Editorial
Geist
für Geld
Endlich werden die Geisteswissenschaftler wieder hofiert
- hoffentlich nachhaltig. Nachdem sie in Hamburg wohl
arg Federn lassen müssen, auch in anderen Bundesländern
nicht gerade glimpflich aus den Kürzungsorgien
herauskommen, und nachdem sie selbst bislang lang genug
versäumten, das bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft
für sie bereitgestellte Geld abzuholen, stehen
sie - zumindest in Bochum und Nordrhein-Westfalen -
wieder im Rampenlicht.
Das Rektorat z.B. ermuntert sie seit einigen Wochen,
zur Profilierung der Ruhr-Uni beizutragen. Dazu hat
es einen "Global Change Wettbewerb" für
Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ausgerufen
- und diesen zugleich zum Gegenstand der kürzlich
geschlossenen Zielvereinbarung II mit dem NRW-Wissenschaftsministerium
(MWF) gemacht.
Am 25. Februar zog das MWF nach. Es startete unter
dem Titel "Geisteswissenschaften gestalten Zukunftsperspektiven"
einen "Exzellenzwettbewerb" und wirft über
3,5 Mio. Euro in die Trommel. Das Ministerium spricht
alle Geistes- und Kulturwissenschaftler an, "die
sich mit Themen wie Sprache, Philosophie, Medien, Kunst,
Erziehung, Geschichte, Bildung oder Gesellschaft auseinandersetzen"
und fordert sie auf, sich u.a. Gedanken zu machen über
die "friedfertige Gesellschaft". "Der
friedfertige Umgang mit Konflikten sowie das Zusammenleben
verschiedener Generationen sind Themen, die uns jetzt
und künftig bewegen. Wir bieten unseren Wissenschaftlern
einen Anreiz, sich diesen Herausforderungen zu stellen
und in der gesellschaftlichen Debatte wichtige Impulse
zu geben", so Wissenschaftsministerin Kraft.
Geschenke erhalten die Freundschaft, Geschenke gibt
es an Geburtstagen, Namenstagen und erst recht zu Weihnachten.
Zu Weihnachten wurde es auch in den Hochschulen erwartet
- es gab entsprechende Hinweise aus Düsseldorf.
Nun ist es doch etwas später geworden: Das Geschenk
kam in den Semesterferien - Entschuldigung, in der vorlesungsfreien
Zeit. Da aber sitzen die meisten Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler
zurecht zu Hause und korrigieren Klausuren, lesen Aufsätze
und Bücher, kommen endlich zu ihrer Forschung,
präsentieren sie auf Tagungen oder bereiten bereits
die Vorlesungen und Seminare des kommenden Semesters
vor. Und das Ministerium lässt ihnen nur knapp
sieben Wochen Zeit, sich um das Geschenk zu bemühen,
sprich Anträge einzureichen - bis Mitte April.
Da werden wohl nur jene zum Zuge kommen, die fertige
Anträge aus der Schublade holen können.
Was also wie ein Geschenk des Himmels erscheinen mag,
ist vielleicht doch nur dem Wahlkampf geschuldet. "Einem
geschenkten Gaul blickt man nicht in dem Maul"
sagt - nach Hieronymus - der Volksmund und lebt in der
Gefahr, dass sich der Klepper vielleicht sogar als "Danaergeschenk"
erweisen wird, als das Holzpferd, in dessen Maul die
Trojer versäumt haben hineinzuschauen ...
jk
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