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RUBENS 93

1. Dezember 2004

Zwischen Globalhaushalt und Innovationsfonds

Schlanker in den Wettbewerb


Schon seit vielen Monaten berichtet RUBENS über die Arbeit des Rektorats an der Zukunft der Ruhr-Uni. Diese Zukunft ist einerseits geprägt von schwindenden Ressourcen, variierenden Haushaltsmodellen oder der geplanten Campussanierung, andererseits vom Bewusstsein der Rektoratsmitglieder, diese Herausforderungen zu antizipieren und kreativ zu meistern. Statt nur zu reagieren, handelt die Universitätsleitung. In seinem Exklusivbeitrag erörtert Prof. Dr. Elmar W. Weiler (Prorektor für Planung, Struktur und Finanzen) dieses Prinzip am Beispiel des Globalhaushalts und des Innovationsfonds.

Die Ruhr-Universität hat seit ihrer Gründung ihren Ruf als zupackende Reformuniversität immer wieder nachdrücklich unter Beweis gestellt. Zuletzt haben das Centrum für Hochschulentwicklung und die Hochschulerektorenkonferenz durch die Verleihung des Prädikats „Best Practice Hochschule 2004“ an die RUB das offiziell anerkannt. Und weil alle Mitglieder der RUB das Problemlösen praktisch im Blut haben, werden wir gemeinsam eine der wohl größten Herausforderungen seit Gründung unserer Universität bewältigen: Wie alle staatlich finanzierten bundesdeutschen Hochschulen leidet auch die Ruhr-Universität unter der zunehmend prekären Situation der öffentlichen Haushalte. Zudem treffen mehrere eng miteinander verflochtene Probleme aufeinander, die in ihren Wechselwirkungen immense Einflüsse auf das zukünftige Gesicht unserer Universität haben dürften: Die Umstellung auf einen Globalhaushalt, die überfällige Generalsanierung des Campus sowie landesplanerische Vorgaben zur Kapazitätsreduktion in bestimmten Fächern. All dies geschieht, während die flächendeckende Umstellung auf gestufte Studiengänge in vollem Gange ist und uns allen erhebliche Anstrengungen abverlangt.

Allein bei der Bemessung der Globalhaushalte könnten sich für unsere Universität Verluste von etwa 8 Mio. Euro bereits im ersten Jahr, voraussichtlich 2006, anhäufen. Dieser Betrag entspricht etwa 150 Personalstellen. In dieser Situation vorzuschlagen, ab 2006 zusätzliche Ressourcen für einen Innovationsfonds zu mobilisieren, mag auf den ersten Blick unverständlich erscheinen, denn immerhin müssen sich alle Einrichtungen der RUB zur Vorbereitung auf den Globalhaushalt darauf einstellen, kräftig zu sparen.

Spielräume erobern

Mit dem Innovationsfonds werden wir derzeit nicht mehr existierende Spielräume zurückgewinnen. Gerade im rasch zunehmenden nationalen und internationalen Wettbewerb der Universitäten ist das absolut notwendig. Konkret geht es um eine hinreichende finanzielle Ausstattung des Forschens und Lehrens, die weitere Verbesserung ihrer Qualität sowie die Umsetzung guter neuer Ideen. Entsprechende Ressourcen können aber nur gewonnen werden, wenn Aktivitäten der RUB in strategisch definierten Bereichen „verschlankt“ und zudem deutlicher als bisher unter dem Gesichtspunkt von Effizienz betrieben werden. Vor allem gilt es, das in etlichen Bereichen alles andere als zufrieden stellende Abschneiden der RUB bei der leistungsorientierten Mittelverteilung des Landes an die Hochschulen deutlich zu verbessern: vor allem durch mehr Abschlüsse innerhalb kürzerer Studienzeiten bei unverändert hoher Qualität und durch die Erhöhung des Drittmittelaufkommens.

Nach der vom Rektorat erarbeiteten Vorstellung soll der Innovationsfonds – unabhängig von den Vorsorgemaßnahmen zum Globalhaushalt – von 2006 bis 2010 allmählich auf einen Nennwert von 8,9 Mio. Euro anwachsen. Das entspricht rund 3,1 Prozent des Universitätshaushalts 2004 (ohne medizinische Einrichtungen). Allerdings werden die Einspeisung in den Fonds und die Mittelausschüttung aus dem Fonds nahezu zeitgleich vonstatten gehen, es werden uns also zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd die nahezu 9 Mio. Euro im laufenden Betrieb fehlen: Die in den Fonds einfließenden Mittel bleiben vielmehr in der Universität und werden – so die Idee – den wissenschaftlichen Einrichtungen in einer Art Wettbewerb wieder zufließen. Der Wettbewerb ist sinnvollerweise nach dem Grundsatz „Stärken stärken“ zu konzipieren. Die entsprechenden Kriterien wurden bewusst noch nicht festgelegt, um der inneruniversitären Diskussion nicht vorzugreifen.

Sowohl zum Innovationsfonds als auch zu den vermutlich zeitgleich ab 2006 anstehenden Einsparungen im Rahmen des Globalhaushalts leisten die Einrichtungen der RUB einen jeweils unterschiedlichen Beitrag. Deshalb wurde jede Fakultät (außer der Medizin, die aufgrund ihres eigenen Haushalts selbst interne Planungen anstellt) differenziert betrachtet und bewertet, wobei folgende Aspekte eine Rolle spielten:

- die Stellung des Faches innerhalb der bereits seit dem Jahr 1997 durchgeführten universitätsinternen leistungsorientierten Mittelverteilung bezogen auf den Anteil des Faches am Personalbestand der RUB;
- die Beiträge des Faches zum national wie international sichtbaren Forschungsprofil der Ruhr-Universität in Form von Sonderforschungsbereichen, Forschergruppen und Graduiertenkollegs der DFG;
- ein profilgebendes und zukunftsfähiges Strukturkonzept mit klaren Schwerpunktsetzungen (z.B. kann die Breite eines Faches allein nicht als überzeugendes Konzept gelten);
- die Einschätzung, ob ein bereits abgeschlossener Generationswechsel erfolgreich verlaufen ist (sichtbar z.B. an neuen SFBs, an klarer Schwerpunktsetzung in den Forschungsprofilen, an innovativer und effizienter Struktur der Lehre);
- die interdisziplinäre Vernetzung der Aktivitäten des Faches auf dem Campus.

Durch Flexibilität gewinnen

Darüber hinaus waren gesamtuniversitäre Bedürfnisse und Aspekte der geplanten Campussanierung in Betracht zu ziehen. Die Bewertungen führten zu folgenden Schlussfolgerungen:

In den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ist es erforderlich, bis zum Jahresbeginn 2006 insgesamt 2,39 Mio. Euro vorsorglich – in Vorbereitung auf den Globalhaushalt zur Deckung der erwarteten Unterfinanzierung – zu sparen und ab 2006 bis 2010 insgesamt zusätzlich bis zum Nennwert von 3,08 Mio. Euro Mittel für den Innovationsfonds zu mobilisieren. Mit den letztgenannten Ressourcen sollen speziell für diesen Bereich unserer Universität zur Förderung der Schwerpunktbildung „matching funds“ eingeworben werden, z.B. vom Land bei den anstehenden Verhandlungen über eine neue Zielvereinbarung. Ein Schwerpunktthema könnte sein: „Globaler Wandel“. Es müsste auf diese Weise gelingen, unter dem Strich für Innovationsmaßnahmen mehr Mittel in die Fakultäten der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zurückfließen zu lassen als diese bereitstellen. Ein wichtiges Anliegen dabei ist, die Studierbarkeit zu verbessern. Das kann auch bedeuten, einzelne Studiengänge aufzugeben, um verbleibende Studienangebote qualitativ besser gestalten zu können. Auch sollte die Institutsstruktur und/oder -größe in einigen Fakultäten überprüft und, wo erforderlich, geändert werden. Konkret sind folgende Maßnahmen in der Diskussion: Aufbau des o. g. Forschungsschwerpunktes „Globaler Wandel“; Optimierung der Literaturversorgung (u.a. durch Weiterentwicklung der Universitätsbibliothek als „Großgerät“ für geisteswissenschaftliche Forschung und Zusammenlegung kleinerer Fach- bzw. Institutsbibliotheken); und schließlich benötigt die gesamte Universität dringend ein modernes Fach- und Fremdsprachenzentrum, zu dessen Finanzierung natürlich auch andere Bereiche der Universität einen Beitrag leisten.

Die Ingenieurwissenschaften werden bis zum Jahresbeginn 2006 insgesamt 1,04 Mio. Euro vorsorglich für den Globalhaushalt zur Einsparung vorsehen müssen. Darüber hinaus sollen ab 2006 bis 2010 weitere 5,96 Mio. Euro in den Innovationsfonds eingespeist, aber zugleich natürlich – wie in den anderen Disziplinen auch – Konzepte für die Beteiligung an deren wettbewerblicher Ausschüttung entwickelt werden. In den Ingenieurwissenschaften sieht das Rektorat alles in allem noch einen deutlichen Innovations-, aber auch Konzentrationsbedarf. Als notwendig werden vor allem profilbildende Schwerpunktsetzungen erachtet. Um organisatorische Umstellungen räumlich zu erleichtern, soll die Campussanierung bei den Ingenieurwissenschaften mit der Errichtung einer neuen Versuchshalle und einem neuen Gebäude beginnen. Konkret weist das Rektorat folgenden Maßnahmen höchste Priorität zu: Weiterführung der Profilbildung in allen drei Fakultäten und der Bildung einer fakultätsübergreifenden Struktur; intensive Mitwirkung am Aufbau eines Ingenieurwissenschaftszentrums NRW-Mitte und am zügigen Ausbau der Centers of Excellence (NanoCenter, Plasma Science and Technology) sowie, gemeinsam mit den Naturwissenschaften und der Medizin, des Universitätszentrums Medizintechnik; Aufbau einer eigenständigen Lehreinheit Angewandte Informatik (gemeinsam mit den weiteren beteiligten Fächern).

In den Naturwissenschaften beträgt das Einsparziel zur Vorbereitung auf den Globalhaushalt bis zum Jahresbeginn 2006 insgesamt 0,92 Mio. Euro. In den Innovationsfonds sollen 0,53 Mio. Euro einfließen. Die naturwissenschaftlichen Fakultäten (einschließlich Psychologie) haben fast durchgängig einen Generationswechsel erfolgreich bewältigt. Sie erscheinen in Lehre und Forschung als weitgehend zukunftsfähig aufgestellt. Daher gilt es hier primär, die erreichten Stärken zu erhalten. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Naturwissenschaften vermutlich vom Innovationsfonds am wenigsten profitieren werden. Gleichwohl sind folgende Maßnahmen erforderlich: Einrichtung eines Servicezentrums Mathematik für Nichtmathematiker; Stärkung der bestehenden Centers of Excellence (Neurowissenschaften, Proteincenter, Plasma Science and Technology); Beteiligung am Aufbau der Lehreinheit Angewandte Informatik gemeinsam mit den weiteren beteiligten Fächern.
Auch die zentralen Einrichtungen und vor allem die Zentralverwaltung werden zum Ausgleich der Unterdeckung im Globalhaushalt und zum Innovationsfonds mit insgesamt 3 Mio. Euro einen erheblichen Beitrag leisten.

Nächste Schritte

In einer ersten Runde hat das Rektorat mit allen Dekaninnen und Dekanen gesprochen, um ihnen die mit der Einführung des Globalhaushalts zu erwartende Deckungslücke bei den Personalkosten sowie die Überlegungen zum Innovationsfonds darzulegen. Die Fakultäten wurden gebeten, bis Ende Februar 2005 Konzepte zur Realisierung der Einspar- und Einspeisungsziele zu entwickeln, zugleich aber auch zu überlegen, wie sie sich im Wettbewerb am Innovationsfonds beteiligen können. Nach Abschluss der ersten Besprechungsrunde Mitte November wurde die Gesamtübersicht über die fakultätsspezifischen Einspar- bzw. Einspeisungsziele universitätsintern veröffentlicht. In denjenigen Fakultäten, für die weder Einspar- noch Einspeisungsziele formuliert worden sind, geht die Stellenbewirtschaftung wieder ihren normalen Gang. In den anderen Fällen sollen, sobald ein schlüssiges Konzept zur Realisierung der Einspar- und/oder Einspeisungsziele abgestimmt worden ist, Restriktionen in der Stellenbewirtschaftung fakultätsbezogen wieder gelockert bzw. aufgehoben werden.

Nun wird es darum gehen, die Kriterien für die Ausschüttung von Fondsmitteln sowie die förderungsfähigen Themen und Vorhaben zu definieren. Dies soll in einer breiten inneruniversitären Diskussion möglichst bis Ende Juli 2005 geschehen, unter Einbeziehung der Universitätsgremien sowie in kontinuierlicher Abstimmung mit den Fakultäten.

Stärken stärken in allen Bereichen

Das Rektorat ist sich bewusst, mit seinen strategischen Perspektiven eine Position bezogen zu haben, die im Falle ihrer Umsetzung in einigen Bereichen deutliche Umbrüche und – zumindest temporäre – Einschnitte hervorrufen würde. Aber wir wollen in allen Bereichen der Universität – jeweils spezifische – Verbesserungen erreichen: In den Geisteswissenschaften wird es uns leichter fallen, ein vielfältiges Fächerspektrum auch langfristig zu garantieren , wenn attraktive und fächerübergreifende Schwerpunkte gebildet werden können, die auch den Mittelzufluss nachhaltig verbessern und die gesamte Fächergruppe dem Wettbewerb mit anderen großen geisteswissenschaftlichen Standorten selbstbewusst entgegensehen und bestehen lässt. In den – teuren – Ingenieurwissenschaften sind angesichts der landesweiten Überkapazitäten in einigen Fächern Verschlankungen ebenso unausweichlich wie die Bildung von mit den Nachbaruniversitäten abgestimmten, zukunftsträchtigen Schwerpunkten und eine Verbesserung der Kostenstrukturen. Schließlich sind wir gut beraten, in den Natur- und Lebenswissenschaften (einschließlich Medizin) die sehr erfolgreichen Schwerpunkte in ihrer Stärke zu erhalten und stetig weiter zu entwickeln.

Es gibt mit dem Innovationsfonds und der Einführung des Globalhaushalts keinen „geheimen Master-Plan“ zur Umschichtung von Ressourcen. Es gibt aber auch keinen Bestandsschutz für alles, was wir uns in der Vergangenheit leisten konnten. Es muss unser gemeinsames Ziel sein, in allen Bereichen vorhandene Stärken zu stärken oder weithin erkennbare Stärken aufzubauen. Dabei besitzen gerade die Geistes- und noch mehr die Ingenieurwissenschaften große Potenziale zur Mobilisierung von dazu erforderlichen Spielräumen.

Jeder Versuch, die aktuelle Struktur der RUB trotz schrumpfender öffentlicher Haushalte partout im alten Korsett verteidigen zu wollen, wird schon bald in die finanzielle und damit auch akademische Handlungsunfähigkeit führen. Besorgniserregend ist das unterdurchschnittliche Abschneiden der RUB gegenüber anderen Universitäten in NRW im Bereich der Lehre. Wir müssen gemeinsam auch weiterhin alles Erdenkliche tun, um hier sehr bald substanzielle Verbesserungen zu erreichen. Ein Innovationsfonds kann dabei nur eine einzige aus einem Bündel erforderlicher Maßnahmen sein. Allerdings bietet die Einführung des Globalhaushalts jetzt die Chance, universitäres Handeln wieder solider zu finanzieren. Das wird sich nur erreichen lassen, indem wir gemeinsam unsere Universität aus eigenen Kräften reorganisieren und effektiver gestalten, vor allem auch mit Blick auf die Kostenstruktur – am Gelde hängt in Zeiten knapper Kassen doch eben (fast) alles. In Zeiten zunehmenden Wettbewerbs zwischen den Universitäten sind attraktive und sichtbare, aber auch gut ausgestattete Schwerpunkte in Forschung und Lehre die beste Garantie dafür, dass unsere Universität auch in Zukunft eine erste Standortwahl von Forschenden, Lehrenden und Studierenden bleibt.

 

Prof. Dr. Elmar W. Weiler (Prorektor für Planung, Struktur und Finanzen)
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Letzte Änderung: 30.11.2004| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik