Teltra entwickelt
Sehtherapien
Brille
hilft Blinden wieder sehen
15. Januar 2002: Mit schweren Kopfverletzungen wird
Reinhold Windisch nach einem Autounfall ins Krankenhaus
gebracht. Insgesamt vier Monate verbringt er in verschiedenen
Kliniken. Als er im Mai nach Hause kommt, hat er neu
sprechen und gehen gelernt, aber ein großes Handicap
ist geblieben: Durch eine Schädigung des Sehzentrums
in seinem Gehirn und eine mangelhafte Durchblutung der
Sehnerven ist er praktisch blind. Was er in einem eingeschränkten
Teil seines Gesichtsfelds noch wahrnimmt, ist dunkel,
neblig und verschwommen. Er kann herannahende Autos
nicht sehen, nicht mehr auf dem eigenen Weingut arbeiten.
Von Seiten der Ärzte heißt es, da könne
man nichts machen.
Aber Windisch und seine Frau geben sich nicht geschlagen:
Bei Sehproblemen hilft einem niemand, man muss
sich selbst kümmern, stellt Ulrike Ebling-Windisch
fest. Sie hält die Augen offen und stößt
zufällig auf einen Artikel über Online-Sehtherapie.
Obwohl ihr Mainzer Arzt skeptisch ist, bleiben die Windischs
dran: Sie nehmen Kontakt auf zu Teltra, dem Kompetenz-
und Servicezentrum für Telemedizin und Traumatologie
am RUB-Klinikum Bergmannsheil, das Therapien für
verschiedene Sehstörungen anbietet. Zwei Tage verbringt
Reinhold Windisch bei Dr. Walter Widdig und Prof. Martin
Tegenthoff in der Klinik für Neurologie des Bergmannsheil.
Sein Gesichtsfeld und seine Restsehfähigkeit werden
gemessen, das Ausmaß der Schäden in seinem
Gehirn untersucht. Diese Untersuchungen vorab
sind unerlässlich, unterstreicht Nicole Steffen,
Patientenbetreuerin bei Teltra, denn wir wollen
niemandem falsche Hoffnungen machen, zum anderen muss
die Therapie für jeden Patienten individuell angepasst
werden. Das Ergebnis: Eine Sehtherapie könnte
Reinhold Windisch helfen. Das allein hat uns schon
aufgebaut, so Ulrike Ebling-Windisch, endlich
hat uns jemand ermutigt, uns nicht gleich abgetan wie
vorher.
Online angeregt
Ziel der Online-Sehtherapie ist es, gesunde Nervenzellen
im Sehzentrum des Gehirns dazu anzuregen, die Aufgaben
der z.B. durch einen Unfall oder einen Schlaganfall
beschädigten Nachbarzellen mit zu übernehmen.
Ca. 10.000 Patienten sind in Deutschland jährlich
von Sehstörungen durch Beschädigungen des
Sehzentrums oder der Sehnerven betroffen, obwohl ihre
Augen völlig in Ordnung sind. Zur Therapie
solcher Störungen haben die an Teltra beteiligten
Forscher verschiedene Computerprogramme entwickelt,
die dem Patienten abgestimmt auf seine individuelle
Sehstörung stimulierende Formen und Muster zeigen.
Hat der Patient ein Bild erkannt, bestätigt er
das per Tastendruck. Erst wenn er eine Schwierigkeitsstufe
des Programms komplett richtig absolviert hat, startet
die nächste. Über Internet steht der Patient
ständig in Kontakt mit den Spezialisten der Klinik.
Sie können den Therapieerfolg prüfen und das
Programm anpassen.
Reinhold Windisch beginnt die Therapie Mitte 2003, er
trainiert zu Hause täglich eine halbe Stunde mit
OTCB, der Online Therapie kortikale Blindheit. Das Training
ist anstrengend, denn er muss ganz ruhig vor dem Monitor
sitzen und das Bild fixieren, eine Kinnstütze sorgt
für den richtigen Abstand vom Bildschirm. Erste
Erfolge belohnen jedoch sein Durchhaltevermögen:
Windisch wird im Alltag sicherer, er nimmt Dinge wahr,
die er vorher nicht erkennen konnte. Plötzlich
erkannte er die einzelnen Dachziegel auf dem Dach,
erzählt seine Frau, das war ein Erfolgserlebnis.
Außerdem erkennt er einzelne Farben, zuvor schien
alles dunkelgrau.
Inzwischen bietet Teltra eine Neuentwicklung an, die
die Therapie verbessern und auch angenehmer machen soll:
In Zusammenarbeit mit einer Rüstungsfirma baute
man ein Nachtsichtgerät zur Therapiebrille um.
Das Curavishmd-System (hmd für head-mounted
display) kann jedes Auge einzeln ansteuern. Bei Reinhold
Windisch, einem der ersten Anwender des neuen Systems,
lässt sich so das linke Auge, mit dem er wesentlich
schlechter sieht als mit dem rechten, gesondert stimulieren.
Außerdem muss er nicht mehr steif vor dem Rechner
sitzen, sondern kann sich im Sessel entspannen. Die
Brille ist über Kabel mit dem Computer und der
Steuereinheit verbunden und wird von Teltra leihweise
zur Verfügung gestellt. Das System ist natürlich
komfortabler, denn es ist nicht mehr so anstrengend,
sich auf den Bildmittelpunkt zu konzentrieren,
so Reinhold Windisch. Beim Monitor möchte das Auge
immer ausweichen. Einzig die Passform und Polsterung
der Brille könnten besser sein, findet er
Teltra arbeitet daran. Zudem läuft auf dem Brillensystem
die neue, verbesserte Software Curavis,
die durch dynamische Reize auch punktuelle Gesichtsfeldausfälle,
sog. Skotome, therapieren soll. Erste Tests mit dem
System laufen gerade an, Reinhold Windisch ist einer
der Teilnehmer.
80 Prozent Erfolge
Es geht in kleinen Schritten, aber stetig aufwärts,
blickt er auf ein Jahr Training mit den verschiedenen
Programmen zurück. Inzwischen kann er mit Hilfe
einer speziellen Lupe wieder Teile der Zeitung lesen.
Die Arbeit auf dem Weingut ist aber weiterhin undenkbar:
Maschinen zu bedienen oder Auto zu fahren ist unmöglich,
Windisch kann lediglich in der Kundenbetreuung mitarbeiten.
Wie weit sich sein Sehproblem noch verbessern lässt,
kann er nicht abschätzen, aber für ihn steht
fest: Er wird weiter trainieren. Da sein Unfall bei
einer dienstlichen Fahrt passiert ist, kommt die Berufsgenossenschaft
für die Therapiekosten auf. Voraussetzung sind
regelmäßige Gutachten, die den Erfolg der
Behandlung belegen. Gesetzliche Krankenkassen
zahlen die Therapie selten, bei privaten ist es zurzeit
unterschiedlich, so Nicole Steffen, die auch den
Schriftwechsel mit den Versicherungsträgern erledigt.
Den Erfahrungen der ersten zwei Jahre Sehtherapie mit
100 behandelten Patienten zufolge ist sie in 80 Prozent
der Fälle erfolgreich.
Infos: www.teltra.org
md
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