Zwischen Globalhaushalt
und Innovationsfonds
Schlanker
in den Wettbewerb
Schon seit vielen Monaten berichtet RUBENS über
die Arbeit des Rektorats an der Zukunft der Ruhr-Uni.
Diese Zukunft ist einerseits geprägt von schwindenden
Ressourcen, variierenden Haushaltsmodellen oder der
geplanten Campussanierung, andererseits vom Bewusstsein
der Rektoratsmitglieder, diese Herausforderungen zu
antizipieren und kreativ zu meistern. Statt nur zu reagieren,
handelt die Universitätsleitung. In seinem Exklusivbeitrag
erörtert Prof. Dr. Elmar W. Weiler (Prorektor für
Planung, Struktur und Finanzen) dieses Prinzip am Beispiel
des Globalhaushalts und des Innovationsfonds.
Die Ruhr-Universität hat seit ihrer Gründung
ihren Ruf als zupackende Reformuniversität immer
wieder nachdrücklich unter Beweis gestellt. Zuletzt
haben das Centrum für Hochschulentwicklung und
die Hochschulerektorenkonferenz durch die Verleihung
des Prädikats Best Practice Hochschule 2004
an die RUB das offiziell anerkannt. Und weil alle Mitglieder
der RUB das Problemlösen praktisch im Blut haben,
werden wir gemeinsam eine der wohl größten
Herausforderungen seit Gründung unserer Universität
bewältigen: Wie alle staatlich finanzierten bundesdeutschen
Hochschulen leidet auch die Ruhr-Universität unter
der zunehmend prekären Situation der öffentlichen
Haushalte. Zudem treffen mehrere eng miteinander verflochtene
Probleme aufeinander, die in ihren Wechselwirkungen
immense Einflüsse auf das zukünftige Gesicht
unserer Universität haben dürften: Die Umstellung
auf einen Globalhaushalt, die überfällige
Generalsanierung des Campus sowie landesplanerische
Vorgaben zur Kapazitätsreduktion in bestimmten
Fächern. All dies geschieht, während die flächendeckende
Umstellung auf gestufte Studiengänge in vollem
Gange ist und uns allen erhebliche Anstrengungen abverlangt.
Allein bei der Bemessung der Globalhaushalte könnten
sich für unsere Universität Verluste von etwa
8 Mio. Euro bereits im ersten Jahr, voraussichtlich
2006, anhäufen. Dieser Betrag entspricht etwa 150
Personalstellen. In dieser Situation vorzuschlagen,
ab 2006 zusätzliche Ressourcen für einen Innovationsfonds
zu mobilisieren, mag auf den ersten Blick unverständlich
erscheinen, denn immerhin müssen sich alle Einrichtungen
der RUB zur Vorbereitung auf den Globalhaushalt darauf
einstellen, kräftig zu sparen.
Spielräume erobern
Mit dem Innovationsfonds werden wir derzeit nicht mehr
existierende Spielräume zurückgewinnen. Gerade
im rasch zunehmenden nationalen und internationalen
Wettbewerb der Universitäten ist das absolut notwendig.
Konkret geht es um eine hinreichende finanzielle Ausstattung
des Forschens und Lehrens, die weitere Verbesserung
ihrer Qualität sowie die Umsetzung guter neuer
Ideen. Entsprechende Ressourcen können aber nur
gewonnen werden, wenn Aktivitäten der RUB in strategisch
definierten Bereichen verschlankt und zudem
deutlicher als bisher unter dem Gesichtspunkt von Effizienz
betrieben werden. Vor allem gilt es, das in etlichen
Bereichen alles andere als zufrieden stellende Abschneiden
der RUB bei der leistungsorientierten Mittelverteilung
des Landes an die Hochschulen deutlich zu verbessern:
vor allem durch mehr Abschlüsse innerhalb kürzerer
Studienzeiten bei unverändert hoher Qualität
und durch die Erhöhung des Drittmittelaufkommens.
Nach der vom Rektorat erarbeiteten Vorstellung soll
der Innovationsfonds unabhängig von den
Vorsorgemaßnahmen zum Globalhaushalt von
2006 bis 2010 allmählich auf einen Nennwert von
8,9 Mio. Euro anwachsen. Das entspricht rund 3,1 Prozent
des Universitätshaushalts 2004 (ohne medizinische
Einrichtungen). Allerdings werden die Einspeisung in
den Fonds und die Mittelausschüttung aus dem Fonds
nahezu zeitgleich vonstatten gehen, es werden uns also
zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd die nahezu
9 Mio. Euro im laufenden Betrieb fehlen: Die in den
Fonds einfließenden Mittel bleiben vielmehr in
der Universität und werden so die Idee
den wissenschaftlichen Einrichtungen in einer Art Wettbewerb
wieder zufließen. Der Wettbewerb ist sinnvollerweise
nach dem Grundsatz Stärken stärken
zu konzipieren. Die entsprechenden Kriterien wurden
bewusst noch nicht festgelegt, um der inneruniversitären
Diskussion nicht vorzugreifen.
Sowohl zum Innovationsfonds als auch zu den vermutlich
zeitgleich ab 2006 anstehenden Einsparungen im Rahmen
des Globalhaushalts leisten die Einrichtungen der RUB
einen jeweils unterschiedlichen Beitrag. Deshalb wurde
jede Fakultät (außer der Medizin, die aufgrund
ihres eigenen Haushalts selbst interne Planungen anstellt)
differenziert betrachtet und bewertet, wobei folgende
Aspekte eine Rolle spielten:
- die Stellung des Faches innerhalb der bereits seit
dem Jahr 1997 durchgeführten universitätsinternen
leistungsorientierten Mittelverteilung bezogen auf den
Anteil des Faches am Personalbestand der RUB;
- die Beiträge des Faches zum national wie international
sichtbaren Forschungsprofil der Ruhr-Universität
in Form von Sonderforschungsbereichen, Forschergruppen
und Graduiertenkollegs der DFG;
- ein profilgebendes und zukunftsfähiges Strukturkonzept
mit klaren Schwerpunktsetzungen (z.B. kann die Breite
eines Faches allein nicht als überzeugendes Konzept
gelten);
- die Einschätzung, ob ein bereits abgeschlossener
Generationswechsel erfolgreich verlaufen ist (sichtbar
z.B. an neuen SFBs, an klarer Schwerpunktsetzung in
den Forschungsprofilen, an innovativer und effizienter
Struktur der Lehre);
- die interdisziplinäre Vernetzung der Aktivitäten
des Faches auf dem Campus.
Durch Flexibilität gewinnen
Darüber hinaus waren gesamtuniversitäre Bedürfnisse
und Aspekte der geplanten Campussanierung in Betracht
zu ziehen. Die Bewertungen führten zu folgenden
Schlussfolgerungen:
In den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ist
es erforderlich, bis zum Jahresbeginn 2006 insgesamt
2,39 Mio. Euro vorsorglich in Vorbereitung auf
den Globalhaushalt zur Deckung der erwarteten Unterfinanzierung
zu sparen und ab 2006 bis 2010 insgesamt zusätzlich
bis zum Nennwert von 3,08 Mio. Euro Mittel für
den Innovationsfonds zu mobilisieren. Mit den letztgenannten
Ressourcen sollen speziell für diesen Bereich unserer
Universität zur Förderung der Schwerpunktbildung
matching funds eingeworben werden, z.B.
vom Land bei den anstehenden Verhandlungen über
eine neue Zielvereinbarung. Ein Schwerpunktthema könnte
sein: Globaler Wandel. Es müsste auf
diese Weise gelingen, unter dem Strich für Innovationsmaßnahmen
mehr Mittel in die Fakultäten der Geistes- und
Gesellschaftswissenschaften zurückfließen
zu lassen als diese bereitstellen. Ein wichtiges Anliegen
dabei ist, die Studierbarkeit zu verbessern. Das kann
auch bedeuten, einzelne Studiengänge aufzugeben,
um verbleibende Studienangebote qualitativ besser gestalten
zu können. Auch sollte die Institutsstruktur und/oder
-größe in einigen Fakultäten überprüft
und, wo erforderlich, geändert werden. Konkret
sind folgende Maßnahmen in der Diskussion: Aufbau
des o. g. Forschungsschwerpunktes Globaler Wandel;
Optimierung der Literaturversorgung (u.a. durch Weiterentwicklung
der Universitätsbibliothek als Großgerät
für geisteswissenschaftliche Forschung und Zusammenlegung
kleinerer Fach- bzw. Institutsbibliotheken); und schließlich
benötigt die gesamte Universität dringend
ein modernes Fach- und Fremdsprachenzentrum, zu dessen
Finanzierung natürlich auch andere Bereiche der
Universität einen Beitrag leisten.
Die Ingenieurwissenschaften werden bis zum Jahresbeginn
2006 insgesamt 1,04 Mio. Euro vorsorglich für den
Globalhaushalt zur Einsparung vorsehen müssen.
Darüber hinaus sollen ab 2006 bis 2010 weitere
5,96 Mio. Euro in den Innovationsfonds eingespeist,
aber zugleich natürlich wie in den anderen
Disziplinen auch Konzepte für die Beteiligung
an deren wettbewerblicher Ausschüttung entwickelt
werden. In den Ingenieurwissenschaften sieht das Rektorat
alles in allem noch einen deutlichen Innovations-, aber
auch Konzentrationsbedarf. Als notwendig werden vor
allem profilbildende Schwerpunktsetzungen erachtet.
Um organisatorische Umstellungen räumlich zu erleichtern,
soll die Campussanierung bei den Ingenieurwissenschaften
mit der Errichtung einer neuen Versuchshalle und einem
neuen Gebäude beginnen. Konkret weist das Rektorat
folgenden Maßnahmen höchste Priorität
zu: Weiterführung der Profilbildung in allen drei
Fakultäten und der Bildung einer fakultätsübergreifenden
Struktur; intensive Mitwirkung am Aufbau eines Ingenieurwissenschaftszentrums
NRW-Mitte und am zügigen Ausbau der Centers of
Excellence (NanoCenter, Plasma Science and Technology)
sowie, gemeinsam mit den Naturwissenschaften und der
Medizin, des Universitätszentrums Medizintechnik;
Aufbau einer eigenständigen Lehreinheit Angewandte
Informatik (gemeinsam mit den weiteren beteiligten Fächern).
In den Naturwissenschaften beträgt das Einsparziel
zur Vorbereitung auf den Globalhaushalt bis zum Jahresbeginn
2006 insgesamt 0,92 Mio. Euro. In den Innovationsfonds
sollen 0,53 Mio. Euro einfließen. Die naturwissenschaftlichen
Fakultäten (einschließlich Psychologie) haben
fast durchgängig einen Generationswechsel erfolgreich
bewältigt. Sie erscheinen in Lehre und Forschung
als weitgehend zukunftsfähig aufgestellt. Daher
gilt es hier primär, die erreichten Stärken
zu erhalten. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die
Naturwissenschaften vermutlich vom Innovationsfonds
am wenigsten profitieren werden. Gleichwohl sind folgende
Maßnahmen erforderlich: Einrichtung eines Servicezentrums
Mathematik für Nichtmathematiker; Stärkung
der bestehenden Centers of Excellence (Neurowissenschaften,
Proteincenter, Plasma Science and Technology); Beteiligung
am Aufbau der Lehreinheit Angewandte Informatik gemeinsam
mit den weiteren beteiligten Fächern.
Auch die zentralen Einrichtungen und vor allem die Zentralverwaltung
werden zum Ausgleich der Unterdeckung im Globalhaushalt
und zum Innovationsfonds mit insgesamt 3 Mio. Euro einen
erheblichen Beitrag leisten.
Nächste Schritte
In einer ersten Runde hat das Rektorat mit allen Dekaninnen
und Dekanen gesprochen, um ihnen die mit der Einführung
des Globalhaushalts zu erwartende Deckungslücke
bei den Personalkosten sowie die Überlegungen zum
Innovationsfonds darzulegen. Die Fakultäten wurden
gebeten, bis Ende Februar 2005 Konzepte zur Realisierung
der Einspar- und Einspeisungsziele zu entwickeln, zugleich
aber auch zu überlegen, wie sie sich im Wettbewerb
am Innovationsfonds beteiligen können. Nach Abschluss
der ersten Besprechungsrunde Mitte November wurde die
Gesamtübersicht über die fakultätsspezifischen
Einspar- bzw. Einspeisungsziele universitätsintern
veröffentlicht. In denjenigen Fakultäten,
für die weder Einspar- noch Einspeisungsziele formuliert
worden sind, geht die Stellenbewirtschaftung wieder
ihren normalen Gang. In den anderen Fällen sollen,
sobald ein schlüssiges Konzept zur Realisierung
der Einspar- und/oder Einspeisungsziele abgestimmt worden
ist, Restriktionen in der Stellenbewirtschaftung fakultätsbezogen
wieder gelockert bzw. aufgehoben werden.
Nun wird es darum gehen, die Kriterien für die
Ausschüttung von Fondsmitteln sowie die förderungsfähigen
Themen und Vorhaben zu definieren. Dies soll in einer
breiten inneruniversitären Diskussion möglichst
bis Ende Juli 2005 geschehen, unter Einbeziehung der
Universitätsgremien sowie in kontinuierlicher Abstimmung
mit den Fakultäten.
Stärken stärken in allen Bereichen
Das Rektorat ist sich bewusst, mit seinen strategischen
Perspektiven eine Position bezogen zu haben, die im
Falle ihrer Umsetzung in einigen Bereichen deutliche
Umbrüche und zumindest temporäre
Einschnitte hervorrufen würde. Aber wir wollen
in allen Bereichen der Universität jeweils
spezifische Verbesserungen erreichen: In den
Geisteswissenschaften wird es uns leichter fallen, ein
vielfältiges Fächerspektrum auch langfristig
zu garantieren , wenn attraktive und fächerübergreifende
Schwerpunkte gebildet werden können, die auch den
Mittelzufluss nachhaltig verbessern und die gesamte
Fächergruppe dem Wettbewerb mit anderen großen
geisteswissenschaftlichen Standorten selbstbewusst entgegensehen
und bestehen lässt. In den teuren
Ingenieurwissenschaften sind angesichts der landesweiten
Überkapazitäten in einigen Fächern Verschlankungen
ebenso unausweichlich wie die Bildung von mit den Nachbaruniversitäten
abgestimmten, zukunftsträchtigen Schwerpunkten
und eine Verbesserung der Kostenstrukturen. Schließlich
sind wir gut beraten, in den Natur- und Lebenswissenschaften
(einschließlich Medizin) die sehr erfolgreichen
Schwerpunkte in ihrer Stärke zu erhalten und stetig
weiter zu entwickeln.
Es gibt mit dem Innovationsfonds und der Einführung
des Globalhaushalts keinen geheimen Master-Plan
zur Umschichtung von Ressourcen. Es gibt aber auch keinen
Bestandsschutz für alles, was wir uns in der Vergangenheit
leisten konnten. Es muss unser gemeinsames Ziel sein,
in allen Bereichen vorhandene Stärken zu stärken
oder weithin erkennbare Stärken aufzubauen. Dabei
besitzen gerade die Geistes- und noch mehr die Ingenieurwissenschaften
große Potenziale zur Mobilisierung von dazu erforderlichen
Spielräumen.
Jeder Versuch, die aktuelle Struktur der RUB trotz
schrumpfender öffentlicher Haushalte partout im
alten Korsett verteidigen zu wollen, wird schon bald
in die finanzielle und damit auch akademische Handlungsunfähigkeit
führen. Besorgniserregend ist das unterdurchschnittliche
Abschneiden der RUB gegenüber anderen Universitäten
in NRW im Bereich der Lehre. Wir müssen gemeinsam
auch weiterhin alles Erdenkliche tun, um hier sehr bald
substanzielle Verbesserungen zu erreichen. Ein Innovationsfonds
kann dabei nur eine einzige aus einem Bündel erforderlicher
Maßnahmen sein. Allerdings bietet die Einführung
des Globalhaushalts jetzt die Chance, universitäres
Handeln wieder solider zu finanzieren. Das wird sich
nur erreichen lassen, indem wir gemeinsam unsere Universität
aus eigenen Kräften reorganisieren und effektiver
gestalten, vor allem auch mit Blick auf die Kostenstruktur
am Gelde hängt in Zeiten knapper Kassen
doch eben (fast) alles. In Zeiten zunehmenden Wettbewerbs
zwischen den Universitäten sind attraktive und
sichtbare, aber auch gut ausgestattete Schwerpunkte
in Forschung und Lehre die beste Garantie dafür,
dass unsere Universität auch in Zukunft eine erste
Standortwahl von Forschenden, Lehrenden und Studierenden
bleibt.
Prof.
Dr. Elmar W. Weiler (Prorektor für Planung, Struktur
und Finanzen)
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