Die Welt wird größer

Liebe Leserin, lieber Leser,

was kann ein Fußballturnier, das neulich in Dortmund veranstaltet worden ist, mit einer mittelalterlichen Handschrift aus Spanien zu tun haben? In beiden Fällen kann es, wie die Beiträge zu Forschungsprojekten am Centrum für religionswissenschaftliche Studien (CERES) in dieser Ausgabe von Rubin zeigen, um den Kontakt zwischen verschiedenen religiösen Traditionen gehen. Die zwei Artikel demonstrieren das breite Spektrum an Themen, die im Research Department CERES behandelt werden.

Freilich sind nicht nur die Untersuchungsgegenstände, sondern auch die wissenschaftlichen Perspektiven, die an das Material herangetragen werden, zum Teil sehr unterschiedlich. In der NRW-Nachwuchsforschergruppe „Religion vernetzt“ lautet beispielsweise eine der wichtigen Fragen: Wie wird religiöse Vielfalt in modernen Einwanderungsgesellschaften politisch und rechtlich reguliert, um das verbürgte Recht auf Religionsfreiheit zu sichern und die friedliche Koexistenz zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften zu fördern? Im Forschungsprojekt „Quellen des interreligiösen Dialogs“ (QUID) hingegen, das im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Käte Hamburger Kollegs „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ durchgeführt wird, stehen folgende Fragen im Zentrum: Worum wird in interreligiösen Dialogen gerungen, und welche rhetorischen Strategien werden verwendet, um die eigene Position zu behaupten oder sie mit anderen Standpunkten zu vermitteln?

Die verschiedenen Fallstudien und unterschiedlichen wissenschaftlichen Herangehensweisen werden im CERES durch das gemeinsame Forschungsprogramm „Relational Religion“ aufeinander bezogen. Der Ansatz der Relationalität bezieht sich zum einen darauf, dass kein religiöses Kollektiv für sich besteht und isoliert betrachtet werden kann, sondern sich stets in Beziehung mit anderen entwickelt und somit im jeweiligen religiösen Umfeld untersucht werden muss. Diesem Aspekt widmet sich insbesondere das Käte Hamburger Kolleg, in dem es um Religionskontakte und -transfers geht. Zum anderen befindet sich Religion immer im Austausch mit anderen gesellschaftlichen Bereichen wie etwa Politik, Wirtschaft, Recht, Kunst und Medizin. Für diesen Gesichtspunkt der Relationalität sind die CERES-Arbeitsbereiche „Religion und Wissen“, „Religion und Erfahrung“, „Religion und Handeln“ sowie „Religion und Materialität“ zuständig.

Wir leben in einer Welt, die in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht auf rasante Weise zusammenwächst. Globalisierung ist jedoch nicht nur auf die genannten Aspekte beschränkt, sondern hat auch eine kulturelle Dimension. Sie schließt unterschiedlichste Weltsichten und Lebensweisen und somit auch religiöse Diversität ein. Mit der Globalisierung wird die Welt also nicht kleiner, sondern wegen der erfahrbaren Vielfalt immer größer. Nicht zuletzt deshalb können wir jeden Tag lesen, sehen und hören, dass Religion auch in der modernen Gesellschaft wichtig bleibt, statt zu verschwinden, wie man für lange Zeit angenommen hat. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich aus über 20 Fächern im CERES zusammengefunden haben, wollen verstehen, wie sich das religiöse Feld aus verschiedenen Positionen zusammensetzt, wie die Grenzen zwischen dem Religiösen und dem Säkularen stets neu bestimmt werden und welche Bedeutung Religion in geopolitischen ebenso wie in nationalen und regionalen Identitätspolitiken hat. Dabei ist die Zusammenarbeit zwischen regionalwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Fächern unabdingbar. Und auch wenn angesichts zahlreicher Konflikte – von Mohammed-Karikaturen bis zum Streit um das sogenannte christliche Abendland – die Fragen der Gegenwart drängend sind, kann ein Blick in die Geschichte nicht schaden. Mit historischen Untersuchungen können wir Langzeitperspektiven einnehmen und erkennen, was etwa eine mittelalterliche Handschrift mit einem neulich stattgefundenen Fußballturnier zu tun haben kann.

Prof. Dr. Volkhard Krech,
Direktor des Centrums für Religionswissenschaftliche Studien CERES