Unentdecke
Zielgruppe
Ergebnisse einer Studie zum Kooperationsverhalten von
Geisteswissenschaftlern
Neun von zehn Geisteswissenschaftlern kooperieren regelmäßig
mit der Praxis. Die Zusammenarbeit reicht vom Vortrag
bis zum gemeinsamen Projekt zur Verbesserung der Tonqualität.
Zu diesem und anderen Ergebnissen gelangt die bundesweite
Studie Exzellenz durch Kooperation? der
Akademie der Ruhr-Uni.
In der Diskussion um sog. Eliteunis taucht das Thema
Kooperation immer wieder auf. Außeruniversitäre
Zusammenarbeiten sollen dazu beitragen, wissenschaftliche
Exzellenz zu sichern und den Praxisbezug der Lehre zu
steigern. Bisher gab es in erster Linie Untersuchungen
über Naturwissenschaftler. Nun wurden erstmals
geisteswissenschaftliche Hochschullehrerinnen und -lehrer
nach ihrem Kooperationsverhalten gefragt. 541 von über
5.200 angeschriebenen Professoren (aller geistes- und
gesellschaftswissenschaftlicher Fächer) haben den
Fragebogen ausgefüllt.
Kulturgeschichte des Schuhs
Knapp 40 Prozent von ihnen arbeiten häufig mit
außeruniversitären Forschungseinrichtungen
zusammen. Meist geht es um fachspezifische Projekte,
zum Teil um fachübergreifende Forschung und gemeinsame
Publikationen. Sogar 90 Prozent geben an, mit der Praxis
(Organisationen oder Unternehmen) zu kooperieren. Zu
den wichtigsten Partnern gehören Ministerien, staatliche
Einrichtungen sowie Berufs- oder Fachverbände.
Aber auch mit Wirtschaftsunternehmen kooperieren Professoren
häufig, vornehmlich tun dies Juristen oder Ökonomen.
Pädagogen, Philologen etc. arbeiten dafür
stärker mit nichtstaatlichen Organisationen (z.B.
Hilfsorganisationen) zusammen. Fast jeder dritte Befragte
gibt an, häufig international mit Organisationen
und Unternehmen zusammen zu arbeiten.
Meist kooperieren Professoren als Vertreter der Arbeitseinheit
bzw. des Instituts oder als Privatperson, nur selten
in Form ihres eigenen Unternehmens oder als An-Institut.
Die Kooperationsarten sind vielfältig: Vorträge,
Seminare, Gutachten, Beratung oder die Betreuung von
Forschungsarbeiten. Hinzu kommen konkrete Projekte:
Beispielsweise betreut ein Volkskundler eine Ausstellung
zur Kulturgeschichte des Schuhs, die von einer renommierten
Schuhfirma finanziert wird. Ein Musikwissenschaftler
erarbeitet mit einem Großunternehmen, das Tonträger
herstellt, Möglichkeiten, Tonqualitäten zu
erhöhen.
Mittels einer Faktorenanalyse wurden zudem die vier
wichtigsten Kooperationsgründe ermittelt: eigene
Kompetenz- und Erkenntnissteigerung; der Wunsch, Studierende
zu fördern (Praxisbezug, Kontakte zur Industrie);
Steigerung der Reputation der Arbeitseinheit (dadurch
bessere Chancen der Drittmitteleinwerbung); der Wunsch,
humanitäre Werte zu vertreten. Hinzu kommt das
Interesse, Grundlagenforschung zu betreiben sowie zweckfreie
Bildung weiterzugeben.
Transferstellen bisher irrelevant
Auch zukünftig wollen nahezu alle Befragten mit
Organisationen und Unternehmen kooperieren. Viele haben
vor, ihre Kooperationen zu steigern. Hier stellt sich
die Frage, wie dieses Potenzial ausgeschöpft werden
kann? Denn in der Studie wurde deutlich, dass Transfereinrichtungen,
die Kooperationsmöglichkeiten herstellen sollen,
bisher in den Geisteswissenschaften irrelevant waren.
Vielmehr bemühen sich die Professoren durch eigene
Netzwerke selbst um Kontakte. Daher könnten die
Transferstellen verstärkt die geisteswissenschaftlichen
Professoren als Zielgruppe entdecken. Die
meisten Befragten geben zudem an, dass Kooperationen
durch zu viel Bürokratie seitens der Uni gehemmt
würden. Hier könnte der Freiraum erhöht
werden.
Über die Autorinnen
Dipl. Psych. Svea Steinweg promoviert an der RUB bei
Prof. Heinrich Wottawa und lehrt als Gastdozentin in
der Fakultät für Psychologie. Sie arbeitet
als Management-Beraterin in der Akademie der Ruhr-Uni.
Kontakt: svea.steinweg@rub.de; Dipl. Psych. Alexandra
Martz promoviert an der Uni München bei Prof. Lutz
von Rosenstiel.
Beide werden im Graduiertennetzwerk des Forschungsprogramms
Lernkultur Kompetenzentwicklung aus Mitteln
des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
sowie des Europäischen Sozialfonds gefördert.
Verantwortlich für die Studie ist die Akademie
der Ruhr-Universität gGmbH; Prof. Wottawa betreut
die Analyse der anonymisierten Daten, die noch nicht
abgeschlossen ist.
Svea
Steinweg & Alexandra Martz
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