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M. Orth H.-W. Duchna
S. Kotterba K. Rasche G. Schultze-Werninghaus |
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Anhand großer Bevölkerungsstudien wurde ein gehäuftes Auftreten
von Bluthochdruck, Verengung der Herzkranzgefäße, Herzinfarkt, Schlaganfall
und Gefäßverkalkung bei Schlafapnoe-Patienten nachgewiesen. Letztlich
führt das zu einer erhöhten Sterblichkeitsrate. Allerdings wurden
auch bekannte Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei
diesen Patienten festgestellt, wie Zucker- und Fettstoffwechselerkrankungen,
Übergewicht und Zigarettenrauchen. Im Schlaflabor zeigte sich, dass
die charakteristischen, wiederholt auftretenden Atemstillstände
(Apnoen) unmittelbare Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem
und den Blutdruck haben. Daher vermuten Schlafmediziner seit langem
eine kausale Beziehung zwischen dem Schlafapnoe-Syndrom und Erkrankungen
des Herz-Kreislaufsystems. Die verminderte Sterblichkeitsrate bei
CPAP-Therapie unterstützt diese Vermutung.
Ungeklärt war bisher allerdings die Frage, wie die akuten Auswirkungen
auf das Herz- Kreislaufsystem im Schlaf zu einer chronischen Herz-
und Kreislauferkrankung führen können. Die Arteriosklerose („Gefäßverkalkung“)
ist die „Endstrecke“ einer Gefäßerkrankung und zugleich die Vorstufe
vieler Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems. Sie beginnt
zunächst als funktionelle Störung, bei der die Zellen der innersten
Gefäßschicht (Endothelzellen) geschädigt werden. Diese funktionelle
Störung der Endothelzellen (endotheliale Dysfunktion) wird als Frühstadium
der Arteriosklerose betrachtet (s. Abb. 5). Es stellt sich nun die
Frage, ob diese Zellen vielleicht auch die Brücke vom Schlafapnoe-Syndrom
zu den Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems bilden. Wir untersuchen
deshalb die Funktion der Gefäßendothelzellen bei Schlafapnoe-Patienten
vor und unter CPAP-Therapie mit einer speziellen Handvenen-Meßtechnik
(Handvenen-Compliance-Meßtechnik, s. Abb. 6).
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Abb. 6: Wie elastisch die Gefäße
sind, lässt sich mit Hilfe einer speziellen Messtechnik
an den Handvenen prüfen: Zunächst wird die Handvene
gestaut, anschließend mit Adrenalin verengt (links) und
schließlich mit dem körpereigenen Hormon Bradykinin
in steigender Dosierung wieder erweitert (rechts).
LVDT: Linearvariabler Differenztransformator (Messspule) |
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In die Untersuchungen einbezogen wurden Schlafapnoe-Patienten
im Alter zwischen 40 bis 60 Jahren, wobei Raucher, Diabetiker, Patienten
mit erhöhten Blutfettwerten, Bluthochdruck, einer Erkrankung der
Herzkranzgefäße, der gehirnversorgenden Gefäße oder anderen bekannten
Risikofaktoren für eine Arteriosklerose ebenso ausgeschlossen wurden
wie Patienten, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten
hatten. Das Schlafapnoe-Syndrom wird im Schlaflabor (Abb. 7) diagnostiziert.
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Abb.
7:
Einfach schlafen: Im Schlaflabor stellt sich heraus, ob der Patient
unter einem Schlafapnoe-Syndrom leidet. |
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Gefäße im Test
Um die Gefäßweitenregulation zu überprüfen, d.h. die Fähigkeit
der Gefäße, sich auszudehnen und wieder zu verengen, verwenden wir
zwei Substanzen: das körpereigene Hormon Bradykinin und Nitroglycerin.
Bradykinin wirkt über die Endothelzellen, während Nitroglycerin
direkt auf die Gefäße einwirkt, sie spontan erweitert. Für die Gefäßerweiterung
selbst ist in beiden Fällen der Botenstoff NO (Stickstoffmonoxid)
verantwortlich. Bradykinin fördert die Freisetzung von NO aus den
Endothelzellen, während im Nitroglyzerin selbst NO gebunden ist.
Wenn sich mit Hilfe von Nitroglyzerin die Gefäße nicht mehr erweitern
lassen, dann liegt ein ausgeprägtes, vom Schlafapnoe-Syndrom unabhängiges
Gefäßverhalten vor. Bei der Handvenen-Messung wird zunächst die
Vene gestaut (100 Prozent Gefäßweite), anschließend mit Adrenalin
verengt und dann mit Bradykinin in steigender Dosierung wieder erweitert.
Die Patienten mit einem Schlafapnoe-Syndrom zeigten nach Bradykiningabe
eine deutlich herabgesetzte Gefäßreaktion (s. Abb. 8).
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Abb.
8:
Bei Patienten mit Schlafapnoe-Syndrom erweitern sich die Gefäße
nach Bradykinin-Gabe wesentlich weniger als bei gesunden Testpersonen.
Die Regulationsfähigkeit der Gefäßweite ist deutlich
herabgesetzt. Dargestellt sind Median (waagerechte Linie), Mittelwert
(unterbrochene Linie), Pezentilen 25-75 (Box), Perzentilen 10-90 (senkrechte
Linien) sowie einzelne Extremwerte. |
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Als Vergleich diente eine gesunde Patientengruppe von entsprechender
Geschlechtsverteilung, Alter, Körpergröße und Körpergewicht. Nach
Bradykiningabe erweiterten sich die Venen bei Schlafapnoe-Patienten
lediglich auf rund 60 Prozent, während die gleiche Stimulation bei
den gesunden Kontrollpersonen eine Gefäßerweiterung von ca. 95 Prozent
des Normalwertes (gestaute Vene) bewirkte. Dies spricht für eine
funktionelle Störung der Endothelzellen. Da die Gefäßreaktion nach
Gabe von Nitroglycerin uneingeschränkt funktionierte, wurde die
Gefäßweite nicht etwa durch eine Verkalkung fixiert. Unsere Ergebnisse
weisen auch auf eine Abhängigkeit zwischen der Funktionsstörung
der Endothelzellen und dem Schweregrad sowie der Krankheitsdauer
bei Schlafapnoe-Syndrom hin.
Therapie für elastische Gefäße
Daraufhin wurde bei allen Patienten eine CPAP-Therapie (ca. 8,5
mbar) eingeleitet, die bei einer Kontrolle nach sechs Monaten die
Funktion der Endothelzellen deutlich verbessert hatte (s. Abb. 9).
Nach rund 190 Nächten unter CPAP-Therapie erweitern sich die Gefäße
nach Bradykinin-Gabe auf 103 Prozent - vor der Therapie wurden nur
60 Prozent erreicht. Die CPAP-Therapie wurde durchschnittlich fünf
Stunden je Nacht angewandt. Die Funktion der Endothelzellen konnte
damit wieder vollständig hergestellt werden.
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Abb.
9:
Gefäßerweiterung nach Bradykinin-Gabe vor und nach der
CPAP-Therapie im Vergleich zu gesunden Testpersonen. Dargestellt sind
Median (waagerechte Linie), Mittelwert (unterbrochene Linie), Perzentilen
25-75 (Box), Perzentilen 10-90 (senkrechte Linien) sowie einzelne
Extremwerte.
Emax: maximale Gefäßerweiterung |
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Unsere Untersuchungen weisen erstmals die Endothelzellen der Gefäßwand
als Bindeglied in der kausalen Kette von der Schlafapnoe- zu den
Herz-Kreislauf- Erkrankungen aus. Zugleich wird deutlich, dass es
noch sehr viel zu erforschen gibt: Es bleibt zu klären, wie es zu
der Schädigung der Zellen kommt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang
zwischen einem nächtlichen Atmungsstress der Betroffenen und dem
Einwirken mechanischer Kräfte (Scherkräfte) auf die Endothelzellen:
Mechanische Signale könnten dann in biochemische Signale umgewandelt
werden und die Endothelzellen schädigen.
Eine andere Hypothese bezieht sich auf den Abfall und Anstieg des
Sauerstoffgehaltes. Dabei können sich gefährliche Radikale bilden,
die die Endothelzellen direkt angreifen. Eine Therapie der Schlafapnoe-Erkrankung
ist entscheidend für die Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die CPAP-Technik hat sich dafür als Mittel der Wahl erwiesen. Wenngleich
sie die Ursachen der Erkrankung nicht beseitigt, kann eine frühzeitige
und konsequente Therapie die kausale Kette hin zu drohenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen
unterbrechen und letztlich die Sterblichkeitsrate senken. Eine Alternative
zur CPAP-Therapie kann die Beseitigung anatomischer Ursachen der
Erkrankung durch Operation oder Behandlung sein - und auch hier
gilt, ein gesunder Lebensstil mit entsprechender Ernährung und sportlicher
Betätigung kann Prophylaxe sein. Denn auch hier zeigt sich, dass
im Übergewicht die Wurzel zahlreicher Erkrankungen liegt.
Wie unsere Untersuchungen jetzt belegen, besteht bei der Schlafapnoe-Erkrankung
ein extrem erhöhtes Unfallrisiko, das eine individuelle und kollektive
Gefahr darstellt - von den Kosten ganz zu schweigen. Das ist der
Gesellschaft noch nicht bewusst. Da die Dunkelziffer bei dieser
Erkrankung vermutlich hoch ist, muss sich die ärztliche Versorgung
zukünftig viel mehr dem „Erkennen und Behandeln“ des Schlafapnoe-Syndroms
widmen. Nicht zuletzt würde dies enorme Kosteneinsparungen mit sich
bringen.
Unser Dank gilt der Abteilung für Angewandte Physiologie,
Ruhr-Universität Bochum (Leiterin: Prof. Dr. med. Marianne E. Schläfke).
Literatur Duchna, H.-W., Guilleminault, C., Stoohs, R.A., Faul,
J.L., Moreno, H., Hoffman, B.B., Blaschke, T.F.: Vascular reactivity
in obstructive sleep apnea syndrome. Am J Respir Crit Care Med 2000;
161: 187-191 Rasche, K., Duchna, H.-W., Merget, R., Kotterba, S.:
Arbeitsmedizinische und gutachterliche Bewertung des obstruktiven
Schlafapnoe-Syndroms, Schlafbezogene Atmungsstörungen in Klinik
und Praxis. Blackwell, Berlin, Wien, 1999:190-7 Orth, M., Leidag,
M., Kotterba, S., Widdig, W., de Zeeuw, J., Walther, J.W., Duchna,
H.-W., Schäfer, D., Schläfke, M.E., Schultze-Werninghaus, G., Rasche,
K.: Abschätzung des Unfallrisikos bei obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom
(OSAS) durch Fahrsimulation, Pneumologie, im Druck
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