Neue Statistiken:
4 von 5 Studierende jobben nebenher
Malocheruni
Ende November 2004 wurden fast zeitgleich zwei brisante
Studien veröffentlicht. Die NRW-Studentenwerke
legten aktuelle Zahlen zur Erwerbstätigkeit unter
Studierenden vor und der Spiegel erstmals Verteilungen
zu den Topstudenten an deutschen Hochschulen. Wenn man
beide Untersuchungen zusammenfasst, könnte man
zu folgender plakativer Aussage kommen: Die Studierenden
der RUB arbeiten überdurchschnittlich viel nebenbei,
sie stammen zu großen Teilen aus bildungsfernen
Haushalten und sie besitzen weniger Qualifikationen
als ihre Kommilitonen in Münster, München
oder Freiburg.
Es bleibt dabei: In NRW (73 Prozent) jobben die Studierenden
häufiger als in anderen Bundesländern (Bundesdurchschnitt:
66 Prozent). Zu den Spitzenreitern gehören die
Unis im Ruhrgebiet, die bei ihren Studierenden allesamt
Erwerbstätigenquoten zwischen 70 und 80 Prozent
aufweisen. Das geht aus der Broschüre Die
wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in
NRW hervor, die die Arbeitsgemeinschaft der Studentenwerke
NRW kürzlich vorlegte. Demnach arbeiten die Studierenden
in NRW nicht nur am häufigsten und am längsten,
als wahrscheinlich direkte Folge studieren sie auch
am längsten. Nach der Ursache fürs viele Arbeiten
muss nicht lange gesucht werden: Es liegt zumindest
zum Teil an der sozialen Herkunft der Eltern. Im bundesweiten
Vergleich ist in NRW der Anteil der Studierenden aus
der höchsten Herkunftsgruppe geringer und im Gegenzug
aus der niedrigsten Herkunftsgruppe höher. Die
vermutete Faustregel: Eltern aus der niedrigsten Herkunftsgruppe
können ihre studierenden Kinder kaum finanziell
unterstützen.
In der Studie der Studentenwerke wird zwischen Vollzeit-
und Teilzeitstudium unterschieden. Ausgegangen wird
von 42 Wochenstunden, die ein Student in einer typischen
Semesterwoche für Studium und Erwerbstätigkeit
aufbringt. Wer mindestens 25 Stunden studiert, gilt
als Vollzeitstudent (in NRW 70, bundesweit 76 Prozent),
wer weniger studiert, gilt als Teilzeitstudent. In NRW
gibt es zwölf Prozent Studierende, die weniger
als 25 Stunden studieren, aber über 15 Stunden
wöchentlich arbeiten; bundesweit sind dies nur
acht Prozent.
Wenige Topstudenten an der RUB
Zeitgleich veröffentlichte der Spiegel (Ausgabe
48/2004 o. www.studentenspiegel.de) ein Ranking, das
zeigt, wo in Deutschland im Hauptstudium die besten
Studierenden eingeschrieben sind: z. B. in München,
Freiburg oder Leipzig. Bochum landet auf Platz 36 von
41 getesteten Unis, Duisburg-Essen gar auf dem letzten
Platz; Dortmund ist aufgrund der Fächerauswahl
(15 häufig gewählte Fächer, von denen
mindestens acht an einer Uni angeboten werden) nicht
vertreten.
Die besten Studierenden, das sind laut Spiegel
diejenigen mit guten Abiturnoten, mit guten EDV- und
Sprachkenntnissen, mit Berufserfahrung usw. Wer die
besten Werte vorzuweist, gilt als Topstudent.
Und die zieht es nicht ins Ruhrgebiet, schon eher nach
Bonn und Münster. Im Spiegel sind die Daten auf
einzelne Fächer heruntergebrochen. Demnach haben
an der RUB selbst die forschungsstarken Fakultäten
nur einen geringen Anteil an Topstudenten,
bei den Biologen liegt er unter zwei Prozent, bei den
Chemikern bei sechs Prozent das bedeutet jeweils
die Schlussgruppe der untersuchten Unis. Etwas besser
sieht es bei den Germanisten aus: Mit zwölf Prozent
schafft es das Fach ins Mittelfeld. Zur Orientierung:
Die höchsten Quoten an Topstudenten
liegen über 20 Prozent.
Was genau heißt das für die RUB? Sie hat
viele Studierende, die mit Handicaps ins
Studium gehen: Sie kommen aus sozial schwächeren
Familien ohne Bildungshintergrund, sie müssen nebenbei
viel arbeiten und haben zu allem Überfluss geringere
Qualifikationen als ihre Kommilitonen in Süddeutschland
oder in Münster. Da verwundert es nicht, dass
die Abbrecherzahlen in Bochum hoch sind und die durchschnittliche
Studiendauer lang ist. Leider vergibt das Land NRW ausgerechnet
anhand dieser Kriterien einen Teil der Gelder an die
Hochschulen, der RUB fehlten dadurch bereits im letzten
Jahr zwei Mio. Euro im Haushalt, Tendenz: steigend.
Um weitere Kürzungen zu verhindern, argumentiert
das Rektorat gegenüber dem Land mit den genannten
Nachteilen der hiesigen Studierenden und
leitet daraus den besonderen Bildungsauftrag der Ruhr-Uni
ab. Zur Erhärtung seiner Argumente hat das Rektortat
die Arbeitsgruppe Sozialberichterstattung beauftragt,
ein Studierenden-Monitoring-System zu entwickeln, über
das wir voraussichtlich in der nächsten RUBENS
detailliert berichten werden.
Nachgefragt
Zu den aktuellen Untersuchungen stellte RUBENS dem Dekan
der größten Fakultät der RUB (Philologie),
Prof. Dr. Franz Lebsanft, sowie der Referentin für
Hochschulpolitik des Asta, Alija Catic, jeweils die
gleiche Frage:
RUBENS: Die Studierenden der RUB kommen zu einer
großen Zahl aus bildungsfernen Familien, sie sind
provokant zugespitzt weniger gebildet
als ihre Kommilitonen in Bayern, Baden-Württemberg
oder Münster, und fast 80 Prozent von ihnen müssen
während des Studiums nebenher arbeiten. Wie schätzen
Sie die Ergebnisse dieser Studien ein und welche Forderungen
leiten Sie daraus an die Ruhr-Uni, an die Lehrenden
und an die Studierenden ab?
Prof. Lebsanft: Nur ein einziges Fach meiner
Fakultät ist im Ranking des Spiegel vertreten:
die Germanistik. Sie liegt im Mittelfeld etwas hinter
Münster, fast gleichauf mit Bonn, aber vor allen
übrigen NRW-Universitäten. Innerhalb der RUB
ist die Germanistik zum Teil deutlich besser positioniert
als alle übrigen in das Ranking einbezogenen Fächer.
Ich bin mir sicher, dass RUBENS und Rektorat dieses
vergleichsweise positive und dennoch natürlich
verbesserbare Ergebnis mit einer fetzigen Überschrift
wirksam kommunizieren. Spaß beiseite:
Unstreitig vorhandene Bildungsferne und soziale Benachteiligung
sind zwar Handicaps, müssen für das Studium
jedoch nicht zwangsläufig nur Nachteil sein. Wenn
sich wie das bei sehr vielen Studierenden erfreulicherweise
der Fall ist die Bildungsferne proportional zum
Bildungshunger verhält, der zugegeben etwas altbackene
Spruch des plenus venter non studet libenter seine Gültigkeit
nicht ganz verloren hat, dann haben bildungsferne und
zugleich bildungsgierige Studierende die realistische
Chance, TOP-Absolventen einer Universität zu werden.
Allerdings: Wäre Bildungsferne nur
ein politisch korrekter Euphemismus für Bildungsunwilligkeit,
dann fehlten der Hopfen und das Malz, ohne die man ein
gutes Bier nicht brauen kann. Fazit: Nicht Bildungsnähe
oder -ferne, sondern der entschiedene, von der RUB energisch
unterstützte Bildungswille ist der Maßstab,
an dem wir uns gerne messen lassen. Wir sind stolz auf
unsere AbsolventInnen, die an der RUB eine hervorragende
(Aus)bildung erhalten!
Alija Catic: Die Ergebnisse solcher Rankings
sind für uns nur bedingt von Interesse. Zum einen
sind die Studierenden der Ruhr-Uni kein nach Qualität
zu sortierender Rohstoff, aus dem die Uni gleichsam
als Fabrik ein noch besseres Endprodukt macht. Wir sind
Menschen, die ein Recht auf die Chance haben, an der
Hochschule einen Einstieg in die Wissenschaft zu finden.
Und das vollkommen unabhängig davon, ob sie die
Hochschule als polemisch gesagt finanziell
abgesicherte Top-Studenten mit druckfrischem
Abitur, abgeleistetem Auslandsaufenthalt und anderen
Zusatzqualifikationen betreten, um Wirtschaftsingenieur
zu werden, oder als 30-jährige angehende Kunsthistorikerin
mit Migrationshintergrund, zwei Kindern und auf dem
zweiten Bildungsweg erworbenen Hochschulzugang.
Zum anderem möchten wir nicht nur das methodische
Vorgehen bei der Erstellung nahezu aller üblichen
Rankings kritisieren, sondern vor allem deren Ziel:
Die Durchhierarchisierung von Universitäten und
Studierenden. Und darin sind wir uns einig mit den Studierendenvertretungen
an so genannten Elite-Unis, etwa dem Asta der RWTH Aachen.
Wir treten gemeinsam ein für ein flächendeckendes
Angebot von qualitativ hochwertiger Bildung und Ausbildung
an Hochschulen, das möglichst vielen Menschen zugänglich
ist. Wir lehnen die Profilbildung, die im Endeffekt
Einstellung von Studiengängen bedeutet, rundheraus
ab. Und das heißt nicht, dass wir bereit sind,
Abstriche bei der Qualität der Bildung und Ausbildung
hinzunehmen. Wir fordern nicht etwa den Erhalt von Studiengängen,
die nicht oder nicht mehr studierbar sind, sondern die
flächendeckende Einführung von Instrumenten
zur Qualitätssicherung. Die von der Politik favorisierten
Instrumente Evaluation und Akkreditierung haben diesbezüglich
versagt.
Das tritt dieser Tage in der Praxis der Akkreditierungsverfahren
an der RUB für jede und jeden sichtbar zu Tage.
Qualitätssicherung kann nur Erfolg haben, wenn
Studiengänge an der Hochschule ständig weiterentwickelt
werden und die Studierenden dabei stärker in die
Entscheidungsfindung einbezogen werden. Denn nur die
Studierenden können letztlich wissen, was die Qualität
eines Studiums ausmacht. Und keine Bange: Die Studierenden
sind nicht dumm oder auf Arbeitslosigkeit erpicht, sondern
haben die Anforderungen der wissenschaftlichen und beruflichen
Praxis genauso im Blick wie wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.
Von der Hochschule und dem Land fordern wir, anzuerkennen,
dass die Studierenden durchaus in der Lage sind, gemeinsam
mit den Lehrenden über die Mittelvergabe an der
Hochschule zu entscheiden. Aber auch nur dann, wenn
diese Mittel vom Land bedarfsgerecht und nach fairen
Kriterien vergeben werden. Beides ist zur Zeit nicht
der Fall. Die Einführung des Globalhaushaltes gerät
unter rot-grünen Sparzwängen zur unfairen
Selbstzerfleischung der Hochschulen. Wir fordern vom
Land, die unterschiedlichen Startvoraussetzungen der
verschiedenen Universitäten bei der Mittelvergabe
zu berücksichtigen. Und natürlich fordern
wir eine glaubwürdige Absage des Landes an Studiengebühren
in jeder Form. Glaubwürdig kann dabei nur heißen:
Weg mit dem Kontengesetz.
Es würde uns freuen, gemeinsam mit der Ruhr-Universität
für diese Ziele einzutreten. Diese Forderungen
mögen unrealistisch klingen, da das Land sie nicht
erfüllen wird, aber sie entsprechen dem, was realistischerweise
zu fordern ist!
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