Gebäudeserie:
NB
Per aspera
ad astra
Jeder von uns kann sich sicher noch an sein erstes
Semester an der RUB erinnern. Wer hat sich anfangs nicht
in den Kellerräumen verirrt und verzweifelt einen
Ausgang gesucht? Wieso liegt der mal auf 02 und mal
auf 01? Und warum gibt es nicht überall eine Cafete?
RUBENS liefert die Antworten - diesmal zum NB.
Wer A sagt, muss auch B sagen. Diese Redensart gerät
angesichts der Verbindung der Campusgebäude NA
und NB schon beim A ins Stocken. Wenn jemand den direkten
Weg von NA nach NB nimmt, dem bleibt - steinwurfweit
nah - sein Ziel verbaut. Baukräne, Planen und hochgezogene
Gitter versperren den Weg. Wer NB und die in ihm beheimateten
Abteilungen aufsuchen will, gekrönt hoch oben von
Astronomie und Astrophysik, erreicht das Haus folglich
nur auf Umwegen - per aspera ad astra (in etwa: "Über
raue Pfade steigt man empor zu den Sternen").
Die derzeitige Erscheinung des NB-Gebäudes weckt
manche Erinnerungen an die Zeit, als in ihm die Fakultät
für Physik und Astronomie im Wintersemester 1968/69
ihren Lehrbetrieb aufnahm. Obwohl NB im Oktober 1968
fertig gestellt wurde, steckte es quasi immer noch in
den Kinderschuhen, besser gesagt: Schlammstiefeln der
Baubeginnperiode von 1965, aus der sämtliche Institutsgebäude
für die Naturwissenschaften (NA, NB, NC, ND) hervor
gingen. Waren zu jenen Zeiten ursprünglich drei
Lehrstühle (Experimentalphysik I und III, Theoretische
Physik I) geplant, so kamen bis heute 13 weitere - zuzüglich
acht Arbeitsgruppen - hinzu.
Im NB erklimmt sich etagenweise die große Vielfalt
der Forschungsgebiete von Physik und Astronomie. Sie
reicht über Astronomie und Astrophysik bis hin
zu Biophysik, Festkörperphysik, Kern- und Teilchenphysik,
Neuroinformatik, Plasma- und Atomphysik sowie der Fachdidaktik
Physik. Die meisten Lehrstühle sind als "experimentelle"
und "theoretische" vertreten. Zudem wurden
der Fakultät die Lehrstühle für Biophysik
(Fakultät für Biologie) und für Systembiophysik
(Institut für Neuroinformatik) angegliedert. In
NB 03 hat außerdem das Alfried Krupp-Schülerlabor
seine Heimat.
Bauvisionen
Aber auch andere Einheiten haben mittlerweile ihren
Sitz in NB: In der untersten Etage im Norden liegen
die Räume der Betriebsärzte (s.
RUBENS 94), in Etage 02 und 1 die vom Institut für
Arbeitswissenschaft. Eine weitere Besonderheit: Im Raum
73 von Etage 02 schiebt Hans Möller, durch Rufbereitschaft
rund um die Uhr erreichbar, für die lokal ansässige
Umzugsfirma Uhe seinen Dienst. Hauptsächlich mit
uniinternen Umzügen beschäftigt, kommt er
auch im Notfall zu Hilfe - zuletzt beim Wassereinbruch,
der durch die Dachsanierung von NA verursacht wurde.
Der Mann mit dem breiten Kreuz und der schwarzen Kappe
ist schon seit den 70er-Jahren dabei, wenn es an der
Uni was zu packen und zu räumen gibt. Auf "50
Prozent Können, 50 Prozent Routine" summiert
das Faktotum seine Dienstjahre, bevor es - nicht ohne
dem Wachdienst zur Sicherheit eine dicke Rolle Plastikplanen
unter den Arm zu klemmen - zum nächsten Umzug entschwindet.
Umzüge und Plastikplanen - beides begleitete die
Geschichte von NB kontinuierlich. Eine Telefonnotiz
vom Gespräch mit dem Kultusministerium vom 8.4.1970
macht deutlich, dass interne Verschiebungen innerhalb
der Raumgruppen schon damals empfohlen wurden, um zukünftige
Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Weitere
acht Jahre davor (30.3.1962) hatte der Vorstand des
Sonderbauamtes für Universitätsplanungen eine
auf die Physik bezogene Brutto-Geschossfläche von
228.900 qm errechnet, zu der der Direktor des Physikalischen
Instituts der Uni Marburg, Prof. W. Walcher, dem Staatssekretär
Ludwig Adenauer im Kultusministerium in Düsseldorf
am 12.1.1962 seine Vorschläge fürs Raumprogramm
lieferte. Dort heißt es, dass das Zentralgebäude
ein Hochhaus sein sollte, in dem "standardisierte
Laborräume beinhaltet sind." Hinzu sollte
ein Flachhaus kommen, flankiert von "Garderobe,
Praktikum- und Hörsaalgebäude mit zwei großen
Hörsälen". Im Mitteltrakt der Garderobe
stellte sich Walcher die "Unterbringung einer Zentralverwaltung
aller technischen Dienste vor, unabhängig davon,
dass jeder Institutsdirektor sein eigenes Sekretariat
für wissenschaftliche Belange haben sollte. Darüber
hinaus empfahl er "ein möglichst großes
Gelände für Erweiterungs- und Sonderbauten
vorzubehalten", z. B. für Laboratorien oder
Experimentierhallen. Auch wenn sich in der Vergangenheit
nicht alle Pläne Walchers durchsetzten, so ließen
sie dennoch Raum für weitere bauliche Improvisationen.
Beton in all seiner Echtheit
Allein, nach siebeneinhalbjähriger Benutzung der
Flachbereiche war der erste Lack schon ab. Aus einem
auf den 8.1.1975 datierten Aktenvermerk des Staatshochbauamtes
geht hervor, dass die Dächer, bei denen man von
einer 30-jährigen Lebensdauer ausging, "an
den Dehnungsfugen mangelhaft waren." Ein Jahr lang
testete man Bleistreifen zur Fugendichtung. Weil sich
in diesem Zeitraum in den Bleischlaufen Bewegungen zeigten,
ging man allerdings davon aus, "dass sich die Baukörper
verschoben haben müssten." Nun wurden jedoch
sämtliche N-Gebäude in einem aufeinander abgestimmten
Rhythmus gleichzeitig hochgezogen: Hat das eine Haus
eine Kinderkrankheit, so folgt das andere nach. Die
Professoren damals waren alarmiert und pochten auf die
Sicherheit. In der folgenden Auseinandersetzung um die
Mängelbeseitigung entwickelte sich ein konkreter
Forschungsauftrag, der die Sanierungsvorschläge
experimentell begleitete, dabei Haftungsfragen jedoch
ausdrücklich ausklammerte.
Im Unterschied zu den I-Gebäuden der ersten Stunde
"brach" dem äußeren Erscheinungsbild
nach bei den N-Bauten "der Beton aus", wie
es in der kunsthistorischen Untersuchung von Alexandra
von Cube heißt. Baumaterial offen zu legen war
dem Prinzip eines "ehrlichen Bauens" verpflichtet.
Einem Gespräch der Uni-Architekten Rüdiger
Thoma und Michael Zotter sei, so Cube, zu entnehmen
gewesen, dass beide in der Tat bezweckten, "den
Beton in seiner Echtheit zu zeigen."
Info: Das passende Buch zur Gründung der
RUB ist letzten Sommer erschienen: Hans Stallmann, "Euphorische
Jahre. Gründung und Aufbau der Ruhr-Universität
Bochum", Klartext Verlag, Essen 2004, 320 S., 19,90
Euro.
Thea
A. Stuchtemeier
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