Farbbomben
Graffiti auf dem Campus Kunst oder Schmiererei?
Das Konzept, legale Flächen für Sprayer
zur Verfügung zu stellen (z. B. unter der Unibrücke),
um damit wilde Schmierereien einzudämmen, ist gescheitert.
Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Gegen Graffiti helfen
einzig dessen sofortiges Beseitigen oder begrünte
Wände.
Es dürfte kaum eine Stadt in Deutschland geben,
wo Graffiti nicht das Stadtbild prägt. Auch die
Ruhr-Uni kommt daran nicht vorbei. Die Hauptzufahrt
wird davon (freilich legal) flankiert, und auch so manche
Fläche auf dem Campus trägt Spuren aus der
Sprühdose.
Gewiss, die Uni gleicht noch lange nicht den Problemzonen
vieler Großstädte. Offensichtlich ist aber,
dass sich die Sprayer nicht mehr auf die frei gegebenen
Flächen unter der Unibrücke beschränken:
Bordsteinkanten, Verkehrs- und Hinweisschilder sowie
jede noch so kleine Betonfläche in der Umgebung
der Unterführung sind inzwischen diversen Verzierungen
zum Opfer gefallen.
Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die
schlummernden Potenziale der Gebäudeflächen
auf dem Campus erkannt und genutzt werden. Um dem üblichen
Einwand, lieber bunt und peppig als grau und langweilig,
gleich zu begegnen: Mag Graffiti für manche Kunst
sein, ist es doch für viele nicht mehr als Schmiererei
und wird als Zeichen der Verwahrlosung verstanden.
Zeichen der Verwahrlosung
Genau an dieser Stelle bedarf es allerdings der Differenzierung
zwischen den Bildern unter der Unibrücke und den
einfallslosen Schmierereien, die auf dem Campus zu finden
sind: Mögen die durchaus kunstvollen Bilder unter
der Unibrücke dem grauen Beton gut tun, so stehen
besprühte Hinweisschilder etc. dem Portal einer
Universität einfach schlecht zu Gesicht. Wer die
Ruhr-Uni anfährt, bekommt sogleich einen denkbar
schlechten Eindruck. Verlässt er den Campus, bleiben
die beschmierten Hinweis- und Verkehrsschilder in Erinnerung.
Hiergegen muss die Uni etwas tun und zwar schnell.
Gegenmaßnahmen erfordern mitnichten ein totales
Verbot, die bisher zur Verfügung gestellten Flächen
weiter zu besprühen. Es ist durchaus sinnvoll,
derartige Möglichkeiten anzubieten.
Gegen den Wildwuchs könnten klare örtliche
Begrenzungen Abhilfe schaffen. Hierzu müssten Univerwaltung,
Stadt Bochum und Polizei auf die Akteure zugehen und
klare Grenzen setzen. Erfolg versprechend ist das Ganze
nur, wenn illegale Graffitis unverzüglich beseitigt
und dadurch die Grenzen unmissverständlich verdeutlicht
werden. Absprachen bringen gar nichts, denn davon erfahren
und daran halten sich in der Regel nur wenige Sprüher.
Es wird immer Sprüher geben, die gerade das Überschreiten
der Grenzen reizt.
Grenzen vertragen sich schwerlich mit Graffiti, wo in
der Szene gemeinhin das Motto gilt: Getting Fame
is the Name of the Game. Erst durch das sog. Bombing,
das illegale Besprühen von Wänden oder Gegenständen,
wird Ruhm (Fame) erlangt. Auf klar abgegrenzten
Flächen lässt er sich kaum erwerben.
Während der Tunnel unter der Unibrücke durch
die Graffitibilder gewinnt, sind wahllos auf Mauern,
in Fahrstühlen, Toiletten oder am neuen Campus
Center vor GA platzierte Tags (Signaturen),
Throw-Ups (aufgeblasen wirkenden Buchstaben,
die meist ein- oder zweifarbig gestaltet und mit wenig
Zeitaufwand erstellt werden) oder Pieces
(Bilder) schlicht ein Graus und haben gar nichts zu
tun mit Jugendkultur, womit derartiges Graffiti-Unwesen
teilweise euphemistisch entschuldigt wird.
Null Toleranz
Noch kann sich die Uni glücklich schätzen
angesichts der eher spärlichen Schmierereien (auch
wenn sie die ohnehin meist schmuddeligen Aufzüge
noch schmuddeliger machen). Damit dies so bleibt, ist
aber Prävention in Form von rascher Reaktion unerlässlich.
Als wirkungsvoll herausgestellt hat sich andernorts
das schnelle Entfernen des Graffitis, mit anderen Worten:
Null Toleranz. Das hat auch der Erfahrungsaustausch
auf dem kürzlich in Berlin durchgeführten
1. Internationalen Anti-Graffiti-Kongress gezeigt.
Die Strategie fußt auf der Broken-Window-Theorie:
Wenn in einem Gebäude eine Fensterscheibe nicht
schnell repariert wird, sind bald alle Scheiben kaputt.
Das kann man auf Graffiti übertragen: Wo eine Schmiererei
ist, wird es bald mehrere geben. Frühe Intervention
könnte einer solchen Verwahrlosung Einhalt gebieten.
Erfahrungsgemäß nehmen bei beharrlichem Gegensteuern
die Schmierereien ab, weil der Ruhm ausbleibt, wenn
man seine Tags nicht wieder findet.
Das sofortige Entfernen mag anfänglich die Reinigungskosten
erhöhen. Aber längerfristig dürfte es
sich rechnen; nicht nur finanziell, sondern auch mit
Blick auf das Image der Uni. Und falls am Ende doch
noch Geld übrig bleibt, könnte es in Farbe
investiert werden, um gezielt dem Grau des Betons zu
Leibe zu rücken.
Dr.
Holm Putzke (Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl
für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft)
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