Biologin verfolgt
Wolfsspuren im Schnee der polnischen Karpaten
Unter
Wölfen
"Ich bin ein echter Schnee-Fan, aber nach vier Monaten
hab ich gedacht, jetzt könnte er mal langsam verschwinden,
erinnert sich die Biologin Julia Eggermann an die Zeit
ihrer Diplomarbeit. Sie hat von November 2003 bis April
2004 wilde Wölfe in deren natürlichem Lebensraum
studiert: im Bieszczady-Gebirge, das im Südosten
Polens liegt und zu den Karpaten gehört. Julia hat
mit ihrer Arbeit das Bieszczady Wolf Project
unterstützt. Durch dieses Projekt wollen Wissenschaftler
unter der Anleitung des polnischen Biologen Dr. Roman
Gula das Verhalten der wilden Wölfe ergründen,
um langfristig eine konfliktarme Koexistenz zwischen Mensch
und Tier zu ermöglichen. Julias Betreuer an der RUB
war Prof. Wolfgang Kirchner (AG Verhaltensbiologie und
Didaktik der Biologie).
Gerade der Schnee in den Karpaten war es, der es Julia
Eggermann ermöglichte, Wolfsspuren zu finden und
zu verfolgen. Aus den Fährten konnte sie eine Reihe
von Informationen ablesen, z.B. über die Rudelgröße
oder das Jagdverhalten der Tiere (s. Kasten). Auf die
Untersuchung von Spuren sind die Wissenschaftler angewiesen,
da sie die scheuen Wölfe kaum zu Gesicht bekommen.
Das sog. Schneekartieren ist anstrengend: Wenn wir
im Wald die Fährten verfolgten, reichte uns der Schnee
oft bis zu den Oberschenkeln, schildert Julia. Die
Kälte war für die Biologin ungewohnt: Ich
war meist den ganzen Tag unterwegs und musste mich damit
abfinden, dass alles sofort durchfriert, auch das Essen.
Jetzt weiß ich, wie gefrorene Banane schmeckt,
lacht sie.
Gefrorene Bananen
Aufregung beschert haben ihr allerdings nicht nur die
Kälte und der alte polnische Fiat, mit dem sie
unterwegs war und der häufig den Dienst verweigerte:
Einmal habe ich mit Kollegen eine Wolfsspur zurückverfolgt.
Dabei sind wir auf eine frische Bärenfährte
gestoßen der Bär muss vor uns her
gelaufen sein, um ein Beutetier zu finden, das der Wolf
erlegt hatte. An der Beute hätten wir uns getroffen.
Was dann passiert wäre, wollten wir nicht ausprobieren
da haben wir lieber für den Tag Feierabend
gemacht.
Das Schneekartieren ist nicht die einzige Methode, mit
der die Forscher den Wölfen auf die Spur kommen.
Neben den optischen Spuren hinterlassen ausgewählte
Wölfe auch akustische Fährten: Sie tragen
ein Senderhalsband und sind per Telemetrie zu orten.
Die vom Halsband ausgehenden Radiosignale können
mit einem Empfänger hörbar gemacht werden.
Die Regelmäßigkeit, mit der die Signale ertönen,
gibt Aufschluss darüber, ob sich das Tier bewegt.
Der Wissenschaftler kann auch erkennen, aus welcher
Richtung die Signale kommen. Peilt er die Signale innerhalb
kurzer Zeit von unterschiedlichen Standorten aus an
und trägt die Richtungen in eine Landkarte ein,
ergibt sich ein Schnittpunkt. Das ist der Ort, an dem
sich das Tier momentan befindet. Durch häufige
Messungen gewinnt man ein sehr gutes Bild von den Aktivitäten
der Wölfe.
Julias Forschungsobjekte waren der Wolf Andro und die
Wölfin Ronja, die unterschiedliche Streifgebiete
bewohnen. Beide Tiere hatten die polnischen Wissenschaftlern
eingefangen und mit Senderhalsbändern versehen.
Julia verbrachte die Tage und häufig auch die Nächte
damit, den Bewegungen der beiden zu folgen. Tagsüber
war ich oft allein unterwegs, nachts waren wir meist
zu zweit. Da kann einer den anderen wach halten. Wir
haben nachts darauf geachtet, uns nicht weit vom Auto
zu entfernen. Sonst verliert man schnell die Orientierung,
trotz Karte und satellitengestütztem Navigationssystem.
Von Menschen und Wölfen
Die einheimische Bevölkerung reagiert unterschiedlich
auf das Engagement der Wolfsforscher. Manche Polen
haben mir hinterhergeschimpft, aber zu der Zeit war
mein Polnisch noch nicht gut genug, da hab ichs
nicht verstanden, lacht Julia, wird gleich darauf
aber wieder ernst: Solche Reaktionen sind nachvollziehbar.
Die Bevölkerung dort ist arm. Wenn jemand zwei
Schafe besitzt und eines wird vom Wolf gerissen, ist
das für die Betroffenen ein großer Verlust.
Allerdings besteht auch eine unbegründete Abneigung
gegen Wölfe, die sogar zu illegalen Abschüssen
führt. Umso wichtiger ist Forschung und Aufklärung,
um Konflikten zwischen Mensch und Wolf gegensteuern
zu können z.B. durch geeigneten Schutz der
Haustiere, Entschädigungsmaßnahmen oder die
Erkenntnis, dass ein Schaf verwilderten Hunden und keinem
Wolf zum Opfer gefallen ist. Zum Glück ruft das
Wolfsprojekt auch Zustimmung und Interesse hervor. Julia
erinnert sich: Die Ortsansässigen sind grundsätzlich
sehr gastfreundlich und offen. Als wir Andro eingefangen
haben, um ihm das Senderhalsband umzulegen, kam sogar
ein Einheimischer und hat uns gefragt, ob er uns gegen
die Kälte einen heißen Kaffee bringen soll.
Heiße Getränke zum Aufwärmen wird Julia
bald nicht mehr benötigen: Im Frühjahr geht
sie für ihre Doktorarbeit zunächst nach Portugal.
In einem Projekt, das von Prof. Francisco Petrucci-Fonseca
(Uni Lissabon) betreut wird, erforscht sie gemeinsam
mit einem Team von Wissenschaftlern das Verhalten der
portugiesischen Wölfe. Ziel des derzeit anlaufenden
Projekts ist es u. a. herauszufinden, welchen Einfluss
Städte und Straßen auf die Wölfe haben.
Die Forscher wollen ermitteln, ob und wo man die in
Portugal selten gewordenen Wölfe wieder ansiedeln
kann. Inhaltlich und methodisch wird die portugiesische
Gruppe ähnlich arbeiten wie die polnische. Daher
hält Julia den Kontakt zu ihren Kollegen in Polen
wissenschaftlich und privat. In der Silvesternacht
hat sie mit ihnen auf ihre Aufnahme in das portugiesische
Projekt anstoßen in einer einsamen Hütte
im Wald im Bieszczady-Gebirge.
Wölfe
Wölfe (Canis lupus) leben als soziale Tiere in
Rudeln. Meist besteht ein Rudel aus einem Elternpaar
und seinem Nachwuchs, wobei die Jungtiere mit Erreichen
der Geschlechtsreife nach Möglichkeit das Rudel
ihrer Eltern verlassen, um ein eigenes zu gründen.
Der Wolf besiedelt nahezu die gesamte nördliche
Erdhalbkugel. Allerdings hat der Mensch viele Bestände
dezimiert; in Europa wurde der Wolf bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts nahezu vollständig ausgerottet.
Heute gibt es zumindest in Süd- und Osteuropa wieder
stabile Populationen. In Polen leben ungefähr 750
Wölfe, die meisten davon im Osten des Landes: Die
Population in den polnische Karpaten wird auf rund 380
Tiere geschätzt.
Forschungsergebnisse
Wölfe faszinieren viele Menschen, erzeugen aber
auch Ablehnung und Furcht. Julia Eggermann hatte während
ihrer Diplomarbeit das dadurch bestimmte Miteinander
von Wolf und Mensch im Blick. So hat sie z.B. herausgefunden,
dass die von ihr untersuchten Wölfe Ronja und Andro
vorwiegend in der Dämmerung aktiv sind. Hierdurch
schließen die Wölfe einen Kompromiss zwischen
der Vermeidung des Zusammentreffens mit Menschen und
der Ausnutzung der bestmöglichen Tageszeit zur
Jagd. Mit anderen Worten: Nachts können die
Wölfe nur bei ausreichend hellem Mondlicht jagen,
da sie dabei auf ihren Sehsinn angewiesen sind, und
tagsüber würden sie selbst schnell entdeckt.
In anderen Regionen zeigen Wölfe teilweise ein
anderes Aktivitätsmuster. Im spärlich besiedelten
Nordamerika sind die Wölfe auch tagsüber unterwegs.
In Italien dagegen wurde beobachtet, dass sie nachts
aktiv werden. Das hängt möglicherweise damit
zusammen, dass sich die Tiere angewöhnt haben,
ihren Proviant an Müllhalden zu sammeln anstatt
auf Jagd zu gehen.
Ronjas Streifgebiet erstreckt sich über etwa 81
qkm, das von Andros über mindestens 155 qkm. Auch
die Infrastruktur in diesen Gebieten beeinflusst das
Verhalten der Tiere. Zwar durchqueren die Wölfe
zumindest nachts auch menschliche Siedlungen. Stark
befahrene Straßen jedoch meiden sie; möglicherweise
beschränken diese Hauptverkehrsstraßen die
Streifgebiete.
Christina
Heimken
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