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RUBENS 95

1. Februar 2005

Neue Studie: Frauen in Naturwissenschaften und Technik

Weichenstellung im Kindergarten


Sind deutsche Frauen und Mädchen besonders unbegabt für Informatik, Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften? Diese provozierende Schlussfolgerung liegt nahe, denn im europäischen Vergleich sind Frauen in diesen Fächern an deutschen Hochschulen besonders rar gesät. Grund genug für die (damaligen) Gleichstellungsbeauftragten der Universitäten Bochum und Siegen, Andrea Kaus und Dorothee Rückert, im September 2003 ein Projekt zu initiieren, in dem hemmende und fördernde Faktoren für eine Wahl der o. g. Fächer untersucht werden. Die Kolleginnen der Universitäten Bielefeld und Paderborn sowie der FH Bielefeld beteiligen sich ebenfalls an der Untersuchung, die aus Mitteln des NRW-Wissenschaftsministeriums (MWF) finanziert wird.
1.883 Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen im Raum Siegen und Bielefeld wurden nach ihren Berufswünschen und Lieblingsfächern gefragt. Zudem wurden Studentinnen der Ingenieur- und Naturwissenschaften aus Bielefeld, Beratungslehrer/innen sowie Dozent/innen aus Bochum und Paderborn in die Untersuchung einbezogen.

Problematischer Mittelbau

Erste Ergebnisse liegen nun vor: Schon in Schule und Kindergarten werden die Weichen gestellt für eine Verdrängung der Mädchen aus Natur- und Ingenieurwissenschaften: Weniger Mädchen als Jungen nennen Mathe als Lieblingsfach, und Studentinnen der entsprechenden Fächer kritisieren, dass während ihrer Schulzeit nur Praktikumplätze in sog. Frauenberufen angeboten wurden: "...und dann wurden auch wirklich nur Einzelhandelskauffrau oder Apothekengehilfin angeboten, da war es schon wieder, wo ich gesagt habe, ich ... möchte was Anderes. Und ja, da kam noch als Einziges, ja Kindergarten könnte man auch noch machen ..." (Interview 6/1:082, Bielefeld). Das Beispiel illustriert, dass Mädchen mit Interessen, die von den gängigen Klischees abweichen, sich ihren Werdegang regelrecht erkämpfen müssen, häufig gegen Widerstände von Lehrern und Familie.
Die interviewten Hochschullehrerinnen berichteten über ihren oft mühevollen eigenen Werdegang und über ihre Rolle als "Exotinnen" im jeweiligen Fach. Weibliche und männliche Hochschullehrer haben beobachtet, dass diejenigen Frauen, die sich für ein Studium der Natur- oder Ingenieurwissenschaften entschieden haben, hoch motiviert und meistens auch sehr gut qualifiziert sind, so dass sie seltener das Studium abbrechen als ihre männlichen Kommilitonen.
Die Frauen im sog. akademischen Mittelbau, die promovieren oder sich auf eine Habilitation vorbereiten, sind, wie Wissenschaftlerinnen in anderen Fächern auch, besonders mit dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf konfrontiert. Die an Hochschulen immer noch als selbstverständlich erachteten Forderungen nach nahezu unbeschränkter zeitlicher Verfügbarkeit und räumlicher Mobilität sind gravierende Barrieren für eine konfliktfreie und reibungslose Hochschullaufbahn. Nicht zuletzt deshalb ziehen viele begabte junge Forscherinnen die Berechenbarkeit einer unbefristeten Stelle in der Industrie den vielen Unzumut- und Unwägbarkeiten einer wissenschaftlichen Karriere vor. Die Abwanderung der Mitarbeiterinnen aus dem Mittelbau führt wiederum dazu, dass den Studentinnen wichtige Vorbilder abhanden kommen.

Mädchen haben mehr Interessen

Wie kann man nun Schülerinnen für Natur- oder Ingenieurwissenschaften begeistern? Die auch in Bochum gut etablierten "Schnupperwochen" für Schülerinnen können dazu beitragen, Hemmschwellen bei den jungen Mädchen abzubauen: "Zum Teil habe ich mich gewundert, dass ich so viel verstanden habe. Z.B. in Informatik, wo sie was programmiert haben. So schwer war das eigentlich gar nicht.", so eine Schülerin der Jahrgangsstufe 13. (26/1:421). Zudem ermöglichen die Schnupperwochen einen guten Einblick in die fachlichen Anforderungen und die Organisation eines Studiums. Weiterhin könnten Absolventinnen der entsprechenden Fächer regelmäßig Vorträge an allgemeinbildenden Schulen halten und eventuell auch kleinere Projekte im Unterricht mitbegleiten oder freiwillige Arbeitsgemeinschaften anbieten.
Da, so ein Ergebnis aus den Schulbefragungen, Mädchen ein größeres Fächerspektrum als Jungen attraktiv finden, lassen sich diese vielseitigeren Interessen dazu nutzen, ein Studium abseits der Kulturwissenschaften ins Auge zu fassen. Dies ist insbesondere für Mädchen wichtig, die zwar naturwissenschaftliche oder technische Interessen zeigen, aber im Elternhaus keine Förderung ihrer Ambitionen erfahren. In Übereinstimmung mit den PISA-Studien verweist auch diese Untersuchung darauf, dass die Rolle des Elternhauses bei der Förderung bzw. Blockade von Interessensgebieten gar nicht überschätzt werden kann. Hier gilt es, beispielsweise durch kompetente und differenzierte Berufs- und Studienberatungen gegenzusteuern.
Soweit das Fazit der ersten Projektphase. Im zweiten Teil werden die Ergebnisse dokumentiert, um einen systematischen Zugriff, auch auf Datenbanken, zu erlauben, der insbesondere von Expert/innen an den Schnittstellen zwischen Schule und Hochschule genutzt werden soll. Damit, so das Ziel, wird die Beratungsqualität für Schüler/innen verbessert, so dass mehr junge Frauen zur Aufnahme und zum erfolgreichen Abschluss eines Studiums der Mathematik, Informatik, Natur- oder Ingenieurwissenschaften ermutigt werden.


Gudrun Schäfer
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Letzte Änderung: 01.02.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik