Editorial: Gerechtigkeitstheoretische
Überlegungen
Ungerecht,
aber fair?
Kurz nachdem das Rektorat die Spar- und Umschichtungsmaßnahmen
zur Vorbereitung auf den Globalhaushalt und zum Aufbau
eines Innovationsfonds bekannt gegeben hatte, wurden
aus verschiedenen Fächergruppen und Fächern
Stimmen laut, dass diese Maßnahmen ungerecht
seien. Der Verteilungskampf war eingeläutet. Und
wie immer in Verteilungskämpfen wird je nach eigener
Position unter Gerechtigkeit etwas völlig
anderes verstanden. Taugt dann ein solcher Begriff überhaupt
zur Beurteilung von Maßnahmen, wenn über
seine Bedeutung in konkreten Situationen doch keine
Einigkeit hergestellt werden kann?
Ergebnisgerechtigkeit im Sinne eines gerechten Zustands
kann es in einer dynamischen Welt nicht geben. Aber
wie steht es mit der Verfahrensgerechtigkeit? Spiele
gelten als fair, wenn die Spielregeln klar definiert
sind, sich alle aus freien Stücken an diese Regeln
halten und bei Regelverletzung definierte Sanktionen
zu ertragen haben. Unfair ist es, wenn mitten im
Spiel die Regeln geändert werden. Aber genau das
macht das Rektorat und es kann auch nicht anders.
Denn gesellschaftliche Prozesse haben kein wohldefiniertes
Ende. Veränderungen von Regeln sind daher immer
mitten im Spiel. Veränderung von
Steuersätzen, Erhöhung des Rentenzugangsalters,
neue Kriterien der Mittelverteilung für und in
Hochschulen wären danach immer unfair und ungerecht
weil einzelne im Vergleich zu den alten Regeln
schlechter gestellt werden.
Kann es dennoch faire Regeln für die Gestaltung
eines Veränderungsprozesses geben, auch wenn gegenüber
dem Status quo immer einige verlieren? John Ralws hat
in seiner Theory of justice (1971) das Konstrukt
des Schleiers des Nichtwissens eingeführt
eine hypothetischen Situation, in der niemand
weiß, wie er von den zu beschließenden Regeln
betroffen sein wird. Als in diesem Sinne zustimmungsfähig
erweisen sich dann Kriterien, die niemanden systematisch
benachteiligen und zumindest im Durchschnitt und auf
lange Sicht alle mal zu Gewinnern und mal zu Verlierern
werden lassen.
Was sind vor diesem Hintergrund die Prämissen,
die für die Gestaltung des notwendigen Veränderungsprozesses
der Hochschule als zustimmungsfähig gelten können?
- Alle Beteiligten der Universität haben ein Interesse
am Erfolg der Universität als ganzes.
- Was als Erfolg, was als Leistung gewertet wird, bestimmen
letztlich die Mittelgeber (momentan vor allem die öffentliche
Hand als gewählter Repräsentant der Gesellschaft).
- Interne Verteilungskämpfe schaden mittelfristig
allen oder zumindest den meisten (shrinking cake bargaining
game).
- Es gilt daher, gemeinsam den Kuchen möglichst
groß zu machen bevor er verteilt wird.
- Die Größe der Kuchens hängt allerdings
auch von dessen späteren Verteilung ab, d.h. von
der Bereitschaft aller sich einzubringen.
- Daher gilt es, unter den relevanten Alternativen eine
solche zu wählen, von der alle profitieren (neu-deutsch:
win-win-Situation).
- Der Status quo ist keine relevante Alternative.
Auf Basis dieser Prämissen liegen den Entscheidungen
des Rektorats folgende kurz-, mittel- und langfristigen
Ziele zugrunde, an denen die Kriterien der Verteilung
ausgerichtet sind:
Kurzfristig
Parameter der leistungsbezogenen Mittelverteilung des
Ministeriums: Die RUB kann es sich schlichtweg nicht
leisten, die momentanen Mittelbeschaffer
zu schwächen. Egal, für wie sinnvoll diese
Parameter angesehen werden, dürfen die Fakultäten,
die hier besonders gute Werte haben, nicht geschwächt
werden.
Mittelfristig
Profil der Universität: In den nächsten Jahren
werden die Universitäten einem heftigen Wettbewerb
ausgesetzt. Welche Hochschulen von der Gesellschaft
und anderen zahlungsbereiten Instanzen als nützlich
und erfolgversprechend angesehen werden, hängt
davon ab, wie sichtbar gute Lehr- und Forschungserfolge
sind und der Universität ein nachhaltiges Profil
geben. Daher ist es wichtig, in den nächsten Jahren
die Schwerpunkte für eine solche Profilbildung
zu definieren und mit Leben zu füllen. Dies heißt
nicht, dass sich alle Teile der Universität diesen
Schwerpunkten zuordnen müssen allerdings
wird es notwendig sein, dass alle Teile der Universität
eine solche Profilbildung aktiv unterstützen.
Langfristig
Potenzial für eine gesellschaftlich wichtige Wissenschaft:
Welche Forschung und Wissenschaft langfristig für
die Gesellschaft wichtig und notwendig ist, darf nicht
allein die jetzige Generation entscheiden und schon
gar nicht ausschließlich durch die aktuelle finanzielle
Situation der öffentlichen Kassen bestimmt werden.
Freiheit von Forschung und Lehre muss in hinreichendem
Maße gewährleistet bleiben. In diesem Sinne
soll das Potenzial für gesellschaftlich wichtige
Forschung und Lehre und die dafür notwendige wissenschaftliche
Freiheit nachhaltig gestärkt werden.
Das spezifische Potenzial der Ruhr-Universität
liegt dabei in der Vielfalt der Fächer auf einem
Campus, die es ermöglicht, drängende gesellschaftliche
Fragen interdisziplinär kompetent zu erforschen
und in der Lehre zu vermitteln. Dieses Potenzial soll
durch Profilbildung erhalten und gestärkt und nicht
durch die kurzfristigen Belastungen zerstört werden.
Notburga
Ott, Prorektorin für Lehre, Weiterbildung und Medien
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