Neue Studie:
Frauen in Naturwissenschaften und Technik
Weichenstellung
im Kindergarten
Sind deutsche Frauen und Mädchen besonders unbegabt
für Informatik, Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften?
Diese provozierende Schlussfolgerung liegt nahe, denn
im europäischen Vergleich sind Frauen in diesen
Fächern an deutschen Hochschulen besonders rar
gesät. Grund genug für die (damaligen) Gleichstellungsbeauftragten
der Universitäten Bochum und Siegen, Andrea Kaus
und Dorothee Rückert, im September 2003 ein Projekt
zu initiieren, in dem hemmende und fördernde Faktoren
für eine Wahl der o. g. Fächer untersucht
werden. Die Kolleginnen der Universitäten Bielefeld
und Paderborn sowie der FH Bielefeld beteiligen sich
ebenfalls an der Untersuchung, die aus Mitteln des NRW-Wissenschaftsministeriums
(MWF) finanziert wird.
1.883 Schülerinnen und Schüler weiterführender
Schulen im Raum Siegen und Bielefeld wurden nach ihren
Berufswünschen und Lieblingsfächern gefragt.
Zudem wurden Studentinnen der Ingenieur- und Naturwissenschaften
aus Bielefeld, Beratungslehrer/innen sowie Dozent/innen
aus Bochum und Paderborn in die Untersuchung einbezogen.
Problematischer Mittelbau
Erste Ergebnisse liegen nun vor: Schon in Schule und
Kindergarten werden die Weichen gestellt für eine
Verdrängung der Mädchen aus Natur- und Ingenieurwissenschaften:
Weniger Mädchen als Jungen nennen Mathe als Lieblingsfach,
und Studentinnen der entsprechenden Fächer kritisieren,
dass während ihrer Schulzeit nur Praktikumplätze
in sog. Frauenberufen angeboten wurden: "...und
dann wurden auch wirklich nur Einzelhandelskauffrau
oder Apothekengehilfin angeboten, da war es schon wieder,
wo ich gesagt habe, ich ... möchte was Anderes.
Und ja, da kam noch als Einziges, ja Kindergarten könnte
man auch noch machen ..." (Interview 6/1:082, Bielefeld).
Das Beispiel illustriert, dass Mädchen mit Interessen,
die von den gängigen Klischees abweichen, sich
ihren Werdegang regelrecht erkämpfen müssen,
häufig gegen Widerstände von Lehrern und Familie.
Die interviewten Hochschullehrerinnen berichteten über
ihren oft mühevollen eigenen Werdegang und über
ihre Rolle als "Exotinnen" im jeweiligen Fach.
Weibliche und männliche Hochschullehrer haben beobachtet,
dass diejenigen Frauen, die sich für ein Studium
der Natur- oder Ingenieurwissenschaften entschieden
haben, hoch motiviert und meistens auch sehr gut qualifiziert
sind, so dass sie seltener das Studium abbrechen als
ihre männlichen Kommilitonen.
Die Frauen im sog. akademischen Mittelbau, die promovieren
oder sich auf eine Habilitation vorbereiten, sind, wie
Wissenschaftlerinnen in anderen Fächern auch, besonders
mit dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
konfrontiert. Die an Hochschulen immer noch als selbstverständlich
erachteten Forderungen nach nahezu unbeschränkter
zeitlicher Verfügbarkeit und räumlicher Mobilität
sind gravierende Barrieren für eine konfliktfreie
und reibungslose Hochschullaufbahn. Nicht zuletzt deshalb
ziehen viele begabte junge Forscherinnen die Berechenbarkeit
einer unbefristeten Stelle in der Industrie den vielen
Unzumut- und Unwägbarkeiten einer wissenschaftlichen
Karriere vor. Die Abwanderung der Mitarbeiterinnen aus
dem Mittelbau führt wiederum dazu, dass den Studentinnen
wichtige Vorbilder abhanden kommen.
Mädchen haben mehr Interessen
Wie kann man nun Schülerinnen für Natur-
oder Ingenieurwissenschaften begeistern? Die auch in
Bochum gut etablierten "Schnupperwochen" für
Schülerinnen können dazu beitragen, Hemmschwellen
bei den jungen Mädchen abzubauen: "Zum Teil
habe ich mich gewundert, dass ich so viel verstanden
habe. Z.B. in Informatik, wo sie was programmiert haben.
So schwer war das eigentlich gar nicht.", so eine
Schülerin der Jahrgangsstufe 13. (26/1:421). Zudem
ermöglichen die Schnupperwochen einen guten Einblick
in die fachlichen Anforderungen und die Organisation
eines Studiums. Weiterhin könnten Absolventinnen
der entsprechenden Fächer regelmäßig
Vorträge an allgemeinbildenden Schulen halten und
eventuell auch kleinere Projekte im Unterricht mitbegleiten
oder freiwillige Arbeitsgemeinschaften anbieten.
Da, so ein Ergebnis aus den Schulbefragungen, Mädchen
ein größeres Fächerspektrum als Jungen
attraktiv finden, lassen sich diese vielseitigeren Interessen
dazu nutzen, ein Studium abseits der Kulturwissenschaften
ins Auge zu fassen. Dies ist insbesondere für Mädchen
wichtig, die zwar naturwissenschaftliche oder technische
Interessen zeigen, aber im Elternhaus keine Förderung
ihrer Ambitionen erfahren. In Übereinstimmung mit
den PISA-Studien verweist auch diese Untersuchung darauf,
dass die Rolle des Elternhauses bei der Förderung
bzw. Blockade von Interessensgebieten gar nicht überschätzt
werden kann. Hier gilt es, beispielsweise durch kompetente
und differenzierte Berufs- und Studienberatungen gegenzusteuern.
Soweit das Fazit der ersten Projektphase. Im zweiten
Teil werden die Ergebnisse dokumentiert, um einen systematischen
Zugriff, auch auf Datenbanken, zu erlauben, der insbesondere
von Expert/innen an den Schnittstellen zwischen Schule
und Hochschule genutzt werden soll. Damit, so das Ziel,
wird die Beratungsqualität für Schüler/innen
verbessert, so dass mehr junge Frauen zur Aufnahme und
zum erfolgreichen Abschluss eines Studiums der Mathematik,
Informatik, Natur- oder Ingenieurwissenschaften ermutigt
werden.
Gudrun
Schäfer
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