Unklare Zielplanung
Ein Blick
auf die ersten, meist provisorischen Gebäude der
Ruhr-Uni
Wenn wir heute über die 40-jährige Geschichte
der Ruhr-Uni nachdenken, fallen uns als erstes Menschen
und Ereignisse ein. Bei den Gebäuden denken wir
vor allem an die, die wir vor uns sehen. Jetzt möchten
wir an die Uni-Gebäude erinnern, die nur vorübergehend
genutzt wurden.
Getragene Atmosphäre, ernsthafter, würdevoller
Auftritt aller Beteiligten, der Tragweite des Ereignisses
angemessen. Das vermitteln uns die Fotos der feierlichen
Eröffnung der Universität Bochum am 30. Juni
1965. Einzig die Gattin des Ministerpräsidenten
schien mit ihrem sommerlichen, poppig gepunkteten Kleid
den Rahmen zu sprengen sie war eine von sehr
wenigen Damen, die dem Festakt beiwohnten. Dunkle Anzüge
(auf der Einladungskarte explizit erbeten) und Talare
bestimmten das Bild. Die Rektoren der deutschen Universitäten
waren aufgefordert, im Ornat zu erscheinen. Sie nahmen
in der ersten Reihe auf der Bühne Platz, die nordrhein-westfälischen
Magnifizenzen zuvorderst, dahinter der Lehrkörper
der Uni Bochum, d. h. die 67 bis zu diesem Zeitpunkt
berufenen Professoren.
Kette und Mantel
Zentrale Akte der Veranstaltung an diesem Mittwoch
Vormittag im Bochumer Schauspielhaus waren nach der
Ansprache des Ministerpräsidenten Meyers und dem
Bericht des Vorsitzenden des Gründungsausschusses
die Ablegung des Eides durch den tags zuvor gewählten
Rektor Prof. Heinrich Greeven und die Verleihung der
Insignien durch den Kultusminister in Bochum
waren dies Rektormantel und -kette. Umrahmt wurde die
Feier vom Orchester der Stadt Bochum. Im Anschluss standen
Busse bereit, die die Gäste zum Campus beförderten,
wo diese in der Mensa einen Imbiss einnehmen und anschließend
einige Geschosse und das Dach des Gebäudes
IA besichtigen konnten. In der dritten Etage war zur
Information eine kleine Bauausstellung erstellt.
Der Eröffnung der ersten Neugründung einer
Universität in der Bundesrepublik Deutschland war
ein jahrlanger Entscheidungsprozess vorausgegangen,
der hinsichtlich des Standortes zuletzt nur noch politische
Motivationen zu kennen schien. Dessen ungeachtet stieg
man in Düsseldorf 1961 in die konkrete Planung
ein. Bereits vor der Landtagsentscheidung zugunsten
Bochums machte sich die Landesregierung daran, namhafte
Professoren deutscher Universitäten in einen Gründungsausschuss
zu berufen, der im Dezember 1962 seine Konzeption (Denkschrift)
vorlegte, und ebenfalls 1962 wurde ein städtebaulicher
Ideenwettbewerb für die architektonische
Gestaltung der Uni ausgeschrieben, aus dem im Februar
1963 das Düsseldorfer Büro Hentrich/Petschnigg
als Sieger hervorging. Nach Überarbeitung des Entwurfs
wurden offiziell am 2. Januar 1964 die Bauarbeiten auf
dem Campus aufgenommen.
Angesichts des engen Zeitrahmens nimmt es nicht wunder,
dass die Eröffnungsfeier außerhalb der Uni
stattfinden musste. Bis zum 30. Juni 1965 waren gerade
einmal zwei der 13 Hochbauten bezugsfertig (IA und IB),
daneben waren zwei Wohnheime und die Mensa am sog. Übergangsforum
(östlich der I-Reihe) fertig. Gleichwohl sollte
vier Monate später der Lehrbetrieb aufgenommen
werden. In allen der seinerzeit 18 Abteilungen waren
Professoren berufen. Bis zur Umsetzung der baulichen
Gesamtplanung war also Improvisation vonnöten.
An Übergangslösungen hatte man schon früh
gedacht. Das erste Gebäude der Uni überhaupt,
das spätere Wohnheim Overbergstraße, wurde
bereits 1962 (vor dem Ideenwettbewerb), zunächst
als Sammelgebäude errichtet und als
vorläufiges Institutsgebäude mit Assistentenwohnungen
genutzt. Für die weiteren Provisorien griff man
auf bestehende, zum Teil aufwändig anzupassende
Bausubstanz zurück, und es steht sinnbildlich für
den Strukturwandel in der Stadt, dass hierzu Gebäude
stillgelegter Zechen herangezogen wurden.
Natürlich in alten Zechen
Die Zeche Klosterbusch im Süden des Campus diente
ab 1962 der Büchersammlung, der späteren
Unibibliothek, als Herberge, wobei die Waschkaue einem
erheblichen Umbau unterzogen wurde, um sie als Magazin
nutzen zu können. Ebenfalls im Lottental fanden
die Institute für Allgemeine Botanik bzw. für
Physiologische Chemie Unterschlupf.
In die Kaue der Zeche Friederika, zwei Kilometer stadteinwärts
gelegen, zogen im April 1964 die Ostasienwissenschaften.
Als die Uni-Verwaltung das auf demselben Gelände
gelegene Verwaltungsgebäude in Richtung Campus
verließ (Oktober 1965), rückten sie in dieses
nach und teilten es sich fortan mit den Fachrichtungen
Mathematik, Anatomie, Physiologie u. a.
Die Unibibliothek übrigens zog noch 1965 hinauf
ins IB und nahm hier den Ausleihbetrieb auf. Bevor sie
1974 ihr eigentliches Gebäude am Forum beziehen
konnte, musste sie noch für zwei Jahre in die (inzwischen
alte) Mensa ausweichen, weil IB für
die Bedürfnisse der Ingenieure umgebaut werden
musste.
Andere blieben, viele für Jahre, in ihren Provisorien,
z.B. im Lottental. Unter dem vermeintlich witzigen Titel
Klage im Kloster berichtete der Spiegel
1967 von einem Memorandum von 40 Bochumer Gelehrten,
von denen bezeichnenderweise noch 23 - aus Platzmangel
in Bochum - an ihrer alten Wirkungsstätte in fernen
Städten saßen. Die Wissenschaftler beklagten
sich über die unhaltbaren Zustände, die eine
massive Behinderung der Forschung darstellten und aus
diesem Grund zu einem Ausbleiben der Studenten führten.
Den enormen Bauanstrengungen auf dem Campus zum Trotz
Konflikte konnten nicht ausbleiben, wenn Wissenschaftler
mit unhaltbaren Versprechungen (Vollbetrieb ab
dem WS 67/68) an die Uni geholt wurden. Die betroffenen
Mediziner im Lottental und in der Friederikastraße
konnten ihr Gebäude MA erst im April
1971 beziehen, waren damit aber keineswegs die letzten.
Während Prorektor Schwartzkopff unklare Zielplanung
ausmachte, brachte es ein Sprecher des Bauministeriums
auf den Punkt: Bochum war eine politische Entscheidung.
Die Planer wurden erst hinterher gefragt.
Jörg
Lorenz
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