|
Seite 1 von 2
|
|
|
Wenn
der Whisky ins Glas rieselt
Na
dann, prost!
Pulverförmig
und doch zu achtzig Prozent Flüssigkeit - das ist das Geheimnis
dreier kleiner Fläschchen, deren Aufschriften >Rum<, >Whisky< und
>Campari< zunächst verwundern mögen. Die Pulver - oder vielleicht
doch eher „rieselfähige“ Flüssigkeiten - sind nicht nur für die
Weihnachtsbäckerei gedacht. Ob für Pharmazeutika, Kosmetik, Farben
oder Lacke - zwei neue technische Verfahren bieten maßgeschneiderte
Produkte und noch viele ungeahnte Einsatzmöglichkeiten.
Schokolade
schmeckt erst dann weich und cremig, wenn der Kakao als feines Pulver
vorliegt. Kaffee ist nur aus gemahlenen Bohnen genießbar.
Brot, Kuchen oder Weihnachtsplätzchen sind erst dann wirklich
gut, wenn die Zutaten wie Mehl, Zucker, Nüsse oder Gewürze
pulverförmig sind.
Beim Backen sind nicht selten flüssige Inhaltsstoffe wie ätherische
Öle oder Aromen für den Geschmack des Endproduktes ausschlaggebend.
Kleine Mengen an Flüssigkeiten in feste oder zähflüssige
Produkte zu mischen, ist eine anspruchsvolle verfahrenstechnische
Aufgabe. Wer selbst gern Kuchen bäckt, weiß, wieviel
Energie es erfordert, bis ein glatter Teig gerührt
oder geknetet ist. Die homogene Einarbeitung insbesondere hochkonzentrierter
Aromen ist unverzichtbar, da ein sog. Aromanest die
Geschmacksknospen weit überfordert. Schon im normalen Haushalt
ist eine hohe Mischgüte kaum zu erreichen - in Großküchen,
in denen Teigmengen bis zu einigen 100 kg angesetzt werden, erhöhen
sich die Anforderungen um ein Vielfaches. Das Problem löst
sich elegant, wenn Flüssigkeiten zu Pulvern werden. Pulverisierte
Flüssigkeiten mischen sich leicht mit anderen pulverförmigen
Backzutaten. Erst der homogenen Pulvermischung wird dann Wasser
zugegeben. Am Lehrstuhl für Verfahrenstechnische Transportprozesse
(VTP) werden in Kooperation mit der Universität Erlangen, der
Universität Maribor und Industriepartnern neue Verfahren entwickelt,
mit denen sich jetzt nicht nur aus Feststoffen, sondern auch aus
Flüssigkeiten rieselfähige Pulver herstellen lassen.
Das Prinzip ist einfach und jedem vertraut: In der Mineralwasserflasche
wird Gas (Kohlensäure) unter Druck in der Flüssigkeit
(Mineralwasser) gelöst. Beim Öffnen der Flasche wird der
über der Flüssigkeit herrschende Druck abgebaut - es zischt
- und im Wasser entstehen Gasblasen - es sprudelt. Dieser Effekt
wird bei der Pulverisierung von Flüssigkeiten genutzt. Allerdings
wäre die Menge an Gas, die im Mineralwasser gelöst ist,
dafür viel zu gering. Größere Gasmengen können
durch Erhöhung des Drucks aufgelöst werden. Während
in einer Mineralwasserflasche Drücke von 1,5 bar (stilles Wasser)
bis 3 bar (Sprudel) herrschen, sind zur Herstellung von Pulvern
aus Flüssigkeiten 30 bis 250 bar erforderlich.
|
| Nach
dem Prinzip der Mineralwasserflasche |
nach
oben
|
|
 |
| Abb.
1: Flüssigkeit wird Pulver. Die gashaltige Flüssigkeit wird
durch eine Düse im Deckel des Sprühturms geleitet: Das Gas (gelb)
wird explosionsartig freigesetzt, die Flüssigkeit in sehr feine
Tröpfchen (blau) zerrissen. Diesem Sprühstrahl wird ein pulverförmiger
Trägerstoff (hellblau) zugegeben. Detailbild (rechts): Das freigesetzte
Gas verwirbelt Flüssigkeitströpfchen und pulverförmigen Trägerstoff,
die sich miteinander verbinden. |
Die verfahrenstechnische
Umsetzung dieses Prinzips ist in Abb. 1 (Laboranlage) schematisch
dargestellt: In einem druckfesten Stahlgefäß (Autoklav)
befindet sich die zu pulverisierende Flüssigkeit. Sie wird gezielt
mit Gas versetzt und schnell in einer Düse entspannt, wodurch
die Flüssigkeit in sehr feine Tröpfchen zerrissen wird.
Diesem Sprühstrahl (Spray) aus Gas und Flüssigkeit wird
ein Trägerstoff zugesetzt. Aus Tröpfchen und Trägerstoff
entsteht schließlich Pulver mit ungewöhnlich hohen Flüssigkeitsbeladungen.
Die Pulver werden am Boden des Sprühturms gesammelt und abgezogen.
Pulver mit besonders kleiner Partikelgröße werden zusammen
mit dem freigesetzten Gas oben aus dem Sprühturm herausgeführt
und in einem Zentrifugalabscheider (Zyklon) vom Gas getrennt und abgezogen.
Abb. 2 zeigt einige auf diese Weise hergestellte Pulver. Überraschenderweise
sind die Pulver trotz sehr hoher Flüssigkeitsgehalte rieselfähig.
Aufgrund der hohen Beladungen, die derzeit mit keinem anderen Verfahren
erreicht werden, wurde für die Verfahrenstechnik und die Produkte
der Name CPF, d.h. Concentrated Powder Form eingeführt.
Die Flüssigkeitströpfchen lagern sich auf der Oberfläche
der festen Trägerstoffe an (Adsorption). In Abb. 3 (unten links)
wurden kugelförmige, weiße Trägerstoffe mit rotem
Extrakt (Paprikafarbstoff) beladen. Die weißen Partikeln sind
von einer roten Farbstoffschicht überzogen. Hierdurch sind jedoch
die hohen Beladungen mit Flüssigkeit nicht erklärbar, da
nur sehr dünne Schichten adsorbiert werden können. Durch
Adsorption sind Flüssigkeitsbeladungen von maximal 10 Gew.% erreichbar,
d.h. in 100g Pulver sind 10g Flüssigkeit gebunden, der Rest besteht
aus pulverförmigem Trägerstoff. |
| Trägerstoff:
wo sich die Flüssigkeit versteckt |
nach
oben
|
|
|
|
| Abb.
2: Pulver, die bis zu 80 Prozent aus einer Flüssigkeit bestehen:
“Concentrated Powder Form”- kurz CPF genannt - steht für Verfahren
und Produkt. |
Dagegen enthalten
100g eines CPF-Pulvers bis zu 80g Flüssigkeit (= 80 Gew.%).
Dies wird dadurch erreicht, dass die Trägerstoffe von den Flüssigkeitströpfchen
zusammengeklebt oder technisch ausgedrückt agglomeriert
werden (Abb. 3, Mitte).
Die Flüssigkeit
wird durch sogenannte Kapillarkräfte ins Innere
der Agglomerate gezogen, so dass die hoch flüssigkeitsbeladenen
Pulver trocken erscheinen und rieselfähig sind. Eine Alternative
besteht in der Verwendung poröser Trägerstoffe.
Da bei der Entspannung
der gashaltigen Lösungen durch die Volumenzunahme des Gases
extrem kleine Flüssigkeitströpfchen entstehen, können
diese in Poren mit kleinem Querschnitt eindringen. Dadurch wird
eine sehr intensive Tränkung poröser Feststoffe erreicht.
Abb. 3 (unten
rechts) zeigt eine hochporöse, weiße Kieselsäure,
die als Trägerstoff gleichmäßig mit gelb gefärbtem
Curcumaextrakt getränkt ist. Curcuma oder Gelbwurz ist ein
Hauptbestandteil von Curry. Flüssigkeiten und Trägerstoffe
lassen sich beliebig kombinieren. Abb. 4 zeigt einige dieser Kombinationen,
die in den letzten 3 Jahren untersucht wurden.
Am Beispiel
von Paprikaextrakt sollen die Vorteile dieser Produkte und des CPF-Verfahrens
verdeutlicht werden. Paprikaextrakt wird in Lebensmitteln und Kosmetika
als Gewürz bzw. als natürlicher Farbstoff eingesetzt.
Bei den färbenden Komponenten handelt es sich um sog. Carotinoide.
Ihr bekanntester Vertreter ist das ß-Carotin, das eine intensive
rote Farbe aufweist.
Es wird im Körper
zur Synthese von Vitamin A benötigt. Wie alle Carotinoide ist
ß-Carotin extrem oxidationsempfindlich. Dies wird technisch
genutzt, indem Carotinoide als Antioxidantien eingesetzt werden.
Durch Zugabe geringer Mengen an ß-Carotin zu Nahrungsmitteln
(z.B. Margarine) werden diese nicht nur angefärbt, sondern
auch vor Oxidation (ranzig werden) geschützt.
|
| Verfahren
ist sanft zu empfindlichen Stoffen |
nach
oben
|
|
 |
| Abb.
3: Verschiedene Bindungsmechanismen zwischen Trägerstoff und
Flüssigkeit im mikroskopischen Maßstab. Von der Adsorption (links)
über die Agglomeration (Mitte) bis zur Tränkung (rechts) steigt
die Flüssigkeitsaufnahme des Trägerstoffes. rot: Flüssigkeit
grün: Trägerstoff |
Aus den positiven
Eigenschaften der Carotinoide ergeben sich hohe Anforderungen an
deren Gewinnung aus Naturstoffen. Paprika ist direkt nach der Ernte
durch die Carotinoide intensiv rot gefärbt. Während der
Lagerung werden die Carotinoide durch Oxidation schnell abgebaut
- eine deutliche Aufhellung des Paprikas tritt ein.
Um die wertvollen
Carotinoide möglichst lange (bis zur nächsten Ernte) zu
erhalten, werden Extrakte hergestellt. Hierzu wird gemahlener Paprika
extrahiert. Besonders gute Extrakte erhält man mit Kohlendioxid
als Extraktionsmittel. Die Dichte von Kohlendioxid wird unter hohem
Druck so groß, dass es flüssigkeitsähnliche Eigenschaften
bekommt und die Paprikainhaltsstoffe aus dem Paprika herauslösen
kann. Aus einem Kilogramm Paprika werden durch Hochdruckextraktion
(Abb. 5) etwa 100g Extrakt gewonnen.
Im Vergleich
zum Ausgangsprodukt hat dieser Extrakt günstigere Eigenschaften:
Er ist z.B. keimarm und haltbarer als der natürliche
Paprika, da durch die Extraktion der im Ausgangsprodukt vorhandene
Sauerstoff ausgetrieben wird. Die starke Volumenreduktion (1kg gemahlener
Paprika hat ein Volumen von etwa 2 Litern, der Extrakt hat ein Volumen
von 0,1 Liter) gestattet eine aufwändigere Lagertechnik (z.B.
Tiefkühlung), die für Paprikapulver viel zu teuer wäre,
und hat geringere Transportkosten zur Folge.
Doch neben allen Vorteilen erweist sich auch hier wieder die cremige,
hochviskose Konsistenz der Extrakte als ein entscheidender Nachteil
bezüglich der Vermischung: Denn wie soll 1kg Paprikaextrakt
dieser Konsistenz in 1000kg Fleischmasse gleichmäßig
verteilt werden?
Die Lösung
liegt hier in der Kombination aus Hochdruckextraktion und CPF-Prozess.
Aus dem hochviskosen Paprikaextrakt können ebenso wie aus pastösen
Produkten oder aus Flüssigkeiten wie z.B. Whisky (Abb. 6) auf
einfache und kostengünstige Art und Weise Pulver entstehen.
Dabei bietet
das Herstellungsverfahren viele Vorteile: Das Produkt wird durch
die Entspannungskälte des Gases stark abgekühlt, wodurch
chemische Reaktionen, z.B. der Abbau der Carotinoide, verlangsamt
bzw. verhindert werden. Bei tiefen Temperaturen bleiben auch leichtflüchtige
Aromen, wie z.B. beim Whisky, im Produkt, was zugleich die Geruchsbelastung
beim Herstellungsprozess reduziert.
CPF-Produkte:
Geschmack maßgeschneidert
Ein weiterer
Vorteil ist, dass ausschließlich Kohlendioxid verwendet wird.
Kohlendioxid ist reaktionsträge und wirkt als sog. Schutzgas.
Pharmazeutische Wirkstoffe zum Beispiel werden unter Schutzgas gelagert,
um die Haltbarkeit sicherzustellen.
Bei CPF-Produkten
ist die Schutzwirkung bereits integriert. Es ist damit möglich,
auch Nicht-Pharmaprodukte unter schonenden Bedingungen
kostengünstig herzustellen und zu lagern.
Durch das CPF-Verfahren lassen sich auch sicht- und schmeckbare
Produkteigenschaften maßschneidern: Viele Naturstoffextrakte
sind in Ölen und Fetten gut löslich (lipophil), dagegen
praktisch unlöslich in wässrigen Medien (hydrophob). Werden
z.B. Karotten in Wasser gedünstet, bleibt das Kochwasser klar,
d.h. die fettlöslichen Farbstoffe (Carotinoide) bleiben in
der Karotte. Wird jedoch Butter - also Fett - zugegeben, färbt
sich die Flüssigkeit gelb, der Farbstoff wird teilweise aus
der Karotte herausgelöst.
|
| Eingesetzte
Flüssigkeiten |
 |
Stärken |
Maisstärken,
Kartoffelstärken, Weizenstärken, modifizierte Stärken |
|
Gewürzextrakte:
CO2 -Extrakte, Lösemittelextrakte
Etherische
Öle: Thymianöl, Zitronenöl
Pflanzliche
Öle: Sojaöl, Sonnen- und Fette blumenöl, Butterfett
Aromen:
Citrus, Erdbeer, Huhn, Rum
Vitamine:
a-Tocopherol Alkoholische Lösungen: Whisky, Wein, Likör
Wäßrige
Lösungen: dest. Wasser, Essig, Säfte
|
Kieselsäure |
|
| Cellulosen |
mikrokristalline
Cellulosen Carboxymethylcellulosen Weizenfasern, Fruchtfasern
|
| Zucker |
|
|
Abb.
4: Einige Kombinationen aus Flüssigkeiten und Trägerstoffen,
die bereits untersucht wurden.
|
Emulgatoren |
Mono-,
Diglyceride Lecithin |
Bitte
lesen Sie auf der nächsten Seite weiter...
|
|