Jäger und
Sammler der Tiefsee
Bochumer
Artenforscher auf Expedition im Südatlantik
Wenn der Tiefseeschlitten an Bord kommt
das ist wie Weihnachten! Nils Brenkes Augen leuchten.
Vier Wochen verbrachte der Artenforscher zusammen mit
seinen Kolleginnen Myriam Schüller und Malgorzata
Rudschewski vom Lehrstuhl für Spezielle Zoologie
und weiteren Wissenschaftlern auf dem Forschungsschiff
Meteor. Auf der Expedition DIVA 2 im Südatlantik
sammelten sie alles, was an Megafauna in der Tiefsee lebt:
von Bakterien bis zu Seeigeln.
Der Großkastengreifer stach tags wie
nachts tonnenschwere Blöcke aus dem bis zu 5.000
Meter tiefen Meeresboden aus und beförderte sie an
Bord, ebenso der Multicorer, der mehrere kleinere
Erdbohrkerne zutage fördert. Zusätzlich schleppte
das Schiff den Tiefseeschlitten mit feinen Netzen hinter
sich her, in denen sich allerhand Getier verfängt.
Sobald die Proben eingeholt waren, ging es ans Auspacken:
sieben, vorsortieren, konservieren, manchmal 30 Stunden
am Stück: Auf der Meteor herrscht kein normaler
Alltag, es ist völlig irreal, erzählt
Brenke. Man fällt aus dem Bett sofort ins Labor
und arbeitet, manchmal tagelang ohne Pause. Dafür
kann man auch mal zwölf, vierzehn Stunden schlafen,
während andere mit Multicorer oder Großkastengreifer
arbeiten.
90 Prozent unbekannte Arten
Für Essen, Trinken und frische Wäsche war
jederzeit gesorgt, die Wissenschaftler konnten sich
auf ihre Arbeit konzentrieren. Für Nils Brenke
hieß das: auf Asseln, Isopoden. Geschätzte
30 bis 50 der ca. 100 verschiedenen gesammelten Asselarten
sind noch unbekannt. Wenn er eine neue Art entdeckt
hat, beschrieb Brenke sie detailliert, zeichnete sie
und versah sie mit einem Namen, der ein charakteristisches
Merkmal des Tieres beschreibt oder den Fundort. Es können
auch Familienmitglieder oder Fachkollegen durch eine
Namensgebung geehrt werden: so z.B. Prof. Wolfgang Wägele,
der die Teilnahme an DIVA initiiert hat, mit dem Isopoden
Serolis waegelei (Brandt, 1988). So
eine Beschreibung hat um die 30 Seiten, erklärt
Brenke, der kurz vor Vollendung seiner Dissertation
steht und schon bei DIVA 1 im Jahr 2000 dabei war, die
Expedition wird uns sicherlich noch zwei, drei Jahre
beschäftigen. Ist eine Art beschrieben und
benannt, wandert sie ins Museum. Asseln werden
wie Fische in Hamburg gesammelt, Borstenwürmer
in Frankfurt am Main, Seeigel und Seegurken in München.
Erst zehn von ca. 160 Litern Proben konnten die Bochumer
Forscher auf der Meteor sortieren. Eine Fleißarbeit,
die nicht jedermanns Sache ist. Zum Artenforscher
muss man geboren sein, meint Brenke, dafür
treffen sich auf den Expeditionen gleich gesinnte Menschen,
die gut zusammen arbeiten. Das Forscherteam auf
der Meteor bestand aus Artenforschern, Genetikern, Geologen
und Systematikern, die aus den Proben ihr Material herausfischten
und Hand in Hand arbeiteten. Ziel sind u. a. Artenlisten,
die es für weite Teile des Ozeans noch nicht gibt.
Sie sollen über die Zahl der Arten in der Tiefsee
und ihre Verwandtschaften Aufschluss geben. Wenn
wir in den Sammelgebieten viele Tiere finden, die nur
dort vorkommen, lässt das auf eine große
Anzahl verschiedener Arten weltweit schließen,
erklärt Brenke. Wenn sich dort Lebewesen
finden, die überall vorkommen, sind es weltweit
wohl weniger.
Experten schätzen, dass wir nur etwa zehn Prozent
aller Tiere des Globus kennen, und dass zwischen
30 Millionen und einer Milliarde Arten bislang unentdeckt
sind. Brenke und seine Kollegen könnten also weitersuchen,
beschreiben und benennen, bis sie alt und grau sind.
Genau das will ich auch, sagt er ohne Zögern,
und Myriam Schüller, die sich vorrangig mit Borstenwürmern
befasst, stimmt zu: Anfangs kann man es sich vielleicht
nicht vorstellen, aber man mag die Tierchen irgendwann
richtig. Zudem gebe es viel zu wenige, die Artenforschung
betreiben. Bund und Land finanzieren lieber Forschungsgebiete,
die mit neuer Technik arbeiten und deren Ergebnisse
schnell anwendbar sind, wie die Genforschung. Grundlagenforscher
haben es schwerer: Wir werden in absehbarer Zeit
mit Sicherheit kein neues Medikament entwickeln; aber
auf lange Sicht werden wir dazu beitragen, die Evolution
der Arten besser zu verstehen, bemerkt Nils Brenke.
Fußball über den Weltempfänger
Auch an der Ruhr-Uni ist das Schicksal der Artenforschung
ungewiss, denn der ehemalige Inhaber des Lehrstuhls
für Spezielle Zoologie, Prof. Wägele, hat
einen Ruf nach Bonn angenommen. Noch weiß niemand,
wie sich der Lehrstuhl nach einer Neubesetzung entwickeln
wird. Brenke und Schüller werden sich anderswohin
orientieren. Würmern und Asseln bleiben sie treu:
DIVA 3 ist für 2007 oder 2008 geplant, die beiden
wollen wieder dabei sein. Neben den lieb gewonnenen
Tierchen lockt das Abenteuer im Mikrokosmos Forschungsschiff.
Man bekommt von der Außenwelt nicht viel
mit, die wichtigsten Nachrichten waren die wöchentlichen
Fußballergebnisse, die ein Matrose über Weltempfänger
bekam, erzählt Myriam Schüller.
md
|