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RUBENS 97

1. Mai 2005

Keimzelle der Uni

Gebäudeserie: Overbergstraße 17


Jeder von uns kann sich noch an sein erstes Semester an der Ruhr-Uni erinnern. Wer hat sich anfangs nicht in den Kellerräumen verirrt und verzweifelt einen Ausgang gesucht? Wieso liegt der mal auf 02 und mal auf 01? Und warum gibt es nicht überall eine Cafete? RUBENS liefert die Antworten – diesmal zum Gebäude Overbergstraße 17.

Kann man „eine Keimzelle der Uni“ so einfach abstoßen? Kein ferner Gedanke, wenn es nach dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) geht, der mit großem Tross im März das Unigebäude Overbergstraße 17 besuchte. Ginge es nach dem BLB, würde die Uni alle anliegenden Peripheriegebäude räumen, damit der Landesbetrieb sie sie privat weiter vermarkten kann.
„Immerhin zahlt die Ruhr-Uni für jedes Gebäude Miete an den BLB“, erklärt Regierungs-Amtsrat Günther Erlkamp vom Technischen Hochschulbetrieb (Dezernat 5). Die Uni könnte also sparen, indem sie das Haus abstößt und seine Bewohner umsiedelt: bestenfalls direkt auf den Campus. Im Gegenzug könnte der BLB hinzuverdienen ... Doch es bleibt die Sache mit der „Keimzelle“.

12.800 Schriften

40 Jahre lang scheint nicht mehr ins dreigeschossige Gebäude an der Overbergstraße investiert worden zu sein. Im Erdgeschoss des Hegel-Archivs mit seinem Bücherbestand von 12.800 Schriften (Bücher und Aufsätze) schlägt Besuchern das dunkle Büroinventar der 60er-Jahre entgegen. An den Deckenlampen fände nur noch eBay Interesse, der Wandanstrich ist düster und vergilbt.
Trotz dieser äußeren Schönheitsfehler ist der Kern des Archivs einzigartig in der Welt. Es wurde 1958 vom Kultusministerium NRW in Bonn errichtet und zehn Jahre später nach Querenburg umgesiedelt. Es ist ein Aushängeschild der RUB und ein verstecktes touristisches Kleinod der Stadt. „Unsere ausländischen Besucherinnen und Besucher wundern sich zunächst über unser Mobiliar. Aber auf dem zweiten Blick eröffnet sich ihnen unser wertvoller Bibliotheksbestand“, so Dr. Annette Sell, seit 1993 im Hegel-Archiv.
Der Bestand wächst durch hauseigene Publikationen stetig an: So entsteht unter Federführung von Prof. Walter Jaeschke und unterstützt von der Akademie der Wissenschaften die historisch-kritische Gesamtausgabe Hegels, ebenso das wissenschaftliche Jahrbuch („Hegel-Studien“) sowie die Editionen des Hegel-Zeitgenossen Friedrich Heinrich Jacobi. Zudem finden jährlich Hegel-Kolloquien statt. Die Besucher kommen aus Japan, Amerika, Italien. Sie finden Parkplätze, zudem hält die U-Bahn direkt vor der Tür.
Dem Bauplan vom 30.6.1966 sieht man an, dass das Gebäude ursprünglich anderen Zwecken dienen sollte. So war der heutige Seminarraum des Hegel-Archivs als „Gemeinschaftsraum“ geplant. Als „Bauteil I“ von weiteren vier war das Haus Teil einer Gesamtanlage zum Wohnen für Studierende, Tutoren und Hausmeister. Planerisch im Frühjahr 1962 begonnen, wurden vier der Bauteile, darunter „Bauteil I“, im Juni 1964 der Univerwaltung übergeben. Die Anlage an der Overbergstraße war demnach die erste realisierte Baumaßnahme der Uni, in der Tat ihre „Keimzelle“.
Nicht weit entfernt sollte auf dem Kalwes das Sportinstitut samt Anlagen entstehen. Doch das damalige Wissenschaftsministerium machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung, so Günther Erlkamp. Vorübergehend dienten die Gebäude zur Unterbringung einzelner, im Aufbau begriffener Lehrstühle, vor allem während des Baus der I-Reihe. „Bauteil IV“ – dem Hegel-Archiv gegenüber liegend und seit 1980 Sitz des sportärztlichen Dienstes der Ruhr-Uni (Overbergstraße 19) und ursprünglich als Versammlungshaus konzipiert, wurde für lange Zeit zur Personalkantine, da es im Untergeschoss eine Küche besaß. Nur „Bauteil II/III“ – heute frisch renovierte Wohnanlage des Akafö (Overbergstraße 15) – wurde letztlich zum studentischen Wohnen genutzt.

13 Gemälde

Der andere wichtige Nutzer des Hauses Overbergstraße 17 ist der Mediziner Prof. Hans-Joachim Trampisch. Seine Institute (Zentrum Biometrie, Akademie für öffentliche Gesundheit, Abteilung Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie) erstrecken sich über zwei Etagen und machen dank diverser Eigeninitiativen optisch etwas mehr her: „Als wir 1988 einzogen, haben wir Sekretariat und Chefzimmer selber gestrichen“, erinnert sich die Sekretärin Jutta Grbec. Seit Mai 2000 zieren zudem 13 Gemälde der ehemaligen Leiterin für Medizinische Psychologie, Prof. Gertrud Krüskemper, das obere Treppenhaus (RUBENS 52).
„Für gute Bilanzen würde der BLB das Tafelsilber des Landes verscherbeln“, ist die Ansicht von Diplom-Verwaltungswirt Erlkamp. Und Hegel? Ihm war der Satz zu eigen: „Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht auch sie vernünftig an. Beides ist in Wechselbestimmung.“

Thea A. Struchtemeier
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Letzte Änderung: 29.04.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik