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RUBENS 94

3. Januar 2005

Grundschüler erobern den Industriewald

Raus ins Vergnügen


"Guck mal, der hat da auch so Fühler!“ Alles späht durch den Lupendeckel in den kleinen Plastikbecher, in dem ein braunes Insekt versucht, die Wand zu erklimmen. Knöcheltief im Laub stehend sucht Viertklässler Maurice kleine Pappkarten durch, ob das Tierchen irgendwo abgebildet ist. Aha: Ein Tausendfüßer ist es. Jetzt, wo das Tierchen entlarvt ist, kann es wieder freigelassen werden. Die Jagd geht weiter: Äste werden umgedreht, Laub gewendet – da: ein rotbrauner Käfer, richtig groß! Er ist der nächste Kandidat für die Becherlupe, bald muss der Käfer sie mit ein paar Asseln und einem Ohrenkneifer teilen.
Im Grutholz im Castrop-Rauxeler Stadtteil Deininghausen geht heute die Post ab: Rund 60 Grundschüler sind unterwegs, zusammen mit etwa 50 Lehrern aus dem ganzen Ruhrgebiet. Die Kinder zeigen den Erwachsenen beim Workshop „Raus ins Vergnügen“, was sie dieses Jahr alles gelernt haben. Der Workshop bildet den Abschluss des Projekts „Industriewald“, das finanziert vom NRW-Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MUNLV) 2004 unter Leitung von Prof. Karl-Heinz Otto (Geographie) an der RUB durchgeführt wurde. Zur Feier des Tages ist Bärbel Höhn vorbeigekommen. Sie besichtigt gerade ein Indianerzelt aus abgestorbenen Ästen, das ein paar Meter neben der „Forscherstation“ entsteht, ein Waldsofa aus totem Holz steht schon daneben. „Darauf kann man tatsächlich richtig sitzen“, beteuert Diplombiologe Andreas Witte. Der Mitarbeiter im Projekt „Industriewald“ fügt hinzu: „Es ist wichtig, dass man zu Anfang mit den Kindern einen Sammelplatz baut, damit sie sich im Wald zu Hause fühlen und einen Fixpunkt haben.“

Baumgesichter

Neun der Waldspiele, die die Projektmitarbeiter zusammengetragen haben, sind heute im Grutholz aufgebaut. Auf Zuruf der Lehrerin wechseln die Kinder die Station, werden die Becherlupen wieder im Bollerwagen verstaut, das Tipi bleibt vorläufig unvollendet, die Bande kugelt durchs Laub, stolpert über herumliegende Äste zur nächsten Station, wo sie die dort versammelten Kinder ablöst. „Baumgesicht“ heißt die Station, und auf der kleinen Lichtung fühlt man sich in der Tat nicht alleine: Cüneyt hat einer dicken Buche ein Mondgesicht aus Tonwülsten angeklebt, daneben schielt ein dünnerer Baum auf seine lange Adlernase. Pascal findet, ein Gesicht ist nicht genug und klebt noch einen Hals an. „Wenn es regnet, geht das wieder ab“, erklären die Kinder.
Nebenan läuft die „Blinde Karawane“: Mit Augenbinde und sehendem Begleiter geht es einen Parcours quer durch den Wald entlang, geleitet von einem um die Bäume gespannten Seil. Senken wirken doppelt so tief, der Weg unheimlich lang, die Bäume wachsen irgendwie nicht nur nach oben – ständig muss man sich bücken, weil ein Ast im Weg ist. Wer die Füße nicht hoch genug hebt, gerät ins Straucheln. Ausnahmsweise herrscht hier kein Lärm: „Bei verbunden Augen werden die Kinder plötzlich ganz ruhig“, sagt die Grundschullehrerin Kornelia Kors, die ebenfalls im Projekt mitarbeitet. „Da konzentrieren sie sich auf alle Geräusche um sie herum.“ Augen zu heißt es auch bei der Baumbegegnung. Wir betasten die Rinde eines Baumes und prägen sie uns gut ein. Dann führt uns jemand auf gewundenen Pfaden ein Stückchen weg. Und dann: Augen auf – welcher Baum ist Deiner? Beim Suchen machen doch wieder alle die Augen zu, so geht es leichter. Man erlebt die Natur mit allen Sinnen. Großstadtkindern tut das gut, sie werden überschüssige Energien los. Zudem stärkt das Spielen im Wald soziale Fähigkeiten. „Gerade die Gruppenspiele sind wichtig“, erläutert die Diplompädagogin Tanja Kiehne vom Projektteam. „Viele Kinder haben hier Defizite.“ Es gilt, sowohl der Wohlstandsverwahrlosung entgegenzuwirken als auch Kinder aus sozial schwachen Familien zu fördern. Deininghausen ist kein einfaches Viertel: Manche Familien sprechen zu Hause kein Deutsch.

Keine kalten Füße

Nach der kleinen Auszeit bei der Baumbegegnung ist wieder Action angesagt: Es wird über Stapel aus Baumstämmen balanciert, das ganze kann auch als Sprungrampe dienen, das Laub ist schön weich. Eine Eigenschaft, die auch beim Gruppenspiel blaue Flecken verhindert: Aus auf dem Boden ausgelegten Karten mit verschiedenen Begriffen müssen schnell die herausgefischt werden, die etwas bezeichnen, das aus Holz gemacht ist. „Ruder!!“ hat Maurice entdeckt, wetzt zurück und will sich gleich wieder vorne anstellen. Zwei Gruppen suchen um die Wette, der nächste darf erst loslaufen, wenn sein Vorgänger zurück ist, wie beim Staffellauf.
Eine Stunde ist schon um. Kalte Füße haben wir noch lange nicht, Bewegung hält warm, auch bei fünf Grad. Trotzdem wird es Zeit fürs Mittagessen, das es in der Deininghausener Grundschule gibt. „Für einen Ausflug in den Wald braucht man nur eine oder zwei Stunden, das lohnt sich immer“, so Kornelia Kors, „und der nächste Wald ist näher als man glaubt.“ Das den teilnehmenden Lehrern zu vermitteln, ist eines ihrer Hauptanliegen. Für die Gestaltung einer Waldstunde hat das Projektteam Spiele auf CD-ROM gebrannt. Ausgedruckt und laminiert können die Anleitungen mit in den Wald. Die CD ist zusammen mit einer Broschüre über die Vorbereitung von Waldunterricht und einem Erste-Hilfe-Täschchen inkl. Zeckenzange und Pflaster im roten Waldrucksack, den jeder Workshop-Teilnehmer mitbekommt. Der Rucksack sollte in Lehrerzimmern stehen und jederzeit verfügbar sein, wünschen sich die Projektmitarbeiter. Besonders geeignet sind Ausflüge in den Wald auch für die Nachmittage, die Kinder betreut durch Lehrer, Ehrenamtliche etc. in der Offenen Ganztagsgrundschule verbringen können.
Alle Projektbeteiligten hoffen, ihre Arbeit auch nach Ende der finanziellen Förderung durch das MUNLV fortsetzen zu können: „Lehrer- und Betreuerfortbildungen, wie der Workshop heute, auf Dauer anbieten zu können – das wäre toll!“

Infos: Projektgruppe Industriewald, –27764, www.rub.de/industriewald, oder Prof. Karl-Heinz Otto, Geographisches Institut, Tel. –24848, Karl-Heinz.Otto@rub.de

md
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