Lernen am Ernstfall
Medizinstudierende
üben Notfallhilfe mit Profis
Der seit dem Wintersemester 2003/04 laufende Modellstudiengang
Medizin besticht durch einen hohen Praxisanteil. Dazu
gehört auch das Erwerben von Erste-Hilfe-Maßnahmen,
das für die 42 Modellstudierenden Mitte April auf
dem Programm stand. Fünf Tage lang waren sie abwechselnd
Arzt oder Patient.
Alles erinnert an einen Katastropheneinsatz: An ausgestreckten
Armen werden auf dem Flur Infusionszugänge gelegt.
Ein Hocker steht bereit, auf den eine rücklings
auf dem Boden liegende, ohnmächtige Frau die Füße
hochlegt, während ein seitlich Niederkniender ihren
Puls ertastet. Nebenan im Raum wird reanimiert und beatmet.
Irritierend dabei: Sowohl Opfer als auch Helfende tragen
Arm aufwärts, Arm abwärts Verbände und
Druckpflaster.
Nachgestellt und doch real: Das ist der Praxisbezug
für 42 Studierende im Modellstudiengang Medizin,
die fünf Tage lang in Kooperation mit den Bochumer
und Gelsenkirchener Berufsfeuerwehren in der Bochumer
Rettungsdienstschule Erste-Hilfe-Maßnahmen lernen.
Dr. Clemes Sirtl, Oberarzt für Anästhesie
am St. Josef-Hospital und als ärztlicher Leiter
des städtischen Rettungsdienstes der Motor der
Ausbildung, erklärt: Das Bochumer Notarztsystem
blickt auf eine 15-jährige Zusammenarbeit mit der
Feuerwehr zurück, die mit ihrer Ausbildung von
Rettungssanitätern und -Assistenten in der Rettungsdienstschule
einmalig in Deutschland ist. Dieses Niveau müssen
auch Medizinstudierende besitzen. Sie erhalten so Perspektiven
für ihr gesamtes Studium.
Ziel der Ausbildung soll sein, dass die angehenden Ärztinnen
und Ärzte wissen, welche Versorgungsqualität
derzeit besteht; dort hat sich in den vergangenen Jahren
viel getan. Nicht nur, dass ausgebildete Rettungsassistenten
wiederbeleben, intubieren, Venenzugänge legen.
Sie verfügen auch über spezialisiertes multimediales
Wissen, mit dem sie über den Rechner die Rettungsvorgänge
an Puppen anschaulich demonstrieren und schrittweise
steuern.
42 von 310
Derzeit sind in Bochum 310 Studierende in Medizin eingeschrieben,
42 von ihnen belegen Kurse im Modellstudiengang, der
seit dem Wintersemester 2003/04 angebotenen wird. Die
Studierenden bewerben sich nach Vorgesprächen intern
dafür und werden per Los ausgewählt. Wir wollen
nichts Elitäres schaffen, so Prof. Herbert
Rusche, Fakultätsbeauftragter für den Modellstudiengang
sowie Leiter des Büros für Studienreform Medizin
an der Ruhr-Uni. Wesentliche Unterschiede: Im
normalen Medizinstudium wird vier Jahre lang Theorie
gebüffelt. Der Modellstudiengang ist vom ersten
Tag an praxisbezogen. Zudem lernen die Studierenden
in Kleingruppen von sieben Personen, es gibt weder Physikum
noch Vorlesung, dagegen sind Ausbildung in Kommunikation
und Ethik wesentliche Bestandteile.
Julia Girsche ist eine der Studierenden, die sich von
Beginn an für den Modellstudiengang begeisterte.
Mit leuchtenden Augen fasst sie mit Herz-Lungen-Wiederbelebung,
Verhalten bei Schock und Umgang mit Verletzten
das Programm der fünf Tage zusammen, um dann gestenreich
beim Intubieren der Lernpuppe zu beschreiben, wie sie
mit einem Spatel die Zunge runter bis zur Sichtweite
der Luftröhre runter drückt, um dann
vorsichtig mit Hilfe eines Führungsstabes
einen Plastikschlauch, den Tubus, hinein zu führen.
Dagegen schätzt sich Andreas Preber auch
er mit weißem Druckverband im Venenbereich beklebt
noch nicht ganz sicher beim Kanüleneinschub
in die Vene des Kommilitonen Magnus Sriepörtner.
Dennoch gibt er sich der angehende Mediziner zuversichtlich
mit der fachkundigen Anleitung vom Notarzt Stephan
Morholt im Hintergrund und dem ermunternden ich
habe volles Vertrauen des soeben Gepieksten.
Thea
A. Stuchtemeier
|