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Auf die richtige "Rezeptur" kommt es an
Es stellte sich heraus, dass neben den Endothel und Gliazellen
auch noch gefäßbegleitende Zellen notwendig sind, die
man über lange Zeit vernachlässigt hatte. Hierbei handelt
es sich um sog. Perizyten, die normalerweise den Endothelzellen
von außen aufsitzen und im Gehirn besonders gehäuft vorkommen
(s. Abb. 1 u. 2).
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Abb.: 2
Die feinen Blutgefäße (Kapillaren) hier längs
und quer geschnitten bilden im Gehirn ein besonders dichtes
Netz. Sie wurden mit einem am Bochumer Institut entwickelten
spezifischen Antikörper gegen das Enzym Aminopeptidase
N markiert, der an die Perizyten der Gehirngefäße
bindet. In einem zweiten Schritt wird dieser Antikörper
mit einem grünen Fluoreszenzfarbstoff gekoppelt (Indirekte
Immunfluoreszenz). |
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Erst wenn man ein Gemisch von allen drei Zelltypen
unter Zugabe von Differenzierungsfaktoren in die Kultur gibt, bleibt
ein Großteil der Moleküle erhalten, die an den geschilderten
Transport und Abbauphänomenen beteiligt sind. Mit einem bestimmten
Mischungsverhältnis der Zellen gelang es uns sogar, Gefäße
in der Kultur wachsen zu lassen, die den natürlich vorkommenden
Kapillaren entsprechen ( Abb. 4). |
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Abb.: 4
Künstliche Blut-Hirn-Schranke: Endothelzellen aus dem Gehirn
wachsen in der Kulturschale gemeinsam mit Perizyten. Sie bilden
gefäßähnliche Strukturen mit feinen Verzweigungen.
Für die Immunfluoreszenzdarstellung wurden die Perizyten
grün markiert und die Zellkerne der Endothelzellen sowie
der Perizyten blau gefärbt. |
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Um Transportphänomene im Rahmen pharmakologischer
Tests zu untersuchen, reicht es jedoch, schichtförmig ausgebreitete
Endothelrasen zu züchten, die Schrankeneigenschaften aufweisen
(Abb. 5). |
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Abb.: 5
Künstliche Blut-Hirn-Schranke: Aus dem Gehirn isolierte
Endothelzellen (rot) wachsen in der Zellkulturschale als dichter
einschichtiger Zellrasen, wenn sie ohne Perizyten und Astrozyten
kultiviert werden. Die Zellkerne der Endothelzellen sind blau
dargestellt. |
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Unser Ziel ist, das Modell so zu standardisieren, dass je nach
experimentellem Anspruch sowohl zweidimensionale Zellrasen als auch
Kapillaren hergestellt werden können. In der Kulturschale produzierte
Kapillaren würden sich ausgezeichnet dazu eignen, das Entstehen
krankhafter Veränderungen der Gehirngefäße zu untersuchen.
Das stark differenzierte Schranken und Transportsystem der Blut-Hirn
Schranke ist durchaus störanfällig. So treten bei Erkrankungen
des zentralen Nervensystems häufig sog. Schrankenstörungen
auf, die man anhand des Nervenwassers (Liquor) nachweisen kann.
Entzündungen des zentralen Nervensystems können Schrankenstörungen
verursachen und zu typischen Veränderungen der im Liquor gelösten
Eiweiße führen. Bei regionalen Erkrankungen des Gehirns
kann man die Schrankenstörung heute durch moderne bildgebende
Verfahren wie Computer oder Kernspintomographie sichtbar machen.
Der Nachweis von intravenös verabreichtem Kontrastmittel im
umgebenden Hirngewebe markiert den lokalen Schrankendefekt und dient
zur Beurteilung des Krankheitsverlaufes, der Krankheitsaktivität
und des Therapieerfolges (Abb. 6).
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Abb.: 6
Mittels verschiedener Kernspintomographie-Techniken lassen sich
Schrankenstörungen nachweisen: unterschiedlich stark ausgeprägte
Störungen deuten hier auf die Krankheitsaktivität
bei Multipler Sklerose hin. a: höhere Wasseranteile in
den Herden 1,2 und 3 b: Nachweis einer ausgeprägten (Herd
1) und einer leichten Schrankenstörung (Herd 2) sowie eine
funktionierenden Blut-Hirn-Schranke bei Herd 3 |
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Die Bedeutung dieser Schranke für die Integrität der
Hirnfunktionen zeigt sich bei einer der häufigsten entzündlichen
Erkrankungen des zentralen Nervensystems, der Multiplen Sklerose.
Man nimmt heute an, dass Multiple Sklerose zur Gruppe der Autoimmunerkrankungen
gehört: Die Immunabwehr des betroffenen Organismus richtet
sich gegen körpereigene Substanzen, in der Regel Proteine.
Normalerweise sind diese Abwehrmechanismen, bei denen die Lymphozyten
eine wichtige Rolle spielen, nur gegen Fremdeiweiße gerichtet.
Da das Gehirn mit der Blut-Hirn-Schranke einen Schutzwall gegenüber
der körpereigenen Immunabwehr besitzt, wird es auch nur gelegentlich
von den im Blut patrouillierenden Lymphozyten "heimgesucht".
Dringen jedoch aktivierte Lymphozyten ins Hirngewebe ein (Abb. 7),
so kann es zu einem Angriff auf die körpereigenen Eiweiße
in den Markscheiden der Nervenzellfortsätze kommen.
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Abb.: 7
Ein Leukozyt (LE) passiert die BlutHirn Schranke, GE markiert
das Innere des Gefäßes. Das Endothel (EN) wird
außerhalb des geschlossenen Zwischenzellkontaktes (ZK)
von dem Leukozyten durchdrungen (Pfeile). Das Endothel unterstützt
diesen Vorgang. Die Durchtrittsstellen sind "Leaks"
für das Übertreten von Serumbestandteilen in die
Hirnflüssigkeit (Liquor).
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Diese Immunreaktion gegen die Markscheidenproteine führt dazu,
dass die für die Erregungsübertragung von Nervenimpulsen
wichtigen Markscheiden zerfallen und zum Teil abgebaut werden. Die
Folge sind Sensibilitätsstörungen, Lähmungserscheinungen
und Sehstörungen der Patienten. Warum die Blut-Hirn-Schranke
von den aktivierten Lymphozyten unterwandert wird, ist noch nicht
geklärt. Das Kulturmodell der Blut-Hirn Schranke könnte
Einblicke in die krankmachenden Prozesse bei der Multiplen Sklerose
gewähren, die zukünftig vielleicht neue Therapiekonzepte
ermöglichen.
Die Passierbarkeit der Schranke für Lymphozyten hat besondere
Aktualität hinsichtlich der BSE-Diskussion, sind doch die Ausbreitungswege
dieses Erregers noch immer nicht geklärt. Um ihre tödliche
Wirkung entfalten zu können, müssen BSE-Erreger, sog.
Prione, in das Gehirn gelangen. Da das BSE-Prion mit der Nahrung
über den Darm aufgenommen wird, muß es offenbar Zwischenstationen
geben, in denen es transportiert wird und sich vermehren kann. Jüngste
Untersuchungen weisen auf die besondere Rolle der Lymphozyten hin,
die im Wechselspiel mit weiteren Zellen der lymphatischen Organe
zu einer Vermehrung des BSE-Erregers führen, bevor er das Gehirngewebe
befällt.
Wie der BSE-Erreger die Schranke passieren könnte
Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Entweder wandern die Prione
über die peripheren Nerven ins Gehirngewebe, wie dies zum Beispiel
für einige giftige Eiweiße wie das Tetanustoxin bekannt
ist, oder sie benutzen die Lymphozyten als Vehikel und gelangen
mit diesen - wie für die Multiple Sklerose beschrieben - in
das zentrale Nervensystem. Dies kann natürlich nur in kleinsten
Portionen erfolgen, da normalerweise nur einzelne Lymphozyten ins
Gehirn eindringen und winzige Mengen an Eiweiß transportieren
können. Vielleicht erklärt dieser sich tröpfchenweise
vollziehende Mechanismus auch die lange Inkubationszeit von bis
zu dreißig Jahre bei Prionerkrankungen. Wirksame Medikamente
gegen die BSE-Erkrankung müssen den Erreger abfangen bzw. vernichten,
bevor er ins Hirn eingedrungen ist, da die Blut-Hirn-Schranke einer
effektiven Therapie des Erregers im Gehirn im Wege steht.
Bei aller Zurückhaltung in der Interpretation der generellen
Bedeutung der Blut-Hirn-Schranke für die Entfaltung der Hirnleistungen
sei doch zum Schluss ein vorsichtiges Fazit über dieses außerordentlich
interessante biologische Phänomen gezogen: Offenbar bedurfte
es im Laufe der Evolution der Entwicklung eines Schranken-Systems,
das es dem Gehirn erlaubt, seine komplexen Funktionen in einem definierten
Milieu auszuüben. Anhaltende Störungen dieses Systems
haben zwangsläufig Störungen höherer Hirnleistungen
zur Folge. Die Blut-Hirn-Schranke schafft somit die Basis für
die neuronalen Mechanismen, die Grundlage unseres Denkens, Fühlens
und des Bewusstseins sind.
Prof. Dr. med. Rolf Dermietzel, Dr. rer. nat. Dorothee Krause-Finkeldey
und PD Dr. med. Pedro Faustmann
Institut für Anatomie, Abteilung Neuroanatomie und Molekulare
Hirnforschung
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