Grundschüler
erobern den Industriewald
Raus ins
Vergnügen
"Guck mal, der hat da auch so Fühler!
Alles späht durch den Lupendeckel in den kleinen
Plastikbecher, in dem ein braunes Insekt versucht, die
Wand zu erklimmen. Knöcheltief im Laub stehend sucht
Viertklässler Maurice kleine Pappkarten durch, ob
das Tierchen irgendwo abgebildet ist. Aha: Ein Tausendfüßer
ist es. Jetzt, wo das Tierchen entlarvt ist, kann es wieder
freigelassen werden. Die Jagd geht weiter: Äste werden
umgedreht, Laub gewendet da: ein rotbrauner Käfer,
richtig groß! Er ist der nächste Kandidat für
die Becherlupe, bald muss der Käfer sie mit ein paar
Asseln und einem Ohrenkneifer teilen.
Im Grutholz im Castrop-Rauxeler Stadtteil Deininghausen
geht heute die Post ab: Rund 60 Grundschüler sind
unterwegs, zusammen mit etwa 50 Lehrern aus dem ganzen
Ruhrgebiet. Die Kinder zeigen den Erwachsenen beim Workshop
Raus ins Vergnügen, was sie dieses Jahr
alles gelernt haben. Der Workshop bildet den Abschluss
des Projekts Industriewald, das finanziert
vom NRW-Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft
und Verbraucherschutz (MUNLV) 2004 unter Leitung von Prof.
Karl-Heinz Otto (Geographie) an der RUB durchgeführt
wurde. Zur Feier des Tages ist Bärbel Höhn vorbeigekommen.
Sie besichtigt gerade ein Indianerzelt aus abgestorbenen
Ästen, das ein paar Meter neben der Forscherstation
entsteht, ein Waldsofa aus totem Holz steht schon daneben.
Darauf kann man tatsächlich richtig sitzen,
beteuert Diplombiologe Andreas Witte. Der Mitarbeiter
im Projekt Industriewald fügt hinzu:
Es ist wichtig, dass man zu Anfang mit den Kindern
einen Sammelplatz baut, damit sie sich im Wald zu Hause
fühlen und einen Fixpunkt haben.
Baumgesichter
Neun der Waldspiele, die die Projektmitarbeiter zusammengetragen
haben, sind heute im Grutholz aufgebaut. Auf Zuruf der
Lehrerin wechseln die Kinder die Station, werden die
Becherlupen wieder im Bollerwagen verstaut, das Tipi
bleibt vorläufig unvollendet, die Bande kugelt
durchs Laub, stolpert über herumliegende Äste
zur nächsten Station, wo sie die dort versammelten
Kinder ablöst. Baumgesicht heißt
die Station, und auf der kleinen Lichtung fühlt
man sich in der Tat nicht alleine: Cüneyt hat einer
dicken Buche ein Mondgesicht aus Tonwülsten angeklebt,
daneben schielt ein dünnerer Baum auf seine lange
Adlernase. Pascal findet, ein Gesicht ist nicht genug
und klebt noch einen Hals an. Wenn es regnet,
geht das wieder ab, erklären die Kinder.
Nebenan läuft die Blinde Karawane:
Mit Augenbinde und sehendem Begleiter geht es einen
Parcours quer durch den Wald entlang, geleitet von einem
um die Bäume gespannten Seil. Senken wirken doppelt
so tief, der Weg unheimlich lang, die Bäume wachsen
irgendwie nicht nur nach oben ständig muss
man sich bücken, weil ein Ast im Weg ist. Wer die
Füße nicht hoch genug hebt, gerät ins
Straucheln. Ausnahmsweise herrscht hier kein Lärm:
Bei verbunden Augen werden die Kinder plötzlich
ganz ruhig, sagt die Grundschullehrerin Kornelia
Kors, die ebenfalls im Projekt mitarbeitet. Da
konzentrieren sie sich auf alle Geräusche um sie
herum. Augen zu heißt es auch bei der Baumbegegnung.
Wir betasten die Rinde eines Baumes und prägen
sie uns gut ein. Dann führt uns jemand auf gewundenen
Pfaden ein Stückchen weg. Und dann: Augen auf
welcher Baum ist Deiner? Beim Suchen machen doch wieder
alle die Augen zu, so geht es leichter. Man erlebt die
Natur mit allen Sinnen. Großstadtkindern tut das
gut, sie werden überschüssige Energien los.
Zudem stärkt das Spielen im Wald soziale Fähigkeiten.
Gerade die Gruppenspiele sind wichtig, erläutert
die Diplompädagogin Tanja Kiehne vom Projektteam.
Viele Kinder haben hier Defizite. Es gilt,
sowohl der Wohlstandsverwahrlosung entgegenzuwirken
als auch Kinder aus sozial schwachen Familien zu fördern.
Deininghausen ist kein einfaches Viertel: Manche Familien
sprechen zu Hause kein Deutsch.
Keine kalten Füße
Nach der kleinen Auszeit bei der Baumbegegnung ist
wieder Action angesagt: Es wird über Stapel aus
Baumstämmen balanciert, das ganze kann auch als
Sprungrampe dienen, das Laub ist schön weich. Eine
Eigenschaft, die auch beim Gruppenspiel blaue Flecken
verhindert: Aus auf dem Boden ausgelegten Karten mit
verschiedenen Begriffen müssen schnell die herausgefischt
werden, die etwas bezeichnen, das aus Holz gemacht ist.
Ruder!! hat Maurice entdeckt, wetzt zurück
und will sich gleich wieder vorne anstellen. Zwei Gruppen
suchen um die Wette, der nächste darf erst loslaufen,
wenn sein Vorgänger zurück ist, wie beim Staffellauf.
Eine Stunde ist schon um. Kalte Füße haben
wir noch lange nicht, Bewegung hält warm, auch
bei fünf Grad. Trotzdem wird es Zeit fürs
Mittagessen, das es in der Deininghausener Grundschule
gibt. Für einen Ausflug in den Wald braucht
man nur eine oder zwei Stunden, das lohnt sich immer,
so Kornelia Kors, und der nächste Wald ist
näher als man glaubt. Das den teilnehmenden
Lehrern zu vermitteln, ist eines ihrer Hauptanliegen.
Für die Gestaltung einer Waldstunde hat das Projektteam
Spiele auf CD-ROM gebrannt. Ausgedruckt und laminiert
können die Anleitungen mit in den Wald. Die CD
ist zusammen mit einer Broschüre über die
Vorbereitung von Waldunterricht und einem Erste-Hilfe-Täschchen
inkl. Zeckenzange und Pflaster im roten Waldrucksack,
den jeder Workshop-Teilnehmer mitbekommt. Der Rucksack
sollte in Lehrerzimmern stehen und jederzeit verfügbar
sein, wünschen sich die Projektmitarbeiter. Besonders
geeignet sind Ausflüge in den Wald auch für
die Nachmittage, die Kinder betreut durch Lehrer, Ehrenamtliche
etc. in der Offenen Ganztagsgrundschule verbringen können.
Alle Projektbeteiligten hoffen, ihre Arbeit auch nach
Ende der finanziellen Förderung durch das MUNLV
fortsetzen zu können: Lehrer- und Betreuerfortbildungen,
wie der Workshop heute, auf Dauer anbieten zu können
das wäre toll!
Infos: Projektgruppe Industriewald, 27764,
www.rub.de/industriewald,
oder Prof. Karl-Heinz Otto, Geographisches Institut,
Tel. 24848, Karl-Heinz.Otto@rub.de
md
|