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RUBENS 96

1. April 2005

Reguliert statt gelöst

20 Sowi-Studierende analysieren in Belfast den Nordirlandkonflikt


Als ich vor gut einem halben Jahr das Vorlesungsverzeichnis der Fakultät für Sozialwissenschaft zur Hand nahm, fiel mir ein Seminar ins Auge: „Der Nordirland Konflikt“. „Gibt es diesen Konflikt überhaupt noch?“, war mein erster Gedanke. Das Blockseminar befasste sich mit der Geschichte Irlands, der Entstehung des Konflikts und der politischen Eskalation in Nordirland bis zum Friedensprozess in den 1990er-Jahren. Der Lehrbeauftragte Dr. Thomas Pfeiffer hat das Seminar mit einer einwöchigen Exkursion nach Nordirland verbunden.
Die ersten Gespräche führten wir mit Politikwissenschaftlern der Queen’s University Belfast. Sie bestätigten, was wir im Seminar erarbeitet hatten: Der Frieden wird seit 1998 im Wesentlichen eingehalten, viele politische Reformen haben gegriffen, und es gibt so gut wie keine paramilitärischen Anschläge mehr.
Einem Schock glichen dagegen die Eindrücke auf einer „Black Taxi Tour“. Der Taxifahrer führte uns durch Arbeiterviertel, die entweder protestantisch oder katholisch geprägt sind. Bestimmte Straßenzüge sind durch Wandmalereien und andere politische Symbole gekennzeichnet. Das gilt sogar für die Bordsteinkanten: Sie sind in den irischen Nationalfarben Grün-Weiß-Orange gehalten oder in den Farben des Unionjacks Blau-Weiß-Rot. Westbelfast ist durch die große „Peaceline“ getrennt; sie soll dafür sorgen, dass keine Steine und Molotowcocktails auf die jeweils andere Seite geworfen werden. Hier scheint der Frieden weit entfernt zu sein.
Es folgten weitere Gespräche, z.B. mit Vertretern der Zeitschrift „The Other View“, die von ehemaligen Strafgefangenen der IRA und loyalistischen Paramilitärs herausgegeben wird. Unsere politischen Diskussionen konnten wir mit Vertretern der führenden Parteien in Nordirland vertiefen. Ein Highlight war das Treffen mit dem Friedensnobelpreisträger John Hume, der eine tragende Rolle im Friedensprozess gespielt hat. Hume lehrt als Politikprofessor in jener zweitgrößten Stadt Nordirlands, die von den protestantischen Einwohnern Londonderry und von den katholischen Derry genannt wird. Hier fand 1972 der „Bloody Sunday“ statt, als britische Soldaten bei einer friedlichen Bürgerrechtsdemonstration 13 Menschen erschossen haben.
Wir haben in Nordirland viel gelernt. Die wichtigste Erkenntnis liegt wohl darin, dass der Konflikt in den mittleren Schichten, auch in der studentischen Gesellschaft, kaum noch vorhanden ist. Im Arbeitermilieu jedoch ist er nach wie vor allgegenwärtig. Verständigung wird wohl noch Jahre brauchen, aber viele Menschen in Nordirland sind zuversichtlich.

Hintergrund: Nordirland-Seminar
20 Sowi-Studierende besuchten im März die nordirische Hauptstadt Belfast. Im Mittelpunkt standen Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Die Fahrt wurde durch einen Zuschuss des DAAD ermöglicht. Vorausgegangen war ein Blockseminar über die Hintergründe des Nordirland-Konflikts, bei dem es nicht vorrangig um Religion geht, sondern darum, ob die Bevölkerungsgruppen ein vereintes Irland anstreben (Nationalisten) oder an der Verbindung Nordirlands zu Großbritannien festhalten wollen (Unionisten/Loyalisten).

 

 

 


 

Anke Unger
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Letzte Änderung: 31.03.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik