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RUBENS 96

1. April 2005

Von Bologna nach Babel

Verwirrend: Wenn Bachelor- und Magisterstudierende im selben Seminar sitzen



An einer Uni mit zehn nebeneinander existierenden und bisweilen miteinander konkurrierenden Abschlüssen wird es automatisch unübersichtlich. Das gilt gleichermaßen für Studierende und Lehrende.


Es gab eine Zeit an der Ruhr-Uni, da in einem Proseminar ausschließlich Studierende im Grundstudium und in einem Hauptseminar ausschließlich Studierende im Hauptstudium saßen. Das kommt heute vielen wie eine Überlieferung aus vergangenen Zeiten vor: „Grundstudium?, Hauptstudium?“ und „Wieso studierst du drei Fächer?“, fragen Kommilitonen aus dem ersten oder zweiten Semester. Die Antwort: „Magister!“ ruft meist ein verständiges Kopfnicken hervor, „Ach ja, das gab’s ja auch mal ...“

Nein, gibt’s immer noch! Was aber der Vergangenheit angehört, ist die Homogenität der Studentenschaft in den Seminaren – dafür hat die Studienreform mit ihren gestuften, international vergleichbaren Abschlüssen gesorgt. Sie ist getragen vom Gedanken des „gemeinsamen europäischen Hochschulraums“, formuliert in der „Erklärung von Bologna“ anno 1999.

Die Reform kam also quasi von Bologna nach Bochum. Sie brachte seit dem Wintersemester 2001/02 die Abschlüsse “Bachelor of Arts”, “Bachelor of Science”, “Master of Arts”, “Master of Science” und “Master of Education” – und neue Studienordnungen. Doch die alten Ordnungen blieben bestehen, denn noch immer gab und gibt es Studierende, die herkömmliche Abschlüsse anstreben: Magister, Magister-Reformmodell, Diplom, Staatsexamen, kirchlicher Abschluss. Macht insgesamt zehn verschiedene Abschlüsse an der RUB.

Was einerseits für Größe und Flexibilität der RUB spricht, kann sich auf der anderen Seite als knifflige, zuweilen unterschätzte Herausforderung entpuppen. Die vornehmste Aufgabe des Dozenten von heute ist es, zu Anfang des Semesters Ordnung in das babylonische Studienordnungswirrwarr der Seminarteilnehmer zu bringen. In einem Seminar der Philologie kann sich durchaus folgendes Schauspiel zutragen: Zu Beginn sollen die Mehrheitsverhältnisse per Handzeichen geklärt werden. Aha, zwei Drittel Bachelor, der Rest Magister. „Schon jemand in der Masterphase?“ „Nein.“ Gut. Nun braucht ein Teil der Studenten Punkte („Creditpoints“), ein Teil nicht, doch alle wollen am Ende einen Schein. Doch welchen? Und was muss wer und bis wann dafür tun? Verständnisvolle Dozenten wissen um das hohe Arbeitsaufkommen der Bachelorstudenten und wollen ihnen das übliche Referat ersparen, wenn sie dafür eine Hausarbeit schreiben. Müssten dann nicht im Umkehrschluss alle Magisterstudenten nur ein Referat halten?

Als Stolperfalle entpuppt sich neben der versuchten Gerechtigkeit auch das Modulsystem der gestuften Studiengänge, wenn sich ein Seminar für Masterstudenten über zwei Semester erstreckt. Das zweite Seminar baut auf den Theorien des ersten auf. Die Idee ist gut, ignoriert aber die Tatsache, dass die Masterstudenten sich den ersten Seminarteil mit einer überwältigenden Mehrheit an Magisterstudenten im Hauptstudium teilt. Masterstudenten sind noch selten. Nichts ist aber dem gewöhnlichen Magisterstudenten so gleichgültig wie die Einteilung von Seminaren in Module. Da kann ein Großteil der Teilnehmer schon mal wegfallen. Aber wer darf nun neu dazu?

Diese Situation kennt Dr. Jörg Schweinitz vom Institut für Medienwissenschaften. „In diesen Fällen müssen wir die Neuzugänge individuell klären. Besonders Magisterstudenten, die eine Hausarbeit unter Prüfungsbedingungen schreiben möchten, sollten teilnehmen“, sagt der Privatdozent. Gerade für die Medienwissenschaftler hielt die jüngste Vergangenheit eine doppelte Herausforderung bereit. Die Umstellung vom Magisterstudium aufs gestufte Studium ging einher mit der Zusammenlegung der Sektion für Publizistik und dem Institut für Film- und Fernsehwissenschaften. „Vorbereitung und Organisation waren und sind sehr gut, aber natürlich ist so eine Phase des Übergangs sehr speziell“, so Schweinitz.

„Spezielle Erfahrungen“ hat auch Student David gemacht, der an die Ruhr-Uni kam, als die Umstellung formal schon zum großen Teil vollzogen war. Dennoch fällt ihm auf, dass längst nicht alles normal läuft, dass noch immer Studierende „aus irgendwelchen anderen Studiengängen“ in seinen Seminaren sitzen. „Die haben oft ganz andere Scheinanforderungen und die Dozenten sind teilweise nicht richtig informiert“, sagt er.

Betroffen von Umstellung und Übergang waren und sind auch die Mitarbeiter des Studienbüros. „Die beiden interessantesten Fragen jeden Morgen waren: Haben wir wieder einen neuen Studiengang? Und wie heißt jetzt was? Und niemand wusste Bescheid“, erinnert sich die Leiterin des Studienbüros Eva Fischer ans Wintersemester 2001/02. „Wir mussten unseren eigenen unklaren Durchblick so vermitteln, dass Studieninteressierte nicht gleich wegliefen. Aber das ist uns erstaunlich gut gelungen“, fügt die Diplompsychologin lächelnd hinzu. Überhaupt sei im Rückblick betrachtet die Umstellung – entgegen anfänglicher Zweifel – gut verlaufen.

Spätestens 2007 werden viele der geschilderten Probleme vergessen sein, denn dann laufen die Magisterstudiengänge endgültig aus. Das wird die Bochumer Studienlandschaft vielleicht etwas ärmer, jedoch übersichtlicher machen. Mit den gestuften Studiengängen wird bereits das neue Kapitel geschrieben. Die ersten Zeilen über die Umstellungsphase werden unserer Studentengeneration wohl noch lange als „Reise von Bologna nach Babel“ in Erinnerung bleiben.


Der Artikel entstand bei einer Kooperation von RUBENS mit dem Seminar „PR-Praxis“ des Instituts für Medienwissenschaften.

 

Frank Chuchrak und Javier Ferrero Negreira
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Letzte Änderung: 31.03.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik