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RUBENS 93

1. Dezember 2004

Teltra entwickelt Sehtherapien

Brille hilft Blinden wieder sehen


15. Januar 2002: Mit schweren Kopfverletzungen wird Reinhold Windisch nach einem Autounfall ins Krankenhaus gebracht. Insgesamt vier Monate verbringt er in verschiedenen Kliniken. Als er im Mai nach Hause kommt, hat er neu sprechen und gehen gelernt, aber ein großes Handicap ist geblieben: Durch eine Schädigung des Sehzentrums in seinem Gehirn und eine mangelhafte Durchblutung der Sehnerven ist er praktisch blind. Was er in einem eingeschränkten Teil seines Gesichtsfelds noch wahrnimmt, ist dunkel, neblig und verschwommen. Er kann herannahende Autos nicht sehen, nicht mehr auf dem eigenen Weingut arbeiten. Von Seiten der Ärzte heißt es, da könne man nichts machen.
Aber Windisch und seine Frau geben sich nicht geschlagen: „Bei Sehproblemen hilft einem niemand, man muss sich selbst kümmern“, stellt Ulrike Ebling-Windisch fest. Sie hält die Augen offen und stößt zufällig auf einen Artikel über Online-Sehtherapie. Obwohl ihr Mainzer Arzt skeptisch ist, bleiben die Windischs dran: Sie nehmen Kontakt auf zu Teltra, dem Kompetenz- und Servicezentrum für Telemedizin und Traumatologie am RUB-Klinikum Bergmannsheil, das Therapien für verschiedene Sehstörungen anbietet. Zwei Tage verbringt Reinhold Windisch bei Dr. Walter Widdig und Prof. Martin Tegenthoff in der Klinik für Neurologie des Bergmannsheil. Sein Gesichtsfeld und seine Restsehfähigkeit werden gemessen, das Ausmaß der Schäden in seinem Gehirn untersucht. „Diese Untersuchungen vorab sind unerlässlich“, unterstreicht Nicole Steffen, Patientenbetreuerin bei Teltra, „denn wir wollen niemandem falsche Hoffnungen machen, zum anderen muss die Therapie für jeden Patienten individuell angepasst werden.“ Das Ergebnis: Eine Sehtherapie könnte Reinhold Windisch helfen. „Das allein hat uns schon aufgebaut“, so Ulrike Ebling-Windisch, „endlich hat uns jemand ermutigt, uns nicht gleich abgetan wie vorher.“

Online angeregt

Ziel der Online-Sehtherapie ist es, gesunde Nervenzellen im Sehzentrum des Gehirns dazu anzuregen, die Aufgaben der z.B. durch einen Unfall oder einen Schlaganfall beschädigten Nachbarzellen mit zu übernehmen. Ca. 10.000 Patienten sind in Deutschland jährlich von Sehstörungen durch Beschädigungen des Sehzentrums oder der Sehnerven betroffen, obwohl ihre Augen völlig in Ordnung sind. Zur Therapie solcher Störungen haben die an Teltra beteiligten Forscher verschiedene Computerprogramme entwickelt, die dem Patienten abgestimmt auf seine individuelle Sehstörung stimulierende Formen und Muster zeigen. Hat der Patient ein Bild erkannt, bestätigt er das per Tastendruck. Erst wenn er eine Schwierigkeitsstufe des Programms komplett richtig absolviert hat, startet die nächste. Über Internet steht der Patient ständig in Kontakt mit den Spezialisten der Klinik. Sie können den Therapieerfolg prüfen und das Programm anpassen.
Reinhold Windisch beginnt die Therapie Mitte 2003, er trainiert zu Hause täglich eine halbe Stunde mit OTCB, der Online Therapie kortikale Blindheit. Das Training ist anstrengend, denn er muss ganz ruhig vor dem Monitor sitzen und das Bild fixieren, eine Kinnstütze sorgt für den richtigen Abstand vom Bildschirm. Erste Erfolge belohnen jedoch sein Durchhaltevermögen: Windisch wird im Alltag sicherer, er nimmt Dinge wahr, die er vorher nicht erkennen konnte. „Plötzlich erkannte er die einzelnen Dachziegel auf dem Dach“, erzählt seine Frau, „das war ein Erfolgserlebnis.“ Außerdem erkennt er einzelne Farben, zuvor schien alles dunkelgrau.
Inzwischen bietet Teltra eine Neuentwicklung an, die die Therapie verbessern und auch angenehmer machen soll: In Zusammenarbeit mit einer Rüstungsfirma baute man ein Nachtsichtgerät zur Therapiebrille um. Das „Curavishmd“-System (hmd für head-mounted display) kann jedes Auge einzeln ansteuern. Bei Reinhold Windisch, einem der ersten Anwender des neuen Systems, lässt sich so das linke Auge, mit dem er wesentlich schlechter sieht als mit dem rechten, gesondert stimulieren. Außerdem muss er nicht mehr steif vor dem Rechner sitzen, sondern kann sich im Sessel entspannen. Die Brille ist über Kabel mit dem Computer und der Steuereinheit verbunden und wird von Teltra leihweise zur Verfügung gestellt. „Das System ist natürlich komfortabler, denn es ist nicht mehr so anstrengend, sich auf den Bildmittelpunkt zu konzentrieren“, so Reinhold Windisch. Beim Monitor möchte das Auge immer ausweichen. Einzig die Passform und Polsterung der Brille könnten besser sein, findet er – Teltra arbeitet daran. Zudem läuft auf dem Brillensystem die neue, verbesserte Software „Curavis“, die durch dynamische Reize auch punktuelle Gesichtsfeldausfälle, sog. Skotome, therapieren soll. Erste Tests mit dem System laufen gerade an, Reinhold Windisch ist einer der Teilnehmer.

80 Prozent Erfolge

„Es geht in kleinen Schritten, aber stetig aufwärts“, blickt er auf ein Jahr Training mit den verschiedenen Programmen zurück. Inzwischen kann er mit Hilfe einer speziellen Lupe wieder Teile der Zeitung lesen. Die Arbeit auf dem Weingut ist aber weiterhin undenkbar: Maschinen zu bedienen oder Auto zu fahren ist unmöglich, Windisch kann lediglich in der Kundenbetreuung mitarbeiten. Wie weit sich sein Sehproblem noch verbessern lässt, kann er nicht abschätzen, aber für ihn steht fest: Er wird weiter trainieren. Da sein Unfall bei einer dienstlichen Fahrt passiert ist, kommt die Berufsgenossenschaft für die Therapiekosten auf. Voraussetzung sind regelmäßige Gutachten, die den Erfolg der Behandlung belegen. „Gesetzliche Krankenkassen zahlen die Therapie selten, bei privaten ist es zurzeit unterschiedlich“, so Nicole Steffen, die auch den Schriftwechsel mit den Versicherungsträgern erledigt. Den Erfahrungen der ersten zwei Jahre Sehtherapie mit 100 behandelten Patienten zufolge ist sie in 80 Prozent der Fälle erfolgreich.
Infos: www.teltra.org

md
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Letzte Änderung: 30.11.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik