Editorial
Sciene
sells
Zwei neue Zeitschriften bereichern seit Dezember den
Markt: ZEIT Wissen und Süddeutsche
Zeitung Wissen. Fast zeitgleich erschienen diese
jeweils etwa 100 bis 120-seitigen Magazine gleichen
Formats in äußerst attraktiver Aufmachung
aus den führenden deutschen Zeitungshäusern.
Beide Hefte glänzen durch selbstrecherchierte Beiträge,
wobei das der SZ tendenziell stärker naturwissenschaftlich
orientiert ist. Das der ZEIT fehlt diese Strenge; wie
die wöchentliche großformatige Ausgabe enthält
es auch Beiträge aus der Geschichte oder Psychologie.
ZEIT Wissen soll vier Mal im Jahr erscheinen, das Heft
der Süddeutschen je nach verkaufter Auflage drei
bis vier Mal jährlich.
Kein Zweifel: Zumindest Wissenschaftsjournalismus
und -events boomen. Dem Gejammer der frühen
90er-Jahre bot der Stifterverband für die deutsche
Wissenschaft im Verein mit den großen Wissenschaftsinstitutionen
Mitte der 90er erfolgreich Einhalt: Auf die Tage der
Forschung folgten das Jahr der Physik (2000), der Lebenswissenschaften
(2001), der Geowissenschaften (2002), der Chemie (2003),
der Technik (2004). Wissenschaftssendungen in Fernsehen
schossen wie Pilze aus dem Boden, ob Quarks und
Co, w-wie-wissen, nano,
galileo und viele mehr. Einen regelrechten
Quizboom löste die Sendung Wer wird Millionär
aus. Es gibt kaum einen Sender, der nicht das Format
kopiert hat. Auch die großen Stiftungen von Bertelsmann
und Volkswagen griffen das Thema auf und entwickelten
zusammen mit der Bayer AG ein Programm zur Aus- und
Weiterbildung im Wissenschaftsjournalismus. Auf der
WissensWerte Ende November in Bremen, einer
Tagung anlässlich des Auftakts Stadt der
Wissenschaft, zeigten sich die versammelten Journalisten
zufrieden: Sie sind überzeugt, dass die Kurve des
Wissenschaftsjournalismus kontinuierlich nach oben zeige,
dass der Boom anhalten werde.
Das alles geschieht merkwürdigerweise vor dem
Hintergrund verheerender Pisa-Ergebnisse, die deutschen
Schülerinnen und Schülern allenfalls Mittelmaß
bescheinigen. Dieses Prädikat wird auch den deutschen
Hochschulen seit langem um die Ohren gehauen, während
Politiker gefangen im Streit um Bund-Länder-Kompetenzen
zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück
von einer Elite- und Innovationsidee zur nächsten
stolpern.
Entwickelt sich Wissenschaft trotzdem zum Verkaufsschlager?
Es steht zu befürchten, dass es noch doch etwas
länger dauern wird, bis Wissenschaftler von der
Werbung entdeckt und als Pin ups eingesetzt
werden. Nötig wärs nach diesen Pisa-Ergebnissen;
nötig wärs in NRW, das Bundesland, das
laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft
an vorletzter Stelle steht bei den öffentlichen
Ausgaben je Student, nötig wärs erst
recht im Ruhrgebiet, das noch zusätzlich einer
schwierigen demografischen Entwicklung entgegensieht.
jk
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