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RUBENS 94

3. Januar 2005

Neue Statistiken: 4 von 5 Studierende jobben nebenher

Malocheruni



Ende November 2004 wurden fast zeitgleich zwei brisante Studien veröffentlicht. Die NRW-Studentenwerke legten aktuelle Zahlen zur Erwerbstätigkeit unter Studierenden vor und der Spiegel erstmals Verteilungen zu den Topstudenten an deutschen Hochschulen. Wenn man beide Untersuchungen zusammenfasst, könnte man zu folgender plakativer Aussage kommen: Die Studierenden der RUB arbeiten überdurchschnittlich viel nebenbei, sie stammen zu großen Teilen aus bildungsfernen Haushalten und sie besitzen weniger Qualifikationen als ihre Kommilitonen in Münster, München oder Freiburg.
Es bleibt dabei: In NRW (73 Prozent) jobben die Studierenden häufiger als in anderen Bundesländern (Bundesdurchschnitt: 66 Prozent). Zu den Spitzenreitern gehören die Unis im Ruhrgebiet, die bei ihren Studierenden allesamt Erwerbstätigenquoten zwischen 70 und 80 Prozent aufweisen. Das geht aus der Broschüre „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in NRW“ hervor, die die Arbeitsgemeinschaft der Studentenwerke NRW kürzlich vorlegte. Demnach arbeiten die Studierenden in NRW nicht nur am häufigsten und am längsten, als wahrscheinlich direkte Folge studieren sie auch am längsten. Nach der Ursache fürs viele Arbeiten muss nicht lange gesucht werden: Es liegt zumindest zum Teil an der sozialen Herkunft der Eltern. Im bundesweiten Vergleich ist in NRW der Anteil der Studierenden aus der höchsten Herkunftsgruppe geringer und im Gegenzug aus der niedrigsten Herkunftsgruppe höher. Die vermutete Faustregel: Eltern aus der niedrigsten Herkunftsgruppe können ihre studierenden Kinder kaum finanziell unterstützen.
In der Studie der Studentenwerke wird zwischen Vollzeit- und Teilzeitstudium unterschieden. Ausgegangen wird von 42 Wochenstunden, die ein Student in einer typischen Semesterwoche für Studium und Erwerbstätigkeit aufbringt. Wer mindestens 25 Stunden studiert, gilt als Vollzeitstudent (in NRW 70, bundesweit 76 Prozent), wer weniger studiert, gilt als Teilzeitstudent. In NRW gibt es zwölf Prozent Studierende, die weniger als 25 Stunden studieren, aber über 15 Stunden wöchentlich arbeiten; bundesweit sind dies nur acht Prozent.

Wenige Topstudenten an der RUB

Zeitgleich veröffentlichte der Spiegel (Ausgabe 48/2004 o. www.studentenspiegel.de) ein Ranking, das zeigt, wo in Deutschland im Hauptstudium die besten Studierenden eingeschrieben sind: z. B. in München, Freiburg oder Leipzig. Bochum landet auf Platz 36 von 41 getesteten Unis, Duisburg-Essen gar auf dem letzten Platz; Dortmund ist aufgrund der Fächerauswahl (15 häufig gewählte Fächer, von denen mindestens acht an einer Uni angeboten werden) nicht vertreten.
„Die besten Studierenden“, das sind laut Spiegel diejenigen mit guten Abiturnoten, mit guten EDV- und Sprachkenntnissen, mit Berufserfahrung usw. Wer die besten Werte vorzuweist, gilt als „Topstudent“. Und die zieht es nicht ins Ruhrgebiet, schon eher nach Bonn und Münster. Im Spiegel sind die Daten auf einzelne Fächer heruntergebrochen. Demnach haben an der RUB selbst die forschungsstarken Fakultäten nur einen geringen Anteil an „Topstudenten“, bei den Biologen liegt er unter zwei Prozent, bei den Chemikern bei sechs Prozent – das bedeutet jeweils die Schlussgruppe der untersuchten Unis. Etwas besser sieht es bei den Germanisten aus: Mit zwölf Prozent schafft es das Fach ins Mittelfeld. Zur Orientierung: Die höchsten Quoten an „Topstudenten“ liegen über 20 Prozent.
Was genau heißt das für die RUB? Sie hat viele Studierende, die mit „Handicaps“ ins Studium gehen: Sie kommen aus sozial schwächeren Familien ohne Bildungshintergrund, sie müssen nebenbei viel arbeiten und haben zu allem Überfluss geringere Qualifikationen als ihre Kommilitonen in Süddeutschland oder in Münster. Da verwundert es nicht, dass die Abbrecherzahlen in Bochum hoch sind und die durchschnittliche Studiendauer lang ist. Leider vergibt das Land NRW ausgerechnet anhand dieser Kriterien einen Teil der Gelder an die Hochschulen, der RUB fehlten dadurch bereits im letzten Jahr zwei Mio. Euro im Haushalt, Tendenz: steigend.
Um weitere Kürzungen zu verhindern, argumentiert das Rektorat gegenüber dem Land mit den genannten „Nachteilen“ der hiesigen Studierenden und leitet daraus den besonderen Bildungsauftrag der Ruhr-Uni ab. Zur Erhärtung seiner Argumente hat das Rektortat die Arbeitsgruppe Sozialberichterstattung beauftragt, ein Studierenden-Monitoring-System zu entwickeln, über das wir voraussichtlich in der nächsten RUBENS detailliert berichten werden.

Nachgefragt

Zu den aktuellen Untersuchungen stellte RUBENS dem Dekan der größten Fakultät der RUB (Philologie), Prof. Dr. Franz Lebsanft, sowie der Referentin für Hochschulpolitik des Asta, Alija Catic, jeweils die gleiche Frage:

RUBENS: Die Studierenden der RUB kommen zu einer großen Zahl aus bildungsfernen Familien, sie sind – provokant zugespitzt – weniger gebildet als ihre Kommilitonen in Bayern, Baden-Württemberg oder Münster, und fast 80 Prozent von ihnen müssen während des Studiums nebenher arbeiten. Wie schätzen Sie die Ergebnisse dieser Studien ein und welche Forderungen leiten Sie daraus an die Ruhr-Uni, an die Lehrenden und an die Studierenden ab?

Prof. Lebsanft: Nur ein einziges Fach meiner Fakultät ist im Ranking des Spiegel vertreten: die Germanistik. Sie liegt im Mittelfeld etwas hinter Münster, fast gleichauf mit Bonn, aber vor allen übrigen NRW-Universitäten. Innerhalb der RUB ist die Germanistik zum Teil deutlich besser positioniert als alle übrigen in das Ranking einbezogenen Fächer. Ich bin mir sicher, dass RUBENS und Rektorat dieses vergleichsweise positive und dennoch natürlich verbesserbare Ergebnis mit einer fetzigen Überschrift wirksam „kommunizieren“. Spaß beiseite: Unstreitig vorhandene Bildungsferne und soziale Benachteiligung sind zwar Handicaps, müssen für das Studium jedoch nicht zwangsläufig nur Nachteil sein. Wenn sich – wie das bei sehr vielen Studierenden erfreulicherweise der Fall ist – die Bildungsferne proportional zum Bildungshunger verhält, der zugegeben etwas altbackene Spruch des plenus venter non studet libenter seine Gültigkeit nicht ganz verloren hat, dann haben bildungsferne und zugleich bildungsgierige Studierende die realistische Chance, TOP-Absolventen einer Universität zu werden. Allerdings: Wäre „Bildungsferne“ nur ein politisch korrekter Euphemismus für „Bildungsunwilligkeit“, dann fehlten der Hopfen und das Malz, ohne die man ein gutes Bier nicht brauen kann. Fazit: Nicht Bildungsnähe oder -ferne, sondern der entschiedene, von der RUB energisch unterstützte Bildungswille ist der Maßstab, an dem wir uns gerne messen lassen. Wir sind stolz auf unsere AbsolventInnen, die an der RUB eine hervorragende (Aus)bildung erhalten!

Alija Catic: Die Ergebnisse solcher Rankings sind für uns nur bedingt von Interesse. Zum einen sind die Studierenden der Ruhr-Uni kein nach Qualität zu sortierender Rohstoff, aus dem die Uni gleichsam als Fabrik ein noch besseres Endprodukt macht. Wir sind Menschen, die ein Recht auf die Chance haben, an der Hochschule einen Einstieg in die Wissenschaft zu finden. Und das vollkommen unabhängig davon, ob sie die Hochschule als – polemisch gesagt – finanziell abgesicherte „Top-Studenten“ mit druckfrischem Abitur, abgeleistetem Auslandsaufenthalt und anderen Zusatzqualifikationen betreten, um Wirtschaftsingenieur zu werden, oder als 30-jährige angehende Kunsthistorikerin mit Migrationshintergrund, zwei Kindern und auf dem zweiten Bildungsweg erworbenen Hochschulzugang.
Zum anderem möchten wir nicht nur das methodische Vorgehen bei der Erstellung nahezu aller üblichen Rankings kritisieren, sondern vor allem deren Ziel: Die Durchhierarchisierung von Universitäten und Studierenden. Und darin sind wir uns einig mit den Studierendenvertretungen an so genannten Elite-Unis, etwa dem Asta der RWTH Aachen.
Wir treten gemeinsam ein für ein flächendeckendes Angebot von qualitativ hochwertiger Bildung und Ausbildung an Hochschulen, das möglichst vielen Menschen zugänglich ist. Wir lehnen die Profilbildung, die im Endeffekt Einstellung von Studiengängen bedeutet, rundheraus ab. Und das heißt nicht, dass wir bereit sind, Abstriche bei der Qualität der Bildung und Ausbildung hinzunehmen. Wir fordern nicht etwa den Erhalt von Studiengängen, die nicht oder nicht mehr studierbar sind, sondern die flächendeckende Einführung von Instrumenten zur Qualitätssicherung. Die von der Politik favorisierten Instrumente Evaluation und Akkreditierung haben diesbezüglich versagt.
Das tritt dieser Tage in der Praxis der Akkreditierungsverfahren an der RUB für jede und jeden sichtbar zu Tage. Qualitätssicherung kann nur Erfolg haben, wenn Studiengänge an der Hochschule ständig weiterentwickelt werden und die Studierenden dabei stärker in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Denn nur die Studierenden können letztlich wissen, was die Qualität eines Studiums ausmacht. Und keine Bange: Die Studierenden sind nicht dumm oder auf Arbeitslosigkeit erpicht, sondern haben die Anforderungen der wissenschaftlichen und beruflichen Praxis genauso im Blick wie wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.
Von der Hochschule und dem Land fordern wir, anzuerkennen, dass die Studierenden durchaus in der Lage sind, gemeinsam mit den Lehrenden über die Mittelvergabe an der Hochschule zu entscheiden. Aber auch nur dann, wenn diese Mittel vom Land bedarfsgerecht und nach fairen Kriterien vergeben werden. Beides ist zur Zeit nicht der Fall. Die Einführung des Globalhaushaltes gerät unter rot-grünen Sparzwängen zur unfairen Selbstzerfleischung der Hochschulen. Wir fordern vom Land, die unterschiedlichen Startvoraussetzungen der verschiedenen Universitäten bei der Mittelvergabe zu berücksichtigen. Und natürlich fordern wir eine glaubwürdige Absage des Landes an Studiengebühren in jeder Form. Glaubwürdig kann dabei nur heißen: Weg mit dem Kontengesetz.
Es würde uns freuen, gemeinsam mit der Ruhr-Universität für diese Ziele einzutreten. Diese Forderungen mögen unrealistisch klingen, da das Land sie nicht erfüllen wird, aber sie entsprechen dem, was realistischerweise zu fordern ist!

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Letzte Änderung: 03.01.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik