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RUBENS 97

1. Mai 2005

Poetische Monumentalität


Niemand muss die Architektur der Ruhr-Universität hässlich finden


Hässlich, funktionell, grau, durchdacht – die Attribute für die Architektur der Ruhr-Universität sind vielfältig und oft entgegengesetzt. Einig ist man sich nur beim Thema „ehrliches Bauen“: Der Beton muss zu sehen sein. Auf dem Campus ist er es eindeutig. Leider setzt ihm das Wetter zunehmend zu. Dennoch versteckt sich zwischen all dem Beton auch Poesie.


Zwischen monotonen Betonklötzen und auf der Universitätsbrücke weht eisiger Wind; die Bodenplatten auf dem grauen, wenig geselligen Campus klappern gespenstisch bei jedem Schritt und die scheinbar endlos langen, engen Korridore in den Gebäuden wirken seltsam bedrohlich. „Bildungsbunker“ und „Selbstmordarchitektur“ scheinen Begriffe zu sein, die dem ersten flüchtigen Eindruck gerecht werden. Was haben sich die Architekten nur dabei gedacht?
Antwort weiß Prof. Joachim Petsch, seit gut 30 Jahren Dozent am Kunsthistorischen Institut. Er hat sich sowohl mit der Architektur als auch mit der langjährigen Debatte über ihren ästhetischen Wert auseinander gesetzt. „Am besten lässt sich das architektonische Konzept aus der Entstehungszeit heraus verstehen.“ Als erster Universitätsneubau nach dem 2. Weltkrieg stand die Planung der Ruhr-Universität im euphorischen Geist des nationalen Wirtschaftswunders: Bildung und Forschung waren Leitbilder für die Zukunft, für die ein angemessenes Forum errichtet werden sollte. Noch den architektonischen Vorstellungen der 50er-Jahre verhaftet, wählte man die „verdichtete, verkehrsgerechte Stadt“ als Gestaltungsprinzip: Geringe Entfernungen, die strikte Trennung von Fußgängern und Autoverkehr, eine räumliche Einheitlichkeit und die Verflechtung von Lebens- und Arbeitsraum wurden berücksichtigt.
Geplante Studentenwohnheime im Süden des Geländes hätten den Campus noch weiter belebt, wurden aber nicht errichtet. Das Nebeneinander von Seminar-, Labor- und Büroräumen sollte für ein enges, gleichberechtigtes Arbeitsverhältnis zwischen Studierenden und Professoren sorgen. Eine „Demokratisierung der Wissenschaften“ sah eine natürliche Einbindung der Universität in die Gesellschaft und eine Gleichbehandlung aller Fakultäten vor, für die die Architektur eine problemlose Zusammenarbeit gewährleisten sollte.
Streng genommen widerspricht diesem Gedanken die spätere Farbgebung der Gebäude (Ingenieurwissenschaften = blau, Naturwissenschaften = grün, Geisteswissenschaften = gelb, Medizin = rot), die seinerzeit zu Auseinandersetzungen mit den Architekten führte. Dem traditionellen Prinzip des Bauhauses gemäß legte man Wert auf „ehrliches Bauen“: Das Material (Beton) blieb sichtbar und wurde nicht verkleidet, die architektonische Form ergab sich aus der Funktion, d. h. die Bibliothek ist als solche erkennbar, ebenso das Audimax usw.

Undemokratische Farbspiele

Diesen Prinzipien folgend entstand zwischen 1964 und 1984 das heutige Universitätsgelände nach Entwürfen des Düsseldorfer Architekturbüros Hentrich/Petschnigg & Partner in Zusammenarbeit mit dem Staatshochbauamt der Ruhr-Uni. Auf dem insgesamt 450 ha großen Gelände südlich der Bochumer Innenstadt wurde ein Bauentwurf verwirklicht, der strengen geometrischen Gesetzen gehorcht: 13 gleichförmige, bis zu 12-geschossige Hochhausbauten wurden in symmetrischen Reihen angeordnet. Als Strukturelemente dienen zwei sich kreuzende Achsen: An der West-Ost-Achse (ca. 900 m lang) befinden sich die Fakultätsgebäude, an der Nord-Süd-Achse (ca. 500 m lang) sind die zentralen Universitätsbauten angesiedelt: Verwaltung, Bibliothek, Audimax und Mensa. Selbst die Institutsgebäude sind streng geometrisch strukturiert: Sie bestehen aus 7,50 m x 7,50 m großen Baueinheiten, die durch das Einziehen von Wänden zu beliebigen Raumformen (z. B. Institutsbibliotheken) kombiniert werden können.
Obwohl die Anlage als Betonuniversität verrufen ist, wurde bei der Gestaltung Wert gelegt auf ein harmonisches Zusammenwirken von Bauelementen und Grünflächen: Zwischen den Hochbauten bieten sich immer wieder Einblicke in begrünte (heute teilweise überwucherte) Binnenhöfe; der Botanische Garten grenzt als Naherholungsgebiet im Süden direkt an die Universitätsgebäude. Mit dem Wissen um die zugrunde liegenden architektonischen Prinzipien macht dieses Erscheinungsbild durchaus Sinn: Hochhausbauten schaffen „Schluffenentfernungen“ (wie ein Mitglied des Gründungsausschusses formulierte), die standardisierten, schlichten Gebäudeformen und selbst das Material Beton symbolisieren Demokratie – durchdachte Architektur!
„Dass unvorhersehbare Entwicklungen mit der Zeit große Herausforderungen an die Architektur gestellt haben, kann nicht dem zugrunde liegenden Baugedanken angelastet werden.“ Joachim Petsch meint hiermit etwa die unerwartet expandierenden Studierendenzahlen (von etwa 10.000 auf aktuell etwa 32.000), die Entwicklung zu einer Pendleruniversität und die witterungsabhängige Verschlechterung des Materials Beton, die zu Bauzeiten noch nicht absehbar war.
Diese „Alterserscheinungen“ haben über die Jahre zu architektonischen Umgestaltungen geführt. Fraglos tragen attraktive Neubauten wie die „Neue Mensa“ (offiziell das Querforum West, inkl. anregender Architekturfotografien im Obergeschoss) zur Versöhnung mit einer Universität bei, die in die Jahre gekommen, aber ästhetisch immer noch aussagekräftig ist. Ein oft bemühtes Symbol lässt die Gebäude in neuem Licht erscheinen: Die Hochhausbauten wirken wie große Ozeandampfer, die in den Hafen der Weisheit einfahren und an den Landungsstegen (der West-Ost Verkehrsachse mit den Hörsaaltrakten) anlegen.

Eindrucksvolles Naturpanorama

Joachim Petsch verweist auf die überdimensionalen, wenig funktionalen Schornsteine auf den M- und N-Gebäuden, die den Eindruck verstärken und anzeigen, dass es sich bei dieser Deutung nicht nur um nachträgliche Interpretation handelt. Doch bietet die Universität auch andere ästhetische Vergnügen. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte sich beim Verlassen des Unigeländes (am besten aus südlicher oder westlicher Richtung) noch einmal umsehen und die Universität nicht als rein funktionalen Arbeitsplatz, sondern als ästhetischen Lebensraum wahrnehmen. Wenn dann in der Dämmerung die Fensterbänder der Institutsgebäude zu leuchten beginnen, kann der aufmerksame Betrachter einen Anblick genießen, der geometrisch strukturierte vertikale Bauformen mit einem eindrucksvollen Naturpanorama in stiller, fast poetischer Monumentalität vereint.


Info: Der Artikel entstand bei einer Kooperation der RUBENS-Redaktion mit dem Seminar „PR-Praxis“ des Instituts für Medienwissenschaften.

Christian Stewen
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Letzte Änderung: 29.04.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik