Feuer oder Wasser
Prof. Walter Maresch ist von der laufenden Teilsanierung
gebeutelt
Auf den frisch gewaschenen Stühlen darf man nicht
Platz nehmen, am nächsten Tag kommen die Glaser
eigentlich ist die Baustelle zwar draußen, doch
das Büro von Prof. Walter Maresch (60) auf NA 03
Süd war inzwischen mehrfach von Wassereinbruch und
Bränden betroffen. Zuletzt zweimal innerhalb von
zehn Tagen, als es erst einen Schwelbrand in einer Trennfuge
in seinem Büro gab (21.4.) und dann ein Teerkocher
vor seinem Fenster unter freiem Himmel ausbrannte (2.5.).
Im Gespräch mit Jens Wylkop erzählt der Mineraloge
von den Vorfällen, seiner Motivation und seiner Meinung
zur Campussanierung.
RUBENS: Herr Maresch, sind Sie vom Pech verfolgt?
Maresch: Ich kann nur betonen: Hier hat es auch kriminellen
Pfusch gegeben, indem brennbares Material wie Papier und
Schaumstoff in der Fuge verbaut wurde. Wenn nicht jemand
ständig hinter den Arbeitern her ist, wird gepfuscht,
das ist einfach so. Die Fuge war jedoch nur ein Beispiel,
wir haben noch ganz andere Sachen erlebt. Als unser Flachdach
entkiest wurde, war dieses Büro zum Himmel hin offen,
dabei ist Bauschutt auf einen Balken unter der Decke gefallen.
Letztes Jahr war hier alles verschimmelt, da kam eine
Firma und hat den Schimmel entfernt, anschließend
haben die Maler das Büro neu gestrichen. Nur zufällig
entdeckten wir später, dass bei beiden Arbeiten um
diesen Schutt herum gewerkelt wurde der lag ganz
einfach noch da!
RUBENS: Wie dringend warten Sie auf den Startschuss
zur Campussanierung und den Bau eines Ausweichgebäudes?
Maresch: Das Ausweichgebäude werde ich in meiner
aktiven Zeit nicht mehr erleben. Die gesamte Lage ist
aus meiner Sicht eine no win Situation: Das
ist wie der Unterschied zwischen Lebensgefahr und Todesgefahr.
Mir fällt es nur schwer zu glauben, dass es angesichts
des Geldes, das schon in die Teilsanierungen gesteckt
wurde, noch Mittel für ein Ausweichgebäude geben
wird. Wir brauchen also eine Lösung, bis das Ausweichgebäude
irgendwann steht. Das dauert lange.
RUBENS: Können Sie denn Ihre Arbeit noch unter normalen
Bedingungen fortführen?
Maresch: Es ist sehr schwierig und demotivierend, ich
könnte viel Böses sagen. So lange wir diese
Koppelung von Bauarbeiten und laufendem Betrieb noch haben,
ist einfach kein vernünftiges Arbeiten möglich.
Ich bin Wissenschaftler, soll forschen und lehren, inzwischen
fühle ich mich jedoch als Mitglied der Bauplanung
und -aufsicht, als Psychologe und Psychiater. Ich soll
die Leute hier irgendwie beruhigen und doch motivieren,
da stoße ich irgendwann auch an meine Grenzen.
RUBENS: Haben Sie Mitarbeiter, die unter diesen Bedingungen
lieber woanders arbeiten möchten?
Maresch: Wenn die Stellensituation wie vor 30 Jahren wäre,
gewiss.
RUBENS: Ganz offen gefragt: Haben Sie Angst, hier zu arbeiten?
Maresch: Angst würde ich nicht sagen, es ist demotivierend.
Vor allem, weil es mir schwer fällt, die anderen
zu motivieren. Was soll ich zum Beispiel unserer Sekretärin
sagen, wenn es wieder stinkt oder lärmt? Soll ich
wegen des Teergestanks und nervtötenden Lärms
Lehrveranstaltungen streichen, die Studierende dringend
benötigen? Ich selbst fühle mich nicht in Gefahr,
doch ich sehe, dass meine Mitarbeiter nicht glücklich
sind. Letztendlich muss ich hier vor Ort die Entscheidung
übernehmen und meine Mitarbeiter nach Hause schicken,
wenn Gefahr droht.
RUBENS: Wie fühlen Sie sich persönlich
in dieser Situation?
Maresch: Meine Geschichte ist ja mittlerweile landauf,
landab bekannt unter den Kollegen das nimmt man
irgendwann mit einem gewissen Galgenhumor, wenn man
beim Telefonieren angesichts des Lärms im Hintergrund
wieder auf die Baustelle Maresch angesprochen
wird.
RUBENS: Fühlen Sie sich von der Hochschulleitung
ausreichend unterstützt?
Maresch: Im vergangenen Jahr beim Wassereinbruch nein.
Das war aber so etwas wie ein heilender Krach
zwischen unserer Fakultät und dem Rektorat. Jetzt
sind alle für unsere Situation sensibilisiert.
Ich sehe jedoch das Problem der Universitätsleitung:
Wenn ich selbst eine Lösung hätte, würde
ich sie vorschlagen, doch ich habe kein Patentrezept.
Große Probleme bereiten die Strukturen und Zuständigkeiten
zwischen Rektorat, Dezernat 5, Bau- und Liegenschaftsbetrieb
und der ausführenden Baufirma. Fakt ist: Wir alle
baden aus, was 30 Jahre lang von der Landesregierung
versäumt worden ist.
RUBENS: Was halten Sie vom derzeitigen Konzept der
Campussanierung?
Maresch: Unsere Strukturen sind über viele Jahre
gewachsen, natürlich muss man sie überdenken.
Wenn wir jedoch von vornherein sagen, wir müssen
bis zu einem Drittel Raum einsparen, kann das nicht
funktionieren. Um es deutlich zu sagen: Wenn wir hier
ausziehen müssten mit all den hochsensiblen Apparaturen
und allem, was eingespielt ist, wäre das für
mich in meiner aktiven Laufbahn der wissenschaftliche
Tod. Auch die geplante räumliche Trennung von Laboren
und Büros wäre für uns tödlich:
Wir müssen ständig Kontakt zu unseren Apparaturen
halten, sonst können wir gar nicht arbeiten.
Campussanierung
Der Campus soll bekanntlich grundsaniert werden (RUBENS
87): Ein Standortentwicklungskonzept sowie ein technisches
Gutachten mit dem Sanierungsbedarf liegen vor. Nun wartet
die Uni auf ein Startzeichen der Landesregierung, das
darin bestehen sollte, zunächst ein neues Gebäude
zu errichten. So wäre es möglich, eines der
jetzigen Gebäude zwecks Sanierung frei zu ziehen.
Nach und nach würden die anderen Gebäude folgen.
Das neue Gebäude würde nicht zur Erweiterung
der universitären Flächen führen, stattdessen
ist eine Flächenreduzierung geplant. Die Ruhr-Uni
würde Liegenschaften außerhalb des engeren
Campus sowie zwei Hochhäuser aufgeben. Nach dem
Vorbild der Umnutzung der ursprünglich für
die Klinische Medizin errichteten Gebäude MB und
MC, die als Technologiezentrum bzw. Bürogebäude
genutzt werden, könnten die frei werdenden Flächen
universitätsnahen technologie- und dienstleistungsorientierten
Firmen angeboten werden. Die Sanierung der Uni soll
nach aktuellen Schätzungen zehn bis zwölf
Jahre dauern.
jw
|