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„Kurz eingenickt“ - die Folgen für Mensch und Gesellschaft

 

Vermutlich wissen viele Menschen nicht, dass ihr Sekundenschlaf eine tiefere Ursache hat. Zumindest Schnarcher könnten stark gefährdet sein, wenn sich hinter der Tagesmüdigkeit ein Schlafapnoe-Syndrom verbirgt: Nicht nur ihr Unfallrisiko im Straßenverkehr verdoppelt sich. Schlafmediziner haben jetzt das Bindeglied zwischen dem nächtlichen Atmungsstress und der drohenden Herz-Kreislauf-Erkrankung entdeckt.

 

Abb. 1:
Als „Pickwick-Syndrom“, benannt nach der Romanfigur des Little Joe in Charles Dickens „Die Pickwickier“, ging das Schlafapnoe-Syndrom zunächst in die medizinischen Fachbücher ein. Dickens beschreibt mit dem „...fetten, rotbackigen Jüngling...“ (im Bild rechts oben) bereits 1837 die heute so aktuelle Erkrankung: „Der Kerl schläft immer. Geht einkaufen und schläft dabei, und schnarcht, wenn er bei Tisch serviert“.

Mindestens zwei Prozent der Frauen und vier Prozent der Männer im Alter zwischen 30 und 60 Jahren leiden unter speziellen Atmungsstörungen im Schlaf, dem sog. obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom (OSAS). Zu den Hauptsymptomen dieser Erkrankung gehört das Schnarchen, begleitet von Atemaussetzern, durch die die Sauerstoffversorgung des Gehirns für kurze Zeit unterbrochen wird. Die Atmungsstörung ist Folge einer krankhaft erhöhten Kollapsneigung der Atemwege: Die nervliche Steuerung der Muskelspannung funktioniert nicht mehr, die Muskulatur erschlafft, die Zunge fällt in den Rachenraum zurück und verschließt die Atemwege. Es können auch anatomische Besonderheiten vorliegen, die den Atmungsstrom behindern, wie Fehlbiss, eine vergrößerte Zunge, vergrößerte Rachenmandeln, eine angeschwollene Nasenschleimhaut oder auch krankhaft veränderte Wandstrukturen - meist Fetteinlagerungen - im Rachenraum. Die Behandlung der Wahl ist heute die so genannte CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure): Der Patient atmet über eine Nasenmaske bei kontinuierlichem Überdruck ein, was die Atemwege wie durch eine „pneumatische Schienung“ offen hält.

Die besondere Bedeutung des Schlafapnoe-Syndroms liegt in seinen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Die Patienten sind in erhöhtem Maße von Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Schlaganfällen betroffen. Neben der individuellen Gefährdung stellt die Erkrankung aber auch eine kollektive Gefahr dar: von Schlafapnoe-Patienten gehen häufiger Unfälle im Straßenverkehr aus. Bereits beim starken Schnarcher ist das relative Risiko, mindestens einen Unfall innerhalb von fünf Jahren zu verursachen, auf das Dreifache erhöht. Bei einem voll ausgeprägten Schlafapnoe-Syndrom kann das Unfallrisiko sogar bis auf das Siebenfache gesunder Menschen ansteigen. Die erhöhte Unfallneigung ist vor allem auf eine starke Tagesmüdigkeit zurückzuführen. „Einschlafen am Steuer“ löst nach einer bayerischen Studie fast ein Viertel aller tödlichen Unfälle aus - und erweist sich als die häufigste Unfallursache überhaupt. Wer am Arbeitsplatz müde ist, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere: z.B. der Busfahrer oder der Pilot den sicheren Transport von Menschen oder Gefahrengut.

Unfallrisiko siebenfach erhöht

Doch auch die finanziellen Konsequenzen sind enorm: So wurden z.B. in den USA die Gesamtkosten der durch Müdigkeit bedingten Arbeits- und Verkehrsunfälle im Jahre 1988 auf 43 bis 56 Milliarden Dollar geschätzt. Der Anteil der Kosten durch Arbeitsunfälle lag bei 10 bis 25 Milliarden US-Dollar. In den USA wird das Schlafapnoe-Syndrom als eine der häufigsten Ursachen von erhöhter Tagesmüdigkeit angesehen. Die Unfallhäufigkeit im Straßenverkehr lässt sich durch verschiedene Methoden erfassen, z.B. durch die Befragung von Patienten (Anamnese), anhand der Analyse staatlicher Unfalldatenbanken oder durch Untersuchungen am Fahrsimulator (s. Abb. 2).

 
   
Abb. 2:
Im Fahrsimulator werden reale Situationen im Straßenverkehr – insbesondere die kritischen, ermüdenden Bedingungen – perfekt imitiert.

Fahrsimulatoren werden heute häufig eingesetzt, um den Erfolg einer Schlafapnoe-Therapie zu kontrollieren. Die komplexe Leistung des Autofahrers lässt sich auf diese Weise sehr realitätsnah erfassen, ohne dass dabei Patient oder Arzt gefährdet werden. Der Fahrsimulator imitiert die reale Situation im Straßenverkehr - insbesondere die Bedingungen, unter denen der Patient einschläft. Die Fahrerkabine ist exakt dem Fahrerplatz eines Pkw nachgebildet. Lenkrad, Blinker, Scheibenwischer, Pedale und Armaturen funktionieren wie im Auto. Das Straßenbild mit einem kontinuierlichen Verkehrsgeschehen verfolgt der „Fahrer“ über einen Monitor unmittelbar vor sich. Dazu werden die Fahrgeräusche - von Motorenlärm bis zu quietschenden Reifen - synchron zum Bildablauf eingespielt.

Wie gut die technischen Möglichkeiten schon heute sind, zeigte sich bei einem unserer Patienten, der als Taxifahrer im Stadtverkehr bislang keinerlei Unfälle verursacht hatte, jedoch in der simulierten, monotonen Fahrsituation einer Landstraße nach 20 Minuten eingeschlafen war. Unsere Untersuchungen führen wir mit dem Fahrsimulator C.A.R.‚ (Computer Aided Risksimulator) der Dr.-Ing. Reiner Foerst GmbH, Gummersbach, durch. Die ausreichende Dauer des Tests (60 Minuten) ist bei einer Fahrsimulation ebenso wichtig, wie die so genannten Durststrecken: der Patient „durchfährt“ lange monotone und verkehrsarme Landstraßen, ohne Hindernissen „zu begegnen“. In unseren Tests finden die Fahrsimulationen stets zu Zeiten des natürlichen Leistungshochs - zwischen 9.00 und 11.00 Uhr morgens statt oder am Nachmittag ab 16.00 Uhr - um zunächst optimale Wachheitsbedingungen bei den Patienten voraussetzen zu können. Wir beziehen unter anderem die Gesamtzahl der Unfälle sowie die Zahl der Konzentrationsfehler in die Analyse ein.

Unter Therapie: Unfallrisiko sinkt sofort

Das Fahrverhalten der Patienten wurde vor der CPAP-Therapie sowie zwei und 42 Tage nach Therapiebeginn erfasst und mit der Fahrsimulatorleistung von gesunden Personen verglichen. Abb. 3 und 4 zeigen deutliche Ergebnisse: Schlafapnoe-Patienten verursachen im Durchschnitt doppelt so viele Unfälle, dabei standen Auffahrunfälle im Vordergrund.

 
Abb. 3:
Fahrverhalten im Test: Unfallhäufigkeit (links) und Konzentrationsfehler (rechts) der Patienten vor und 42 Tage unter Therapie sowie im Vergleich zu gesunden Testpersonen.
 
Ein vergleichbares Ergebnis liegt auch bei den Konzentrationsfehlern vor, die zu „Beinaheunfällen“ führen können. Unter CPAP-Therapie ging bereits nach zwei Tagen die Unfallrate zurück und es traten weniger Konzentrationsfehler auf, diese Entwicklung setzt sich mit zunehmender Therapiedauer weiter fort (Abb. 4).  
Abb. 4:
Unter CPAP-Therapie ging bereits nach zwei Tagen die Unfallrate zurück und es traten weniger Konzentrationsfehler auf.

Mit dem Ziel, Kriterien zu finden, die eine Vorhersage der Fahrsimulatorleistung gestatten und damit den eigentlichen Test ersparen könnten, haben wir gemeinsam mit der Neurologischen Universitätsklinik eine computergestützte Analyse durchgeführt. Einbezogen wurden spezielle Aufmerksamkeitskriterien im Straßenverkehr, wie die Reaktionszeit beim Bremsen, die Fähigkeit, gleichzeitig mehrere Informationen zu verarbeiten und dabei die richtigen Prioritäten zu setzen oder die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit unter monotonen Verkehrsbedingungen. Doch weder diese Kriterien noch der Grad der Tagesmüdigkeit, die Einschlafneigung oder der Schweregrad der Erkrankung eignen sich für eine Vorhersage.

„Dicke“ leben gefährlicher

Einzig das Körpergewicht zeigt einen Bezug zur Unfallhäufigkeit: je höher das Körpergewicht unserer Schlafapnoe-Patienten war, umso mehr Unfälle wurden im Fahrsimulator verursacht. Übergewichtige Menschen - darunter mehr Männer - weisen auch im Halsbereich größere Fetteinlagerungen auf (s. Pickwick-Syndrom, Abb. 1), womit sich auch erklären lässt, das Männer stärker vom Schlafapnoe-Syndrom betroffen sind. Im Schlaf drückt dann auch mehr Masse von außen auf die Atemwege der liegenden Person. Es ist leicht vorstellbar, dass die Zunge mit der eingeatmeten Luft wie ein Korken eingesogen werden kann. Neben der erhöhten Unfallneigung hat das Schlafapnoe-Syndrom lebensbedrohende Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem (Abb 5).

 
Abb. 5:
Entwicklung von Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems bei Patienten mit Schlafapnoe-Syndrom. Die Zellen der innersten Gefäßschicht spielen dabei die entscheidende Rolle.
   
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