Keimzelle der
Uni
Gebäudeserie:
Overbergstraße 17
Jeder von uns kann sich noch an sein erstes Semester
an der Ruhr-Uni erinnern. Wer hat sich anfangs nicht
in den Kellerräumen verirrt und verzweifelt einen
Ausgang gesucht? Wieso liegt der mal auf 02 und mal
auf 01? Und warum gibt es nicht überall eine Cafete?
RUBENS liefert die Antworten diesmal zum Gebäude
Overbergstraße 17.
Kann man eine Keimzelle der Uni so einfach
abstoßen? Kein ferner Gedanke, wenn es nach dem
Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) geht, der mit
großem Tross im März das Unigebäude
Overbergstraße 17 besuchte. Ginge es nach dem
BLB, würde die Uni alle anliegenden Peripheriegebäude
räumen, damit der Landesbetrieb sie sie privat
weiter vermarkten kann.
Immerhin zahlt die Ruhr-Uni für jedes Gebäude
Miete an den BLB, erklärt Regierungs-Amtsrat
Günther Erlkamp vom Technischen Hochschulbetrieb
(Dezernat 5). Die Uni könnte also sparen, indem
sie das Haus abstößt und seine Bewohner umsiedelt:
bestenfalls direkt auf den Campus. Im Gegenzug könnte
der BLB hinzuverdienen ... Doch es bleibt die Sache
mit der Keimzelle.
12.800 Schriften
40 Jahre lang scheint nicht mehr ins dreigeschossige
Gebäude an der Overbergstraße investiert
worden zu sein. Im Erdgeschoss des Hegel-Archivs mit
seinem Bücherbestand von 12.800 Schriften (Bücher
und Aufsätze) schlägt Besuchern das dunkle
Büroinventar der 60er-Jahre entgegen. An den Deckenlampen
fände nur noch eBay Interesse, der Wandanstrich
ist düster und vergilbt.
Trotz dieser äußeren Schönheitsfehler
ist der Kern des Archivs einzigartig in der Welt. Es
wurde 1958 vom Kultusministerium NRW in Bonn errichtet
und zehn Jahre später nach Querenburg umgesiedelt.
Es ist ein Aushängeschild der RUB und ein verstecktes
touristisches Kleinod der Stadt. Unsere ausländischen
Besucherinnen und Besucher wundern sich zunächst
über unser Mobiliar. Aber auf dem zweiten Blick
eröffnet sich ihnen unser wertvoller Bibliotheksbestand,
so Dr. Annette Sell, seit 1993 im Hegel-Archiv.
Der Bestand wächst durch hauseigene Publikationen
stetig an: So entsteht unter Federführung von Prof.
Walter Jaeschke und unterstützt von der Akademie
der Wissenschaften die historisch-kritische Gesamtausgabe
Hegels, ebenso das wissenschaftliche Jahrbuch (Hegel-Studien)
sowie die Editionen des Hegel-Zeitgenossen Friedrich
Heinrich Jacobi. Zudem finden jährlich Hegel-Kolloquien
statt. Die Besucher kommen aus Japan, Amerika, Italien.
Sie finden Parkplätze, zudem hält die U-Bahn
direkt vor der Tür.
Dem Bauplan vom 30.6.1966 sieht man an, dass das Gebäude
ursprünglich anderen Zwecken dienen sollte. So
war der heutige Seminarraum des Hegel-Archivs als Gemeinschaftsraum
geplant. Als Bauteil I von weiteren vier
war das Haus Teil einer Gesamtanlage zum Wohnen für
Studierende, Tutoren und Hausmeister. Planerisch im
Frühjahr 1962 begonnen, wurden vier der Bauteile,
darunter Bauteil I, im Juni 1964 der Univerwaltung
übergeben. Die Anlage an der Overbergstraße
war demnach die erste realisierte Baumaßnahme
der Uni, in der Tat ihre Keimzelle.
Nicht weit entfernt sollte auf dem Kalwes das Sportinstitut
samt Anlagen entstehen. Doch das damalige Wissenschaftsministerium
machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung,
so Günther Erlkamp. Vorübergehend dienten
die Gebäude zur Unterbringung einzelner, im Aufbau
begriffener Lehrstühle, vor allem während
des Baus der I-Reihe. Bauteil IV
dem Hegel-Archiv gegenüber liegend und seit 1980
Sitz des sportärztlichen Dienstes der Ruhr-Uni
(Overbergstraße 19) und ursprünglich als
Versammlungshaus konzipiert, wurde für lange Zeit
zur Personalkantine, da es im Untergeschoss eine Küche
besaß. Nur Bauteil II/III heute
frisch renovierte Wohnanlage des Akafö (Overbergstraße
15) wurde letztlich zum studentischen Wohnen
genutzt.
13 Gemälde
Der andere wichtige Nutzer des Hauses Overbergstraße
17 ist der Mediziner Prof. Hans-Joachim Trampisch. Seine
Institute (Zentrum Biometrie, Akademie für öffentliche
Gesundheit, Abteilung Medizinische Informatik, Biometrie
und Epidemiologie) erstrecken sich über zwei Etagen
und machen dank diverser Eigeninitiativen optisch etwas
mehr her: Als wir 1988 einzogen, haben wir Sekretariat
und Chefzimmer selber gestrichen, erinnert sich
die Sekretärin Jutta Grbec. Seit Mai 2000 zieren
zudem 13 Gemälde der ehemaligen Leiterin für
Medizinische Psychologie, Prof. Gertrud Krüskemper,
das obere Treppenhaus (RUBENS
52).
Für gute Bilanzen würde der BLB das
Tafelsilber des Landes verscherbeln, ist die Ansicht
von Diplom-Verwaltungswirt Erlkamp. Und Hegel? Ihm war
der Satz zu eigen: Wer die Welt vernünftig
ansieht, den sieht auch sie vernünftig an. Beides
ist in Wechselbestimmung.
Thea
A. Struchtemeier
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