In einem Boot
Serie
Partnerunis: Studieren an der Tongji-Universität
in Shanghai
Durch ein Tor geht man hinaus und hinein. Für China
gilt die Tongji-Universität in Shanghai als "Tor
nach Deutschland". Ihre Studierenden kommen auch
gerne nach Bochum, um als Dozent oder Lehrer zurück
zu kehren. Jenseits des Tores hat Tongji auch uns enorm
viel zu bieten: Ihr neuer Präsident, der Maschinenbauer
Prof. Wan Gang, gleichzeitig im Rang eines Vizeministers,
brachte das Land in kürzester Zeit aufs Weltniveau
für Brennstoffzellentechnik, die maßgeblich
zur Entwicklung elektrisch betriebener Fahrzeuge beiträgt.
Während der Olympischen Spiele 2008 in Peking sollen
alle Athleten mit schadstoffarmen Brennzellenautos transportiert
werden.
Wenn das Freundschaftsband zwischen Ruhr-Uni und Tongji
symbolisch geschmückt würde, dann trüge
es silberne Schriftzeichen: Seit 25 Jahren bestehen
die engen Beziehungen zwischen beiden Hochschulen. Tongji
besitzt deutsche Wurzeln, als sie der Arzt Erich Paulun
1907 als deutsche Medizin- und Ingenieurschule für
Chinesen gründete. Seit sich China dem Westen wieder
schrittweise öffnet (etwa ab 1978), sitzen auch
Deutschland und speziell die Ruhr-Uni mit im Boot. Der
Name Tongji ist dabei sprichwörtlich zu verstehen,
es bedeutet so viel wie: Wir sitzen alle in einem Boot.
Tongji schmiedet mit ungeheurem Elan die Elite des Landes.
"In China herrscht Aufbruchsstimmung", so
Dezernentin Petra Henseler (Internationale Angelegenheiten
und Graduiertenförderung), die vor vier Jahren
das erste Mal die Tongji besuchte. "Der Transrapid
zum Flughafen Pudong wurde in unglaublich kurzer Zeit
gebaut. Man arbeitete Tag und Nacht." Vom chinesischen
Alltag der Volksrepublik bekommt man jedoch auf dem
Weg von Pudong in Richtung Uni oder City kaum etwas
mit. "Äußerlich unterscheidet sich nichts
vom Westen", so Henseler, "außer dass
die Wohnungen im südlichen China keine Heizung
haben." Doch es gibt Wichtigeres: "Es ist
ein Privileg, eine der Partnerunis der Tongji zu sein,
denn renommierte Hochschulen aus aller Welt zählen
dazu. 40.000 ausländische Gäste - Wissenschaftler,
Hochschulrektoren, Politiker - besuchen jährlich
die Uni", weiß Henseler.
"Die Riesenentwicklung des Landes stützt sich
vor allem auf die zehn großen Städte an der
Küste, darunter Shanghai", schildert Dr. Barbara
Dahlhaus, die am Deutschkolleg der Tongji zweimal jährlich
Deutschprüfungen abnimmt und Lehrerfortbildungen
leitet. Von der rasanten Entwicklung profitiert auch
die Ruhr-Uni. Altrektor Wolfgang Maßberg baute
als Gründungsdekan des Chinesisch-Deutschen-Hochschulkollegs,
das 1998 eröffnet wurde und ein allein schon wirtschaftlich
bedeutsames Institut an der Tongji ist, den Maschinenbau
mit auf. Heute sind weitere Maschinenbaulehrstühle
der Ruhr-Uni beteiligt. Mit dem Deutschen Akademischen
Austauschdienst (DAAD) konnte die Uni kürzlich
die Partnerschaft besiegeln, so dass nun direkt von
Bochum aus die Einstellung von Gastprofessuren und die
Verteilung von Stipendiaten und Praktika in Deutschland
geregelt werden kann.
Mittlerweile absolvierten 60 Bochumer Sinologie-Studierende
einen Intensiv-Sprachkurs an der Tongji. Tom Robert
ist einer der wenigen, der trotz der hohen Sprachhürde
als Student der Elektrotechnik für rund drei Monate
den Sprung nach Shanghai wagte. Der Diplomand aus der
AG Optoelektronische Bauelemente und Werkstoffe (Prof.
Martin Hofmann) wurde - weil ohne Stipendium - vom Akademischen
Auslandsamt der Ruhr-Uni bei den hohen Studiengebühren
unterstützt. Wohnen und essen konnte er im zwölfstöckigen
Campus-Wohnheim für ausländische Studierende.
Rückblickend fühlt er sich noch heute "vom
Fleiß und der Motivation der Chinesen beeindruckt".
Nur eines behagte dem 26-jährigen weniger: "Die
chinesische Art zu frühstücken unterscheidet
sich stark von der westlichen." Robert empfiehlt
bei längerem Aufenthalt: "Wer gerne Kaffee
trinkt, sollte unbedingt ein Paket mitnehmen."
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Uni-Partnerschaften
Die Ruhr-Uni verfügt über ein weltweites Netz
von Kooperationspartnern in Forschung und Lehre. Bei
sehr aktiven Kooperationen werden diese häufig
als offizielle Hochschulpartnerschaft zwischen den jeweiligen
Partner-Rektoraten vertraglich geregelt. Weil in Zeiten
knapper Kassen Fördermittel aus der Politik wegfallen,
müssen beim zentralen Partnerschaftsvertrag heute
mindestens drei Fakultäten Interesse an der Partnerhochschule
finden. Mehr ins Blickfeld rücken mittlerweile
ohnehin einzelne Fakultätspartnerschaften, erklärt
Jutta Schmid vom Akademischen Auslandsamt. Man verständigt
sich auf bi- und auch multinationaler Fakultätsebene,
welche Forschungsinteressen vorliegen und welche Professoren
zusammen arbeiten. Man vergleicht gemeinsame Interessen,
plant gemeinsame Forschungsvorhaben, tauscht Wissenschaftler/innen
und Studierende aus. Auch bei Partnerfakultätsvertragen
besitzt der Rektor die Außenvertretung.
Das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg (CDHK)
Das CDHK ist ein Institut an der Tongji-Universität
und wurde offiziell im Februar 1998 als Gemeinschaftseinrichtung
des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD),
der Tongji University und der deutschen Wirtschaft eröffnet.
Es ist das größte deutsche Hochschulbildungsprojekt
in China und weltweit eines der größten deutschen
akademischen Kooperationsprojekte. Es fußt auf
der Initiative von Altbundeskanzler Helmut Kohl und
wurde von Bundeskanzler Gerhard Schröder während
dessen Ehrendoktorverleihung am 30.12.2002 verlängert.
Das CDHK ist wie eine kleine Uni für sich. Der
ehemalige Rektor der RUB, Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Maßberg,
baute dort den Bereich Maschinenbau entscheidend mit
auf. Das CDHK bietet drei Studiengänge an: Elektrotechnik,
Maschinenwesen und Wirtschaftswissenschaften. Das Maschinenwesen
(Produktionstechnik, Kraftfahrzeugtechnik) koordiniert
von der RUB Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Maßberg unter
Beteiligung weiterer Lehrstühle der Fakultät
für Maschinenbau. Bei den Wirtschaftswissenschaften
beteiligt sich die RUB mit seinem Institut für
Unternehmensführung aktiv an Forschung und Lehre.
Bis vor kurzem war der Verantwortungsbereich für
die jeweiligen Fachbereiche personenbezogen. Seit Januar
diesen Jahres hat aber die RUB vertragsmäßig
vom DAAD die Partnerschaft übernommen und regelt
nun von hier aus die Einstellung von Gastprofessuren,
Stipendiatenverteilung, Praktika. Für die fachliche
Betreuung und Unterstützung im Bereich Deutsch
als Fremdsprache (DaF) am CDHK ist ebenfalls die RUB,
Abteilung DaF, zuständig. Der jetzige Präsident
der Tongi-Universität, Prof. Dr. Wan Gang, ist
auch der Direktor des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs.
Elite-Uni Tongji
Gegründet 1907 als Deutsche Medizinschule für
Chinesen in Shanghai unter Leitung des deutschen Arztes
Dr. Erich Paulun. 1978 erneute Wiederaufnahme der Kontakte
zu Deutschland, 1980 wurde die RUB die erste ausländische
Partnerin. Heute gehört die Tongji zu den 33 Elite-Hochschulen
in China. Sie ist die größte Universität
in Shanghai mit rund 44.000 Studierenden, 4.200 wissenschaftlichen
Mitarbeitern, darunter 530 ordentlichen und 1300 außerordentlichen
Professoren.
Die Tongji bietet Natur-, Ingenieurs-, Geistes-, Wirtschafts-,
Verwaltungswissenschaften an, dazu Medizin, Jura, Philosophie
und Pädagogik. Unter ihrem Dach sind derzeit 81
Bachelor-, 141 Master- und 58 Promotionsstudiengänge
vertreten. Über ein Drittel aller Dozenten studierte
oder promovierte in Deutschland - allein drei Universitätseinrichtungen
widmen sich der Germanistik und den Deutschlandstudien.
Neben den intensiven Kontakten zur Deutschfakultät
und zum Deutschkolleg - gestärkt vor allem durch
Lehrerfortbildungen oder Prüfungsabnahmen durchgeführt
von der Abteilung Deutsch als Fremdsprache (DaF) des
Dezernats für Internationale Angelegenheiten -
engagiert sich die RUB besonders in der Zusammenarbeit
mit dem Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg (CDHK).
Tongji im Netz.
Thea
A. Struchtemeier
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