Jenseits aller
Wege
Geologen aus Santiago de Chile und Bochum erforschen
die Erdkruste in der Antarktis
Mit Hilfe der Spaltspurenanalyse ermittelt der Geologe
Dr. Manfred Brix Daten zur Abkühlungsgeschichte
von Gesteinen im nicht ganz ewigen Eis. Bestenfalls
kann er Rückschlüsse auf 200 Mio. Jahre alte
Ereignisse ziehen, als Teile der Antarktis noch mit
den Anden verbunden waren.
Spanische Wortfetzen fliegen durch den eisigen Wind,
der vom nahen Gletscher herunter pfeift. Der Vorschlaghammer
kracht auf einen Felsen; außer ein paar Splittern
keine Wirkung. Weitere, nicht gesellschaftsfähige
Ausdrücke entweichen zwei vermummten Gestalten.
Die Schreie von drei aus ihrer weithin stinkenden Kolonie
herbei gewatschelten Pinguinen wirken wie hämisches
Gelächter. Dieser Ablauf mag sich vielleicht eine
halbe Stunde in ähnlicher Form wiederholen; immerhin
wird nach und nach ein frischer Block aus dem Gestein
gelöst.
So oder ähnlich ist es oft abgelaufen, als zu Jahresbeginn
zum dritten Mal Geologen aus Santiago de Chile und Bochum
gemeinsam unterwegs waren. Das vom Chilenischen Antarktisinstitut
(INACH) geförderte Projekt führte sie auf
die Antarktische Halbinsel und die vorgelagerten Süd-Shetland-Inseln:
in eine Gegend ohne ausgetretene Wege, aber mit vielen
logistischen Herausforderungen und Überraschungen.
Parallel zu den Anden
Die Geologen fahren zunächst auf Versorgungsschiffen
der chilenischen Marine. An Land kommen sie per Schlauchboot,
gelegentlich per Hubschrauber. Die Voraussetzungen für
Geländearbeiten sind auf den ersten Blick günstig.
Durch das Abtauen der Gletscher sind heute Flächen
frei gelegt, die der englische Antarktisdienst in den
60er-Jahren noch nicht untersuchen konnte.
Allerdings sorgen Abbrüche an den Gletscherfronten
und im Schelfeis für jede Menge Treibeis. Selbst
Eisbrecher kommen nicht mehr durch, das Anlanden per
Schlauchboot wird unmöglich. Hinzu kommen weitere
Risiken: Das Gelände ist kaum begehbar, die Geologen
können das Wetter allenfalls für ein paar
Stunden abschätzen, sie haben kaum Verpflegung,
werden häufig krank und müssen sich regelmäßig
mit technischen Problemen an Motoren, Funk, Kameras
etc. herumschlagen. Das heißt: Wer sich hierher
begibt, muss sich gründlich vorbereiten und sich
vor Ort umsichtig verhalten.
Durch die Analyse ihrer Proben möchten die Geologen
die Entwicklung der Erdkruste im Bereich der Antarktischen
Halbinsel in den letzten 200 Mio. Jahren rekonstruieren.
Das Projekt schließt an andere deutsch-chilenische
Untersuchungen an. Prof. Bernhard Stöckhert (Endogene
Geologie der Ruhr-Uni) und Prof. Francisco Hervé
(Universidad de Chile) haben in den südlichen Anden
die Reaktion der Südamerikanischen Platte auf die
Kollision mit einem aktiven ozeanischen Spreizungsrücken
analysiert.
Mittlerweile liegen die ersten Daten vor: Sie zeigen
u.a. die unterschiedliche Heraushebung von Krustenblöcken
entlang einer über 1.000 km langen, parallel zu
den Anden verlaufenden Seitenverschiebung. Bemerkenswert
sind auch eine vom normalen Muster abweichende Verteilung
von Vulkanen und tiefer in der Erdkruste erstarrten
Gesteinskörpern. Diese Erkenntnisse werden mit
den Verhältnissen auf der Antarktischen Halbinsel
verglichen. Diese dürfte früher mit den Südanden
zusammengehangen haben.
Ohne Vorschlaghammer
Die Kruste westlich der Antarktis ist durch eine plattentektonische
Konfiguration gekennzeichnet, die an keiner anderen
Stelle der Welt zugänglich ist. Hier versuchen
die Wissenschaftler die schrittweise Stilllegung einzelner
Abschnitte einer Subduktionszone (Bereich der Erdkruste,
in dem eine Platte unter eine andere abtaucht) in der
Oberplatte nachzuvollziehen. Sie möchten die Schritte
datieren und die Verhältnisse zum Zeitpunkt der
Abtrennung der heutigen Äste eines früher
zusammenhängenden Gebirges präzisieren.
Neben strukturgeologischen Untersuchungen setzen die
Geologen hauptsächlich die Spaltspurenanalyse ein.
Sie liefert wesentliche Informationen zur Abkühlungsgeschichte
der Gebirgsteile. In Nordrhein-Westfalen wird diese
Methode nur an der Ruhr-Uni durch Dr. Manfred Brix und
Frank Hansen betrieben. Im Gegensatz zum groben Vorschlaghammer,
der bei der Probennahme eingesetzt wird, sind die Studienobjekte
der Spaltspurenanalyse nur wenige Mikrometer lang. Es
handelt sich um Schäden in den Gittern von Kristallen.
Brix und Hansen machen diese Schwächezonen durch
Ätzen sichtbar und werten sie unter einem hoch
vergrößernden optischen Mikroskop aus.
Da die Schäden durch spontane Spaltung von Urankernen
hervorgerufen werden, können die Geologen letztlich
das Alter der Schäden bestimmen. Zudem
ist die Länge der Spaltspuren von der thermischen
Geschichte des Gesteins abhängig. Mit Hilfe von
computergestützten Modellierungen können die
Wissenschaftler ausgehend von einem bestimmten
Alter und der Längenverteilung der Spaltspuren
die thermische Geschichte eines Gesteins recht
genau nachvollziehen. Die darin erkennbare Abkühlung
wiederum spiegelt die Heraushebung der entsprechenden
Gebirgsteile wieder.
Ausgewertet wird in Bochum, zuständig sind meist
chilenische Doktoranden. Der erste von ihnen hat seine
Promotion 2004 erfolgreich abgeschlossen. Zurzeit ist,
mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes,
der zweite Doktorand in Bochum. Langfristig möchten
die Ruhr-Uni und die Universidad de Chile ein (erstes
eigenes) Spaltspurenlabor in Santiago errichten.
Dr.
Claudia Trepmann
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