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„Nirgends ist es so wie im Durchschnitt“

Familienpolitik im 21. Jahrhundert

Genauer hinschauen, so einfach könnte eine Devise lauten, unter der das Bochumer ZEFIR-Team (Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung an der Ruhr-Universität Bochum) Sozialforschung betreibt. Erfolgreiche Familienpolitik muss wissen, was vor Ort geschieht, was notwendig ist, um eine Verbesserung der Lebenssituation zu ermöglichen. „Es gibt keine Familienpolitik von der Stange“, konstatiert Professor Dr. Klaus Peter Strohmeier, geschäftsführender Leiter des ZEFIR.

leyendecker, Schölmerich

Abb. 1: Schuleingangsuntersuchungen sind wichtige Quellen sozialwissenschaftlicher Analysen.

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Abb. 2: Der Anteil der Kinder mit mindestens einer Unsicherheit in Sprachverständnis und Grammatik ist im Mülheimer Stadtteil Styrum am höchsten.
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leyendecker, Schölmerich

Abb. 3: Freizeitverhalten und Gesundheitszustand von Kindern. Der übermäßige Konsum elektronischer Medien kann nachweislich zu Sprachauffälligkeiten führen und Übergewicht zur Folge haben.
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Abb. 4: Bildungshintergrund der Eltern und Freizeitverhalten von Kindern. Auch Kinder aus niedrigeren Bildungsschichten könnten bessere Leistungen erbringen, würden sie Sport treiben und sich weniger mit elektronischen Medien beschäftigen.

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Abb. 5: In Mülheim finden Schulanfänger ein kostenloses Jahresticket für einen Sportverein ihrer Wahl in der Schultüte.
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Zwischen dem, was Familien brauchen und dem, was ihnen familienpolitisch vor Ort angeboten wird, gibt es zu wenig Abstimmung, stellen die Bochumer Sozialwissenschaftler in ihren Studien weiter fest. In jeder Stadt existieren unterschiedliche Räume und damit Bevölkerungs- und Familienstrukturen. Außerdem gebe es auf der politischen wie auf der Verwaltungsebene ein Missverhältnis zwischen den „gefühlten“ sozialen Problemlagen in einer Stadt und ihrem quantitativ tatsächlich statistisch nachweisbaren Ausmaß.

Die Herausforderungen an die Politik, insbesondere an die Kommunalpolitik, sind umfangreich und miteinander verknüpft: ökonomisch, mit Blick in die sich leerenden Kassen, demographisch in Betrachtung der Überalterung der Gesellschaft, sozial im Hinblick auf die sich verändernden traditionellen Lebensformen, kulturell gesehen, wenn die lokale Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt und Gemeinde schwindet sowie international mit Blick auf die Migranten.

Vor diesem Szenario gewinnt die Familienpolitik an Gewicht und ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts gleichzusetzen mit Bevölkerungspolitik. Denn je knapper der Nachwuchs wird, desto weniger kann sich eine Gesellschaft die soziale Vererbung eingeschränkter Lebenschancen leisten. Aber gerade über die Mittel der Familienpolitik ließen sich die Lebensbedingungen der Familien, in denen Kinder aufwachsen, zu einem frühen Zeitpunkt verbessern. Schließlich haben die Bochumer Sozialwissenschaftler in ihren Studien nachweisen können (s. Info 1), dass sich die Bindungen, unter denen Kinder und Jugendliche in Deutschland aufwachsen, im kleinräumigen Vergleich erheblich unterscheiden.„

Nirgendwo in der Stadt ist es wie im Durchschnitt“, sagt Prof. Strohmeier und verweist auf die Bedeutung der kleinräumigen Beobachtung als wichtiges Analyse- und Steuerungsinstrument. Wie genau und kleinräumig hingeschaut werden kann und mit welch überraschenden Ergebnissen aufgewartet wird, zeigen beispielsweise die Analyse und Auswertung von Schuleingangsuntersuchungen oder die Datenanalyse von Kindertageseinrichtungen.

Volker Kersting, Bereichsleiter Sozialberichterstattung im ZEFIR, weiß über einige spannende „Ausreißerwerte“ zu berichten. Beispielsweise die Analyse eines Kindergartenscreenings für die Jahre 2004 bis Anfang 2008 in Mülheim an der Ruhr. Hier fallen 21 „sozial schwache“ Kinder auf, weil sie das erwartete und gewohnte Bildungsprofil deutlich überbieten. Der erwartete lineare Verlauf des Zusammenhangs je schlechter der familiäre Hintergrund desto geringer die Fähigkeiten der Kinder wird unterbrochen. Erste nähere Betrachtungen zeigen, dass viele dieser Kinder dieselben Kindertagesstätten besucht haben. „Eine spannende Erkenntnis“, wie Volker Kersting bestätigt und gleichzeitig die Beantwortung weiterer Fragen nach dem Wie und Warum in die Zukunft verweist. An dieser Stelle, so auch Prof. Strohmeier, mahnen beide Sozialwissenschaftler zusätzliche Untersuchungen und Befragungen an, die zu einem späteren Zeitpunkt „sichere“ Aufschlüsse dieses „Ausreißers“ zulassen werden.

Schuleingangsuntersuchungen und Untersuchungen in Kindertagesstätten sind für Volker Kersting seit einigen Jahren wichtige Quellen sozialwissenschaftlicher Analysen. Dazu gehört etwa das Mülheimer Kindergartenscreening „Füchse“, in dem von 2004 bis 2008 insgesamt 3860 Kinder zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren auf Motorik, Sprache, Wahrnehmung und allgemeine Fertigkeiten hin untersucht wurden. Die Daten deckten in einzelnen Stadtteilen extreme Defizite auf, beispielsweise in den sprachlichen Fähigkeiten der Kinder (Abb. 2).

Im Rahmen von Schuleingangsuntersuchungen werden jährlich in allen Kommunen umfangreiche Daten zum Gesundheitszustand aller Schulanfänger erhoben. Diese Informationen ermöglichen eine differenzierte Beschreibung der gesundheitlichen Situation einer gesamten Alterskohorte. Da die Daten prinzipiell auch kleinräumig auswertbar sind, können mit ihnen ebenfalls wichtige Erkenntnisse über die gesundheitlichen Defizite der Kinder gewonnen werden. Es handelt sich um Einzeldaten, die relativ einfach zu erschließen und die erweiterungsfähig sind. „Eine Möglichkeit, die bisher wenig genutzt wird“, erklärt Kersting. Beispielsweise lassen sich über die Auswertung dieser Daten eindeutige Ergebnisse zum Thema „Übergewicht“ dokumentieren, woraus wiederum Rückschlüsse auf die individuelle soziale Lage, den Konsum elektronischer Medien und den ethnischen Status gezogen werden können (Abb. 3).

Oder ein weiteres Beispiel aus der Stadt Mülheim an der Ruhr: Hier wurde in einer Auswertung festgestellt, dass Kinder, die in einem Sportverein trainieren, bessere Leistungen für den Schulbeginn mitbringen. Deutlich schlechter für die Schule gerüstet sind dagegen Kinder mit einem hohen Konsum elektronischer Medien (Abb. 4). Beides hängt mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammen. Dabei sprechen die Analysen dafür, dass auch Unterschichtkinder bessere Leistungen erbringen könnten, würden sie Sport treiben und weniger Zeit auf die Nutzung elektronischer Medien verwenden. Die Frage nach der sportlichen Betätigung der Kinder ist seither fester Bestandteil des Fragebogens einer Schuleingangsuntersuchung in Mülheim an der Ruhr. Doch damit nicht genug. Verwaltung und Politik in Mülheim nehmen neuerdings die Vereine in die Pflicht, so dass alle Schulanfänger ein kostenloses Jahresticket für einen Sportverein ihrer Wahl in der Schultüte finden (Abb. 5). Die Kosten teilen sich die Vereine und eine Stiftung. „An der Bildung des Elternhauses können wir nicht mehr viel machen“, sagt Kersting, „die Stellschraube sehen wir wie in diesem Beispiel in den Größen Sport und Medien. An denen können wir drehen“.

Ziel dieser ortsgenauen Beobachtungen ist es in erster Linie, den Verantwortlichen in den Städten, aber auch der Öffentlichkeit objektivierte Daten über die Bedingungen bereitzustellen, wie beispielsweise Familienpolitik in den unterschiedlichen Stadtbezirken „wirkt“. Auf diesem Weg könnten problematische Entwicklungen oder bislang „unauffällige Stadtteile“ frühzeitig entdeckt und somit präventiv gehandelt werden. Dieser Aspekt wird mit Blick auf die vielfältigen öffentlich geförderten Stadtteil- und Stadtentwicklungsprojekte an Wichtigkeit gewinnen. Spätestens dann, wenn die Kommunen Mittel kürzen und Umverteilungsentscheidungen getroffen werden müssen.

ZEFIR und die Stadt Mülheim an der Ruhr wollen künftig Wissenschaft und Kommunalpolitik enger verzahnen und haben kürzlich ihre langjährige Kooperation auf dem Gebiet der kommunalen Familienpolitik und der sozialen Stadtentwicklung auf eine vertragliche Grundlage gestellt (s. Info 2).

Ingrid Kozanák

Info1

Weiterführende und detaillierte Informationen zum Thema Sozialpolitik und Familie bietet u.a. der von Strohmeier/Kersting/Triesch bearbeitete Projektbericht „Soziale Kontextbedingungen der Stadtteilentwicklung. Indikatorengestütztes Monitoring im Rahmen der Evaluation des integrierten Handlungsprogramms „Soziale Stadt“ in Nordrhein-Westfalen“, die im Auftrag des Städtenetzes „Soziale Stadt NRW“ (ein Zusammenschluss von 29 Städten in Nordrhein-Westfalen im Programm „Soziale Stadt“, in Kooperation mit dem Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen und dem Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung) 2008 erstellt worden ist. Mit dieser Studie wurde erstmalig landesweit eine differenzierte und zugleich thematisch breit angelegte Erhebung von 50 Indikatoren für die kleinräumige Ebene in über 20 Städten und 40 Programmgebieten der Sozialen Stadt für drei Jahre vorgenommen. Die Untersuchung sollte Strukturen und Entwicklungen in den Programmgebieten umfassend dokumentieren, „gefühlte Ungleichheit“ und „gefühlte Problemlagen“ anhand objektivierter Daten überprüfen und als Dauerbeobachtung des Wirkungsfeldes von Projekten in der „Sozialen Stadt“ dienen.

Info 2

InfoDie Ruhr-Universität Bochum, vertreten durch das Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung – ZEFIR, und die Stadt Mülheim an der Ruhr haben Ende August 2009 ihre langjährige gute Zusammenarbeit auf dem Gebiet der kommunalen Familienpolitik und der Sozialforschung auf eine vertragliche Grundlage gestellt. Die Kooperationsvereinbarung sieht vor, die systematische Analyse des demographischen und gesellschaftlichen Wandels weiter zu verbessern, den Zugang der Universität zur kommunalen Statistik sowie zu Politikfeldern und umgekehrt, den Transfer von Forschungsergebnissen in die kommunale Praxis zu optimieren. So hat beispielsweise ZEFIR gemeinsam mit der Stadtverwaltung einen ersten „Familienbericht“ erarbeitet, der den Verantwortlichen vor Ort ermöglicht, bestehende sozialpolitische Aktivitäten auf ihre Wirkung zu überprüfen und alternative Wege in der kommunalen Familien- und Sozialpolitik einzuschlagen. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen bildet laut Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier, Geschäftsführender Leiter von ZEFIR, ein künftiges zentrales Arbeitsfeld der Kooperationspartner.