Editorial
Ruhr-Universität
am Markt:
Vom Wissen zum Produkt
Dr. Karl Grosse,
Geschäftsführer der
Forschungs- und Verwertungsgesellschaft mbH i.G. der RUB

Der Erfolg eines Wirtschaftsstandortes im weltweiten Wettbewerb der Industrieländer wird u.a. vom Potential der Umsetzung von Forschungs- und Entwicklungsergebnissen in marktfähige Produkte bestimmt.
Als Stätten der Forschung sorgen dabei insbesondere auch die Hochschulen für eine ständige Erneuerung und Fortentwicklung unseres Wissens. Zu ihrem Auftrag gehört auch der Wissens- und Technologietransfer in die Praxis.
In vielen Technologiefeldern sind die Hochschulen leistungsstarke Partner der Industrie. Die Ergebnisse der Forschung und Entwicklung (F+E) an den Hochschulen sind für viele Unternehmen eine wichtige Quelle für Innovation und neue Produkte. Den Transfer von Wissen in die Wirtschaft effizient zu organisieren, ist daher eine wichtige Aufgabe der Hochschulen.
Von den Unternehmen wird allerdings oft nur ein geringer Teil der kurz- oder langfristig verwertbaren F+E-Ergebnisse umgesetzt. Defizite bestehen insbesondere bei der Befassung mit F+E-Ergebnissen, die eine nicht unmittelbare wirtschaftliche Verwertung erwarten lassen. Aber auch eine Vielzahl anderer Gründe stehen einer zügigen Umsetzung in die Praxis entgegen. Dazu zählen :
• Die Ergebnisse resultieren aus einem Forschungsprojekt, dessen finanzieller Förderer an der Weiterführung des Projektes im Hinblick auf eine wirtschaftliche Umsetzung der Ergebnisse kein unmittelbares Interesse hat.
• Die beteiligten Hochschulwissenschaftler haben i.a. weder die Mittel noch die notwendige Zeit, die Arbeiten ohne Unterstützung bis zu wirtschaftlich verwertbaren Ergebnissen weiterzuführen.
• Potentielle Interessenten in der Wirtschaft, die u.U. außerhalb des eigenen Fachgebietes existieren, sind häufig nicht bekannt. Für Marketingaktivitäten fehlt es an der notwendigen Zeit bzw. an den finanziellen Ressourcen.
• Die Ergebnisse erlauben i.a. noch nicht die Demonstration der Umsetzbarkeit in ein funktionierendes Verfahren / in einen funktionsfähigen Prototyp.
„Ziel ist, die Verwertung von Forschungsergebnissen voranzutreiben und finanzielle Rückflüsse aus der Hochschulforschung zu erzielen.“
Eine Möglichkeit diesen Defiziten zu begegnen, besteht in der Gründung hochschuleigener Forschungs- und Verwertungsgesellschaften. Sie sollten, mit einem eigenen Budget ausgestattet, in der Lage sein, erfolgversprechende Entwicklungen aufzugreifen, bis zur Anwendungsreife zu fördern und deren Vermarktung aktiv zu betreiben.
In seinem Strategiepapier “Hochschulen für das 21. Jahrhundert” fordert auch das Bundesforschungsministerium eine bessere Nutzung der Ressourcen der Hochschulen, indem Möglichkeiten geschaffen werden, Teilbereiche wie z. B. den Technologietransfer oder die Weiterbildung als Wirtschaftsbetriebe zu organisieren.
Die Möglichkeit der Gründung eigener Transfergesellschaften hat in Deutschland bisher kaum eine Hochschule genutzt. Vielfach ist es auch aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen schwierig oder unmöglich, für eine Hochschule als Landeseinrichtung ein solches Vorhaben in die Praxis umzusetzen.
Vor diesem Hintergrund plante die Ruhr-Universität Bochum bereits seit Mitte 1994 die Gründung einer eigenen Forschungs- und Verwertungsgesellschaft (F+V-Gesellschaft). Trotz Unterstützung des Vorhabens durch das Wissenschaftsministerium und das Wirtschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen scheiterte das Vorhaben bisher am Veto des Finanzministeriums, das einer Beteiligung der Universität als Landeseinrichtung an einer privaten Gesellschaft zustimmen muß. Als Alternative bot sich nach längerer Diskussion eine Gründung mit Beteiligung der Ruhr-Universität als Körperschaft des öffentlichen Rechts an. Nach bereits erfolgter Zustimmung der universitären Gremien zur Gründung einer F+V-Gesellschaft wird das Vorhaben in den nächsten Monaten umgesetzt.
Mit der Gründung einer eigenen F+V-Gesellschaft verfolgt die Ruhr-Universität Bochum das Ziel, die Verwertung von Forschungsergebnissen voranzutreiben und finanzielle Rückflüsse aus der Hochschulforschung zu erzielen. Im Rahmen eines Modellversuches sollen für das Land Nordrhein-Westfalen Strategien für die Arbeit hochschuleigener F+V-Gesellschaften entwickelt und optimiert werden.
Die Ruhr-Universität Bochum wird an der F+V-Gesellschaft eine Mehrheitsbeteiligung halten. Darüber hinaus ist eine Beteiligung weiterer Unternehmen aus dem öffentlich rechtlichen / privatwirtschaftlichen Bereich vorgesehen.
Das Aufgabenspektrum der F+V-Gesellschaft wird relativ breit sein. Dazu zählen insbesondere:
• Initiierung und Management von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben.
• Erbringung von Beratungsleistungen für Wirtschaft und öffentliche Einrichtungen.
• Marketing für und Verwertung von universitären Dienstleistungen.
• Weiterentwicklung universitärer Forschungs- und Entwicklungsergebnisse bis zur Marktreife und gemeinsame Verwertung mit den Instituten.
• Patentierung und Lizensierung von Ideen/Entwicklungen aus dem Hochschulbereich.
• Übernahme von Transferaufgaben für die Hochschule.
„Das Potential der Arbeit von 2500 Forschern an der Ruhr-Universität eröffnet vielfältige Projektmöglichkeiten und Verwertungsaktivitäten.“
Grundlage für das Leistungsangebot der F+V-Gesellschaft ist das Forschungs- und Entwicklungsspektrum der Institute und Arbeitsgruppen der Ruhr-Universität Bochum. Die Nutzung des Potentials der Arbeit von ca. 2500 Professoren und Wissenschaftlern eröffnet vielfältige Möglichkeiten für Projekte und Verwertungsaktivitäten und erstreckt sich auf nahezu alle wichtigen Wissenschaftsbereiche.
Eine Zusammenarbeit kann dabei allerdings nur auf einer Basis stattfinden, die für beide Seiten vorteilhaft ist. Finanzielle Rückflüsse müssen in angemessener Weise in Abhängigkeit von Qualität und Reifegrad der Idee/Erfindung und des jeweiligen finanziellen und personellen Einsatzes zwischen den Beteiligten, den Instituten/Arbeitsgruppen, der F+V-Gesellschaft und der Universität, aufgeteilt werden.
Das Unternehmen sollte wirtschaftlich unabhängig am Markt operieren und sich nach einer Anlaufphase von drei bis fünf Jahren selber tragen. Die wirtschaftliche Basis werden neben Einnahmen aus laufenden Projekten und Produkten u.a. auch Verwertungsrechte und Patente bilden, die während der Anlaufphase gemeinsam mit Forschergruppen der Universität erworben wurden.
Die Unternehmensgründung erfolgt auf der Grundlage bisheriger Aktivitäten der Technologietransferstelle UNIKONTAKT der Ruhr-Universität. Eine Basis der neuen Gesellschaft ist dabei die Verlagerung von Aufgaben der Transferstelle in die F+V-Gesellschaft, indem diese mit der Wahrnehmung von Aufgaben im Bereich des Technologietransfers durch die Ruhr-Universität beauftragt wird.
Das Gründungskonzept der F+V-Gesellschaft sieht ferner auch die Integration einer unter dem Namen UMWELTAGENTUR schon bestehenden Beratungs-, Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH vor, die vor drei Jahren mit Unterstützung des Ministeriums für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr des Landes NRW aus einem Technologietransferprojekt der Transferstelle heraus gegründet wurde. Damit verbunden ist auch der Einstieg in eine Reihe laufender Projekte der UMWELTAGENTUR als anfängliche Basis für eine wirtschaftliche Tätigkeit der neuen Gesellschaft. Damit ist die Gesellschaft von Anfang an in den Bereichen Projektmanagement und -abwicklung, Beratung und Verwertung universitärer Dienstleistungen aktiv.
Im übrigen wurde für die Startphase der Gesellschaft eine finanzielle Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung NRW und des Ministeriums für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr des Landes NRW in Aussicht gestellt.
Nach Ablauf einer ca. dreijährigen Anlaufphase sollte sich anhand der wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft erkennen lassen, ob das mit der Gründung einer Forschungs- und Verwertungsgesellschaft verfolgte Konzept langfristig tragfähig ist und das angestrebte Ziel einer besseren Verwertung von Forschungsergebnissen der Ruhr- Universität erreicht wird.