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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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Reguliert statt
gelöst
20 Sowi-Studierende
analysieren in Belfast den Nordirlandkonflikt
Als ich vor gut einem halben Jahr das Vorlesungsverzeichnis
der Fakultät für Sozialwissenschaft zur Hand
nahm, fiel mir ein Seminar ins Auge: Der Nordirland
Konflikt. Gibt es diesen Konflikt überhaupt
noch?, war mein erster Gedanke. Das Blockseminar
befasste sich mit der Geschichte Irlands, der Entstehung
des Konflikts und der politischen Eskalation in Nordirland
bis zum Friedensprozess in den 1990er-Jahren. Der Lehrbeauftragte
Dr. Thomas Pfeiffer hat das Seminar mit einer einwöchigen
Exkursion nach Nordirland verbunden.
Die ersten Gespräche führten wir mit Politikwissenschaftlern
der Queens University Belfast. Sie bestätigten,
was wir im Seminar erarbeitet hatten: Der Frieden wird
seit 1998 im Wesentlichen eingehalten, viele politische
Reformen haben gegriffen, und es gibt so gut wie keine
paramilitärischen Anschläge mehr.
Einem Schock glichen dagegen die Eindrücke auf einer
Black Taxi Tour. Der Taxifahrer führte
uns durch Arbeiterviertel, die entweder protestantisch
oder katholisch geprägt sind. Bestimmte Straßenzüge
sind durch Wandmalereien und andere politische Symbole
gekennzeichnet. Das gilt sogar für die Bordsteinkanten:
Sie sind in den irischen Nationalfarben Grün-Weiß-Orange
gehalten oder in den Farben des Unionjacks Blau-Weiß-Rot.
Westbelfast ist durch die große Peaceline
getrennt; sie soll dafür sorgen, dass keine Steine
und Molotowcocktails auf die jeweils andere Seite geworfen
werden. Hier scheint der Frieden weit entfernt zu sein.
Es folgten weitere Gespräche, z.B. mit Vertretern
der Zeitschrift The Other View, die von ehemaligen
Strafgefangenen der IRA und loyalistischen Paramilitärs
herausgegeben wird. Unsere politischen Diskussionen konnten
wir mit Vertretern der führenden Parteien in Nordirland
vertiefen. Ein Highlight war das Treffen mit dem Friedensnobelpreisträger
John Hume, der eine tragende Rolle im Friedensprozess
gespielt hat. Hume lehrt als Politikprofessor in jener
zweitgrößten Stadt Nordirlands, die von den
protestantischen Einwohnern Londonderry und von den katholischen
Derry genannt wird. Hier fand 1972 der Bloody Sunday
statt, als britische Soldaten bei einer friedlichen Bürgerrechtsdemonstration
13 Menschen erschossen haben.
Wir haben in Nordirland viel gelernt. Die wichtigste Erkenntnis
liegt wohl darin, dass der Konflikt in den mittleren Schichten,
auch in der studentischen Gesellschaft, kaum noch vorhanden
ist. Im Arbeitermilieu jedoch ist er nach wie vor allgegenwärtig.
Verständigung wird wohl noch Jahre brauchen, aber
viele Menschen in Nordirland sind zuversichtlich.
Hintergrund: Nordirland-Seminar
20 Sowi-Studierende besuchten im März die nordirische
Hauptstadt Belfast. Im Mittelpunkt standen Gespräche
mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen.
Die Fahrt wurde durch einen Zuschuss des DAAD ermöglicht.
Vorausgegangen war ein Blockseminar über die Hintergründe
des Nordirland-Konflikts, bei dem es nicht vorrangig
um Religion geht, sondern darum, ob die Bevölkerungsgruppen
ein vereintes Irland anstreben (Nationalisten) oder
an der Verbindung Nordirlands zu Großbritannien
festhalten wollen (Unionisten/Loyalisten).
Anke
Unger
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