Poetische Monumentalität
Niemand muss die Architektur der Ruhr-Universität
hässlich finden
Hässlich, funktionell, grau, durchdacht die
Attribute für die Architektur der Ruhr-Universität
sind vielfältig und oft entgegengesetzt. Einig ist
man sich nur beim Thema ehrliches Bauen: Der
Beton muss zu sehen sein. Auf dem Campus ist er es eindeutig.
Leider setzt ihm das Wetter zunehmend zu. Dennoch versteckt
sich zwischen all dem Beton auch Poesie.
Zwischen monotonen Betonklötzen und auf der Universitätsbrücke
weht eisiger Wind; die Bodenplatten auf dem grauen, wenig
geselligen Campus klappern gespenstisch bei jedem Schritt
und die scheinbar endlos langen, engen Korridore in den
Gebäuden wirken seltsam bedrohlich. Bildungsbunker
und Selbstmordarchitektur scheinen Begriffe
zu sein, die dem ersten flüchtigen Eindruck gerecht
werden. Was haben sich die Architekten nur dabei gedacht?
Antwort weiß Prof. Joachim Petsch, seit gut 30 Jahren
Dozent am Kunsthistorischen Institut. Er hat sich sowohl
mit der Architektur als auch mit der langjährigen
Debatte über ihren ästhetischen Wert auseinander
gesetzt. Am besten lässt sich das architektonische
Konzept aus der Entstehungszeit heraus verstehen.
Als erster Universitätsneubau nach dem 2. Weltkrieg
stand die Planung der Ruhr-Universität im euphorischen
Geist des nationalen Wirtschaftswunders: Bildung und Forschung
waren Leitbilder für die Zukunft, für die ein
angemessenes Forum errichtet werden sollte. Noch den architektonischen
Vorstellungen der 50er-Jahre verhaftet, wählte man
die verdichtete, verkehrsgerechte Stadt als
Gestaltungsprinzip: Geringe Entfernungen, die strikte
Trennung von Fußgängern und Autoverkehr, eine
räumliche Einheitlichkeit und die Verflechtung von
Lebens- und Arbeitsraum wurden berücksichtigt.
Geplante Studentenwohnheime im Süden des Geländes
hätten den Campus noch weiter belebt, wurden aber
nicht errichtet. Das Nebeneinander von Seminar-, Labor-
und Büroräumen sollte für ein enges, gleichberechtigtes
Arbeitsverhältnis zwischen Studierenden und Professoren
sorgen. Eine Demokratisierung der Wissenschaften
sah eine natürliche Einbindung der Universität
in die Gesellschaft und eine Gleichbehandlung aller Fakultäten
vor, für die die Architektur eine problemlose Zusammenarbeit
gewährleisten sollte.
Streng genommen widerspricht diesem Gedanken die spätere
Farbgebung der Gebäude (Ingenieurwissenschaften =
blau, Naturwissenschaften = grün, Geisteswissenschaften
= gelb, Medizin = rot), die seinerzeit zu Auseinandersetzungen
mit den Architekten führte. Dem traditionellen Prinzip
des Bauhauses gemäß legte man Wert auf ehrliches
Bauen: Das Material (Beton) blieb sichtbar und wurde
nicht verkleidet, die architektonische Form ergab sich
aus der Funktion, d. h. die Bibliothek ist als solche
erkennbar, ebenso das Audimax usw.
Undemokratische Farbspiele
Diesen Prinzipien folgend entstand zwischen 1964 und
1984 das heutige Universitätsgelände nach
Entwürfen des Düsseldorfer Architekturbüros
Hentrich/Petschnigg & Partner in Zusammenarbeit
mit dem Staatshochbauamt der Ruhr-Uni. Auf dem insgesamt
450 ha großen Gelände südlich der Bochumer
Innenstadt wurde ein Bauentwurf verwirklicht, der strengen
geometrischen Gesetzen gehorcht: 13 gleichförmige,
bis zu 12-geschossige Hochhausbauten wurden in symmetrischen
Reihen angeordnet. Als Strukturelemente dienen zwei
sich kreuzende Achsen: An der West-Ost-Achse (ca. 900
m lang) befinden sich die Fakultätsgebäude,
an der Nord-Süd-Achse (ca. 500 m lang) sind die
zentralen Universitätsbauten angesiedelt: Verwaltung,
Bibliothek, Audimax und Mensa. Selbst die Institutsgebäude
sind streng geometrisch strukturiert: Sie bestehen aus
7,50 m x 7,50 m großen Baueinheiten, die durch
das Einziehen von Wänden zu beliebigen Raumformen
(z. B. Institutsbibliotheken) kombiniert werden können.
Obwohl die Anlage als Betonuniversität verrufen
ist, wurde bei der Gestaltung Wert gelegt auf ein harmonisches
Zusammenwirken von Bauelementen und Grünflächen:
Zwischen den Hochbauten bieten sich immer wieder Einblicke
in begrünte (heute teilweise überwucherte)
Binnenhöfe; der Botanische Garten grenzt als Naherholungsgebiet
im Süden direkt an die Universitätsgebäude.
Mit dem Wissen um die zugrunde liegenden architektonischen
Prinzipien macht dieses Erscheinungsbild durchaus Sinn:
Hochhausbauten schaffen Schluffenentfernungen
(wie ein Mitglied des Gründungsausschusses formulierte),
die standardisierten, schlichten Gebäudeformen
und selbst das Material Beton symbolisieren Demokratie
durchdachte Architektur!
Dass unvorhersehbare Entwicklungen mit der Zeit
große Herausforderungen an die Architektur gestellt
haben, kann nicht dem zugrunde liegenden Baugedanken
angelastet werden. Joachim Petsch meint hiermit
etwa die unerwartet expandierenden Studierendenzahlen
(von etwa 10.000 auf aktuell etwa 32.000), die Entwicklung
zu einer Pendleruniversität und die witterungsabhängige
Verschlechterung des Materials Beton, die zu Bauzeiten
noch nicht absehbar war.
Diese Alterserscheinungen haben über
die Jahre zu architektonischen Umgestaltungen geführt.
Fraglos tragen attraktive Neubauten wie die Neue
Mensa (offiziell das Querforum West, inkl. anregender
Architekturfotografien im Obergeschoss) zur Versöhnung
mit einer Universität bei, die in die Jahre gekommen,
aber ästhetisch immer noch aussagekräftig
ist. Ein oft bemühtes Symbol lässt die Gebäude
in neuem Licht erscheinen: Die Hochhausbauten wirken
wie große Ozeandampfer, die in den Hafen der Weisheit
einfahren und an den Landungsstegen (der West-Ost Verkehrsachse
mit den Hörsaaltrakten) anlegen.
Eindrucksvolles Naturpanorama
Joachim Petsch verweist auf die überdimensionalen,
wenig funktionalen Schornsteine auf den M- und N-Gebäuden,
die den Eindruck verstärken und anzeigen, dass
es sich bei dieser Deutung nicht nur um nachträgliche
Interpretation handelt. Doch bietet die Universität
auch andere ästhetische Vergnügen. Wer sich
davon überzeugen möchte, sollte sich beim
Verlassen des Unigeländes (am besten aus südlicher
oder westlicher Richtung) noch einmal umsehen und die
Universität nicht als rein funktionalen Arbeitsplatz,
sondern als ästhetischen Lebensraum wahrnehmen.
Wenn dann in der Dämmerung die Fensterbänder
der Institutsgebäude zu leuchten beginnen, kann
der aufmerksame Betrachter einen Anblick genießen,
der geometrisch strukturierte vertikale Bauformen mit
einem eindrucksvollen Naturpanorama in stiller, fast
poetischer Monumentalität vereint.
Info: Der Artikel entstand bei einer Kooperation der
RUBENS-Redaktion mit dem Seminar PR-Praxis
des Instituts für Medienwissenschaften.
Christian
Stewen
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