedrigerem Sozialstatus einher – seltener das Erstgeborene und ihre Mütter rauchten seltener während der Schwangerschaft oder der ersten Lebensjahre des Kindes.

Aber auch andere Faktoren könnten zu dem Ergebnis beitragen und es möglicherweise verzerren: Vielleicht spielen auch mangelnde Zeit bei der Beantwortung des Eltern-Fragebogens, eingeschränkte Lesefähigkeit, Erinnerungslücken oder die Fehlinterpretation von Symptomen zu unzutreffenden Angaben durch die Eltern. „Wenn man eine deutsche und eine türkische Mutter fragt, ob ihr Kind ‚trockenen Husten‘ oder eine Allergie hat, kann es sein, dass beide etwas ganz anderes darunter verstehen“, erklärt Dr. Hoffmann.

Alles in allem stützt die Studie die Theorie, dass ein geringerer Sozialstatus zu einer stärkeren Umweltbelastung führt. Um sicher zu gehen, müsse man jedoch mit größeren Gruppen arbeiten, meint die Spezialistin. „Da die Verzerrungseffekte allerdings erfahrungsgemäß die Ergebnisse der verschiedenen Gruppen eher nivellieren, könnte es sein, dass wir in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus ein noch größeres Problem haben als es sich hier darstellt“, schätzt sie.
md