Vom Labor zu
Ebay
In der
Biologie wurden 70 Mikroskope gestohlen, acht tauchten
wieder auf
An der Ruhr-Uni ließ ein besonders dreister Diebstahl
aufhorchen: 70 Mikroskope sind aus ND verschwunden. Dank
der Eigeninitiative der Biologen konnten acht Geräte
bislang zurückgeholt werden.
Diebstähle in öffentlichen Einrichtungen und
Gebäuden sind nichts Neues. Die Ruhr-Uni bildet da
keine Ausnahme: Fernseher, PC, Videorecorder all
das sind Wertgegenstände, die sich in fast allen
Gebäuden der Uni finden lassen und eine scheinbar
unwiderstehliche Anziehungskraft auf Diebe ausüben
vor allem, weil Unis nicht nur von der Freiheit
des Denkens, sondern auch von ihrem freien Zugang leben.
Im Durchschnitt gehen im Dezernat 5 (Technische Hochschulbetriebe)
50 bis 60 Anzeigen pro Jahr ein. Darunter fallen
aber auch Sachbeschädigungen und Diebstähle
von Landeseigentum außerhalb des Unigeländes,
erklärt der zuständige Sachbearbeiter Helge
Hammes. Manchmal seien es einfach nur Möbel, die
umgeräumt wurden und nun als unauffindbar gelten.
Eine Anzeige ganz anderen Kalibers musste Hammes der Polizeiinspektion
Ost im Januar 2004 melden: den Diebstahl von Stereo- und
Lichtmikroskopen aus dem ND. In zwei Schüben, die
einige Zeit auseinander lagen, wurden in der Fakultät
für Biologie 70 Geräte entwendet Sachschaden:
über 100.000 Euro.
Gute Ortskenntnisse
Bei Dekan Prof. Thomas Stützel hielten sich Bestürzung
und Verwunderung in etwa die Waage, da die Geräte
ohne Anzeichen gewaltsamen Eindringens aus geschlossenen
Schränken in verschlossenen Räumen entwendet
wurden. Der oder die Täter müssen gute
Ortskenntnisse und Zugang zu Schlüsseln gehabt
haben, folgert der Biologe. Er und seine Kollegen
wollten sich mit dieser Erkenntnis nicht begnügen.
Sie ergriffen die Initiative, als das Verfahren schon
eingestellt werden sollte.
Dabei zahlte sich besonders die Beharrlichkeit von Prof.
Wolfgang Kirchner aus. Der Verhaltensbiologe entdeckte
bei Recherchen über die Internetplattform Ebay
eines der gestohlenen Geräte. Er bat einen Bekannten,
es für ihn zu ersteigern und hielt anschließend
einen eindeutigen Beweis in Händen. Denn die Mikroskope
der Ruhr-Uni weisen unveränderliche Besonderheiten
auf, die sogar Laien erkennen und die eine zweifelsfreie
Zuordnung ermöglichen. Kirchner informierte die
Polizei, die eine aufwändige Ermittlungsmaschinerie
in Gang setzte, die noch immer auf Hochtouren läuft.
Bei Hausdurchsuchungen sammelte die Polizei weitere
Beweise.
Zusätzlich wertete sie sichergestellte PCs und
unzählige Listen von Ebay-Transaktionen aus, da
ein Großteil der Mikroskope übers Internet
in ganz Deutschland und ins benachbarte Ausland verkauft
wurde. Das bedeutete wochenlange intensive Recherche,
kein Detail durfte übersehen werden. Es hat
sich aber gelohnt, sagt der zuständige Sachbearbeiter,
Kriminaloberkommissar Udo Kroll. Er hat die Ermittlungen
im Auftrag der Staatsanwaltschaft durchgeführt:
Der Erfolg kann sich sehen lassen, daran hat die
Ruhr-Uni durch ihre Eigeninitiative großen Anteil.
Bislang bekam die Uni acht Mikroskope zurück. Aufgrund
neuester Ermittlungsansätze spricht vieles dafür,
dass die Kripo an der Ruhr-Uni weiter ermittelt.
Die (bislang) vier Beschuldigten, die sich gegenseitig
belastet haben sollen, kommen dem Vernehmen nach aus
dem Rheinland und sollen sich seit frühester Kindheit
kennen. Durch die Auswertung der PCs wurde nachgewiesen,
dass bei den Versteigerungen der Mikroskope die Preise
auf professionelle, unlautere Weise in die Höhe
getrieben wurden. Der Staatsanwalt wird prüfen,
in welchem Umfang die illegalen Gewinne zu versteuern
sind. So könnten Regressansprüche von etwa
100.000 Euro auf die Beschuldigten zukommen sowie erhebliche
Steuernachzahlungen.
Hohe Belohnung ausgesetzt
Allerdings ist das Aufklären von Straftaten die
eine Sache, Prävention eine ganz andere. Hier
kann einiges getan werden, sagt Udo Kroll. Wichtig
ist es, alle Uni-Angehörigen für derartige
Vorgänge zu sensibilisieren. Schöpft
man Verdacht, sei es besonders wichtig, sich das Gesicht
der verdächtigen Person zu merken. Zudem sollte
man angeben können, woher die Person kam und wohin
sie ging. Sollte sich der Verdacht später
bestätigen, können diese Beobachtungen von
unschätzbarem Wert sein, so Kroll.
Weitere konkrete Maßnahmen zur Vorbeugung hat
die Fakultät für Biologie umgesetzt. So erhalten
alle Mikroskope von der eigenen Werkstatt eine spezielle
Gravur, es gibt eine punktuelle, spontane Aufsicht an
verschiedenen Stellen und die Mikroskope werden regelmäßig
gezählt. Wir können und wollen aus einer
Universität keinen Hochsicherheitstrakt machen,
bemerkt Prof. Stützel. Wir wollen aber mit
unserer Eigeninitiative und diesen Maßnahmen ein
deutliches Zeichen setzen, dass wir uns nicht einfach
so bestehlen lassen!
Info: Das Dekanat Biologie belohnt sachdienliche
Hinweise mit 1.000 Euro. Wer einen Diebstahlsverdacht
hat, kann sich im Dekanat (ND 03/131, -24573) oder direkt
bei der Polizei melden: Udo Kroll, Polizeiinspektion
Ost, 0234/9093389, E-Mail: Udo.Kroll@bochum.polizei.nrw.de
fn
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