Ruhr-Universität Bochum zur Navigation zum Inhalt Startseite der RUB pix
Startseite UniStartseite
Überblick UniÜberblick
A-Z UniA-Z
Suche UniSuche
Kontakt UniKontakt

pix
 
Das Siegel
Naturwissenschaften Ingenieurwissenschaften Geisteswissenschaften Medizinische Einrichtungen Zentrale Einrichtungen
pix
RUBENS - Zeitschrift der RUB
RUBENS- Startseite

Lesen
Aktuelle Ausgabe
Archiv
¤Ausgabe Nr. 99
  ¤Artikel
pdf-Dateien

Service & Kontakt
Mediadaten
Redaktion
E-Mail Service
Kontakt

Volltextsuche
pix RUBENS - Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
 
 
 
    
pix
Artikel » Ausgabe 99 »Archiv » RUBENS » Pressestelle » Ruhr-Universität
pix pix
RUBENS 99

1. Juli 2005

Kein Gramm zuviel

Körperbildtherapie hilft gegen Essstörungen


Seit 2003 bietet die Psychologin Dr. Silja Vocks an der Ruhr-Uni Kurse zur Selbstwahrnehmung an. Patientinnen mit Bulimie oder Magersucht sollen darin lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind.


„Die Konfrontation mit meinem Körper vor dem Spiegel hat mehr in mir ausgelöst als sämtliche Gesprächs- und Verhaltenstherapien, die ich zuvor gemacht habe.“ Heike (Name von der Redaktion geändert) hat die ersten fünf Sitzungen der Körperbildtherapiegruppe an der Fakultät für Psychologie hinter sich. Die attraktive 39-Jährige leidet seit 15 Jahren an Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Ständig fühlt sie sich zu dick, obwohl sie objektiv betrachtet untergewichtig ist, wiegt sich täglich und empfindet es als Katastrophe, mehr als die von ihr angepeilten 55 Kilo zu wiegen.
„Wenn ich morgens ein paar Hundert Gramm mehr wog, konnte der Tag nicht gut werden“, erzählt sie. Heike zügelte ihr Essverhalten immer mehr, hielt ständig Diät, erlitt aber regelmäßig Essanfälle, die sie nicht kontrollieren konnte. Am Anfang hat sie nichts dagegen unternommen, später aber viele Angebote ausprobiert. Die bisherigen Therapien haben nicht geholfen: „Die Ursachen sind weit weg, es bringt nicht viel, immer in der Kindheit danach zu suchen“, resümiert sie. Irgendwann hatte sie das Gefühl, den Therapeuten eins auszuwischen, indem sie ohne deren Wissen weiter erbrach. „Das war der einzige Bereich des Lebens, den ich vollkommen unter Kontrolle hatte“, blickt Heike zurück.
Als auslösenden und aufrechterhaltenden Faktor ihrer Krankheit sieht sie inzwischen ihren übertriebenen Perfektionismus, gerade was ihre äußere Erscheinung betrifft. „Das erleben wir sehr oft bei Patientinnen mit Bulimie oder Magersucht“, erzählt Dr. Silja Vocks, die zusammen mit einer Mainzer Kollegin das Körperbildtherapieprogramm entwickelt hat. „Die betroffenen Frauen sind oft überdurchschnittlich attraktiv und schlank, sehen sich selbst aber ganz anders.“
Diese Diskrepanz, die ihr als Therapeutin an einer psychosomatischen Klinik häufig aufgefallen ist, war Anstoß zur Körperbildtherapie. „Ein gestörtes Bild vom eigenen Körper ist immer Risiko- und aufrechterhaltender Faktor einer Essstörung“, erklärt sie, „aber bislang wurde es in Therapien zmeist vernachlässigt.“ Seit 2003 bietet sie an der Ruhr-Uni Kurse zur Selbstwahrnehmung an. Das Angebot soll nicht allein stehen, sondern eine Verhaltenstherapie ergänzen.

Blick zurück

Die Therapiesitzungen finden wöchentlich statt, jede Gruppe hat acht Teilnehmerinnen. Am Anfang steht ein Blick zurück: Was waren die auslösenden Situationen für die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper? Wurde man gehänselt? Wann hat es angefangen? Dann reflektieren die Teilnehmerinnen ihr Bild von sich und anderen kritisch, z.B. durch einen angeleiteten Blick in Frauenzeitschriften. „Man denkt zuerst, na ja, was soll das jetzt, das kann ich auch alleine“, erzählt Heike, „aber dann ging mir auf: Es stimmt, die Modelle sind unrealistisch, nachbearbeitet. Ich habe bei der Arbeit versucht, die Kolleginnen mit anderen Augen zu sehen, und siehe da: Die sind alle gar nicht so viel besser als ich. Verglichen mit denen komme ich ganz gut weg.“ Ein Aha-Erlebnis, das Silja Vocks gut kennt: Studien haben gezeigt, dass essgestörte Frauen an anderen immer auf die besonders schönen Körperteile schauen, während sie bei sich selbst die vermeintlichen Problemzonen suchen. Gesunde Kontrollpersonen machen das genau umgekehrt.
In der Körperbildgruppe tastete man sich weiter an den eigenen Körper heran. In einer Sitzung wurden die Patientinnen in Gegenwart der Gruppe aufgefordert, sich in Unterwäsche vor einen großen Spiegel zu stellen und sich zu beschreiben. „Ich bin gleich vorgeprescht“, berichtet Heike, „und habe eine Dreiviertelstunde gebraucht, um mich zu beschreiben. So schrecklich war das eigentlich nicht, aber später in der Umkleidekabine kam der Stress erst richtig hoch.“ Die Erfahrung habe sie aufgerüttelt, erzählt sie. Als sie zu Hause auf der Waage stand und ein paar Hundert Gramm zu viel wog, habe sie sich erstmals überlegt, dass es in ihrer Hand liegt, ob sie nun einen guten oder einen schlechten Tag haben will. „Da habe ich meine Messlatte ein klein wenig herabgesetzt. Und neulich, als es richtig warm war, bin ich den ganzen Tag im Bikini herumgelaufen – das will was heißen!“
Die Körperbildtherapie zielt sowohl auf diese Ebene der Wahrnehmung als auch auf die der Gefühle und Gedanken und des Verhaltens. Die meisten Essgestörten verbinden mit ihrem Körper negative Gefühle wie Angst oder Ekel. Gedanken wie „Ich bin zu dick“ oder „Wenn ich zunehme, bin ich ein Versager“ verselbständigen sich und bestimmen den Alltag. Ständiges Wiegen und Vermessen bestimmter Körperteile oder aber das Verstecken des eigenen Körpers belasten die Patientinnen zusätzlich.
Der Kurs macht das bewusst und gibt den Anstoß zur Veränderung. Dass das funktioniert und die Auswirkungen der Körperbildtherapie von Dauer sind, haben Studien gezeigt. Auch bleiben die besseren Gefühle gegenüber dem eigenen Körper erhalten. In neuen Studien will Vocks dem Phänomen des gestörten Körperbildes weiter auf den Grund gehen. Für ihr nächstes Projekt will sie mit funktioneller Kernspintomographie herausfinden, welche Gehirnbereiche bei Essgestörten und Gesunden aktiv sind, während sie den eigenen Körper betrachten. Für die Studie sowie die nächsten Therapiegruppen sucht sie noch Teilnehmerinnen, die unter einer Essstörung leiden, Infos: -27788.

md
pfeil  voriger Artikel Themenübersicht nächster Artikel   pfeil
 
 
Zum Seitenanfang  Seitenanfang | Druckfassung dieser Seite
Letzte Änderung: 30.06.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik