| Es gibt historische Ereignisse, die von historischer und solche, die zugleich auch von aktueller Bedeutung sind. Die deutschen Revolutionen des Jahres 1848 gehören zu den letzteren und ihre Themen und Thesen werden zweifellos noch weit in das nächste Jahrhundert hinein wirken. | | Bei der für dieses Jahr geplanten Edition von zwei Bänden der von uns betreuten Ausgabe "ARNOLD RUGE WERKE UND BRIEFE" wurde deutlich, wie viele Probleme des Revolutionsjahres 1848 noch ungelöst und wie viele nach wie vor aktuell sind: die 'deutsche Frage', das Verhältnis Deutschlands zu seinen europäischen Nachbarn, die Rolle des Militärs und des Miltärhaushalts im modernen Europa, Aufgabe und Funktion der Presse in einer aufgeklärten Informationsgesellschaft und schließlich das Verhältnis der kritischen Theorie zur politischen Praxis. |
| Die 'deutsche Frage' nach Einheit und Freiheit war in diesem wie im vorigen Jahrhundert über Jahrzehnte hin unbeantwortet, hochkonfliktreich, tabuisiert, ungelöst; erst die letzten zehn Jahre schreiben die - verspielten und verlorenen - Sternstunden des Jahres 1848 weiter: Bürgerfreiheit und Bürgersicherheit, Demokratie und die gerechte und solidarische Lösung sozialer Fragen sind im veränderten Kontext nicht weniger aktuell als damals. |
| Auch die 'europäische Frage' stellt sich von neuem - im Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn, vor allem aber in einer deutsch-französischen Allianz, |
| Damals tabu, noch heute brisant: mehr für Bildung oder Militär? |
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| von der Ruge, Marx und andere revolutionierende Visionäre 1848 träumten. |
| Und natürlich diskutieren wir in einer rasant sich transformierenden Informationsgesellschaft Rechte, Pflichten und Funktionen der Medien, auch die Rolle von Bildung und Ausbildung in einer demokratischen Mündigkeitsgesellschaft. |
| Und die Allokationsdiskussionen - hier Militärhaushalt, dort Bildungs-, Schul- und Hochschulwesen - sind nicht weniger brennend geworden, als sie zwischen 'Militaristen' und 'Linken' im Revolutionsjahr 1848 waren. |
| Schließlich ist das Thema des Verhältnisses von Theorie und Praxis - nicht erst vor und seit dem Vormärz von Hegel, Ludwig Feuerbach, Arnold Ruge, Karl Marx und Friedrich Engels diskutiert und praktiziert - ein Dauerthema in der kritischen Theorie und politischen Auseinandersetzung geblieben, ein Dauerzünder und Dauerbrenner, ohne den auch in Zukunft Fragen der Emanzipation, der sozialen und kulturellen Gerechtigkeit und Fragen des dialektischen Verhältnisses von Freiheit und Sicherheit, von Bewahren und Erneuern, von Vision und Realisation nicht diskutierbar sind. |
| Als Rebell und Revolutionär, kritischer Publizist, Literat und Philosoph, Zentralfigur des deutschen Vormärz, Herausgeber der Halleschen und Deutschen Jahrbücher in Halle und Dresden mit Theodor Echtermeier 1838 -1843 und der Deutsch-Französischen Jahrbücher in Paris mit Karl Marx 1844 ist Arnold Ruge in die Geschichsbücher eingegangen. Der Hallenser Student der klassischen Philologie wurde 1824 wegen Mitgliedschaft in der Burschenschaft im Alter von 22 Jahren zu 14 Jahren Festungshaft verurteilt - "ich sah ein, das Vaterland müsse stark, eins und frei sein und trat der Verschwörung des Jünglingsbundes für diesen gewaltigen Zweck bei". Er saß ein Jahr in Köpenick und fünf Jahre auf dem Lauenburger Tor in Kolberg ab; Schliemann, der später Troja ausgrub und den Schatz des Agamemnon fand, war sein Zellengenosse. Als Hallenser Dozent, 1832 hatte er sich über Platons Ästhetik habilitiert, und Herausgeber der Halleschen Jahrbücher seit 1838, in denen unter anderen Ludwig Feuerbach, David Friedrich Straub und Bruno Bauer ihre radikalen Beiträge veröffentlichten, wurde Ruge überall in Deutschland bekannt. Mit der Ausweisung Ruges aus Halle mußten die Jahrbücher ihr Erscheinen zunächst hier und 1842 auch in Dresden einstellen. Ruge ging über die Schweiz nach Paris, wo er mit dem Emigranten Marx, der 1843 ebenfalls als Redakteur der Rheinischen Zeitung an der preußischen Zensur gescheitert war, zusammenarbeitete und im übrigen durch das Pariser Intellektuellenleben angeregt die These entwickelte, daß die Revolutionierung der feudalen und aufklärungsfeindlichen deutschen Gesellschaft nur in einer engen deutsch-französischen Allianz verwirklicht werden könne. |
| Ruge denkt als Europäer und Demokrat quer zur Mehrheitsmeinung des Parlaments in der Paulskirche. Für ihn ist ein demokratisches Deutschland nur innerhalb der Familie freier europäischer Völker denkbar. Am 22. Juli 1848 stellt er den Antrag auf Abschaffung aller stehenden Heere der europäischen Feudalstaaten und auf Einberufung eines europäischen Völkerkongresses: "Da der bewaffnete Friede durch seine stehenden Heere den Völkern Europas eine unerträgliche Bürde auferlegt und die bürgerliche Freiheit gefährdet, so erkennen wir das Bedürfnis an, einen Völkerkongreß ins Leben zu rufen zu dem Zweck einer allgemeinen europäischen Entwaffnung." Die Freiheit des einen europäischen Volkes ist von der des anderen untrennbar, die deutsche Demokratie ist ohne die polnische und die Freiheit und Demokratie der Völker des Habsburger Empire nicht denkbar und nicht machbar. Gesamteuropäisch und menschenrechtlich demokratisch zu denken, entspricht nicht der Mehrheitsüberzeugung der Frankfurter Parlamentarier. Selbst Friedrich Engels hält im Revolutionsjahr die "Germanisierung des abtrünnig gewordenen Hollands und Belgiens" für eine politische "Notwendigkeit". Wenn der 'Spiegel' (Nr. 7 vom 9.2.1998, S. 58) in seiner Titelgeschichte '1848. Die halbe Revolution' allerdings von der Frankfurter Versammlung behauptet: "Trübster Nationalismus auf allen Flügeln", dann ist das übertrieben und falsch. Ruge fordert vom Parlament am 27. Juli 1848 den Hinauswurf der gewählten Abgeordneten aus der preußischen Provinz Posen und ist Wortführer zur Unterstützung des Antrages: "Die preußische und österreichische Regierung werden aufgefordert, ihre polnischen Landesteile zu einem selbständigen Staate zu vereinen, welcher unter dem Schutz des deutschen Reiches steht." (Bd 7). Posen gehöre zu Polen ebenso wie die anderen polnischen Landschaften, die Rußland und Österreich 'zugeteilt' waren. Noch im April 1848 hatte Friedrich Wilhelm IV. einen Aufstand in Posen blutig niederschlagen lassen. Ruge führt aus: "Es ist ein schmachvolles Unrecht, wenn ein Volk, welches auf einer humanen ... Entwicklungsstufe stand, unterworfen, unterdrückt, erobert worden ist durch drei Despotien." |
| Zu einem noch größeren Eklat kommt es jedoch, als Ruge auch die Freiheit der von Österreich beherrschten italienischen Provinzen forderte. Schreibt das Parlamentsprotokoll: "Ruge: Die Herstellung Italiens gehört zu dem neuen Völkerrecht, und wir, die wir die Ausübung des neuen Völkerrechts, die wir die Freiheit der europäischen Völker wollen, müssen wünschen, daß die Tyrannen der Italiener, die Tillys der neueren Zeit, die Radetzkys geschlagen werden. (Grober Lärm; Stimmen: Zur Ordnung! Zur Ordnung! Wir protestieren allgemein gegen einen solchen Ausspruch!-Es ist eine Schande, von einer deutschen Tribüne das zu hören! Fortwährender Lärm)." Der Präsident v. Gagern, kaum in der Lage, sich Ruhe zu verschaffen: "Meine Herren, ich werde zwar den Redner nicht zur Ordnung rufen, ich kann ihm nur sagen, daß es ein halber Verrat an der Nation ist, wenn man wünscht, daß deutsche Heere geschlagen werden; aber ich kann ihn deshalb nicht zur Ordnung rufen, sondern muß ihn seine besondere Weltanschauung hier vortragen lassen." |
| Der Berliner Demokratische Kongress im Oktober 1848 greift der Idee und Strategie des Völkerbundes und der UNO visionär voraus in dem von Ruge verfaßten Menschenrechtskatalog, dessen Schlußthesen lauten: "35. Alle Menschen |
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| Vision einer UNO 1848 |
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| sind Brüder, und die verschiedenen Völker sollen sich gegenseitig nach Kräften unterstützen, wie Bürger eines Staates.- 36. Wer eine Nation unterdrückt, ist ein Feind aller Nationen.- 37. Diejenigen, welche ein Volk bekriegen, um die Fortschritte der Freiheit zu hemmen und die Rechte der Menschen zu vernichten, müssen überall verfolgt werden, nicht wie gewöhnliche Feinde, sondern wie Meuchelmörder und rebellische Räuber." (Bd. 7) |
| Beide Anträge finden in dem kompromißlerischen Frankfurter Parlament keine Mehrheit; es diskutiert vielmehr ausführlich darüber, dem preußischen König die Kaiserkrone anzutragen. Ruge verläßt das Parlament zum Herbst und wird in der außerparlamentarischen Opposition aktiv. Er organisiert in Berlin mit Freunden den Demokratenkongreß, der alle Oppositionellen aus anderen deutschen Parlamenten vereinigt, und er gründet gemeinsam mit Oppenheimer in Berlin das revolutionäre Presseorgan DIE REFORM. Es kommt zu Volksaufständen in Berlin und Wien. Die Habsburger schlagen als erste blutig zurück; der Abgeordnete Robert Blum aus Leipzig wird in Wien am 9. November standrechtlich erschossen. Am 10. November marschiert General von Wrangel mit 40.000 Mann in Berlin ein und legt einen Belagerungsring um die Stadt. Ruge wird des Landes verwiesen, DIE REFORM beschlagnahmt und ihr weiteres Erscheinen verboten, Ruge's Druckerei enteignet. In einem Beschwerdeschreiben an den preußischen Innenminister von Manteuffel skizziert Ruge die Eskalation von Pressezensur und Gegenrevolution und fordert die Rücknahme der Ausweisung, die Wiederzulassung der Zeitung und Rückgabe seines Eigentums. Vergebens, denn der Innenminister orientierte sich an einem Geheimbericht Wrangels: "Es ist übrigens meinerseits schon früher in Erwägung gezogen [worden], wieweit es sich mit den übrigen Anordnungen vereinigen lasse, die gegen die Presse gerichteten Verbote zu mildern; namentlich bin ich in betreff der Rugeschen Reform mit dem Polizeipräsidium in Korrespondenz getreten. Da hat mir das letztere aber angezeigt, wie der Redakteur nicht die mindeste Garantie biete, daß die Freigebung dieses Blattes durchführbar sein würde. ... Aus derselben ergibt sich einerseits, daß die Behauptung des gegenwärtig als Ausländer zu betrachtenden Dr. Ruge, daß er eine hiesige Buchdruckerei gekauft und sein nicht unbedeutendes Vermögen in dieselbe gesteckt habe, noch keinswegs als richtig anzunehmen [ist]; andererseits, daß er zu den gefährlichsten Feinden der staatlichen Ordnung um so mehr zu zählen [ist], als er für eines von den Häuptern der republikanischen Partei gilt, aus welchen dieselbe den Präsidenten der Republik zu erwählen gedenkt. Auch beweist die Korrespondenz des Ruge, von der sich Proben bei der Haussuchung vorgefunden, wie sehr er als Konzentrationspunkt alles dessen, was der Regierung feindselig bekannt ist.- Schließlich bemerke ich ergebenst, daß es keiner Partei in hiesiger Stadt an dem Mittel fehlt, ihre politische Meinung durch die Presse zu veröffentlichen... . Der Oberbefehlshaber in den Marken. Wrangel." (Bd.7). |
| Natürlich hat Ruge keine Ahnung von diesem geheimen Schriftwechsel. Daß Wrangel befürchtet, Ruge könne erster Bundespräsident einer deutschen Republik werden, dürfte ihm geschmeichelt haben; die Behauptung des Generals, daß jede Partei ihre Meinung in der freien Presse veröffentlichen könne, wird er ebenso wie v. Manteuffel nur zynisch verstanden haben können. Im übrigen geht die Geschichte diesmal über den 'Sieg des Volkes' zur Tagesordnung über. Am 5. Dezember, am Tage des Verbots der REFORM, oktroyiert Friedrich Wilhelm IV. eine Verfassung. Es kehrt Ruhe ein in Berlin und in den deutschen Landen; Kaiser Franz Josef I. erläßt eine österreichische Verfassung im März 1849. Das um die Linke und andere Parlamentarier geschrumpfte Frankfurter Parlament beschließt im gleichen Monat eine wirkungslos gebliebene Reichsverfassung und wählt den Preußenkönig zum 'Kaiser der Deutschen'. Friedrich Wilhelm IV. lehnt am 3. April 1849 diese 'Schweinekrone' ab. Einige blutige Gemetzel in Süddeutschland sorgen in den nächsten Monaten endgültig für Friedhofsruhe, bis das nationale Thema 1871 von Bismarck und das demokratische und europäische Thema erst in diesem Jahrhundert wieder aufgegriffen werden. |
| Im Exil im südenglischen Brighton faßt Ruge 1850 in dem farbigen Revolutionsroman DER DEMOKRAT (Bd. 8) seine politischen und lebensweltlichen Erfahrungen literarisch zusammen, Stoff genug für eine mehrteilige Fernsehserie oder einen abendfüllenden Spielfilm. Der revolutionäre Held des Romans wandert in die USA aus, Ruge bleibt bis zu seinem Tod 1880 in England. Seit 1877 zahlt Bismarck dem revolutionären und sozialen Demokraten einen jährlichen Ehrensold von 1000 Mark. |
| In Brighton findet Ruge Zeit, sein Modell des Übergangs von der emanzipatorischen philosophischen Theorie in die politische und gesellschaftliche Praxis systematisch darzustellen. Das dreiteilige Buch UNSER SYSTEM, 1850, widmet er einer Frau, Fanny Lewald in Berlin, der Gefährtin seines Freundes Stahr. Er will, daß das Konzept des Übergangs von 'unserer Philosophie' zu 'unserer Revolution' und zur 'Gründung der Demokratie in Deutschland' für 'jedermann' (also auch 'jederfrau'!) verständlich ist,- welch ein Gegensatz zu der politisierenden Männerversammlung in der Frankfurter Paulskirche. |
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| Demokratieverständnis für jederfrau und jedermann |
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| Und dies ist Ruges Vision von Deutschlands Zukunft in den Schlußworten: "Wir sind mitten in der Revolution. Der sozialdemokratische Freistaat, den man die rote Republik genannt hat, ohne Zweifel ebenso sehr darum, weil man ihn nicht unblutig zur Welt kommen lassen will, als darum, weil sein Zeichen die rote Fahne des Volkes von Paris ist, wurde noch nirgend auf der Welt gegründet. Soll es nun zuerst in Deutschland geschehen? Und glaubst Du im Ernst daran, daß die Menschen je frei werden? ... die alte Welt ist voll von der neuen; und es ist ein großes Schauspiel für den, der die Arbeit dieser Revolution zu schätzen weiß, mit welch reibender Geschwindigkeit sie sich vollendet und ihr Produkt an den Tag bringt. Ja, jetzt könnt Ihr es mit Händen greifen: Wir Menschen alle miteinander sind bestimmt zu gleichen Genossen im Leben, gleichen Bürgern im Staat und zu gleichen Kämpfern um die höchsten Güter des freien Geistes." (Bd.8) |
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| Literatur: |
| ARNOLD RUGE WERKE UND BRIEFE, Band 7 [Zensur - 1848 - Patriotismus], hg. H. M. Sass, Aalen: Scientia 1998, im Druck. |
| ARNOLD RUGE WERKE UND BRIEFE, Band 8 [Der Demokrat - Unser System], hg. H. M. Sass, Aalen: Scientia, 1998, im Druck. |
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