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RUBENS 94

3. Januar 2005

Biologin verfolgt Wolfsspuren im Schnee der polnischen Karpaten

Unter Wölfen


"Ich bin ein echter Schnee-Fan, aber nach vier Monaten hab ich gedacht, jetzt könnte er mal langsam verschwinden“, erinnert sich die Biologin Julia Eggermann an die Zeit ihrer Diplomarbeit. Sie hat von November 2003 bis April 2004 wilde Wölfe in deren natürlichem Lebensraum studiert: im Bieszczady-Gebirge, das im Südosten Polens liegt und zu den Karpaten gehört. Julia hat mit ihrer Arbeit das „Bieszczady Wolf Project“ unterstützt. Durch dieses Projekt wollen Wissenschaftler unter der Anleitung des polnischen Biologen Dr. Roman Gula das Verhalten der wilden Wölfe ergründen, um langfristig eine konfliktarme Koexistenz zwischen Mensch und Tier zu ermöglichen. Julias Betreuer an der RUB war Prof. Wolfgang Kirchner (AG Verhaltensbiologie und Didaktik der Biologie).
Gerade der Schnee in den Karpaten war es, der es Julia Eggermann ermöglichte, Wolfsspuren zu finden und zu verfolgen. Aus den Fährten konnte sie eine Reihe von Informationen ablesen, z.B. über die Rudelgröße oder das Jagdverhalten der Tiere (s. Kasten). Auf die Untersuchung von Spuren sind die Wissenschaftler angewiesen, da sie die scheuen Wölfe kaum zu Gesicht bekommen. Das sog. Schneekartieren ist anstrengend: „Wenn wir im Wald die Fährten verfolgten, reichte uns der Schnee oft bis zu den Oberschenkeln“, schildert Julia. Die Kälte war für die Biologin ungewohnt: „Ich war meist den ganzen Tag unterwegs und musste mich damit abfinden, dass alles sofort durchfriert, auch das Essen. Jetzt weiß ich, wie gefrorene Banane schmeckt“, lacht sie.

Gefrorene Bananen

Aufregung beschert haben ihr allerdings nicht nur die Kälte und der alte polnische Fiat, mit dem sie unterwegs war und der häufig den Dienst verweigerte: „Einmal habe ich mit Kollegen eine Wolfsspur zurückverfolgt. Dabei sind wir auf eine frische Bärenfährte gestoßen – der Bär muss vor uns her gelaufen sein, um ein Beutetier zu finden, das der Wolf erlegt hatte. An der Beute hätten wir uns getroffen. Was dann passiert wäre, wollten wir nicht ausprobieren – da haben wir lieber für den Tag Feierabend gemacht.“
Das Schneekartieren ist nicht die einzige Methode, mit der die Forscher den Wölfen auf die Spur kommen. Neben den optischen Spuren hinterlassen ausgewählte Wölfe auch akustische Fährten: Sie tragen ein Senderhalsband und sind per Telemetrie zu orten. Die vom Halsband ausgehenden Radiosignale können mit einem Empfänger hörbar gemacht werden. Die Regelmäßigkeit, mit der die Signale ertönen, gibt Aufschluss darüber, ob sich das Tier bewegt. Der Wissenschaftler kann auch erkennen, aus welcher Richtung die Signale kommen. Peilt er die Signale innerhalb kurzer Zeit von unterschiedlichen Standorten aus an und trägt die Richtungen in eine Landkarte ein, ergibt sich ein Schnittpunkt. Das ist der Ort, an dem sich das Tier momentan befindet. Durch häufige Messungen gewinnt man ein sehr gutes Bild von den Aktivitäten der Wölfe.
Julias Forschungsobjekte waren der Wolf Andro und die Wölfin Ronja, die unterschiedliche Streifgebiete bewohnen. Beide Tiere hatten die polnischen Wissenschaftlern eingefangen und mit Senderhalsbändern versehen. Julia verbrachte die Tage und häufig auch die Nächte damit, den Bewegungen der beiden zu folgen. „Tagsüber war ich oft allein unterwegs, nachts waren wir meist zu zweit. Da kann einer den anderen wach halten. Wir haben nachts darauf geachtet, uns nicht weit vom Auto zu entfernen. Sonst verliert man schnell die Orientierung, trotz Karte und satellitengestütztem Navigationssystem.“

Von Menschen und Wölfen

Die einheimische Bevölkerung reagiert unterschiedlich auf das Engagement der Wolfsforscher. „Manche Polen haben mir hinterhergeschimpft, aber zu der Zeit war mein Polnisch noch nicht gut genug, da hab ich’s nicht verstanden“, lacht Julia, wird gleich darauf aber wieder ernst: „Solche Reaktionen sind nachvollziehbar. Die Bevölkerung dort ist arm. Wenn jemand zwei Schafe besitzt und eines wird vom Wolf gerissen, ist das für die Betroffenen ein großer Verlust.“ Allerdings besteht auch eine unbegründete Abneigung gegen Wölfe, die sogar zu illegalen Abschüssen führt. Umso wichtiger ist Forschung und Aufklärung, um Konflikten zwischen Mensch und Wolf gegensteuern zu können – z.B. durch geeigneten Schutz der Haustiere, Entschädigungsmaßnahmen oder die Erkenntnis, dass ein Schaf verwilderten Hunden und keinem Wolf zum Opfer gefallen ist. Zum Glück ruft das Wolfsprojekt auch Zustimmung und Interesse hervor. Julia erinnert sich: „Die Ortsansässigen sind grundsätzlich sehr gastfreundlich und offen. Als wir Andro eingefangen haben, um ihm das Senderhalsband umzulegen, kam sogar ein Einheimischer und hat uns gefragt, ob er uns gegen die Kälte einen heißen Kaffee bringen soll.“
Heiße Getränke zum Aufwärmen wird Julia bald nicht mehr benötigen: Im Frühjahr geht sie für ihre Doktorarbeit zunächst nach Portugal. In einem Projekt, das von Prof. Francisco Petrucci-Fonseca (Uni Lissabon) betreut wird, erforscht sie gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern das Verhalten der portugiesischen Wölfe. Ziel des derzeit anlaufenden Projekts ist es u. a. herauszufinden, welchen Einfluss Städte und Straßen auf die Wölfe haben. Die Forscher wollen ermitteln, ob und wo man die in Portugal selten gewordenen Wölfe wieder ansiedeln kann. Inhaltlich und methodisch wird die portugiesische Gruppe ähnlich arbeiten wie die polnische. Daher hält Julia den Kontakt zu ihren Kollegen in Polen – wissenschaftlich und privat. In der Silvesternacht hat sie mit ihnen auf ihre Aufnahme in das portugiesische Projekt anstoßen – in einer einsamen Hütte im Wald im Bieszczady-Gebirge.

Wölfe

Wölfe (Canis lupus) leben als soziale Tiere in Rudeln. Meist besteht ein Rudel aus einem Elternpaar und seinem Nachwuchs, wobei die Jungtiere mit Erreichen der Geschlechtsreife nach Möglichkeit das Rudel ihrer Eltern verlassen, um ein eigenes zu gründen. Der Wolf besiedelt nahezu die gesamte nördliche Erdhalbkugel. Allerdings hat der Mensch viele Bestände dezimiert; in Europa wurde der Wolf bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nahezu vollständig ausgerottet. Heute gibt es zumindest in Süd- und Osteuropa wieder stabile Populationen. In Polen leben ungefähr 750 Wölfe, die meisten davon im Osten des Landes: Die Population in den polnische Karpaten wird auf rund 380 Tiere geschätzt.

Forschungsergebnisse

Wölfe faszinieren viele Menschen, erzeugen aber auch Ablehnung und Furcht. Julia Eggermann hatte während ihrer Diplomarbeit das dadurch bestimmte Miteinander von Wolf und Mensch im Blick. So hat sie z.B. herausgefunden, dass die von ihr untersuchten Wölfe Ronja und Andro vorwiegend in der Dämmerung aktiv sind. „Hierdurch schließen die Wölfe einen Kompromiss zwischen der Vermeidung des Zusammentreffens mit Menschen und der Ausnutzung der bestmöglichen Tageszeit zur Jagd.“ Mit anderen Worten: Nachts können die Wölfe nur bei ausreichend hellem Mondlicht jagen, da sie dabei auf ihren Sehsinn angewiesen sind, und tagsüber würden sie selbst schnell entdeckt. In anderen Regionen zeigen Wölfe teilweise ein anderes Aktivitätsmuster. Im spärlich besiedelten Nordamerika sind die Wölfe auch tagsüber unterwegs. In Italien dagegen wurde beobachtet, dass sie nachts aktiv werden. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass sich die Tiere angewöhnt haben, ihren Proviant an Müllhalden zu sammeln anstatt auf Jagd zu gehen.
Ronjas Streifgebiet erstreckt sich über etwa 81 qkm, das von Andros über mindestens 155 qkm. Auch die Infrastruktur in diesen Gebieten beeinflusst das Verhalten der Tiere. Zwar durchqueren die Wölfe zumindest nachts auch menschliche Siedlungen. Stark befahrene Straßen jedoch meiden sie; möglicherweise beschränken diese Hauptverkehrsstraßen die Streifgebiete.

Christina Heimken
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Letzte Änderung: 03.01.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik