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RUBENS 96

1. April 2005

In einem Boot

Serie Partnerunis: Studieren an der Tongji-Universität in Shanghai




Durch ein Tor geht man hinaus und hinein. Für China gilt die Tongji-Universität in Shanghai als "Tor nach Deutschland". Ihre Studierenden kommen auch gerne nach Bochum, um als Dozent oder Lehrer zurück zu kehren. Jenseits des Tores hat Tongji auch uns enorm viel zu bieten: Ihr neuer Präsident, der Maschinenbauer Prof. Wan Gang, gleichzeitig im Rang eines Vizeministers, brachte das Land in kürzester Zeit aufs Weltniveau für Brennstoffzellentechnik, die maßgeblich zur Entwicklung elektrisch betriebener Fahrzeuge beiträgt. Während der Olympischen Spiele 2008 in Peking sollen alle Athleten mit schadstoffarmen Brennzellenautos transportiert werden.

Wenn das Freundschaftsband zwischen Ruhr-Uni und Tongji symbolisch geschmückt würde, dann trüge es silberne Schriftzeichen: Seit 25 Jahren bestehen die engen Beziehungen zwischen beiden Hochschulen. Tongji besitzt deutsche Wurzeln, als sie der Arzt Erich Paulun 1907 als deutsche Medizin- und Ingenieurschule für Chinesen gründete. Seit sich China dem Westen wieder schrittweise öffnet (etwa ab 1978), sitzen auch Deutschland und speziell die Ruhr-Uni mit im Boot. Der Name Tongji ist dabei sprichwörtlich zu verstehen, es bedeutet so viel wie: Wir sitzen alle in einem Boot.

Tongji schmiedet mit ungeheurem Elan die Elite des Landes. "In China herrscht Aufbruchsstimmung", so Dezernentin Petra Henseler (Internationale Angelegenheiten und Graduiertenförderung), die vor vier Jahren das erste Mal die Tongji besuchte. "Der Transrapid zum Flughafen Pudong wurde in unglaublich kurzer Zeit gebaut. Man arbeitete Tag und Nacht." Vom chinesischen Alltag der Volksrepublik bekommt man jedoch auf dem Weg von Pudong in Richtung Uni oder City kaum etwas mit. "Äußerlich unterscheidet sich nichts vom Westen", so Henseler, "außer dass die Wohnungen im südlichen China keine Heizung haben." Doch es gibt Wichtigeres: "Es ist ein Privileg, eine der Partnerunis der Tongji zu sein, denn renommierte Hochschulen aus aller Welt zählen dazu. 40.000 ausländische Gäste - Wissenschaftler, Hochschulrektoren, Politiker - besuchen jährlich die Uni", weiß Henseler.

"Die Riesenentwicklung des Landes stützt sich vor allem auf die zehn großen Städte an der Küste, darunter Shanghai", schildert Dr. Barbara Dahlhaus, die am Deutschkolleg der Tongji zweimal jährlich Deutschprüfungen abnimmt und Lehrerfortbildungen leitet. Von der rasanten Entwicklung profitiert auch die Ruhr-Uni. Altrektor Wolfgang Maßberg baute als Gründungsdekan des Chinesisch-Deutschen-Hochschulkollegs, das 1998 eröffnet wurde und ein allein schon wirtschaftlich bedeutsames Institut an der Tongji ist, den Maschinenbau mit auf. Heute sind weitere Maschinenbaulehrstühle der Ruhr-Uni beteiligt. Mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) konnte die Uni kürzlich die Partnerschaft besiegeln, so dass nun direkt von Bochum aus die Einstellung von Gastprofessuren und die Verteilung von Stipendiaten und Praktika in Deutschland geregelt werden kann.

Mittlerweile absolvierten 60 Bochumer Sinologie-Studierende einen Intensiv-Sprachkurs an der Tongji. Tom Robert ist einer der wenigen, der trotz der hohen Sprachhürde als Student der Elektrotechnik für rund drei Monate den Sprung nach Shanghai wagte. Der Diplomand aus der AG Optoelektronische Bauelemente und Werkstoffe (Prof. Martin Hofmann) wurde - weil ohne Stipendium - vom Akademischen Auslandsamt der Ruhr-Uni bei den hohen Studiengebühren unterstützt. Wohnen und essen konnte er im zwölfstöckigen Campus-Wohnheim für ausländische Studierende. Rückblickend fühlt er sich noch heute "vom Fleiß und der Motivation der Chinesen beeindruckt". Nur eines behagte dem 26-jährigen weniger: "Die chinesische Art zu frühstücken unterscheidet sich stark von der westlichen." Robert empfiehlt bei längerem Aufenthalt: "Wer gerne Kaffee trinkt, sollte unbedingt ein Paket mitnehmen."


MEHR ZUM THEMA

Uni-Partnerschaften
Die Ruhr-Uni verfügt über ein weltweites Netz von Kooperationspartnern in Forschung und Lehre. Bei sehr aktiven Kooperationen werden diese häufig als offizielle Hochschulpartnerschaft zwischen den jeweiligen Partner-Rektoraten vertraglich geregelt. Weil in Zeiten knapper Kassen Fördermittel aus der Politik wegfallen, müssen beim zentralen Partnerschaftsvertrag heute mindestens drei Fakultäten Interesse an der Partnerhochschule finden. Mehr ins Blickfeld rücken mittlerweile ohnehin einzelne Fakultätspartnerschaften, erklärt Jutta Schmid vom Akademischen Auslandsamt. Man verständigt sich auf bi- und auch multinationaler Fakultätsebene, welche Forschungsinteressen vorliegen und welche Professoren zusammen arbeiten. Man vergleicht gemeinsame Interessen, plant gemeinsame Forschungsvorhaben, tauscht Wissenschaftler/innen und Studierende aus. Auch bei Partnerfakultätsvertragen besitzt der Rektor die Außenvertretung.


Das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg (CDHK)
Das CDHK ist ein Institut an der Tongji-Universität und wurde offiziell im Februar 1998 als Gemeinschaftseinrichtung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der Tongji University und der deutschen Wirtschaft eröffnet. Es ist das größte deutsche Hochschulbildungsprojekt in China und weltweit eines der größten deutschen akademischen Kooperationsprojekte. Es fußt auf der Initiative von Altbundeskanzler Helmut Kohl und wurde von Bundeskanzler Gerhard Schröder während dessen Ehrendoktorverleihung am 30.12.2002 verlängert.

Das CDHK ist wie eine kleine Uni für sich. Der ehemalige Rektor der RUB, Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Maßberg, baute dort den Bereich Maschinenbau entscheidend mit auf. Das CDHK bietet drei Studiengänge an: Elektrotechnik, Maschinenwesen und Wirtschaftswissenschaften. Das Maschinenwesen (Produktionstechnik, Kraftfahrzeugtechnik) koordiniert von der RUB Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Maßberg unter Beteiligung weiterer Lehrstühle der Fakultät für Maschinenbau. Bei den Wirtschaftswissenschaften beteiligt sich die RUB mit seinem Institut für Unternehmensführung aktiv an Forschung und Lehre.

Bis vor kurzem war der Verantwortungsbereich für die jeweiligen Fachbereiche personenbezogen. Seit Januar diesen Jahres hat aber die RUB vertragsmäßig vom DAAD die Partnerschaft übernommen und regelt nun von hier aus die Einstellung von Gastprofessuren, Stipendiatenverteilung, Praktika. Für die fachliche Betreuung und Unterstützung im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF) am CDHK ist ebenfalls die RUB, Abteilung DaF, zuständig. Der jetzige Präsident der Tongi-Universität, Prof. Dr. Wan Gang, ist auch der Direktor des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs.


Elite-Uni Tongji
Gegründet 1907 als Deutsche Medizinschule für Chinesen in Shanghai unter Leitung des deutschen Arztes Dr. Erich Paulun. 1978 erneute Wiederaufnahme der Kontakte zu Deutschland, 1980 wurde die RUB die erste ausländische Partnerin. Heute gehört die Tongji zu den 33 Elite-Hochschulen in China. Sie ist die größte Universität in Shanghai mit rund 44.000 Studierenden, 4.200 wissenschaftlichen Mitarbeitern, darunter 530 ordentlichen und 1300 außerordentlichen Professoren.

Die Tongji bietet Natur-, Ingenieurs-, Geistes-, Wirtschafts-, Verwaltungswissenschaften an, dazu Medizin, Jura, Philosophie und Pädagogik. Unter ihrem Dach sind derzeit 81 Bachelor-, 141 Master- und 58 Promotionsstudiengänge vertreten. Über ein Drittel aller Dozenten studierte oder promovierte in Deutschland - allein drei Universitätseinrichtungen widmen sich der Germanistik und den Deutschlandstudien. Neben den intensiven Kontakten zur Deutschfakultät und zum Deutschkolleg - gestärkt vor allem durch Lehrerfortbildungen oder Prüfungsabnahmen durchgeführt von der Abteilung Deutsch als Fremdsprache (DaF) des Dezernats für Internationale Angelegenheiten - engagiert sich die RUB besonders in der Zusammenarbeit mit dem Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg (CDHK).

Tongji im Netz.


 

Thea A. Struchtemeier
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Letzte Änderung: 31.03.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik