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Checkpoint im Gehirn: Jetzt in der Kulturschale
Ungestört vom turbulenten Geschäft der übrigen
Organe laufen die sensiblen Hirnfunktionen ab. Eine Schranke macht
unser Gehirn zum kontrollierten "extraterritorialen" Raum.
Doch sie hält auch dringend erforderliche Medikamente fern.
Mit der künstlichen Blut-Hirn-Schranke wollen die Forscher
jetzt die Mechanismen der Barriere klären und einen Test zur
Verfügung stellen, der Tierversuche ersetzt.
Nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist die
Aufklärung der Mechanismen, die den höheren Hirnfunktionen
wie Bewusstsein, Gedächtnis und Lernen zugrunde liegen, eine
weitere große Herausforderung der biologischen Wissenschaften.
Ohne Zweifel sind in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte
bei der Enträtselung der molekularen und physiologischen Prozesse
gemacht worden, die den Hirnleistungen zugrunde liegen. So ist das
in den sechziger Jahren noch vorherrschende Bild vom Gehirn als
einem statisch verdrahteten Computer heftig ins Wanken geraten.
Die neuronalen Strukturen weisen eine außerordentlich hohe
Plastizität auf: Netzwerke, die für die Speicherung von
Gedächtnisinhalten oder von Lernprozessen verantwortlich sind,
verknüpfen sich ständig neu und alte Verbindungen werden
abgebaut. Gegenüber anderen Organen unseres Körpers wie
der Leber, dem Herz oder den Nieren besitzt das Gehirn eine geradezu
aberwitzige strukturelle Inkonstanz - dies allerdings ausschließlich
auf dem Niveau der sog. Synapsen, der Schnittstellen der Nervenzellen.
Dagegen hat die mikroskopisch sichtbare Anordnung der Nervenzellen
in den verschiedenen Hirnregionen hohe Konstanz. Einmal während
der Hirnreifung ausgebildet, bleibt sie weitgehend unverändert.
Diese Mischung von dynamischen Anpassungsmechanismen eingebettet
in das Raster einer hohen strukturellen Ordnung scheint eine Grundvoraussetzung
für die Leistungen unseres Gehirns zu sein. Doch das Gehirn
bedarf offenbar nicht nur eines fixen strukturellen Rahmens, sondern
auch eines konstanten inneren Milieus. Das stoffliche Umfeld neuronaler
Prozesse, wie die Konzentration von Ionen, Aminosäuren, Eiweißen
und Hormonen in den Zellzwischenräumen, darf keine größeren
Schwankungen aufweisen. Es könnte sonst die Hirnfunktionen
stören. Auch ist ein unkontrolliertes "Hinüberschwappen"
von stoffwechselaktiven Substanzen der Körperperipherie in
die Funktionsbereiche der Nervenzellen nicht erlaubt.
Die Mechanismen der synaptischen Plastizität werden von subtilen
lokalen Ereignissen begleitet, die ein feinst abgestimmtes molekulares
Gleichgewicht des Hirnmilieus benötigen. Das "Ungestörtsein"
vom turbulenten Geschäft der übrigen Organe ist deshalb
eine Voraussetzung für die Hirnfunktionen. Das Gehirn existiert
in einer Art kontrolliertem, "extraterritorialem" Raum,
der es zwar nicht unabhängig von der Körperperipherie
macht, jedoch einen Schonraum darstellt, in dem das zentrale Nervensystem
seine Funktionen entfalten kann. Mit einer Art Schrankensystem (Blut-Hirn-Schranke)
hat der Organismus dem Gehirn besondere Konditionen eingeräumt.
Erst dieses Schrankensystem verhilft dem Gehirn zu der erforderlichen
hohen Stabilität seines inneren Milieus.
Schranke sichert "Schonraum Gehirn"
Einige Beispiele sollen die Notwendigkeit einer solchen Schranke
zwischen dem Gehirn und den übrigen Organen verdeutlichen.
Im Bereich des Magen-Darm-Traktes werden zahlreiche Gewebshormone
produziert, die wichtige Funktionen bei der Verdauung besitzen:
z. B. das sog. Cholecystokinin, das die Sekretion der Galle aus
der Leber und die Kontraktion der Gallenblase fördert, oder
das in der Bauchspeicheldrüse produzierte und in den Glucosestoffwechsel
mit eingreifende Hormon Somatostatin. Verblüffenderweise spielen
diese Hormone im zentralen Nervensystem als sog. Neuropeptide ebenfalls
eine wichtige Rolle bei der Erregungsübertragung an den synaptischen
Enden der Nervenzellen. Auch an den Prozessen der Plastizität
("Lernfähigkeit") der Synapsen sind sie beteiligt.
Würden diese Peptidhormone (kurze Eiweißketten), die
zum Teil frei im Blut zirkulieren, in das Gehirn gelangen, so käme
es zu erheblichen Änderungen seines inneren Milieus mit der
Konsequenz einer Störung neuronaler Funktionen. Für die
meisten dieser Peptidhormone stellt die Blut-Hirn-Schranke ein unüberwindbares
Hindernis dar. Unter Krankheitsbedingungen wie bei Entzündungen
des Gehirns kann es jedoch zu einer "Öffnung" der
Schranke mit den beschriebenen Folgen kommen.
Die wichtige physiologische Funktion der Schranke kann unter therapeutischen
Aspekten aber auch hinderlich sein, z.B. wenn Medikamente in ausreichenden
Mengen in das Gehirn gelangen sollen. Da der Blutraum die Grenzzone
zwischen dem Hirngewebe und der Körperperipherie bildet, ist
die Schranke an den Blutgefäßen manifestiert (s. Abb.
1).
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Abb.1
Die Blut-Hirn-Schranke trennt die Blutbahn vom Hirngewebe und
besteht aus: Endothel der Kapillaren, Perizyten und den Endfüßen
der Gliazellen (Astrozyten). Der Astrozyt steht sowohl mit der
Kapillare als auch der Nervenzelle (Neuron) in Kontakt und spielt
eine vermittelnde Rolle zwischen der Blut-Hirn-Schranke und
den Nervenzellen. |
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Zu diesem Zweck haben die zahlreichen feinen Haargefäße
des Gehirns (Kapillaren) besondere Eigenschaften ausgebildet, die
sie von den übrigen Kapillaren des Körpers unterscheiden
(Abb. 1). Die wichtigsten Mitspieler im Arrangement der Blut-Hirn
Schranke sind die Endothelzellen, die die Gefäßewände
auskleiden und mit dem Blutstrom in unmittelbarem Kontakt stehen.
Diese Zellen bilden einen lückenlosen Verband und sind untereinander
durch Zellkontakte abgedichtet, so dass weder Blutzellen noch lösliche
Bestandteile des Blutes die Barriere frei passieren können.
Nährstoffe hinein, Abfälle heraus
Da aber die Nervenzellen kontinuierlich mit Nährstoffen versorgt
werden müssen und umgekehrt ständig Abfallstoffe aus dem
Gehirn heraustransportiert werden, muss ein Austausch von Substanzen
in beide Richtungen garantiert sein (s. Abb. 3).
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Abb.: 3
Austauschmechanismen an der Blut-Hirn-Schranke: Neben der freien
Diffusion von Gasen spielen sich spezifische Transportphänomene,
enzymatischer Abbau und Entgiftungsfunktionen durch Trägerproteine
(MDR) ab. Die Endothelzellen liegen so dicht beieinander, dass
hier kein Austausch zwischen Blutraum und Hirngewebe mehr möglich
ist. |
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Die Endothelzellen sind mit einer Reihe von spezialisierten Vehikel-Molekülen
ausgestattet, die diese Funktion übernehmen. Steigt zum Beispiel
in einer Hirnregion die Aktivität der Nervenzellen an, so spiegelt
sich dies in einer vermehrten Durchblutung wider. Die Erhöhung
der Durchblutung ist ein Anpassungsmechanismus, um der aktiven Region
ausreichend Sauerstoff und Glucose zuzuführen.
An der Glucose zeigt sich eindrucksvoll das gut ausbalancierte
System. Glucose ist der wichtigste Energielieferant für die
Nervenzellen. Jede Aktivitätserhöhung der Nervenzellen
führt lokal zu einem vermehrten Glucoseverbrauch. Ob wir Muskelarbeit
verrichten oder ein Musikstück hören, immer kommt es zu
einer Erhöhung neuronaler Aktivitäten in dem Gehirnbereich,
der für diese Funktion verantwortlich ist. Wenn der Energieverbrauch
ansteigt, wird im Ausgleich vermehrt Glucose aus dem Blut ins Gehirngewebe
transportiert, um so die optimale Versorgung der Nervenzellen mit
Glucose zu gewährleisten. Zu diesem Zweck gibt es spezielle
Transporter in den Zellmembranen der Endothelzellen, die die Glucose
rasch ins Hirngewebe "schaufeln".
Auch Aminosäuren, die im Gehirn für die Synthese von
Botenstoffen (Neurotransmittern) und Proteinen benötigt werden,
können über spezielle Aminosäuretransporter durch
die Endothelzellen vom Blut ins Gehirn geschleust werden. Der umgekehrte
Weg ist ebenfalls möglich. So werden zum Beispiel bestimmte
kleine ÿ-Aminosäuren wie Glycin und Aminobuttersäure
(GABA) im Gehirn selbst gebildet und wirken als hemmende Neurotransmitter
auf Nervenzellen. Zur Kontrolle ihrer Konzentration im Gehirn sind
Transportsysteme vorhanden, die diese kleinen Aminosäuren selektiv
vom Gehirngewebe ins Blut transportieren.
Neben den aktiven Transportsystemen besitzt die Blut-Hirn-Schranke
des Endothels auch Enzyme, die im Gehirn unerwünschte Stoffwechselprodukte
rasch abbauen. Damit übernimmt die Schranke eine Art Entgiftungsfunktion.
Diese abbauenden Komponenten können therapeutisch eine kontraproduktive
Wirkung gegenüber Medikamenten haben. So können Anti-Tumor-Substanzen,
die aufgrund ihrer fettliebenden Eigenschaften die Zellmembran der
Endothelzellen passieren, durch ein spezielles Enzym des Endothels
(PGlycoprotein, entspricht MDR: multy drug resistance gene) wieder
aus den Zellen herausgepumpt werden. Die Konsequenz ist eine zu
geringe Konzentration der Wirkstoffe, wodurch der gewünschte
Effekt auf die Tumorzellen im Gehirn ausbleibt.
Ähnliches gilt auch für Medikamente, die gegen die AIDS-Erkrankung
eingesetzt werden. Der Erreger - das HI-Virus - besitzt die fatale
Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke überwinden zu können.
Er kann sich im Gehirn einnisten und dort massive entzündliche
Veränderungen bis hin zur Tumorbildung auslösen. Heute
weiß man, dass ein erheblicher Prozentsatz der HIV-Erkrankten
an Infektionen des Gehirns leidet und daran stirbt. Die Vermehrung
des Virus im Gehirn lässt sich aber nur dann effektiv verhindern,
wenn die eingesetzten Medikamente die Schranke passieren können.
Ein klassisches Beispiel für die therapeutische Überwindung
der Blut-Hirn-Schranke ist die Entwicklung des Anti-Parkinson-Medikamentes
L-DOPA. Die Parkinsonsche Erkrankung beruht auf einem Verlust von
Nervenzellen im Mittelhirn, die den Neurotransmitter Dopamin produzieren.
Die einfachste therapeutische Strategie wäre, den Verlust dieses
Transmitters medikamentös zu kompensieren. Leider verhindert
ein Enzym der Blut-Hirn-Schranke, dessen normale Funktion der Abbau
des natürlich vorkommenden Dopamins ist, ein Eindringen dieser
Substanz vom Blut ins Hirngewebe. Eine Vorstufe des Dopamins, das
sog. L-DOPA, hingegen kann ungehindert die Kapillaren passieren
und unterliegt nicht diesem Abbaumechanismus. So steht mit dem L-DOPA
ein wirksames Medikament zur Behandlung des Parkinsonismus zur Verfügung.
Zum Glück gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten, die ungehindert
durch die Blut-Hirn-Schranke gelangen. So passieren alle gängigen
Narkosemittel die Schranke, auch Schmerzmittel gelangen durch die
Barriere, während Antibiotika wie das klassische Penicillin
nur unter Entzündungsbedingungen ins Gehirn übertreten.
Häufig sind es nur kleine Veränderungen an den Molekülen,
die über eine Passierbarkeit entscheiden. Damit kommt dem Test
auf "Schrankengängigkeit" pharmakologisch aktiver
Substanzen eine entscheidende Rolle zu, wenn diese bei Hirnerkrankungen
eingesetzt werde sollen. Derartige Tests können im Tierversuch
erfolgen. Wünschenswert wäre es aber, Zellkulturmodelle
zur Verfügung zu stellen, die Tierversuche ersetzen können.
Es ist schwierig, künstliche Blut-Hirn-Schranken zu entwickeln,
weil die isolierten Zellen in der Kultur sehr rasch ihre Schrankenfunktion
verlieren. Wir haben deshalb versucht, durch eine Mischung verschiedener
Zellen und durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren eine Art
künstliche Blut-Hirn-Schranke in der Kulturschale zu kreieren
(s. Info).
Zuerst musste herausgefunden werden, welche Zellen für eine
künstliche Blut-Hirn-Schranke überhaupt notwendig sind.
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Künstliche Blut-Hirn-Schranke
Eine künstliche Blut-Hirn-Schranke ist ein Modell, an dem
sich die Passage von Medikamenten oder Zellen durch diese Barriere
außerhalb des Gehirns untersuchen lässt. Für die
Pharmakologie bietet die künstliche Blut-Hirn Schranke die
Möglichkeit, Substanzen auf ihre sog. Schrankengängigkeit
zu testen und somit in erheblichem Umfang Tierexperimente einzusparen.
Im Rahmen der Grundlagenforschung können die molekularen Mechanismen
des Transportes von Substanzen in der Kulturschale (in vitro) studiert
werden. Um eine in vitro-Schranke aufzubauen, müssen zunächst
die einzelnen Zellen der Blut-Hirn-Schranke isoliert und kultiviert
werden. Erst bei optimalen Bedingungen bleiben die typischen Schranken-Eigenschaften
auch in den Zellkulturen erhalten. Das zelluläre Arrangement
der Blut-Hirn-Schranke besteht aus Endothelzellen, Gliazellen (Astrozyten)
und Perizyten (s. Abb. 1). Perizyten treten im Gehirn im Gegensatz
zu anderen Organen besonders zahlreich auf. Sie umklammern die Endothelzellen
mit ihren Fortsätzen und sind gemeinsam mit diesen in eine
aus feinsten Fasern bestehende Basalmembran eingebettet. Die Bedeutung
der Perizyten für die Blut-Hirn-Schranke wurde lange Zeit unterschätzt
und ist bis heute nur unzureichend geklärt. Wir haben die Aminopeptidase
N als Membranenzym des Gehirns identifiziert, mit dessen Hilfe Perizyten
Neuropeptide abbauen. Damit scheinen Perizyten aktiv an der Regulation
der Blut-Hirn-Schranke beteiligt zu sein. Auch beim Aufbau einer
künstlichen Blut-Hirn-Schranke kann auf Perizyten offensichtlich
nicht verzichtet werden. Als drittes "zelluläres Mitglied"
der Blut-Hirn Schranke fungieren die Astrozyten (zerebrale Gliazellen).
Sie umfassen mit ihren Endfüßchen die Endothelzellen
und Perizyten einschließlich der Basalmembran und bieten den
Blutgefäßen einen mechanischen Schutz. Bei niederen Wirbeltieren
bilden die Astrozyten die eigentliche Schranke um die Gehirngefäße,
bei höheren Wirbeltieren tragen sie zur Ausbildung und Aufrechterhaltung
der intakten Barriere bei. Die Astrozyten sind zugleich Bindeglied
zwischen den Gefäßen und den Nervenzellen: Sie wandeln
die über die Gefäße aufgenommene Glucose in Milchsäure
um und bieten sie den Nervenzellen als Energielieferant an. Für
eine in vitro-Blut-Hirn-Schranke sind offenbar alle drei Zellelemente
notwendig. Nur ihr Zusammenspiel ermöglicht eine wirkungsvolle
Barriere mit komplexen Regulationsmechanismen. Dabei ist nicht nur
der physische Kontakt der Zellen, sondern auch die Ausschüttung
löslicher Faktoren von Bedeutung: Die Endothelzellen scheiden
verschiedene Faktoren aus, die das Zellwachstum und die Differenzierung
von Perizyten und Astrozyten stimulieren. Umgekehrt ist die Anwesenheit
von Astrozyten und Perizyten notwendig, um die Endothelzellen "schrankenfähig"
zu machen.
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