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RUBENS 99

1. Juli 2005

Jäger und Sammler der Tiefsee

Bochumer Artenforscher auf Expedition im Südatlantik


„Wenn der Tiefseeschlitten an Bord kommt – das ist wie Weihnachten!“ Nils Brenkes Augen leuchten. Vier Wochen verbrachte der Artenforscher zusammen mit seinen Kolleginnen Myriam Schüller und Malgorzata Rudschewski vom Lehrstuhl für Spezielle Zoologie und weiteren Wissenschaftlern auf dem Forschungsschiff Meteor. Auf der Expedition „DIVA 2“ im Südatlantik sammelten sie alles, was an Megafauna in der Tiefsee lebt: von Bakterien bis zu Seeigeln.

Der „Großkastengreifer“ stach tags wie nachts tonnenschwere Blöcke aus dem bis zu 5.000 Meter tiefen Meeresboden aus und beförderte sie an Bord, ebenso der „Multicorer“, der mehrere kleinere Erdbohrkerne zutage fördert. Zusätzlich schleppte das Schiff den Tiefseeschlitten mit feinen Netzen hinter sich her, in denen sich allerhand Getier verfängt.
Sobald die Proben eingeholt waren, ging es ans „Auspacken“: sieben, vorsortieren, konservieren, manchmal 30 Stunden am Stück: „Auf der Meteor herrscht kein normaler Alltag, es ist völlig irreal“, erzählt Brenke. „Man fällt aus dem Bett sofort ins Labor und arbeitet, manchmal tagelang ohne Pause. Dafür kann man auch mal zwölf, vierzehn Stunden schlafen, während andere mit Multicorer oder Großkastengreifer arbeiten.“

90 Prozent unbekannte Arten

Für Essen, Trinken und frische Wäsche war jederzeit gesorgt, die Wissenschaftler konnten sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Für Nils Brenke hieß das: auf Asseln, „Isopoden“. Geschätzte 30 bis 50 der ca. 100 verschiedenen gesammelten Asselarten sind noch unbekannt. Wenn er eine neue Art entdeckt hat, beschrieb Brenke sie detailliert, zeichnete sie und versah sie mit einem Namen, der ein charakteristisches Merkmal des Tieres beschreibt oder den Fundort. Es können auch Familienmitglieder oder Fachkollegen durch eine Namensgebung geehrt werden: so z.B. Prof. Wolfgang Wägele, der die Teilnahme an DIVA initiiert hat, mit dem Isopoden „Serolis waegelei“ (Brandt, 1988). „So eine Beschreibung hat um die 30 Seiten“, erklärt Brenke, der kurz vor Vollendung seiner Dissertation steht und schon bei DIVA 1 im Jahr 2000 dabei war, „die Expedition wird uns sicherlich noch zwei, drei Jahre beschäftigen.“ Ist eine Art beschrieben und benannt, wandert sie ins Museum. Asseln werden – wie Fische – in Hamburg gesammelt, Borstenwürmer in Frankfurt am Main, Seeigel und Seegurken in München.
Erst zehn von ca. 160 Litern Proben konnten die Bochumer Forscher auf der Meteor sortieren. Eine Fleißarbeit, die nicht jedermanns Sache ist. „Zum Artenforscher muss man geboren sein“, meint Brenke, „dafür treffen sich auf den Expeditionen gleich gesinnte Menschen, die gut zusammen arbeiten.“ Das Forscherteam auf der Meteor bestand aus Artenforschern, Genetikern, Geologen und Systematikern, die aus den Proben ihr Material herausfischten und Hand in Hand arbeiteten. Ziel sind u. a. Artenlisten, die es für weite Teile des Ozeans noch nicht gibt. Sie sollen über die Zahl der Arten in der Tiefsee und ihre Verwandtschaften Aufschluss geben. „Wenn wir in den Sammelgebieten viele Tiere finden, die nur dort vorkommen, lässt das auf eine große Anzahl verschiedener Arten weltweit schließen“, erklärt Brenke. „Wenn sich dort Lebewesen finden, die überall vorkommen, sind es weltweit wohl weniger.“
Experten schätzen, dass wir nur etwa zehn Prozent aller Tiere des Globus’ kennen, und dass zwischen 30 Millionen und einer Milliarde Arten bislang unentdeckt sind. Brenke und seine Kollegen könnten also weitersuchen, beschreiben und benennen, bis sie alt und grau sind. „Genau das will ich auch“, sagt er ohne Zögern, und Myriam Schüller, die sich vorrangig mit Borstenwürmern befasst, stimmt zu: „Anfangs kann man es sich vielleicht nicht vorstellen, aber man mag die Tierchen irgendwann richtig.“ Zudem gebe es viel zu wenige, die Artenforschung betreiben. Bund und Land finanzieren lieber Forschungsgebiete, die mit neuer Technik arbeiten und deren Ergebnisse schnell anwendbar sind, wie die Genforschung. Grundlagenforscher haben es schwerer: „Wir werden in absehbarer Zeit mit Sicherheit kein neues Medikament entwickeln; aber auf lange Sicht werden wir dazu beitragen, die Evolution der Arten besser zu verstehen“, bemerkt Nils Brenke.

Fußball über den Weltempfänger

Auch an der Ruhr-Uni ist das Schicksal der Artenforschung ungewiss, denn der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls für Spezielle Zoologie, Prof. Wägele, hat einen Ruf nach Bonn angenommen. Noch weiß niemand, wie sich der Lehrstuhl nach einer Neubesetzung entwickeln wird. Brenke und Schüller werden sich anderswohin orientieren. Würmern und Asseln bleiben sie treu: DIVA 3 ist für 2007 oder 2008 geplant, die beiden wollen wieder dabei sein. Neben den lieb gewonnenen Tierchen lockt das Abenteuer im Mikrokosmos Forschungsschiff. „Man bekommt von der Außenwelt nicht viel mit, die wichtigsten Nachrichten waren die wöchentlichen Fußballergebnisse, die ein Matrose über Weltempfänger bekam“, erzählt Myriam Schüller.



md
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Letzte Änderung: 30.06.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik