Gedächtnisverlust
Nach 42
Jahren verlässt Vera Scheeper die Ruhr-Uni Bochum
Sie ist ein Teil des Gedächtnisses der Uni und geht
ihr jetzt verloren: Im Frühjahr 1963 hatte Vera Scheeper
(59) als eine von 20 frisch Angestellten ihren ersten
Arbeitstag an der Ruhr-Uni und am 19. Mai 2005 ihren allerletzten.
Zwischendurch lernte sie ein halbes Dutzend Büros
und Gebäude der Uni kennen, sie erlebte alle Rektoren
und Kanzler und unzählige Generationen von Studierenden,
sie arbeitete beispielsweise für den Pädagogen
Joachim Knoll, fürs Studentenwerk und zuletzt in
der Pressestelle. Über all das sprach sie kurz vor
ihrem Abschied mit Arne Dessaul.
RUBENS: Frau Scheeper, nach 42 Jahren Ruhr-Uni naht Ihr
letzter Arbeitstag. Freuen Sie sich oder werden auch eine
paar Tränen fließen?
Scheeper: Ich hoffe nicht, aber deswegen mache ich auch
keine Abschiedsfeier, sondern verabschiede mich nach und
nach.
RUBENS: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag und
Ihr erstes Büro?
Scheeper: Ja, das war in der Friederikastraße, im
mittlerweile abgerissenen Verwaltungsgebäude der
Bochumer Bergbau AG. Dort hatte die Uni eine Etage gemietet.
RUBENS: Die Uni selbst stand ja noch gar nicht?
Scheeper: Eben, das war alles Baustelle hier. In der Friederikastraße
waren wir mit 20 oder 25 Leuten, unter anderem mit dem
ersten Kanzler Wolfgang Seel, dem Gründungsrektor
Hans Wenke und dem Personaldezernenten Heinz Lienkamp;
der hat mich damals auch eingestellt. Wir saßen
zu dritt im Büro, mit Peter Schröder vom Fahrdienst
und mit Marianne Herzog von der Telefonzentrale. Sie hat
bis zu ihrer Rente an der Ruhr-Uni gearbeitet. Man hört
sie noch heute, sie hat den Text des Anrufbeantworters
der Uni besprochen.
RUBENS: Was war schöner: damals mit 20 Leuten in
der Verwaltung oder heute mit mehreren hundert?
Scheeper: Jetzt ist es schöner. Früher war man
zwar im Aufbruch, aber es fehlte noch das Ergebnis: die
Uni selbst und die Studenten.
RUBENS: Können Sie all Ihre Stationen an der Ruhr-Uni
aufzählen?
Scheeper: In der Friederikastraße war ich nur ein
paar Monate. Dann habe ich mich ein Jahr beurlauben lassen
und ging auf die Höhere Handelsschule. Danach habe
ich drei Jahre lang bei Prof. Joachim Knoll gearbeitet,
erst im Sammelgebäude in der Overbergstraße,
dann im IA. IA und IB waren die ersten fertigen Gebäude.
Im IB saß die Verwaltung.
RUBENS: War das der Pädagoge Knoll, der
gerade das Verdienstkreuz bekommen hat?
Scheeper: Ja, genau. Er hatte den Lehrstuhl für
Erwachsenenbildung. Danach war ich ein Jahr lang bei
der Spiegelredaktion in Düsseldorf. Aber ich wollte
gerne wieder zur Uni und kam für kurze Zeit ins
Dekanat Mathematik. Es lag auf Ebene 02 im NA. Diese
Ebene war einigermaßen fertig, aber darüber,
darunter und daneben war alles Baustelle. Ständig
Bagger, Hämmer, Bohrer und sonst was. Noch schlimmer
war aber: Die Fakultät hatte noch keine Studenten.
Es gab den Dekan, das war damals Prof. Günther
Ewald, und ein paar Professoren und Assistenten. Das
einzige, was ich zu tun hatte, war, deren Doktorarbeiten
abzutippen. Das war keine schöne Arbeit.
RUBENS: Wie viele Seiten hatte so eine Doktorarbeit
damals?
Scheeper: Ach, du liebe Zeit, das weiß ich nicht
mehr. Das war unterschiedlich. Manche waren so dünn,
wie es heute noch die Doktorarbeiten in der Medizin
sind. Aber, wie gesagt, lange bin ich nicht geblieben.
Stattdessen bin ich zum Studentenwerk, dem Vorläufer
des Akafö, gewechselt.
RUBENS: Wo saß das damals?
Scheeper: Damals gab es ein paar Baracken in der Nähe
der ganz alten Mensa östlich der I-Gebäude.
Dort waren auch jede Menge andere Einrichtungen untergebracht:
Asta, konfessionelle Studentenvertreter, Staatshochbauamt,
studentische Krankenversicherung, Reisedienst, Wohnheimverwaltung.
Das war eine schöne Zeit. Als das Studentenwerk
umstrukturiert wurde, ging ich für ein paar Jahre
ins ND zum Sonderforschungsbereich BIO-NACH Biologische
Nachrichtenaufnahme. Als abzusehen war, dass BIO-NACH
nicht weiterläuft, habe ich mich um eine Stelle
in der Zentralverwaltung bemüht. Zufällig
gab es damals, Ende der Siebziger, eine Ausschreibung
im Rubens-Vorläufer RUB Aktuell für
einen Job in der Pressestelle: Zeitungsschnitt, Führungen
usw. Da habe ich mich beworben, wurde genommen und bin
geblieben.
RUBENS: Wo und bei wem hat es Ihnen am besten
gefallen?
Scheeper: Von der Arbeit her hier in der Pressestelle.
Hier erfährt man einfach am meisten von dem, was
an der Uni passiert, ob nun Forschung, Lehre oder sonst
was. Auch die Führungen haben mir immer sehr viel
Spaß gemacht, vor allem die Begegnungen mit anderen
Menschen.
RUBENS: Und bei den Vorgesetzten, würden Sie da
jemanden herausheben? Sie haben ja alle Kanzler und
Rektoren erlebt ...
Scheeper: Ja, Dr. Seel, das war eine sehr integre und
faszinierende Persönlichkeit.
RUBENS: Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen
42 Jahren am meisten an der Ruhr-Uni verändert?
Scheeper: Erst mal natürlich die Größe.
Aber auch die Situation der Studenten. Ich habe manchmal
den Eindruck, dass die Univerwaltung die Studenten so
nebenbei laufen lässt. Hauptsache, die Verwaltung
behält ihre Strukturen und das Ministerium wird
zufrieden gestellt. Ich bin aber immer der Meinung gewesen,
dass wir für die Studenten da sind. Das sind doch
sozusagen unsere Arbeitgeber. Wenn sie
nicht kommen würden, könnten wir hier auch
nicht arbeiten.
RUBENS: Zum Schluss etwas Persönliches: Womit werden
Sie sich fortan die Zeit vertreiben?
Scheeper: Ich muss zunächst meinen Alltag neu strukturieren,
das wird ein bisschen dauern. Aber im Grunde werde ich
die Dinge intensiver betreiben, die ich jetzt schon
mache: also zum Beispiel Malerei, Klavierspiel und meinen
Garten.
RUBENS: Besten Dank und alles Liebe für Ihre Zukunft!
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