Systemadministrator
mit Stimme
Das Dreifachleben
des Karsten Jürgens: Netzwerk, Studium und Gesang
Morgens im Hörsaal oder im Büro, abends im
Tonstudio oder auf der Bühne - wer mehrere Leben
unter verschiedenen Namen führt, der hat auch viel
zu erzählen.
Unter dem Namen Keenan Joyce findet man ihn nicht im
Personalverzeichnis. Und doch ist er in mehrfacher Hinsicht
an der Ruhr-Uni anzutreffen. Im Flachbau Nordost hat
er ein freundliches Büro, in dem sogar die technischen
Details aus dem Innenleben eines Computers ästhetisch
aufgereiht sind. Kein Kabelwirrwarr, keine nüchterne
oder chaotische Tristesse, die oft bei Netzwerkern anzutreffen
ist.
Über dem Schreibtisch hängt ein großes
Fischskelett, geschenkt von der frisch Angetrauten,
einer irischen Künstlerin. Irisch, keltisch Anmutendes
findet sich ebenso an der Diensttür. Da steht auch:
Karsten Jürgens, Netzwerkadministration. Karsten
Jürgens aber nicht Keenan Joyce. Seit
fünf Jahren regelt der 31-jährige Jürgens
von hier den Netzbetrieb des Dezernats 2 (Internationale
Angelegenheiten, Forschungs- und Studierendenförderung).
Anfangs halbtags, nun einmal pro Woche sorgt er für
den systemadministrativen Zusammenhalt des Dezernats.
Einen Karsten Jürgens kennen ebenso die Studierenden
im Gebäude der Philologen, dem GB, die mit ihm
gemeinsam Englisch und Französisch pauken und
sich bald auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten
werden. Als Student musste ich immer arbeiten,
mir fehlte von zu Hause aus das nötige Geld,
erklärt er sein etwas höheres
Semester.
Neben den beiden Leben als Systemadministrator bzw.
Student existiert aber noch ein anderer Karsten Jürgens.
Einmal im Monat holt er sein weites weißes Folklorehemd
aus dem Schrank, packt seine Westerngitarre und allerlei
technisches Equipment ein und fährt mit dem Auto
los. Ein paar Stunden später steht er als Keenan
Joyce in diversen Pubs der Republik auf der Bühne.
Er begrüßt seine Gäste mit einem frischen
irischen Südküstenakzent ohne das vornehme
Oxford-th, greift in die Saiten und stimmt ein verträumtes
Paddys Green Shamrock Shore an. Die
Ballade entführt weit weg auf grüne Weiden
mit plätscherndem, klarem und frischem Wasser,
von denen es Abschied (Farethewell) in ferne
Länder zu nehmen gilt. Das Publikum, die meisten
sind in den den 60er- und 70er-Jahren geboren, ist bewegt,
summt la-la-la mit. Keenan Joyce ist voll
in seinem Element.
Abends auf der Bühne verkaufe ich mich als
Barden und biete ein Liederspektrum von Simon and Garfunkel
über Leonard Cohen bis zu Cat Stevens an,
beschreibt Joyce seine Auftritte. Wenn ein guter Kontakt
zum Publikum besteht, stimmt er auch selbst geschriebene
Lieder wie Paddys Green Shamrock Shore
oder My Love Lies Waiting an. Das sind im
Grunde seine stärksten Produktionen, in denen sein
Timbre verlockend voll zur Geltung kommt. Ich
singe keine Trinklieder, aber ich bin jemand, der zum
Mitsingen animiert, sagt er.
Schon als Kind bereitete sich Jürgens alias Joyce
zielstrebig auf den kommenden Nebenerwerb vor: Mein
damaliger Gitarrenlehrer ein alternativer Typ
sagte zu mir: Wenn du Western-style-Gitarre
spielst, dann sollst du auch singen. Ich begann
mit american-folk-style aus der schwarzen Blues-Gegend,
spielte dann auch Hannes Wader, erinnert er sich.
Als der ältere Bruder mit dem Gitarrenspiel aufhörte
und sich die Eltern einen Einzelunterricht nicht mehr
leisten konnten, machte er weiter im Alleingang, kaufte
sich eine neue Gitarre, lernte in der Schule fleißig
Englisch, erweiterte sein Repertoire und akquirierte
zäh die Auftritte.
Was ich verdiene, stecke ich ins Equipment. Jetzt
besitze ich ein eigenes kleines Tonstudio, aus dem meine
meisten Aufnahmen stammen. Nebenbei lernte ich dadurch,
als Toningenieur zu arbeiten und bin jetzt in der Lage,
Auftragsarbeiten für Elektronikbands oder andere
Folkmusiker auszuführen, erklärt Joyce.
Sein Traum, so sagt er, sei ein großes, komplett
eingerichtetes Tonstudio. Er wäre jedoch auch zufrieden,
wenn er irgendwann mal all sein sprachliches, pädagogisches
und technisches Wissen verbinden könnte, entweder
als Selbstständiger oder Beschäftigter in
der freien Wirtschaft. Ich habe viele Interessen,
alle mag ich gleich gerne und genieße sie. Die
Stunden sind mir wichtiger als die Jahre, sieht
er sich selbst. Dann kann es auch schon mal passieren,
dass eines seiner Ziele etwas verschwimmt und für
einige Zeit aus dem Blickfeld gerät. Was er gerade
macht, das macht er wohl ganz: als Karsten Jürgens
tagsüber in der Uni und als Keenan Joyce abends
im Pub nach zweistündigem Auftritt selbstverständlich
mit Zugabe.
Infos: www.folkfun.org
Thea
A. Struchtemeier
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