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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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Von Bologna
nach Babel
Verwirrend:
Wenn Bachelor- und Magisterstudierende im selben Seminar
sitzen
An einer Uni mit zehn nebeneinander existierenden und
bisweilen miteinander konkurrierenden Abschlüssen
wird es automatisch unübersichtlich. Das gilt gleichermaßen
für Studierende und Lehrende.
Es gab eine Zeit an der Ruhr-Uni, da in einem Proseminar
ausschließlich Studierende im Grundstudium und in
einem Hauptseminar ausschließlich Studierende im
Hauptstudium saßen. Das kommt heute vielen wie eine
Überlieferung aus vergangenen Zeiten vor: Grundstudium?,
Hauptstudium? und Wieso studierst du drei
Fächer?, fragen Kommilitonen aus dem ersten
oder zweiten Semester. Die Antwort: Magister!
ruft meist ein verständiges Kopfnicken hervor, Ach
ja, das gabs ja auch mal ...
Nein, gibts immer noch! Was aber der Vergangenheit
angehört, ist die Homogenität der Studentenschaft
in den Seminaren dafür hat die Studienreform
mit ihren gestuften, international vergleichbaren Abschlüssen
gesorgt. Sie ist getragen vom Gedanken des gemeinsamen
europäischen Hochschulraums, formuliert in
der Erklärung von Bologna anno 1999.
Die Reform kam also quasi von Bologna nach Bochum. Sie
brachte seit dem Wintersemester 2001/02 die Abschlüsse
Bachelor of Arts, Bachelor of Science,
Master of Arts, Master of Science
und Master of Education und neue Studienordnungen.
Doch die alten Ordnungen blieben bestehen, denn noch immer
gab und gibt es Studierende, die herkömmliche Abschlüsse
anstreben: Magister, Magister-Reformmodell, Diplom, Staatsexamen,
kirchlicher Abschluss. Macht insgesamt zehn verschiedene
Abschlüsse an der RUB.
Was einerseits für Größe und Flexibilität
der RUB spricht, kann sich auf der anderen Seite als knifflige,
zuweilen unterschätzte Herausforderung entpuppen.
Die vornehmste Aufgabe des Dozenten von heute ist es,
zu Anfang des Semesters Ordnung in das babylonische Studienordnungswirrwarr
der Seminarteilnehmer zu bringen. In einem Seminar
der Philologie kann sich durchaus folgendes Schauspiel
zutragen: Zu Beginn sollen die Mehrheitsverhältnisse
per Handzeichen geklärt werden. Aha, zwei Drittel
Bachelor, der Rest Magister. Schon jemand in der
Masterphase? Nein. Gut. Nun braucht
ein Teil der Studenten Punkte (Creditpoints),
ein Teil nicht, doch alle wollen am Ende einen Schein.
Doch welchen? Und was muss wer und bis wann dafür
tun? Verständnisvolle Dozenten wissen um das hohe
Arbeitsaufkommen der Bachelorstudenten und wollen ihnen
das übliche Referat ersparen, wenn sie dafür
eine Hausarbeit schreiben. Müssten dann nicht im
Umkehrschluss alle Magisterstudenten nur ein Referat halten?
Als Stolperfalle entpuppt sich neben der versuchten
Gerechtigkeit auch das Modulsystem der gestuften Studiengänge,
wenn sich ein Seminar für Masterstudenten über
zwei Semester erstreckt. Das zweite Seminar baut auf
den Theorien des ersten auf. Die Idee ist gut, ignoriert
aber die Tatsache, dass die Masterstudenten sich den ersten
Seminarteil mit einer überwältigenden Mehrheit
an Magisterstudenten im Hauptstudium teilt. Masterstudenten
sind noch selten. Nichts ist aber dem gewöhnlichen
Magisterstudenten so gleichgültig wie die Einteilung
von Seminaren in Module. Da kann ein Großteil der
Teilnehmer schon mal wegfallen. Aber wer darf nun neu
dazu?
Diese Situation kennt Dr. Jörg Schweinitz vom Institut
für Medienwissenschaften. In diesen Fällen
müssen wir die Neuzugänge individuell klären.
Besonders Magisterstudenten, die eine Hausarbeit unter
Prüfungsbedingungen schreiben möchten, sollten
teilnehmen, sagt der Privatdozent. Gerade für
die Medienwissenschaftler hielt die jüngste Vergangenheit
eine doppelte Herausforderung bereit. Die Umstellung vom
Magisterstudium aufs gestufte Studium ging einher mit
der Zusammenlegung der Sektion für Publizistik und
dem Institut für Film- und Fernsehwissenschaften.
Vorbereitung und Organisation waren und sind sehr
gut, aber natürlich ist so eine Phase des Übergangs
sehr speziell, so Schweinitz.
Spezielle Erfahrungen hat auch Student David
gemacht, der an die Ruhr-Uni kam, als die Umstellung formal
schon zum großen Teil vollzogen war. Dennoch fällt
ihm auf, dass längst nicht alles normal läuft,
dass noch immer Studierende aus irgendwelchen anderen
Studiengängen in seinen Seminaren sitzen. Die
haben oft ganz andere Scheinanforderungen und die Dozenten
sind teilweise nicht richtig informiert, sagt er.
Betroffen von Umstellung und Übergang waren und sind
auch die Mitarbeiter des Studienbüros. Die
beiden interessantesten Fragen jeden Morgen waren: Haben
wir wieder einen neuen Studiengang? Und wie heißt
jetzt was? Und niemand wusste Bescheid, erinnert
sich die Leiterin des Studienbüros Eva Fischer ans
Wintersemester 2001/02. Wir mussten unseren
eigenen unklaren Durchblick so vermitteln, dass Studieninteressierte
nicht gleich wegliefen. Aber das ist uns erstaunlich gut
gelungen, fügt die Diplompsychologin lächelnd
hinzu. Überhaupt sei im Rückblick betrachtet
die Umstellung entgegen anfänglicher Zweifel
gut verlaufen.
Spätestens 2007 werden viele der geschilderten
Probleme vergessen sein, denn dann laufen die Magisterstudiengänge
endgültig aus. Das wird die Bochumer Studienlandschaft
vielleicht etwas ärmer, jedoch übersichtlicher
machen. Mit den gestuften Studiengängen wird bereits
das neue Kapitel geschrieben. Die ersten Zeilen über
die Umstellungsphase werden unserer Studentengeneration
wohl noch lange als Reise von Bologna nach Babel
in Erinnerung bleiben.
Der Artikel entstand bei einer Kooperation von RUBENS
mit dem Seminar PR-Praxis des Instituts
für Medienwissenschaften.
Frank
Chuchrak und Javier Ferrero Negreira
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