| Die Phänomenologie, die in den drei
ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts von Edmund Husserl, Max Scheler und Martin Heidegger auf den Weg gebracht wurde und die seitdem eine weltweite Verbreitung gefunden hat, gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Beiträgen zur Philosophie der Gegenwart. Husserls „Logische Untersuchungen“ erschienen genau an der Schwelle unseres Jahrhunderts im gleichen Jahr wie Freuds „Traumdeutung“. Die beiden so verschiedenartigen Autoren gingen in Wien, der eine mehr, der andere weniger, bei Franz Brentano in die Schule. Dort begegnete ihnen das Grundkonzept der Intentionalität. Im weiteren Verständnis bedeutet dies, daß Erlebnisse, die wir oder andere haben, keine bloßen Zustände oder Vorgänge sind, die in einer Seelenkammer eingekapselt sind, vielmehr ist alles Erleben auf anderes bezogen, das in einem bestimmten Sinne gemeint oder gegeben ist. Dies gilt etwa für die Erinnerung, in der nicht bloß gespeicherte Daten abgerufen werden, sondern in der uns Vergangenes als Vergangenes heimsucht, beflügelt und belastet. Die Geschichte liegt nicht hinter uns, sie steckt in den Dingen, die wir wiedererkennen, und in unseren Gliedern,die sich auskennen. Ähnliches gilt für die Fiktionen, die Husserl als ‘Lebenselement’ der Phänomenologie betrachtet. Phantasien sind keine privaten Bilderfolgen, sondern in ihnen gewinnt die Wirklichkeit selbst den Status des Als-ob, bis hin zu den manipulierbaren ‘virtuellen Wirklichkeiten’ neueren Datums. | |
| Die Art und Weise wie uns etwas in der Welt begegnet |
|
| Selbst dadaistische Wendungen wie ein ‘grünes Oder’ konfrontieren uns mit einem grammatischen Unsinn, der als Abweichung Sinneffekte produziert. Noch Schwitters “Undbild” bewegt sich im Fahrwasser solcher Sinnexperimente. Wir können also nicht über uns selbst sprechen, ohne zugleich über etwas anderes zu sprechen. Phänomene sind keine subjektiven Restbestände, die übrigbleiben, wenn man die Welt auf meßbare Daten reduziert, sondern sie stellen die Art und Weise dar, wie uns etwas in der Welt begegnet, ob in den Wissenschaften oder außerhalb ihrer. Selbst in Gefühlen wie Freude, Trauer oder Angst sind wir eingestimmt auf das, was uns ringsum als beschwingend, niederdrückend oder unheimlich begegnet. |
| Diese neue Sichtweise, die Husserl in die Parole “Zurück zu den Sachen selbst!” faßte, hatte etwas Befreiendes für eine Philosophie, die sich teils in sich selbst eingesponnen, teils den Methoden der Wissenschaft ausgeliefert hatte. “Der Anfang ist die reine und sozusagen noch stumme Erfahrung, die ... zur Aussprache ihres eigenen Sinnes zu bringen ist”, so heißt es in Husserls „Cartesianischen Meditationen“, die auf Pariser Vorträge von 1929 zurückgehen. Erfahrung ist also auf Worte, Bilder, Begriffe, Formeln, Modelle und Konstrukte angewiesen, doch diese würden allesamt leerlaufen, ihren Sinn und ihre Lebensbedeutsamkeit verlieren ohne den Rückbezug auf das, was sie für uns zur Sprache bringen. Niemand sieht wegen der umgekehrten Netzhautbilder, die er nicht sieht, die Dinge, die er sieht, auf dem Kopf. Das Thermometer zeigt Temperaturen an, doch es friert nicht und schwitzt nicht, außer in jenen “Gefühlsmaschinen”, bei denen Gefühle den Zuständen eines Thermostats angeglichen werden. Wenn die phänomenologische Zugangsweise, verglichen mit dem zunehmenden technologischen Raffinement, eine Naivität darstellt, dann eine gezielte Naivität, die der Enteignung der Alltagserfahrung widersteht. Alles was sich zeigt, ob Zahl, Ding, Zeichen, Werkzeug, Gemälde, klinischer Befund oder selbst eine mythische Figur wie der Pegasus, erfordert einen aufmerksamen Blick und eine besondere Art von Sachlichkeit, deren phänomenologische Ausgestaltung von Anfang an auch Literaten wie Robert Musil und später die Maler des Minimal Art anzog. |
| Der Einbruch politischer Barbarei, der Philosophen wie Husserl, Schütz oder Plessner aus ihrer Universität und aus dem Lande trieb, während er andere wie etwa Heidegger in ihren Bann schlug, ließ die phänomenologische Bewegung hierzulande frühzeitig verebben. Man muß es als Glücksfall betrachten, daß unsere westlichen Nachbarländer die Phänomenologie nicht nur überwintern ließen, so etwa durch die 1938 unter schwierigsten Umständen erfolgte Gründung eines Husserl-Archivs in Löwen, sondern ihr frischen Auftrieb und eine neue Gestalt verliehen. Verantwortlich sind dafür vor allem französische Philosophen wie Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Emmanuel Levinas und Paul Ricœur. |
|
| Phänomemologen im Exil |
|
| Sartre und Merleau-Ponty bestimmten die französische Nachkriegsphilosophie nicht nur durch ihre eigenen Werke und Schriften, sie waren bis zu ihrem politischen Zerwürfnis auch als Herausgeber der „Temps Modernes“ tonangebend. Levinas, der im jüdischen Milieu des damals russischen Wilna aufwuchs, in jungen Jahren nach Frankreich emigrierte und zudem in Freiburg bei Husserl und Heidegger studierte, bezog die jüdische Schrifttradition in sein neuartiges ethisches Denken ein, während bei Ricœur die Phänomenologie sich mit einer protestantisch gefärbten Hermeneutik verbindet. Von einer einheitlichen Schule kann nicht die Rede sein, wohl aber von einer Geistesverwandtschaft. Die Wirkungskraft der neu entdeckten Phänomenologie reicht über die Modewellen des französischen Strukturalismus hinaus bis in unsere Tage zu Jacques Derrida. Die Phänomenologie wirkte als Ferment, das nicht nur das philosophische, sondern auch das kulturelle und politische Klima im Lande veränderte. Wer hierzulande den neueren Entwicklungen des französischen Denkens, die sich nicht nur von Husserl und Heidegger, sondern ebenso von Hegel und Marx, von Nietzsche und Freud herleiten, mit Zurückhaltung oder Mißtrauen begegnet, ist sich vielfach nicht bewußt, daß er damit auch ein Stück eigener Geschichte verdrängt. Daß die französische Phänomenologie über Jahrzehnte hinweg eine solche Attraktivität bewiesen hat, hängt damit zusammen, daß sie bestimmte Motive verschärft und ihnen eine besondere Note verliehen hat. |
| Dazu gehört einmal der Sinn für eine alles durchdringende Leiblichkeit. Schon bei Paul Valéry lesen wir: “Ernsthaft ist das Denken nur, wenn es durch den Leib hindurchgeht. Das Auftreten des Leibes verleiht ihm sein Gewicht, seine Kraft, seine Konsequenzen und seine definitiven Wirkungen. |
|
| Leiblichkeit bedeutet Zugehörigkeit zur Welt |
|
| Die körperlose ‘Seele’ würde nur Wortspielereien und Theorien hervorbringen.” Der Leib steht, so betrachtet, keineswegs für den Rückgang auf eine narzißtisch besetzte Innerlichkeit, er steht auch nicht für eine technologisch konzipierte Hardware, die auf ihre Programmierung wartet. Leiblichkeit bedeutet Zugehörigkeit zur Welt, Verankerung im Raum, Offenheit und Zusammenspiel der Sinne, rituelles Verhalten, Verletzlichkeit - bis hin zu Körpertechniken wie der Schlafhaltung, deren kulturelle Vielfalt schon Marcel Mauss in seinen ethnologischen Studien berücksichtigt, und bis hin zur Körperpolitik, die bei Michel Foucault in seinen Studien zu Klinik, Gefängniswesen und Sexualität besondere Beachtung gefunden hat. Für uns als leibliche Wesen gibt es kein Refugium jenseits der gemeinsamen Welt. |
| Die Phänomenologie der Sprache ist weniger einseitig als die angelsächsischen Sprachtheorien auf Regeln und Gewohnheiten ausgerichtet. |
|
| Kindliche Sprachspiele gegen Erwachsenenvernunft |
|
| Angeregt durch die Poetiken von Mallarmé und Valéry liegt der Akzent stärker auf den kreativen Zügen der Sprache, auf der Abweichung vom Gewohnten, auf dem Vorgang des Zur-Sprache-bringens, das im gleichzeitigen Zum-Schweigen-bringen einen Einschlag von Sprachpolitik enthält. Ignorieren ist bekanntlich wirksamer noch als Kritik. Diese Kreativität zeigt sich nicht nur in der literarischen Schreibarbeit oder in der politischen Arena, sondern schon in kindlichen Sprachspielen, deren produktive ‘Barbarei’ Merleau-Ponty gegen Piagets Vergötterung der Erwachsenenvernunft in Schutz nimmt. |
| Das Denken der Geschichte hat sich ebenfalls gewandelt. Von besonderer Bedeutung ist hier das Motiv der Nachträglichkeit, das uns schon bei Freud und dann bei Lacan begegnet. Erfahrungseinbrüche, zumal solche traumatischer Art, wie Freud sie beim Wolfsmann konstatiert, der in früher Kindheit Zeuge des elterlichen Geschlechtsverkehrs wurde, wirken nicht bloß nach, sie sind überhaupt nur in ihren Auswirkungen, also erst hinterdrein in Form einer ‘Rückfrage’ faßbar. |
| Ähnliches gilt auch für Revolutionen, die stets ‘zu früh’ kommen, weil Neuartiges unsere Pläne durchkreuzt. Vergangenes aber, das uns unausweichlich prägt, läßt sich nicht beheben wie ein Schaden oder verwerten wie eine nützliche Sache, vielmehr liegt es vor uns als etwas, das noch aussteht. |
|
| Phänomenologie und Geschichtsreflexionen |
|
| Solche Einbrüche fügen sich nicht ein in einen kontinuierlichen Geschichtsgang. Manches hiervon gemahnt an die Geschichtsreflexionen von Walter Benjamin. |
| Das Motiv der Fremdheit, das erstmalig in Husserls Theorie der Fremderfahrung zum Vorschein kommt, erhält erst dann sein volles Gewicht, wenn die Fremdheit beim eigenen Ich und im eigenen Hause beginnt. “Ich ist ein anderer”, heißt es bei Rimbaud. Zwischen Ich und Ich klafft ein Spalt, wie sich an den optischen und akustischen Verdoppelungen von Spiegel und Echo zeigt oder in der Namensgebung, die stets von Anderen ausgeht. Eigenes entsteht nicht ohne Fremdes. Im fremden Antlitz, von dem der jüdische Philosoph Levinas mit solcher Intensität spricht, verkörpert sich ein Anspruch, auf den wir - wenn er uns einmal getroffen hat - nicht nicht antworten können. |
|
| Eigenes entsteht nicht ohne Fremdes |
|
| Auch das Wegsehen ist eine Form des Hinsehens, das Weghören eine Form des Hinhörens. In der Antwort, die wir geben, liegt ein Versprechen, das jeder vertraglichen Regelung uneinholbar vorausliegt. Der berühmte Essay ‘Die Gabe’, den Marcel Mauss in den zwanziger Jahren verfaßt hat, liest sich von daher mit neuen Augen. Interkulturell betrachtet öffnet sich für jeden Vertreter einer bestimmten Kultur eine “wilde Region seiner selbst, die nicht in seiner eigenen Kultur eingeschlossen ist und über die er mit anderen Kulturen in Verbindung steht”, so Merleau-Ponty in einem Aufsatz, in dem er den Zusammenhang von Phänomenologie und Ethnologie erörtert. Das Fremde bedeutet kein Defizit, sondern eine permanente Beunruhigung, die uns immer wieder dazu verführt, im angeblich reinen Bereich des eigenen Stammes, der eigenen Nation oder der eigenen Kultur Halt zu suchen. |
|
| Merleau-Ponty: „Es gibt Sinn, aber nicht den Sinn.“ |
|
| Wenn Phänomenologie Erfahrung zum Ausdruck bringt, ohne daß der auszudrückende Sinn garantiert ist, so stoßen wir schließlich auf eine Kontingenz, die jeder Ordnung unwiderruflich anhaftet. Kontingent ist, was anders sein könnte, als es ist. Es legt sich nahe, ein ‘Prinzip vom unzureichenden Grund’ zu konstatieren, das keineswegs auf Beliebigkeit hinausläuft. Wir haben es im persönlichen wie im kollektiven Bereich vielmehr mit widerstreitenden Ansprüchen zu tun. Erfahrungen, die heterogenen Ordnungen unterliegen, können weder durch die Einrichtung einer Zentralperspektive gebündelt noch durch die Erzielung eines Konsenses auf einen Nenner gebracht werden. “Es gibt Sinn, aber nicht den Sinn” heißt es bei Merleau-Ponty, und ähnlich versichert Foucault: “Es gibt Ordnung”, aber nicht die eine Ordnung. Es ist nicht nötig, für diese und ähnliche Ideen das Modewort der Postmoderne zu bemühen, das in Frankreich viel weniger Widerhall gefunden hat als in Amerika oder in Deutschland. Es genügt darauf hinzuweisen, daß die Sachen selbst sich in unserer Erfahrung immer schon ‘abschatten’ und daß das, was sich zeigt, sich gleichzeitig dem Blick und Zugriff entzieht. Fremde Ansprüche, die sich in dieser indirekten Weise zu Wort melden, sind weder beliebig noch notwendig, doch sind sie bis zu einem gewissen Grade unausweichlich gleich dem Blick, der uns trifft, ohne daß wir uns dessen versehen. Auch das Verhältnis zwischen Nationen und Kulturen lebt von solchen Herausforderungen. |
|
|
| Weitere Informationen: http://www.ruhr-uni-bochum.de/www-public/pullilbe/gkhome.htm |
|
| Literatur: |
| B. Waldenfels, Phänomenologie in Frankreich (1983); Einführung in die Phänomenologie (1992); Deutsch-Französische Gedankengänge (1995). - Herausgabe, Übersetzung und Kommentierung von Werken von Derrida, Merleau-Ponty, Ricœur bei W. Fink und im Passagen-Verlag (durch R. Giuliani, H.-D. Gondek, A. Kapust, B. Liebsch, B. Waldenfels). - Einschlägige Veröffentlichungen in den Reihen “Übergänge” und “Phänomenologische Untersuchungen”, W. Fink (von I. Därmann, H. v. Fabeck, P. Gehring, A. Hirsch, U. Kaiser, P. Kiwitz, B. Liebsch, K. Meyer-Drawe, N.W. Schnell, I.Yamaguchi). |
|
|
|
|
|