Kein Gramm zuviel
Körperbildtherapie
hilft gegen Essstörungen
Seit 2003 bietet die Psychologin Dr. Silja Vocks an der
Ruhr-Uni Kurse zur Selbstwahrnehmung an. Patientinnen
mit Bulimie oder Magersucht sollen darin lernen, sich
so zu akzeptieren, wie sie sind.
Die Konfrontation mit meinem Körper vor dem
Spiegel hat mehr in mir ausgelöst als sämtliche
Gesprächs- und Verhaltenstherapien, die ich zuvor
gemacht habe. Heike (Name von der Redaktion geändert)
hat die ersten fünf Sitzungen der Körperbildtherapiegruppe
an der Fakultät für Psychologie hinter sich.
Die attraktive 39-Jährige leidet seit 15 Jahren an
Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Ständig fühlt sie
sich zu dick, obwohl sie objektiv betrachtet untergewichtig
ist, wiegt sich täglich und empfindet es als Katastrophe,
mehr als die von ihr angepeilten 55 Kilo zu wiegen.
Wenn ich morgens ein paar Hundert Gramm mehr wog,
konnte der Tag nicht gut werden, erzählt sie.
Heike zügelte ihr Essverhalten immer mehr, hielt
ständig Diät, erlitt aber regelmäßig
Essanfälle, die sie nicht kontrollieren konnte. Am
Anfang hat sie nichts dagegen unternommen, später
aber viele Angebote ausprobiert. Die bisherigen Therapien
haben nicht geholfen: Die Ursachen sind weit weg,
es bringt nicht viel, immer in der Kindheit danach zu
suchen, resümiert sie. Irgendwann hatte sie
das Gefühl, den Therapeuten eins auszuwischen, indem
sie ohne deren Wissen weiter erbrach. Das war der
einzige Bereich des Lebens, den ich vollkommen unter Kontrolle
hatte, blickt Heike zurück.
Als auslösenden und aufrechterhaltenden Faktor ihrer
Krankheit sieht sie inzwischen ihren übertriebenen
Perfektionismus, gerade was ihre äußere Erscheinung
betrifft. Das erleben wir sehr oft bei Patientinnen
mit Bulimie oder Magersucht, erzählt Dr. Silja
Vocks, die zusammen mit einer Mainzer Kollegin das Körperbildtherapieprogramm
entwickelt hat. Die betroffenen Frauen sind oft
überdurchschnittlich attraktiv und schlank, sehen
sich selbst aber ganz anders.
Diese Diskrepanz, die ihr als Therapeutin an einer psychosomatischen
Klinik häufig aufgefallen ist, war Anstoß zur
Körperbildtherapie. Ein gestörtes Bild
vom eigenen Körper ist immer Risiko- und aufrechterhaltender
Faktor einer Essstörung, erklärt sie,
aber bislang wurde es in Therapien zmeist vernachlässigt.
Seit 2003 bietet sie an der Ruhr-Uni Kurse zur Selbstwahrnehmung
an. Das Angebot soll nicht allein stehen, sondern eine
Verhaltenstherapie ergänzen.
Blick zurück
Die Therapiesitzungen finden wöchentlich statt,
jede Gruppe hat acht Teilnehmerinnen. Am Anfang steht
ein Blick zurück: Was waren die auslösenden
Situationen für die Unzufriedenheit mit dem eigenen
Körper? Wurde man gehänselt? Wann hat es angefangen?
Dann reflektieren die Teilnehmerinnen ihr Bild von sich
und anderen kritisch, z.B. durch einen angeleiteten
Blick in Frauenzeitschriften. Man denkt zuerst,
na ja, was soll das jetzt, das kann ich auch alleine,
erzählt Heike, aber dann ging mir auf: Es
stimmt, die Modelle sind unrealistisch, nachbearbeitet.
Ich habe bei der Arbeit versucht, die Kolleginnen mit
anderen Augen zu sehen, und siehe da: Die sind alle
gar nicht so viel besser als ich. Verglichen mit denen
komme ich ganz gut weg. Ein Aha-Erlebnis, das
Silja Vocks gut kennt: Studien haben gezeigt, dass essgestörte
Frauen an anderen immer auf die besonders schönen
Körperteile schauen, während sie bei sich
selbst die vermeintlichen Problemzonen suchen. Gesunde
Kontrollpersonen machen das genau umgekehrt.
In der Körperbildgruppe tastete man sich weiter
an den eigenen Körper heran. In einer Sitzung wurden
die Patientinnen in Gegenwart der Gruppe aufgefordert,
sich in Unterwäsche vor einen großen Spiegel
zu stellen und sich zu beschreiben. Ich bin gleich
vorgeprescht, berichtet Heike, und habe
eine Dreiviertelstunde gebraucht, um mich zu beschreiben.
So schrecklich war das eigentlich nicht, aber später
in der Umkleidekabine kam der Stress erst richtig hoch.
Die Erfahrung habe sie aufgerüttelt, erzählt
sie. Als sie zu Hause auf der Waage stand und ein paar
Hundert Gramm zu viel wog, habe sie sich erstmals überlegt,
dass es in ihrer Hand liegt, ob sie nun einen guten
oder einen schlechten Tag haben will. Da habe
ich meine Messlatte ein klein wenig herabgesetzt. Und
neulich, als es richtig warm war, bin ich den ganzen
Tag im Bikini herumgelaufen das will was heißen!
Die Körperbildtherapie zielt sowohl auf diese Ebene
der Wahrnehmung als auch auf die der Gefühle und
Gedanken und des Verhaltens. Die meisten Essgestörten
verbinden mit ihrem Körper negative Gefühle
wie Angst oder Ekel. Gedanken wie Ich bin zu dick
oder Wenn ich zunehme, bin ich ein Versager
verselbständigen sich und bestimmen den Alltag.
Ständiges Wiegen und Vermessen bestimmter Körperteile
oder aber das Verstecken des eigenen Körpers belasten
die Patientinnen zusätzlich.
Der Kurs macht das bewusst und gibt den Anstoß
zur Veränderung. Dass das funktioniert und die
Auswirkungen der Körperbildtherapie von Dauer sind,
haben Studien gezeigt. Auch bleiben die besseren Gefühle
gegenüber dem eigenen Körper erhalten. In
neuen Studien will Vocks dem Phänomen des gestörten
Körperbildes weiter auf den Grund gehen. Für
ihr nächstes Projekt will sie mit funktioneller
Kernspintomographie herausfinden, welche Gehirnbereiche
bei Essgestörten und Gesunden aktiv sind, während
sie den eigenen Körper betrachten. Für die
Studie sowie die nächsten Therapiegruppen sucht
sie noch Teilnehmerinnen, die unter einer Essstörung
leiden, Infos: -27788.
md
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